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Verbrechen lohnt sich: Die neuen Geschäfte eines ehemaligen Schlüsseldienstbetrügers

PlayEin marodes Haus in Görlitz
Verbrechen lohnt sich: Die neuen Geschäfte eines ehemaligen Schlüsseldienstbetrügers | Video verfügbar bis 11.08.2022 | Bild: MDR

• Karl-Leo Spettmann saß zehn Jahre wegen Betrug und Steuerhinterziehung im Gefängnis.
• Innerhalb maffiöser Schlüsseldienststrukturen hatte er mehrere Millionen Euro zu ergaunert.
• Dafür wurde er verteilt, das Geld wurde von der Justiz aber nicht eingezogen.
• Heute hat er damit genug Geld, um Immobilien aufzukaufen.
• In Online-Auktionen will er diese gewinnbringend weiterverkaufen.
• Die Bieter bleiben dabei ihm Dunklen. Gibt es sie überhaupt oder werden hier Preise hochgetrieben?
• Bei den Objekten handelt es sich oft um marode Häuser aus dem Osten Deutschlands, die er zuvor über Strohmänner bei Zwangsversteigerungen erworben hat.

Für 500 Euro auf einer privaten Internetauktion ein eigenes Haus ersteigern? Genau damit bewarb Geschäftsmann Karl-Leo Spettmann eine Online-Auktion, die Plusminus-Reporter Thomas Fugmann im Mai 2021 verfolgt hat. Die Objekte, die hier angeboten wurden, hatte Splettmann zuvor über Mittelsleute auf einer Zwangsversteigerung erworben und zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll bezahlt. 

Bieter bleiben bei Online-Auktion im Dunklen

500 Euro lautete das Einstiegsgebot, dann wurde jedoch in 500-Euro-Schritten immer weiter geboten. Zu sehen war während des Bietervorganges immer nur Auktionator Spettmann, die Identität der Bieter blieb im Dunklen.

Neun Häuser wurden von Karl-Leo Spettmann schließlich bei dieser Online-Auktion versteigert. Für alle Objekte seien 253.000 Euro geboten worden. Vier Häuser befinden sich in Görlitz, darunter eins in der Rauschwalder Straße 53 und eins in der Bahnhofstraße 54. Bis heute wissen wir nicht, ob es die Bieter wirklich gab oder ob es Strohleute von Spettmann waren, die lediglich den Preis für die Immobilien nach oben treiben sollen.

Ein Bildschirm zeigt zugeschaltete Personen bei einer Auktion.
Reporter Thomas Fugmann (unten links im Bild) verfolgte die Online-Auktion. Dies ist eine Sequenz von der Begrüßung. Oben rechts zu sehen: Karl-Leo Spettmann. | Bild: MDR

Strohmänner und nicht auffindbare Auftraggeber

Die angebotenen Häuser in Görlitz machen vor Ort einen heruntergekommenen und verfallenen Eindruck. Karl-Leo Spettmann hatte sie bei einer Zwangsverteigerung von seinem Sohn und einer Strohfrau am Amtsgericht Görlitz erwerben lassen. Spettmann hatte dort eine Vollmacht aus dem Jahr 2012 vorgelegt, die beurkunden sollte, dass er die Görlitzer Immobilien im Auftrage des italienischen Geschäftsmanns Roberto Petrucci, wohnhaft in Rom, ersteigern würde.

Hat man die Vollmacht geprüft? Gibt es diesen Roberto Petrucci überhaupt? Das hätten wir gern von einem Vertreter des Amtsgerichts erfahren. Doch ein Interview dazu wurde abgelehnt. Wie unsere Recherchen in Rom zeigten, gab es an der angegebenen Adresse Via Tuscolana 346 weder an Klingelschild oder Briefkasten mit dem Namen Roberto Petrucci. Auch unsere Nachfragen bei Anwohnern führten ins Leere.

Ein Mann gibt ein Interview.
Andrea Galletti betreibt seit acht Jahren eine Bar neben dem angegebenen Wohnsitz des vermeintlichen Roberto Petrucci und hat ihn noch nie gesehen. | Bild: MDR

Eine Spur jedoch führte uns nach Düsseldorf: In der Königsallee 14 residiert die Gelago Immobilien GmbH. Eine der vielen Firmen aus dem Geflecht um Karl-Leo Spettmann. Im Handelsregister ist seine Tochter Anastasia als Geschäftsführerin eingetragen. Doch die Düsseldorfer Adresse sei nur eine Briefkastenadresse, sagt Günter Classen, der als Polizeireporter des Kölner "Express" jahrelang die Aktivitäten von Karl-Leo Spettmann recherchiert hat.

Gewinn machen mit teuer weiterverkauften maroden Immobilien

Seit Jahren kaufen Karl-Leo Spettmann und sein Sohn Leonardo in großem Stil marode Immobilien vor allem in Ostdeutschland. Aktuell sind unter anderem auch Häuser in Pirna, Zwickau, Glauchau und Seifhennersdorf im Angebot.

Bei möglichst kleinem Geldeinsatz versuchen sie den größtmöglichen Gewinn bei Weiterverkäufen herauszuschlagen. Stefan Blech ist ehemaliger Bürgermeister vom sächsischen Waldheim und hat Bekanntschaft mit den Geschäftsgebaren gemacht, als es um den Verkauf eines Bahnhofes ging. Um die Kommune zur Zahlung einer hohen Summe zu bewegen, habe Spettmann verschiedene Szenarien ausgemalt, was in dem Objekt zukünftig eingerichtet werden könne. 

