SENDETERMIN Mi., 08.01.20 | 21:55 Uhr

Asbestose: Warum Asbestopfer immer seltener Unfallrenten bekommen

PlayMann begutachtet mit einem Arzt ein Röntgenbild seiner Lunge.
Asbest-Erkrankungen – Der lange Weg zur Anerkennung | Video verfügbar bis 07.01.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Der Einsatz von Asbest ist seit 1993 wegen des hohen Krebsrisikos verboten.
• Weil der Krebs oft erst Jahrzehnte später ausbricht, ist die Zahl der Fälle in den letzten Jahren stark gestiegen.
• Die Zahl der Anerkennungen als Berufskrankheit stagniert dagegen. Viele mutmaßlich Betroffene erhalten dadurch keine Unfallrente.
• Experten kritisieren die Anerkennungskriterien der gesetzlichen Unfallversicherung.
• Manche bezweifeln die Unabhängigkeit des Deutschen Mesotheliom-Registers.

Vor drei Jahren rechnete Friedhelm Töller nicht mehr damit, 2020 noch am Leben zu sein. Der heute 57-Jährige hatte Schmerzen in der Brust, doch kein Arzt fand etwas heraus. Das Röntgenbild zeigte keinen Befund und im Krankenhaus wollte man ihn schon mit einem Rezept für Krankengymnastik nach Hause schicken. Dann wurde eine Computertomographie durchgeführt: "Meine Frau hat darauf bestanden, ein CT vom Oberkörper zu machen, und bei der Untersuchung ist dann festgestellt worden, dass ich Lungenkrebs habe", sagt Töller. Der Lungenkrebs befand sich direkt hinter dem Brustbein, nahe an Luftröhre und Aorta und war nicht operabel. Immerhin lässt sich sein Wachstum schon seit drei Jahren mit einer neuartigen Immuntherapie stoppen, doch wie es weiter geht, weiß keiner.

Friedhelm Töller raucht nicht, womit eine mögliche Ursache für den Krebs wegfällt. Dafür fand der Arzt eine andere Ursache: "Als ich hier in der Onkologie das erste Gespräch mit meinem behandelnden Arzt hatte, hat der mich darauf hingewiesen, dass ich sehr jung für einen Lungenkrebspatienten bin. Er sagte, es könnte ohne Weiteres Asbestose sein", erinnert sich Töller.

Jahrzehntelang eingeatmet

gestapelte Wellasbest-Platten
Asbest darf seit 1993 nicht mehr verbaut werden. | Bild: imago images / Panthermedia

Auf dem Bau und in anderen Bereichen galt Asbest jahrzehntelang als Wunderstoff, weil er feuerfest ist und sich einfach verarbeiten lässt. Dann wurden seine tödlichen Auswirkungen bekannt. Nach langen Diskussionen wurde Asbest 1993 bei uns verboten. Das war für viele bereits zu spät, auch für Friedhelm Töller. Die Firma, in der er jahrzehntelang Asbest eingeatmet hat, existiert heute nicht mehr. Töller arbeitete dort vor allem an einem Förderband, auf dem Spezialschrauben erhitzt wurden. Dieses Band bestand aus Asbest und ein Heizgebläse verteilte die Fasern in der ganzen Halle. Viele der früheren Kolleginnen und Kollegen leben nicht mehr, wie Friedhelm Töller sagt: "Gut die Hälfte der Leute, die dort gearbeitet haben, sind entweder an Lungenkrebs oder an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Der überwiegende Teil ist verstorben und im Prinzip leben noch zwei Mann."

Zu wenige "Faserjahre"

Friedhelm Töller
Friedhelm Töller fehlen gut drei "Faserjahre". | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Nun kämpft Friedrich Töller um die Anerkennung seines Krebsleidens als Berufskrankheit. Die Anerkennung ist die Voraussetzung für eine bessere Krankenversorgung und eine Rente. Auch seine Familie wäre im Todesfall besser versorgt. Doch die Berufsgenossenschaft lehnt das ab. Obwohl es Zeugen gibt, die bestätigen können, dass er bis 1993 an der Asbestanlage gearbeitet hat, rechnet sie seine Asbestbelastung nur bis 1988. Damit kommt er aber nicht auf die nötige Zahl an sogenannten "Faserjahren". 25 bräuchte er für die Anerkennung, doch mit dieser Ansetzung fehlen ihm gut drei Jahre.

