SENDETERMIN Mi, 13.12.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Stau durch chaotische Baustellen? – Hausgemacht!

PlayWarum werden viele Baustellen zu spät fertig?
Stau durch chaotische Baustellen? – Hausgemacht!  | Video verfügbar bis 13.12.2018 | Bild: dpa

– Baustellen sorgen für Staus, Chaos und volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe.
– Einschränkungen durch Baustellen sollen möglichst kurz gehalten werden, das regelt ein Leitfaden.
– Bereits die Planung der Baustellen verläuft jedoch nicht optimal.
– "Plusminus"-Recherchen zeigen darüber hinaus, dass an vielen Baustellen nicht so intensiv gearbeitet wird, wie es möglich wäre.
– Viele Baustellen behindern den Verkehr somit deutlich länger als notwenig.

"Plusminus" installiert eine Kamera, um eine Baustelle zu beobachten.
"Plusminus" installiert eine Kamera, um eine Baustelle zu beobachten. | Bild: Das Erste

Wir schlagen uns ins Gebüsch direkt an der Autobahn – für ein Langzeitprojekt. Im Gepäck: vier Spezialkameras. Sie sollen das Geschehen auf der Baustelle beobachten. Alle halbe Stunde nehmen sie ein kurzes Video auf. Fünf Wochen lang, bei Wind und Wetter, Tag und Nacht. Die Baustelle befindet sich an der A61 bei Kerpen. Sie ist gut drei Kilometer lang. Hier sollen neue Leitplanken installiert und der Asphalt erneuert werden. Ende Juni wurde sie eingerichtet .

Unsere Aufnahmen entstehen Ende September: "Plusminus" will wissen, wie intensiv daran gearbeitet wird, denn: Kilometerlange Staus wegen kilometerlanger Baustellen sind ein Ärgernis für alle, die hier unterwegs sind.

Baustellenstaus sorgen für Milliardenschäden

Professor Bernhard Steinhauer
Professor Bernhard Steinhauer | Bild: Das Erste

Wissenschaftler schätzen den volkswirtschaftlichen Schaden durch Staus insgesamt auf 100 Milliarden Euro jährlich. Kosten, die die zahlen, die stehen statt zu fahren – und Kosten, die Professor Bernhard Steinhauer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen seit langem ein Dorn im Auge sind.

Er hat früher selbst in der Bauverwaltung in Bayern gearbeitet und plädiert seit Jahren für eine straffere Baustellenorganisation: "Es wäre wichtig zumindest bei Autobahnen, dass ein unabhängiger Mann oder Dame ständig rumfährt, von Stau zu Stau, die Situation anschaut, und überall dort, wo man sieht, dass wieder getrödelt wird einen richtigen Krach macht beim Minister und sagt: 'So geht es nicht!'"

Baustellen verursachen immense Kosten.
Baustellen verursachen immense Kosten. | Bild: Das Erste

Zu viele Freiheiten?

Bauzeiten lassen sich sehr gut berechnen.
Bauzeiten lassen sich sehr gut berechnen.  | Bild: Das Erste

Steinauer wirft der Bauverwaltung vor, den Firmen beim Bau zu viele Freiheiten zu lassen. Auch bei unserem Beispiel – an der A61? Milad Moharekpour soll die benötigte Bauzeit einmal für uns nachrechnen – mit Hilfe der Ausschreibungsunterlagen und einem speziellen Tool zur Bauzeitberechnung. Milad hat selbst schon große Autobahnprojekte betreut und promoviert gerade an der RWTH Aachen. Auf welche Bauzeit kommt er? Nach zwei Tagen bekommen wir das Ergebnis seiner Berechnungen: "Wenn keine besonderen Probleme auftreten, dann sollten die ganzen Arbeiten in zehn Wochen fertig werden."

"Zehn Wochen" – die Bauarbeiten hier dauern zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Wochen länger und sie sind noch nicht abgeschlossen. Als wir unsere Überwachungskameras erstmals checken, ist die Baustelle bereits drei Wochen über der errechneten Zeit. Wir wechseln Akkus, Speicherkarten und sind gespannt, was bislang auf der Baustelle passiert ist. Erster Eindruck: Viele Bilder, aber wenig Bauarbeiter.

"Plusminus" beobachtet die Baustellenaktivität

Eigentlich soll maximal schnell gearbeitet werden – laut Leitfaden.
Eigentlich soll maximal schnell gearbeitet werden – laut Leitfaden. | Bild: Das Erste

Am ersten Drehtag sieht es noch ganz gut aus. Zu unterschiedlichen Zeiten zeigen unsere Kameras Bauaktivitäten. Am zweiten Tag ist es schon weniger. Und: An den darauffolgenden Tagen sehen wir keinerlei Bauaktivität. Eine Baustelle, an der mit Hochdruck gearbeitet wird, stellen wir uns anders vor. Dabei hat das Bundesverkehrsministerium bereits vor sechs Jahren einen Leitfaden herausgegeben, wonach für alle länger dauernde Baustellen grundsätzlich gilt: "Arbeiten an allen Werktagen unter vollständiger Ausnutzung des Tageslichts". Heißt konkret: Im Sommer soll von 6 bis 22 Uhr gearbeitet werden, auch samstags.

