SENDETERMIN Mi, 13.03.19 | 22:00 Uhr | Das Erste

Brexit: Werden Medikamente knapp?

PlayMedikamente werden via Robotersystem in einer Apotheke verteilt.
Brexit: Werden Medikamente knapp? | Video verfügbar bis 13.03.2020 | Bild: picture alliance/KEYSTONE / Peter Schneider

  • Auf beiden Seiten des Ärmelkanals steigt die Nervosität. Und das nicht nur bei den Politikern. Besonders kranke Menschen, die auf spezielle Medikamente angewiesen sind, befürchten Lieferengpässe.
  • Arzneimittelhersteller und Apotheker warnen schon seit längerer Zeit vor katastrophalen Zuständen bei einem harten Brexit. So dürften zum Beispiel Zollkontrollen zu Lieferverzögerungen führen.
  • Doch noch gewichtiger: Mit dem Brexit verlieren viele Arzneimittel, die bisher durch britische Behörden EU-weit zugelassen waren, ihre EU-Zulassung. Und dürfen dann von einen Tag auf den anderen nicht mehr verkauft werden. Ein Horror-Szenario für Patienten und Pharma-Firmen.

Seit über 50 Jahren ist Sabine Hančl Diabetikerin und spritzt Insulin. Allerdings hat sie gegen das gängige Human-Insulin eine lebensbedrohliche Allergie. Deshalb ist sie auf tierisches Insulin angewiesen. Der einzige Hersteller in Europa ist die Firma Wockhardt in Großbritannien. Von dort kommt bisher das spezielle Insulin über Großhändler nach Deutschland und damit zu Sabine Hančl.

Sabine Hančl
Sabine Hančl | Bild: BR

Die macht sich jetzt wegen des Brexit-Chaos große Sorge: "Es können Lieferengpässe kommen. Die wären vielleicht noch zu verkraften, wenn man einen kleinen Vorrat an Insulin hat. Es können höhere Kosten sein. Das würde eventuell schwierig mit den Krankenkassen bei der Kostenübernahme werden. Wenn es aber gar kein Insulin mehr gibt. Das wage ich nicht auszudenken."         

Angst vor Lieferengpässen

Und nicht nur tierisches Insulin importiert Deutschland aus Großbritannien. Auch zahlreiche andere Medikamente. Insgesamt im Wert von 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Umgekehrt führt Deutschland Arzneimittel für rund 5,1 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich aus. Das Brexit-Abkommen sah vor, in einer Übergangsphase bis 2020 ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von bestimmten Unterlagen auszuhandeln, erklärt Elmar Kroth vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller BAH.

Bei einem ungeregelten Brexit gebe es keine Übergangsphase. Bei den dann notwendigen Zollkontrollen müsse mit Verzögerungen bei der Abwicklung von Import- und Export gerechnet werden. "Dies kann im Ergebnis zu Lieferengpässen auf beiden Seiten führen", so der Branchenkenner. Auch Apothekerin Martina Fischer befürchtet, dass sich die Versorgungslage für die Patienten verschlechtern könnte: "Schwierig wird es dann, wenn die Behörden und auch die Pharmahersteller nicht entsprechend zeitnah reagieren und wir dann irgendwann in einen Notstand kommen und nicht entsprechend mit Medikamenten die Patienten versorgen können."

Hamsterkäufe in Großbritannien

Kommt es zu Engpässen bei Medikamenten durch den Brexit?
Rund ein Viertel aller Medikamente wurde in Großbritannien zugelassen. | Bild: BR

In Großbritannien ist es teilweise schon so weit. Apotheker Naresh Maini aus London erlebt täglich Hamsterkäufe. Aus Panik horten die Kunden inzwischen fast wahllos Medikamente. Der Apotheker hat nun ein Merkblatt für seine Kunden zusammengestellt. Damit will er weitere Panikkäufe vermeiden. "Es wird wahrscheinlich zu weiteren Lieferengpässe kommen", so Naresh Maini, "aber wenn die Leute panisch sind und anfangen Arzneimittel zu horten, wird es noch mehr Lieferengpässe geben."