Ein Bahnhofsgebäude in der Außenansicht.
Der Bahnhof in Waldheim ging auch über den Verkaufstisch von Karl-Leo Spettmann. | Bild: MDR

Ein Beispiel: Bahnhof-Verkauf im sächsischen Waldheim

"Der Preis wurde hochgetrieben", sagt Stefan Blech. "Wir wurden konfrontiert damit, dass hier ein Hardcore-Diskozentrum reingebaut werden sollte. Und die Krönung war natürlich ein islamisches Zentrum. Es wurde gedroht, per Telefon: Ja, dann kommt auch die NPD hierher", erinnert sich der ehemalige Bürgermeister von Waldheim.

»Der Preis wurde hochgetrieben.«

Um den Erhalt der Immobilie selbst kümmerten sich die Spettmanns allerdings nicht. "Herr Spettmann hat an dem Gebäude überhaupt nichts gemacht, hat es weiter vergammeln lassen. Es war weitestgehend zerstört, Heizungen rausgerissen. Müll wurde abgelagert, es wurde drinnen gezündelt. Feuerwehr und Polizei mussten zum Einsatz kommen. Es war für die Stadt ein unhaltbarer Zustand", sagt Stefan Blech. Schließlich erwarb die Kommune den Bahnhof und ließ ihn sanieren.

Ein marodes Haus in Görlitz
Eins der beiden maroden Häuser in Görlitz, das Karl-Leo Spettmann gewinnbringend weiterverkaufen will. | Bild: MDR

Die verfallenen Häuser in Görlitz sind für Spettmann offenbar nur Spekulationsobjekte, mit denen er Kasse machen will. Im Internet hat er sie zu Fabelpreisen angeboten. Auch die Häuser, die er doch Monate zuvor bei der Online-Versteigerung schon verkauft haben will. Das Haus in der Rauschwalder Str. 52 soll nun 123.456 Euro kosten, ebenso das in der Bahnhofsstr. 54, welches Spettmann selbst nur für die Hälfte gekostet hatte. Ob Karl-Leo Spettmann seine Häuser tatsächlich verkaufen kann, ist nicht ersichtlich. Unfassbar ist, dass er durch sein kriminelles Vorleben in mafiösen Schlüsseldienststrukturen so viel Geld für seine Immobilienspekulationen zur Verfügung hat.

Karl-Leo Spettmann bekam zehn Jahre Haft wegen Schlüsseldienstbetrugs

Der Geschäftsmann Karl-Leo Spettmann aus dem nordrhein-westfälischen Geldern ist ein verurteilter Betrüger, der als Kopf einer bundesweit agierenden Schlüsseldienstmafia mehrere Millionen Euro ergaunert hat. Seine Methode: Die Monteure der Deutschen Schlüsseldienstzentrale stellten den Geschädigten teilweise zehnfach überhöhte Rechnungen. Für Noteinsätze wurden 1.318 Euro und mehr verlangt.

Ein Mann geht in eine Gefängniszelle. (Archivbild)
Karl Leo Spettmann saß zehn Jahre in Haft. (Archivbild) | Bild: MDR

Spettmann wurde 2018 verhaftet. Im Urteil wurde der erzielte Umsatz mit 67 Millionen Euro beziffert. Zehn Jahre saß Spettmann wegen Betrug und Steuerhinterziehung im Gefängnis. Im Januar 2021 wurde er gegen Auflagen entlassen. Den gesamten finanziellen Schaden, den Karl-Leo Spettmann mit seinen Schlüsseldienstaktivitäten angerichtet hatte, musste er nicht begleichen, so die Staatsanwaltschaft Kleve auf Anfrage. Der Aufwand sei zu groß gewesen, die Einzelfälle zu überprüfen. Dazu sei es nötig gewesen, "für jeden Fall einer betrügerischen Türöffnung den Wert der erbrachten Arbeit mit dem Wert der tatsächlichen Zahlung" zu vergleichen. "Dies hätte zur einer erheblichen Verzögerung des Strafverfahrens geführt", erklärt die Staatsanwaltschaft Kleve.

Ein Mann steht vor einem Juweliergeschäft.
Günter Classen hat für den Kölner "Express" jahrelang zu den Aktivitäten von Karl-Leo Splettmann recherchiert. | Bild: MDR

Für den früheren Polizeireporter Claasen ist es unverständlich, warum Spettmann nicht für den finanziellen Schaden haftbar gemacht wurde, den er mit seinen Schlüsseldienstbetrügereien angerichtet hat: "Hier muss der Gesetzgeber eine Vorsorge treffen; durch Gewinnabschöpfung zugunsten der Geschädigten. Und das ist hier nicht passiert." Es habe zwar 2003 und 2018 zahlreiche Beschlagnahmungen gegeben, doch von so geringem Wert, dass damit kein Ausgleich für die Geschädigten möglich gewesen sei. Damit haben sich für Karl-Leo Spettmann die Schlüsseldienst-Betrügereien gelohnt. Er kann nun mit viel Geld in Immobilenhandel machen.

Autor: Thomas Fugmann
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 11.08.2021 23:06 Uhr

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