An Baustellen darf im Sommer von 6-22 Uhr gearbeitet werden.
An Baustellen darf im Sommer von 6-22 Uhr gearbeitet werden. | Bild: Das Erste

Wir schauen in die Ausschreibung zu unserer Baustelle an der A61. Auch hier steht, dass die Bauarbeiten an sechs Tagen pro Woche und unter Ausnutzung des Tageslichts abzuwickeln seien. Aber wieso sehen wir davon nichts? Wir fragen Dirk Kemper vom Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen, wo genau zu solchen Fragen geforscht wird. Er liefert eine mögliche Erklärung: "Wir haben festgestellt, dass die Ausnutzung der Tageshelligkeit zu 90 Prozent ausgeschrieben wird, aber in der Praxis wird es nicht so umgesetzt. Wir haben mit Experten gesprochen. Wir haben Interviews mit Bauunternehmen geführt und da kam heraus, dass es oft gar nicht notwendig ist, diese Vorgaben umzusetzen, weil die Leistung auch erbracht werden kann, ohne diese Intensivierung der Arbeiten."

Baustellenplanung à la "Pi mal Daumen"

Baustellenplanung wird oft nur grob gemacht.
Baustellenplanung wird oft nur grob gemacht.  | Bild: Das Erste

Mit anderen Worten: Die Firmen bekommen von der Straßenbauverwaltung häufig soviel Zeit für den Bau, dass sie abends oder Samstags gar nicht arbeiten müssen. Und: Die Bauzeiten werden demnach vielerorts nach der Methode "Pi mal Daumen" errechnet. Und das, obwohl es ein Hilfsmittel gibt! Mit dem so genannten Bauzeitenkatalog, einer Tabelle des Verkehrsministeriums, lässt sich die nötige Bauzeit relativ exakt bestimmen. Mit der Tabelle können die Straßenbaubehörden sogar die Tageshelligkeit je nach Jahreszeit in die Berechnung einbeziehen, erklärt Dirk Kemper: "Man kann hier im Sommer fast doppelt solange arbeiten wie im Winter, wenn man die Tageshelligkeit ausnutzt."

Potiential wird verschenkt

Wozu das führen kann, hat ein Pilotversuch an der A1 gezeigt. Hier wurde fast durchgearbeitet – sogar sonntags! Thomas Richter von der TU Berlin hat den Bau damals wissenschaftlich begleitet und war selbst überrascht von den Effekten: "Die im Vorfeld konventionelle Bauzeit, kalkuliert von etwa 33 Monaten, konnte dann um 15 Monate, also etwa um die Hälfte, reduziert werden." Auch finanziell habe sich der Aufwand gerechnet, sagt Richter.

Die Auswertung der "Plusminus"-Baustellen-Beobachtung.
Die Auswertung der "Plusminus"-Baustellen-Beobachtung. | Bild: Das Erste

Wir checken ein letztes Mal die Überwachungskameras nach mehr als vier Monaten und sehen: An einzelnen Tagen geht es richtig gut voran. An anderen passiert plötzlich wieder tagelang fast nichts. Anschließend werten wir unsere Aufnahmen mit einem Farbsystem aus: Blau bedeutet, dass kein Arbeiter zu sehen ist, orange heißt, mindestens ein Bauarbeiter oder ein Baufahrzeug sind im Einsatz. Schwarz kennzeichnet, dass eine Kamera ausgefallen ist, auch das kommt vor. Als wir die Ergebnisse ausdrucken lassen, sehen wir viel blau.

Was sagt Straßen NRW zum Verzug?

Elfriede Sauerwein-Braksiek, Chefin von Straßen NRW
Elfriede Sauerwein-Braksiek, Chefin von Straßen NRW | Bild: Das Erste

Mit unserer Auswertung besuchen wir die Chefin von Straßen NRW, Elfriede Sauerwein-Braksiek und zeigen ihr unsere Aufnahmen von der A61. Sie hat Verständnis, dass sich Autofahrer ärgern, wenn sie keinen Arbeiter sehen. Aber bei schwach belasteten Strecken sei der Druck auch nicht so hoch. Aber warum gibt es die Baustelle nun schon so viel länger als unser Experte errechnet hat?

Elfriede Sauerwein-Braksiek räumt zunächst ein: "Wenn diese Baustelle fünf Monate läuft, glaube ich auch, dass diese Baustelle zu lang disponiert ist. Das muss ich dann zugeben. Eine solche Baustelle auf fünf Monate ausgelegt, da könnte ich mir vorstellen, dass man die straffer fassen kann." Nach internen Recherchen erklärt Straßen NRW schließlich, es habe erheblichen Mehraufwand gegeben.

Deutschland könnte seine Baustellen optimaler organisieren.
Deutschland könnte seine Baustellen optimaler organisieren. | Bild: dpa

Mag sein, doch weder unsere Kameras noch unsere mehrmaligen Kontrollfahrten haben gezeigt, dass hier ständig abends oder am Wochenende gearbeitet wurde. Unsere Baustelle ist übrigens noch immer nicht fertig: Sie wurde nur vorübergehend abgebaut, denn zum Asphaltieren ist es mittlerweile – zu kalt!

Autoren: Herbert Kordes, Jana Heck, Daniel Rosenkranz

Stand: 31.07.2018 12:30 Uhr

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