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Brexit-Chaos: Wie betroffene Unternehmen und Beschäftigte reagieren

PlayDeutsche Bäckerei in England
Brexit-Chaos: Wie betroffene Unternehmen und Beschäftigte reagieren | Video verfügbar bis 16.01.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Zwei Deutsche, die bei London eine Bäckerei mit deutschem Brot betreiben, macht der Brexit unruhig.
– Sie fürchten Mangel und Engpässe bei einem ungeordneten Brexit.
– Sie finden auch kaum noch deutsche Fachkräfte, weil immer weniger im Vereinigten Königreich arbeiten wollen.
– Experten sagen bei einem Brexit ohne Vertrag Chaos voraus, insbesondere wegen langer Wartezeiten durch Zollkontrollen.
– Anderswo versucht man den Brexit zu nutzen, um polnische Arbeiter abzuwerben, zum Beispiel nach Nürnberg.

Montagvormittag in Richmond, einem Vorort von London. In der deutschen Bäckerei "Hansel and Pretzel"  ist auf den ersten Blick alles wie immer. Die Kunden, vornehmlich hier lebende Deutsche, kaufen Brezeln und dunkles Brot. Hinzu kommen andere "German Delicatessen", die es sonst in Großbritannien nur selten zu kaufen gibt.

Monate der Unsicherheit

Petra Braun, Betreiberin der Bäckerei "Hansel & Pretzel" bei London
Petra Braun ist enttäuscht von ihrem einstigen Lieblingsland. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Für Petra Braun aber, die die Bäckerei gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Peter Wengerodt betreibt, ist es der Start in eine unruhige Woche: Mal wieder fiebert sie der Brexit-Abstimmung im Parlament entgegen. Seit vielen Monaten ist nicht klar, unter welchen Bedingungen es für die Deutschen und ihren Betrieb weitergeht: "Für uns, die wir jetzt schon sehr lange da sind, ist es bedrückend einfach. Also wir leben hier seit 15 Jahren und es ist enttäuschend, wie mit uns umgegangen wird. Diese Unsicherheit, in die wir hier gestürzt werden."

Vorräte anlegen aus Angst

Peter Wengerodt, Betreiber der Bäckerei "Hansel & Pretzel" bei London
Peter Wengerodt hat Mehlvorräte angelegt, damit die Bäckerei erste Engpässe übersteht.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Diese Unsicherheit wird weiterhin Bestandteil der Auswanderer bleiben, seit das Brexit-Abkommen erneut abgelehnt wurde. Die Angst vor einem ungeordneten Brexit wird immer größer. Sie führt schon jetzt zu Hamsterkäufen in Großbritannien, auch bei dem deutschen Bäckerpaar, wie Peter Wengerodt erklärt: "Wir haben, was Produkte anbelangt, Grundprodukte, die wir zum Produzieren brauchen, schon den Plan, einige Sachen zurückzulegen und das machen wir auch schon, zum Beispiel mit Mehl, so dass wir nicht von heute auf morgen den Laden schließen müssen."

Mit einem Schlag ist alles anders

Lkw-Schlange
An Nadelöhren wie dem Fährhafen Dover würden Zollkontrollen die Lkw-Schlangen deutlich verlängern. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

"Hansel and Pretzel"  importiert nahezu alle seine Produkte. Sogar die  Zutaten für die deutschen Backwaren. Deutsches Mehl sei qualitativ besser und auch günstiger – noch. Denn das könnte sich bald ändern, ist sich Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln sicher: "Wenn es tatsächlich zu einem No-Deal Brexit kommt, heißt das, dass über Nacht nach dem 29.März sich plötzlich alles ändert. Zölle werden erhoben, es wird lange Wartezeiten an den Grenzen geben."

Rund 10.000 Lkws vom EU-Festland treffen täglich mit Fähren im Hafen von Dover ein. Noch werden sie hier zügig abgefertigt. Bei vermehrten Kontrollen allerdings würde  der Verkehr in diesem Nadelöhr in Südengland  zum Erliegen kommen. Der Warenimport würde dann länger dauern und mehr kosten.

Als Arbeitsland unattraktiv geworden

die Bäckerei "Hansel & Pretzel" in Richmond bei London
die Bäckerei "Hansel & Pretzel" in Richmond bei London | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Doch das ist nicht das einzige Problem, das auf die Bäckerei in Richmond zukommen könnte.  Schon jetzt haben die Deutschen Probleme, Angestellte zu finden, sagt Petra Braun: "Wenn wir in Deutschland Personal suchen und das machen wir ja auch – vor allem die Bäcker müssen eigentlich eine Ausbildung in Deutschland gemacht haben – dann kriegen wir sehr viel weniger Bewerbungen."

Eigentlich wollten die beiden eine zweite Filiale aufmachen, denn das Geschäft läuft gut.  Ob sie dafür nun deutsche Bäcker finden, die dauerhaft hier arbeiten wollen und dürfen, bleibt fraglich.

EU-Bürger in UK: Wie geht es weiter?

Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln
Jürgen Matthes rechnet mit großen Problemen bei einem ungeordeten Brexit. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb Europas bleibt ein großes Thema in der Brexit-Tragödie.  Das beschäftigt derzeit nicht nur Deutsche, sondern auch alle anderen EU-Bürger, die in Großbritannien arbeiten. Volkswirtschaftler Jürgen Matthes weiß, warum: "Die Position der britischen Regiering gegenwärtig ist: Sie wollen die Arbeitnehmerfreizügigkeit einschränken und zwar deutlich. Aber die Wirtschaft rennt dagegen Sturm. Das betrifft vor allem den Bereich geringer qualifizierter Menschen und insbesondere Menschen Osteuropa und Südosteuropa."

Nürnberg wirbt um polnische Arbeitskräfte

Aus einem Puzzle, das die EU-Staaten zeigt, wird das Puzzleteil, auf dem Großbritannien abgebildet ist, herausgelöst.
Welche Folgen hat der Brexit für EU-Ausländer? | Bild: Imago/Arnulf Hettrich

So leben beispielsweise rund  800.000 Polen im Vereinigten Königreich. Auch über ihnen schwebt der harte Brexit  wie ein Damoklesschwert. Immer mehr polnische Facharbeiter suchen darum nach Alternativen auf dem Festland. Genau um diese polnischen Brexit-Flüchtlinge werben jetzt manche Regionen in Deutschland. So wirbt etwa die Stadt Nürnberg mit einer deutsch-englischen Videokampagne, die wechselwillige polnische Arbeitskräfte ansprechen soll.

Trotzt aller Unruhe denken Petra Braun und Peter Wengerodt nicht daran, das Land zu verlassen. Sie wollen mit ihrer Bäckerei weitermachen, solange es irgendwie geht. Auch wenn sie zunehmend enttäuscht sind von ihrem einstigen Lieblingsland.

Autorinnen: Nadine Scheer, Anorte Linsmayer
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 12.09.2019 11:28 Uhr

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