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Patientendaten auf einen Blick

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Patientendaten auf einen Blick | Video verfügbar bis 30.05.2019 | Bild: dpa

– Elektronische Gesundheitskarte kann in Arztpraxen und Kliniken bisher kaum eingesetzt werden.
– Karten funktionieren in neuen Lesegeräten nicht. 
– Einführung der Karte hat bereits fast zwei Milliarden Euro verschlungen. 
– Bundesregierung macht jetzt Druck.

Alltag in einer Saarbrücker Arztpraxis. Die Anmeldung mit der elektronischen Gesundheitskarte klappt mal wieder nicht. Neue Lesegeräte, aber die falsche Karte. Das ist nervig für die Patienten und die Praxis. Eigentlich sollte die komplett digitale Kommunikation zwischen Kassen und Ärzten schon längst Standard sein. Auch Allgemeinmedizinerin Bettina Jung hat in neue Kartenterminals investiert, die viele Daten auf die Karten schreiben können. Jetzt kämpft sie mit unerwarteten Folgen.

Bettina Jung, Allgemeinmedizinerin: "In den ersten Wochen haben wir fast nicht arbeiten können. Unser Computer ist drei, vier Mal am Vormittag komplett in den Ausfall gegangen. Das hat sich aber mittlerweile durch Softwareupdates etwas gelockert. Es funktioniert eigentlich jetzt relativ gut. Das Problem mit den Karten ist, dass mindestens noch ein Drittel der Patienten die neuestens Karten noch nicht haben."

Gesundheitskarte ein großes Trauerspiel

Es gibt verschiedene Generationen der Karte. Für Patienten kaum zu erkennen. Nur mit G1 plus- und G2-Versionen kann man alle Funktionen nutzen. Theoretisch. Denn ein schnelles und trotzdem sicheres Gesamtsystem zum Datenaustausch ist immer noch in weiter Ferne.

Die elektronische Gesundheitskarte: Hat sie tatsächlich nichts gebracht?
Die elektronische Gesundheitskarte: Hat sie tatsächlich nichts gebracht? | Bild: dpa / Thomas Frey

Prof. Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom Universität Duisburg-Essen: "Die elektronische Gesundheitskarte ist insgesamt ja ein großes Trauerspiel. Sie ist ja vor 15 Jahren beschlossen worden und immer noch in den Anfängen. Ich denke es ist höchste Zeit für eine wirklich kritische Bestandsaufnahme, ob es sich lohnt, diesen Weg weiterzugehen."

Von Anfang an streiten Krankenkassen und Ärztevertreter über die Kosten.  So wird das Ziel, alle Arztpraxen bis Ende des Jahres auf eine neue Infrastruktur umzustellen, wohl wieder nicht erreicht. Gunter Hauptmann, Kassenärztliche Vereinigung Saarland: "Ich denke nicht, dass das klappen wird, weil wir sehen, dass ungefähr 60 Prozent der Praxen noch überhaupt nicht die Möglichkeit haben die Infrastruktur zu installieren, weil die Firmen im Moment diese Möglichkeit nicht bieten, dann wird das bis Ende des Jahres nicht funktionieren."

Knapp zwei Milliarden für Karten ohne Notfalldaten

Dabei ist die Grundidee bestechend: Das System soll Doppelbehandlungen oder Medikamentenunverträglichkeiten vermeiden. Aber neben dem Streit um die Finanzierung ist ein super-sicherer Datenschutz der größte Knackpunkt. Bis Ende letzten Jahres wurden 1,8 Milliarden Euro ausgegeben. Das hat der Gesamtverband der Krankenkassen erstmals bestätigt. Aber nicht mal Notfalldaten sind auf der Karte.

In Dänemark zum Beispiel ist die elektronische Gesundheitskarte schon längst Standard. Über ein Gesundheitsportal können Ärzte und Patienten Befunde, Medikamente, Behandlungspläne oder Abrechnungen einsehen. Brauchen wir auch in Deutschland einen ganz neuen Ansatz?

Gunter Hauptmann, KV Saarland: "Es müsste ein unabhängiger Zugang sein, damit man nicht über irgendeinen Zugang hinein muss. Es gibt ja keinen Wächter der Daten, sondern das müsste ein öffentlich zugängliches Portal sein. Es könnte ja zum Beispiel von der Bundeszentrale für Öffentliche Aufklärung betrieben werden."

Neues System schon jetzt veraltet

Die Einführung in Deutschland hat so lange gedauert, dass viele Fachleute das System schon jetzt für veraltet halten. Einige Kassen setzen bereits auf eigene Entwicklungen mit mobilem Zugang. Jetzt aber mal langsam, sagt der Verband, bevor wir uns wieder verheben.

Florian Lanz, Gesamtverband der gesetzlichen Krankenkassen: "Wir würden jetzt gerne dieses Projekt erst einmal so weit bringen, dass tatsächlich der und die Versicherte da einen echten Mehrwert hat in der täglichen Anwendung, bevor wir im nächsten Schritt dazu kommen, das wir es zusammen bringen mit einem bundesweiten Netz, dass auch noch ganz andere Bereichen, sagen wir Verkehr o.a. Also das eine erst einmal zusammen bringen und nicht wo wir gerade erst den ersten Schritt geschafft haben was Neues beginnen."

Wenn Bettina Jung zu Hausbesuchen fährt, klappt noch nicht einmal der erste Schritt. Es gibt noch keine neuen mobilen Lesegeräte. Und niemand kann ihr sagen, wann die verfügbar sind. Ein Hausbesuch ist mehr Aufwand als früher. Digitale Steinzeit, gewissermaßen.

Ist das System mit der Gesundheitskarte jetzt schon wieder veraltet?
Ist das System mit der Gesundheitskarte jetzt schon wieder veraltet? | Bild: dpa

Bettina Jung: "Die alten Karten können wir zwar einlesen, aber nicht mehr die neuen. Die wiederum müssen wir dann mitnehmen und dann in der Praxis einlesen  und dem Patienten zurückschicken oder der Patient muss jemand anderes beauftragen, die Karte zu bringen, wenn er nicht selber kommen kann."

Bundesweite Umstellung auf neue Karte frühestens 2019

Eigentlich sollten alle Praxen in Deutschland bis Juli auf die neue elektronische Karte umgestellt sein. Dieser Termin wurde inzwischen auf Ende des Jahres verschoben. Bis dahin wird das Projekt nach Plusminus-Berechnung über 2 Milliarden Euro gekostet haben – wenn alles reibungslos funktioniert. Aber für die neuen stationären Geräte gibt es bisher nur einen Anbieter. Wenn es dabei bleibt, wird es auf jeden Fall länger dauern. Und eine einheitliche elektronische Patientenakte auf freiwilliger Basis wird es wohl auch nicht so schnell geben. Wo bleiben also die, die das alles am Ende finanzieren?

Prof. Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom Universität Duisburg-Essen: "Bisher hatten die Patienten ja relativ wenig von dieser 15 Jahre dauernden Entwicklung gehabt. Auf der anderen Seite gibt es viele nützliche Apps schon auf dem Markt. Es kommt jetzt darauf an, einen Weg zu finden, der für den Patienten nützliche Anwendungen hat, wie ein elektronisches Rezept, wie eine elektronische Gesundheitsakte, die zugleich natürlich hohen Datenschutzanforderungen entsprechen  müssen."

Die elektronische Gesundheitskarte – eigentlich eine gute Idee – eigentlich. Das System scheitert einmal mehr am eigenen Perfektionismus.

Autor: Lars Ohlinger   

Stand: 31.07.2018 12:20 Uhr

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