Arbeitsmediziner: "längst überholt"

EOM-Präsident Prof. Xaver Baur
Der Arbeitsmediziner Prof. Xaver Baur hält nichts von den aktuellen Anerkennungskriterien. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Prof. Xaver Baur, Präsident der Europäischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (EOM) hält die Festlegung dieser "Faserjahre" für fragwürdig: "Die ist längst überholt und entspricht nicht unserem Kenntnisstand. Wir wissen, dass sich bereits nach etwa vier Faserjahren das Risiko, einen Lungenkrebs durch Asbest zu bekommen, verdoppelt."

Gemeldete Fälle nehmen stark zu, Zahl der Anerkennungen bleibt gleich

Eingang zur DGUV
Die Anerkennungen der DGUV folgen nicht der Zunahme an Krankheitsfällen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Krebs entsteht erst oft Jahrzehnte nach dem Kontakt mit Asbest. Das ist auch der Grund, weshalb die Zahl der Menschen, die mit dem Stoff gearbeitet haben und nun an Krebs erkrankt sind, stark zugenommen hat: von 1.546 Mitte der 1990er-Jahre auf zuletzt 4.938 pro Jahr. Das ist mehr als das Dreifache!

Die Kriterien für die Anerkennung als Asbestopfer legt die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) fest. Deren Statistik spricht Bände, denn sie spiegelt diese Entwicklung nicht wider: Die Zahl der Menschen, bei denen Asbestose als Berufskrankheit anerkannt wird bleibt konstant bei gerade einmal 800. Für Arbeitsmediziner Prof. Xaver Baur ist das nicht nachvollziehbar: "Der Anstieg [der Krankheitsfälle, Anm. d. Red.] ist erwartungsgemäß, denn wir haben zwischen der Einwirkung am Arbeitsplatz und der Entstehung des Lungenkrebses etwa 40 Jahre Zeit. Wir sind jetzt in dieser Latenzzeit angekommen, das heißt, wir erreichen jetzt den Gipfel. Die Diskrepanz zu den geringen anerkannten Krankenzahlen ist medizinisch, wissenschaftlich nicht erklärbar."

Was sagt die zuständige Unfallversicherung zu der Diskrepanz zwischen den gemeldeten Krebsfällen nach Asbestbelastung, die immer mehr werden, und der geringen Zahl an Anerkennungen? Die Antwort erhielt "Plusminus" schriftlich: "Lungenkrebs kann aufgrund seiner Häufigkeit leider schon fast als Volkskrankheit bezeichnet werden." Und weiter: "An ... Prognosen zu der Frage, wann genau der Höhepunkt der asbestbedingten Erkrankungen zu erwarten ist, möchten wir uns nicht beteiligen."

Schwer nachzuweisen

Rechtsanwältin Miriam G. Battenstein
Rechtsanwältin Miriam G. Battenstein | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Jahrzehnte nachdem der Asbest in die Lunge kam, können Betroffene jedoch kaum beweisen, wie viel sie eingeatmet haben. Und Lungenkrebs kann ja auch andere Ursachen haben, was einen Nachweis zusätzlich erschwert. Friedhelm Töller versucht mit Hilfe einer Anwältin trotzdem noch seine Anerkennung als beruflich Erkrankter zu erstreiten. Doch Berufsgenossenschaften wehren sich durch alle Instanzen, wie die Rechtsanwältin Miriam G. Battenstein erkärt: "Asbest ist der größte Killer im Berufskrankheitengeschehen in Deutschland und es sind Tausende von Fällen, die da anfallen. Und die kosten pro Fall Hunderttausende von Euro. Es geht um Milliarden und das erklärt, warum so restriktiv entschädigt wird."