Und genau davor warnen auch die Brexit-Gegner, die täglich vor dem britischen Parlament demonstrieren. Zum Teil sind sie auch selbst betroffen. "Ich muss Medikamente gegen Epilepsie nehmen", erzählt eine ältere Britin. "Und es ist zunehmend schwierig, meine Medizin zu erhalten. Und wir müssen in verschiedenen Apotheken anrufen, um die Arzneimittel überhaupt zu bekommen."          

Probleme bei Zulassungen

Bisher spielte das Vereinigte Königreich eine ganz wichtige Rolle im europäischen Arzneimittelmarkt. Rund ein Viertel aller Medikamente wurde in Großbritannien zugelassen. Doch im Falle eines ungeregelten Brexits verlieren diese Medikamente quasi über Nacht ihre EU-Zulassung. Einziger Ausweg: die Zulassung in einem anderen EU-Land. Die Übertragung ist allerdings gar nicht so schnell machbar, erklärt Elmar Kroth vom BAH. "Nach den vorliegenden Zahlen sind bislang etwa Dreiviertel dieser Zulassungen auf einen anderen Mitgliedsstaat übertragen worden. Ob wir das restliche Viertel noch innerhalb der wenigen verbleibenden Wochen schaffen werden, müssen wir abwarten."

Und auch bei den zentral für ganz Europa zugelassenen Arzneimitteln gibt es Probleme, wie die Europäische Arzneimittelagentur EMA warnt. Erst vor kurzem verkündete die Behörde, dass es wegen des Brexits bei 31 zugelassenen Arzneimitteln zu Versorgungsstörungen innerhalb der EU kommen könnte. Doch bei welchen Medikamenten? Wir fragen bei der EMA nach. In der Antwort der Behörde heißt es, dass sie die Liste der Medikamente, bei denen es zu Versorgungsproblemen kommen könnte, zurzeit nicht veröffentlichen. Diese Medikamente zu nennen, zu einem Zeitpunkt, wo noch alles offen ist, sei nicht nur schwierig, sondern erzeugt auch unnötige Ängste.

Nervosität trotz guter Vorbereitung

Und auch die deutsche Pharmaindustrie ist längst in Alarmstimmung. Um die schlimmsten Engpässe zu vermeiden und keine Menschenleben zu gefährden, hat man versucht vorzusorgen, wie uns Sabine Nikolaus von Boehringer Ingelheim erzählt. "Ganz konkret heißt das", so die Deutschland-Chefin des Unternehmens, "dass wir schon 2017 angefangen haben mit den Vorbereitungen auf den Brexit, zunächst mal zusätzliche Lagerkapazitäten angemietet haben und momentan unseren Warenbestand aufstocken."

Bayer erweitert ebenfalls die Lagerkapazitäten. Gegenüber Plusminus räumt das Unternehmen ein: "Allerdings ist eine Aufstockung der Bestände bei Medikamenten mit sehr kurzer Haltbarkeit, speziell in der Kategorie Radiopharmazeutika, nicht möglich."                                                                 

Kunden einer Apotheke
Kunden einer Apotheke | Bild: BR

Und auch bei Merck in Darmstadt laufen die Brexit-Vorbereitungen schon lange auf Hochtouren wie uns Stefan Oschmann sagt. "Bei uns betrifft es alles Mögliche", erklärt der Vorsitzende der Geschäftsleitung. "Wir haben hochspezialisierte Medikamente für Krebsbehandlung, Multiple-Sklerose-Behandlung. Wir haben Herz-Kreislauf-Medikamente, Medikamente bei Schilddrüsen-Erkrankungen. Da muss man jedes im Einzelnen anschauen. Und wir haben das in den vergangenen zwei Jahren gemacht. Wir glauben, dass wir da jetzt doch einen gewissen Grad an Sicherheit erreicht haben, aber ein bisschen nervös sind wir doch. Was wird passieren, wenn auf einmal an der Grenze Hunderte von Lastwagen stehen und kontrolliert werden müssen?"

Kein Wunder also, dass die Unruhe in der Branche wächst. Und auch bei Sabine Hančl, die auf ihr spezielles Insulin angewiesen ist. "Es sollte für Medikamente auf jeden Fall eine Regelung geben, meint sie. "Das sind keine technischen Produkte wie Autos. Hier geht es um menschliches Leben."

Bericht: Martina Schuster und Johannes Thürmer

Stand: 14.03.2019 10:46 Uhr

2 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.