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Autonomes Fahren: Wie weit ist die Autoindustrie?

PlayEin Konzeptcar für autonomes Fahren von Peugeot
Autonomes Fahren: Wie weit ist die Autoindustrie? | Bild: BR

  • In Deutschland entstehen derzeit verschiedene Strecken, auf denen autonomes Fahren erprobt wird.
  • Die deutschen Hersteller versprechen in wenigen Jahren Fahrzeuge mit Autopiloten, die komplett selbständig unterwegs sein können.
  • In den USA befördern bereits zu Robotertaxis umgebaute BMW-Fahrzeuge Fahrgäste. Jeder zweite Europäer würde laut einer aktuellen Umfrage auf das eigene Auto verzichten, wenn Robotertaxis großflächig verfügbar wären.

Alle zwei Jahre präsentiert die Automobilbranche auf dem Pariser Autosalon Modelle und technische Entwicklungen von morgen. Neben der Elektromobilität ist vor allem das autonome Fahren der Trend in Paris. Peugeot etwa stellt ein Konzeptfahrzeug vor, bei dem Lenkrad und Pedale auf Knopfdruck verschwinden. Der Fußraum ist ein einziger großer Bildschirm. Der Fahrer wird zum Passagier. Während das Auto selbstständig den Verkehr meistert, können die Passagiere nun in aller Ruhe einen Film auf dem Riesenbildschirm genießen.

Konzeptcar von Renault komplett ohne Cockpit
Konzeptcar von Renault komplett ohne Cockpit | Bild: BR

Renault präsentiert Robotertaxis mit einem geräumigen und variablen Innenraum. Ein Cockpit gibt es hier überhaupt nicht mehr. BMW hat bereits vor der Automesse den iNext vorgestellt, ein SUV, das ab 2021 gebaut werden soll und hochautomatisiert unterwegs sein soll. "Ich glaube, dass wir da ganz, ganz vorne rauskommen und wir die ersten sind, die das gut auf die Straße bringen", gibt sich der Vorstandsvorsitzende der BMW AG, Harald Krüger, optimistisch.

Wann kommen die Lösungen auf die Straße?

"Plusminus" testet autonomes Fahren durch Paris.
"Plusminus" testet autonomes Fahren durch Paris. | Bild: BR

Doch noch sind die meisten Entwicklungen entweder Studien oder noch längst nicht serienreif. Wann kommt das autonome Fahren wirklich auf die Straße? Einen kleinen Vorgeschmack können wir am Rande der Pariser Automesse bekommen. Der französische Automobilzulieferer Valeo hat ein Fahrzeug mit verschiedenen Sensoren, Kameras und einem Rechner ausgestattet. Damit soll sich das Auto durch den morgendlichen Berufsverkehr in Paris kämpfen – und zwar autonom. Gas geben, Abstand halten, bremsen – in jeder Situation muss der Computer selbständig entscheiden. Der Fahrer ist nur da, um im Notfall einzugreifen. Und tatsächlich fährt das Auto ziemlich souverän durch Paris. Als Passagier auf der Rückbank fühlt man sich schnell, als säße man in einem ganz gewöhnlichen Taxi.

Dennoch: Noch klappt das autonome Fahren nur auf ausgewählten Strecken. Das Auto muss vor allem noch lernen, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. "Die Sensorik ist grundsätzlich vorhanden und auch die Rechenleistung ist grundsätzlich vorhanden. Jetzt sind wir dabei, die Algorithmik soweit rund zu machen, dass sie sich das selbständige, das eigenverantwortliche Teilnehmen am Verkehr auch zutrauen kann", erklärt Harald Barth von Valeo.

Wie lernt ein Auto?