Frankreich macht es anders

Medizinische Erkenntnisse werden anscheinend ignoriert. Das zeigt eine besondere Form des Krebses: das Mesotheliom. Weil es nur durch Asbest ausgelöst wird, werden diese Fälle fast immer anerkannt. Doch es tritt deutlich seltener auf, wie Prof. Xaver Bauer sagt: "Wir wissen aus großen internationalen und gut fundierten Studien, dass der Lungenkrebs durch Asbest etwa dreieinhalb mal häufiger ist, als das Mesotheliom."

In Frankreich werden pro 1.000 Mesotheliomfälle fast doppelt so viele Lungenkrebsfälle anerkannt. In Deutschland sind es nur 800, also erheblich weniger. Gibt es dafür eine medizinische Erklärung? Nein, meint Arbeitsmediziner Baur: "Das ist nicht erklärbar. Das liegt an den viel zu hohen, nicht wissenschaftlich basierten Hürden, die wir in Deutschland haben."

Auch die zuständige Unfallversicherung nennt keinen medizinischen Grund: "Die gesetzlichen Grundlagen für die Anerkennung einer Berufskrankheit sind in den europäischen Staaten unterschiedlich."

Alles in der Familie?

Schild am Eingang zum Deutschen Mesotheliom-Register
Das Deutsche Mesotheliomregister gehört zur Georgius-Agricola-Stiftung Ruhr, hinter der die DGUV steht.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ein Unterschied liegt im Deutschen Mesotheliomregister, das am Institut für Pathologie an der Ruhr-Universität Bochum geführt wird. Dieses Institut erarbeitet in Deutschland die Grundlagen zur Anerkennung von Asbest als Berufskrankheit – und firmiert unter dem Namen "Georgius Agricola Stiftung Ruhr". Sie wurde von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung gegründet, also vom Dachverband der Berufsgenossenschaften, um deren Geld es geht. Damit bleibe gewissermaßen alles in der Familie, meinen Kritiker wie Rechtsanwältin Battenstein: "Das ist ein privatrechtlicher Verein, der staatlich nicht kontrolliert werden kann. Der bestimmt die Forschung, der bestimmt die gutachterlichen Richtlinien und entscheidet somit als Dachverband über alle, welche Entschädigungspraxis genommen wird. Und das ist meiner Meinung nach das Kernproblem."

Dem widerspricht Prof. Dr. Andrea Tannapfel, die Direktorin der "Georgius Agricola Stiftung Ruhr", und betont die Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit der Stiftung und des Mesotheliomregisters. Auf Anfrage von "Plusminus" schreibt sie unter anderem "Wir vertreten keinerlei Interessen der Wirtschaft – sondern konnten u.a. zeigen, dass es auch noch nach vielen Jahren nach Asbestexposition gelingt, diesen Gefahrstoff im Gewebe nachzuweisen. Sie finden uns in den öffentlichen Medien als "Warner" vor Asbest. Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse sind daher weder für "die Wirtschaft" noch für die Berufsgenossenschaften "nützlich". Es sind wissenschaftliche Daten, die im Gewebe erhoben werden."

Ein Mann und eine Frau im Rollstuhl gehen spazieren.
Friedhelm Töllers kümmert sich auch um seine Frau.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Für Friedhelm Töller ist die fehlende Anerkennung besonders tragisch. Seine Frau ist querschnittsgelähmt und seit einem Unfall vor fast 20 Jahren auf ihn angewiesen. Er hofft auf einen juristischen Erfolg und eine Änderung des Berufskrankheitengesetzes, die seit Jahren von der Bundesregierung geplant ist: "Es sollte für alle die gleiche Gerechtigkeit geben. Es sollten Institute eingesetzt werden, die unabhängig sind und nicht von der Berufsgenossenschaft gesteuert oder bezahlt werden."

 Der aktuell vorliegende Gesetzesentwurf macht dafür aber wenig Hoffnung, denn an den Zuständigkeiten bei der Anerkennung von Berufskrankheiten würde er kaum etwas ändern.

Autor: Michael Houben
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.01.2020 09:55 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.