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Brexit-Poker

Säbelrasseln vor dem Verhandlungsmarathon

Das Säbelrasseln auf beiden Seiten hat bereits begonnen. So sagte die britische Premierministerin Theresa May: "Wir werden da draußen hart verhandeln und dem britischen Volk das liefern, wofür es gestimmt hat." EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hält dagegen: "Unsere britischen Freunde müssen wissen, dass sie für den Austritt zahlen müssen."

Die Verhandlungsziele sind klar

Theresa May, Premierministerin
Theresa May will hart verhandeln | Bild: SWR

Unruhige Zeiten und harte Verhandlungen stehen bevor. Für beide Seiten geht es in den kommenden zwei Jahren um viel. Die EU will vor allem eines um jeden Preis vermeiden: Einen Präzedenzfall für andere potenzielle Austrittskandidaten zu schaffen. Das sei das wichtigste Verhandlungsziel, meint Gabriel Felbermayr vom München ifo-Institut und erklärt weiter: "Die Sorge, die viele haben, vor allem in Brüssel, ist, dass ein weicher Brexit die Briten besser stellen könnte, als sie es jetzt haben. Dass also andere, ob das jetzt die Tschechen sind oder die Schweden oder die Ungarn, die auch EU-skeptisch sind, dass die dann sagen: Schaut doch nach London, die sind ausgetreten und es geht ihnen heute besser als vorher."

Um das zu verhindern, droht Brüssel Großbritannien schon mal mit einer saftigen Rechnung, darauf viele Posten: Unterm Strich stehen knapp 60 Milliarden Euro.

EU-Kommissionssprecher Margaritis Schinas erläutert dazu: "Das ist so, als ob man mit 27 Freunden in einen Pub  geht. Sie bestellen eine Runde Bier. Aber dann können sie nicht einfach weggehen, während die Party weitergeht. Sie müssen schon noch irgendwie für die bestellte Runde zahlen."

Die Britten geben sich kämpferisch

Den Vorwurf der Zechprellerei will man in einem Pub in der Nähe von Solihull bei Birmingham nicht auf sich sitzen lassen und zeigt klare Kante gegen Brüssel: Man habe in den Jahren in der EU genug Rechnungen bezahlt, mehr eingezahlt, als man herausbekommen hat und man müsse nun hart verhandeln, damit es eine Vereinbarung gibt, die Europa und Großbritannien nutze, meinen die Pub-Gäste.

In Solihull haben 56 Prozent der Wähler für den Brexit gestimmt, etwas mehr als im Landesdurchschnitt. Die meisten würden wieder so entscheiden, obwohl im Ort viele Jobs an ausländischen Firmen hängen. Auch BMW hat ein Werk hier, in dem Motoren gefertigt werden.

Doch entgegen aller Prophezeiungen hat die Brexit-Ankündigung dem Land bisher nicht geschadet. Die Wirtschaft wächst stärker als erwartet und das britische Pfund berappelt sich wieder.

Experten zweifeln am britischen Wachstum

Containerumschlag
Großbritannien braucht freien Handel | Bild: SWR

Dass das so bleibt, bezweifelt der ehemalige Chefanalyst der Deutschen Bank. Prof. Thomas Mayer, Wirtschaftsexperte am Flossbach von Storch Research Institute erklärt: "Es wäre aber, glaube ich, zu früh zu sagen, das hat überhaupt keine Auswirkungen. Ich denke, es wird erst mit der Zeit sichtbar werden, dass der Zugang Großbritanniens zum Binnenmarkt nicht mehr ganz so gut läuft."

Den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt will Großbritannien unbedingt behalten, trotz Brexit, stellt Premierministerin Theresy May klar: "Für mich ist ganz klar, dass ich sicherstellen will, dass wir den besten Deal für das Vereinigte Königreich bekommen, der für jeden hier funktioniert, im ganzen Vereinigten Königreich. Meine Ziele für die Verhandlungen sind klar und die beinhalten ein gutes Freihandelsabkommen."

Britische Abhängigkeit vom Handel

Großbritannien ist vom Freihandel abhängig. Allein nach Deutschland exportiert das Land Waren im Wert von 38 Milliarden Euro. Umgekehrt machen deutsche Großkonzerne im Vereinigten Königreich mehr als 150 Milliarden Euro Umsatz.

Börsensaal
Noch sind die Auswirkungen des Brexit auf die Unternehmen unklar

Plusminus hat bei allen 30 DAX-Unternehmen nachgefragt. Die meisten hoffen auf Übergangslösungen. Ein harter Brexit wäre unkalkulierbar, vor allem für Großbritannien. Wirtschaftsexperte Prof. Thomas Mayer erläutert: "Für Deutschland wäre der Schaden in gewisser Weise begrenzt. Denn wir haben natürlich die Möglichkeit Handelsbeziehungen, die mit den Briten nicht mehr in der Intensität wie bisher möglich sind, zu verlagern. Der Schaden wäre begrenzt, aber doch sichtbar. Für die Briten umgekehrt wäre die Situation natürlich sehr viel schwieriger."

Harter Brexit trotz Risiken?

Trotzdem geben sich die Briten kämpferisch, lassen keine Kompromissbereitschaft erkennen und drohen einen harten Brexit in Kauf zu nehmen, selbst wenn es dann Import- und Exportzölle geben sollte.

Ist das nur ein Bluff? Nein, sagen die meisten führenden Wirtschaftsexperten, die Plusminus zum Brexit befragt hat. Sie halten einen harten Brexit für wahrscheinlich, auch deswegen, weil der Verhandlungszeitraum viel zu kurz sei.

Gabriel Felbermayr, Direktor Außenwirtschaft des Münchner ifo-Institut meint: "In zwei Jahren kommen wir sicher nicht zum Ziel. Ich glaube, das wissen alle. Die europäische Union führt ja Freihandelsverhandlungen mit vielen Ländern. Dort ist die Erfahrung, dass unter vier bis fünf Jahren gar nichts geht. Was man in zwei Jahren schaffen kann, ist eine Interimsabrede, also etwas Vorübergehendes, das die größten Probleme aus der Welt schafft."

Dazu muss die EU entscheiden, ob sie den Kompromiss sucht oder knallhart verhandelt. Gabriel Felbermayr erläutert dazu: "In diesem Zwiespalt steckt die Europäische Union heute. Und wie sie damit umgeht, das lässt sich erst erahnen. Es scheint sich anzudeuten, dass man die politischen Imperative stärker gewichtet. Also, Großbritannien bestrafen will, in Anführungszeichen, damit der ganze andere Club zusammenhält und die wirtschaftlichen Schäden, die stellt man dann hinten an."

Doch auch die Briten sind gespalten. Während die einen den harten Brexit nicht fürchten, machen sich andere in Solihull schon Sorgen. Sie glauben, dass es wirtschaftlich für sie sehr schwierig werde, sie viel Geld verlieren können. Andere hoffen auf freien Handel und dass Großbritannien nicht dafür bestraft wird, dass es nicht in Europa ist.

Im ungünstigsten Fall könnte es beim Brexit nur Verlierer geben. Bleibt zu hoffen, dass nach dem Säbelrasseln die wirtschaftliche Vernunft siegt.

Stand: 30.03.2017 01:28 Uhr

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