Autonome Autos müssen vor allem erstmal das Autofahren lernen. Doch welche Etappen müssen dazu noch gemeistert werden? In Karlsruhe befindet sich Deutschlands erstes Testfeld für autonomes Fahren in der Stadt. Forscher der Uni Karlsruhe haben Autos mit Kameras, Radar und Lasersensoren ausgerüstet, damit die erkennen, was im Verkehr passiert. Die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist für autonome Fahrzeuge aber dann schwierig, wenn die Situation im Verkehr unübersichtlich wird. Dann stößt die künstliche Intelligenz schnell an ihre Grenzen. Deshalb muss sie lernen. Sie muss Fahrsituation analysieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Das Fahrzeug braucht also, wie der Mensch auch, Erfahrung. Deshalb spulen die Roboterautos Millionen Kilometer auf dem Testfeld ab. Das System im Auto soll so nach und nach lernen, selbständig zu entscheiden.

Besucher können bei BMW mit einer VR-Brille die verschiedenen Stufen des autonomen Fahrens testen.
Besucher können bei BMW mit einer VR-Brille die verschiedenen Stufen des autonomen Fahrens testen. | Bild: BR

"Und wenn es das mal nicht kann, haben wir immer noch unseren Sicherheitsfahrer, der entsprechend eingreift und im Nachhinein dem Fahrzeug erklärt, wie ein Fahrlehrer das auch machen würde, was wäre in dieser Situation die angemessene Reaktion gewesen", erklärt der Forscher Michael Frey vom Institut für Fahrzeugtechnik an der Universität Karlsruhe.

Künstliche Intelligenz lernt im Simulator

Testfahrten, um den Rechner im laufenden Verkehr zu schulen, sind allerdings teuer. Daher setzt die Branche noch auf eine andere Möglichkeit, um den Computer zu trainieren. Das Startup BIT Technology Solutions in München entwickelt Simulationen für autonomes Fahren. Das heißt, der künstlichen Intelligenz werden knifflige Fahrsituationen vorgespielt, die sie meistern muss. Auch bei schlechtem Licht muss sie etwa erkennen: Steht da wirklich ein Mensch am Straßenrand oder ist es nur ein Werbeplakat, das eine Person zeigt?

"Deswegen haben wir eine Software entwickelt, die automatisiert Grenzfälle erstellt, sehr trickreiche Situationen, die mehr oder weniger in der Praxis auftreten können, häufiger oder auch seltener, gerade die seltenen Fälle, wo Systeme an ihre Grenzen stoßen", erklärt Karl-Ferdinand Leiß von BIT Technology Solutions.

Falsches Sicherheitsgefühl

Konkurrenz für die etablierten Autobauer: das Model 3 von Tesla.
Konkurrenz für die etablierten Autobauer: das Model 3 von Tesla. | Bild: BR

Oberstes Gebot ist für Entwickler die Sicherheit. Eine falsche Entscheidung des Computers kann schließlich Leben kosten. Und tatsächlich haben selbstfahrende Autos schon tödliche Unfälle in den USA verursacht, weil die Fahrer, die eigentlich das Fahrzeug überwachen mussten, abgelenkt waren. Offenbar haben sie dem System schon zu sehr vertraut. Für den Forscher Michael Frey von der Universität Karlsruhe liegt hier ein grundsätzliches Problem: "Da sehe ich eine gewisse Gefahr, dass der Mensch sagt, das funktioniert ja eh – geht ans Handy, lenkt sich ab. Und dann kommt eine Situation, wo das System Hilfe braucht und genau dann ist der Mensch nicht aufmerksam."

Dem Auto komplett vertrauen, darf der Fahrer erst bei Level 4 des autonomen Fahrens. Bei Level 3, dem teilautonomen Fahren, muss er innerhalb von Sekunden eingreifen können. "Das Auto meldet sich, wenn es die Verantwortung wieder an den Fahrer zurückgibt. Das wird in den Städten natürlich etwas anspruchsvoller sein. Wir werden also zuerst das Level 3 auf den Autobahnen sehen. Level 4 ist dann die nächste Stufe und das dann im Urban-Verkehr, also in der inneren Stadt, das wird noch ein bisschen dauern", so BMW-Chef Harald Krüger.

Auch wenn es noch Jahre dauert – letztlich wird der Erfolg des autonomen Fahrens von der Akzeptanz der Kunden abhängen. Und die wollen vor allem eins: Sichere Autos.

Bericht: Sebastian Hanisch, Josef Streule, Vera Cornette

Stand: 18.05.2019 13:03 Uhr

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