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Medizinisches Cannabis: Kampf um einen Milliardenmarkt

PlayUm Versorgungsengpässe zu verhindern, wird das Naturheilmittel im Auftrag der Bundesregierung seit kurzem auch in Deutschland angebaut.
Medizinisches Cannabis: Kampf um einen Milliardenmarkt | Video verfügbar bis 29.09.2022 | Bild: BR

  • Produkte aus Cannabis sind ein Milliardengeschäft
  • Medizinisches Cannabis ist für Schmerzpatienten seit 2017 zugelassen
  • Lifestyle-Produkte aus Nutzhanf boomen

Frank Reinshagen aus Hattingen ist chronischer Schmerzpatient: "Mein Berufsweg ist begleitet von schweren Arbeiten, dadurch sind die Bandscheiben verschlissen, seit 20 Jahren Schmerzen und immer höhere Dosierungen von Schmerzmitteln, meine Lebensqualität ist sehr eingeschränkt." In der Klinik Blankenstein an seinem Wohnort unterzieht er sich einer stationären Schmerztherapie. Seine Ärzte empfehlen eine Behandlung mit medizinischem Cannabis. Die ist seit 2017 in Deutschland möglich unter strengen Vorgaben.

Schmerzarzt Dr. Dirk Neveling
Schmerzarzt Dr. Dirk Neveling | Bild: BR

Dazu Schmerzspezialist Dr. Dirk Neveling: "Ich behandle seit 20 Jahren ambulant und stationär chronisch schmerzkranke Patienten, die sind medikamentös ausgereizt, die haben Opioide, die haben Beruhigungsmittel aller Art, die sind quasi am Ende und da ist Cannabis ein riesiger Vorteil und ich glaube auch, dass die Zukunft der medikamentösen Schmerztherapie in der Cannabistherapie liegt, weil sie relativ nebenwirkungsfrei ist."

Schmerzpatient Frank Reinshagen
Schmerzpatient Frank Reinshagen | Bild: BR

Bei Schmerzpatient Frank Reinshagen schlägt die Cannabis-Therapie gut an. Völlig offen ist allerdings, ob die Therapie nach der Entlassung weitergehen kann. Erst muss der Antrag von der Krankenkasse genehmigt werden. Seitenlange Anträge, bis zu zwei Monaten Bearbeitungszeit bis zur endgültigen Genehmigung – oder Ablehnung.

80.000 Cannabis-Patienten

Um die 80.000 Patienten werden derzeit in Deutschland mit Cannabis medizinisch behandelt. Die gesetzlichen Krankenkassen lehnen – laut Experten – rund 40 Prozent der Anträge ab. Dazu Jürgen Hohnl, der Geschäftsführer Krankenkasse IKK in Berlin: "Immerhin handelt es sich dabei um eine experimentelle Therapie, weil ja keinerlei Zulassung arzneimittelrechtlich in dem Sinne für Cannabis vorhanden ist, nur für die Arzneimittelprodukte, die davon abgeleitet sind – aber für das, was als Blüte oder eben als Pflanzenextrakt gilt, eben nicht. Und deshalb geht es darum, mit Sorgfalt damit umzugehen und die Genehmigungspflicht auch ernst zu nehmen."

Dr. Julian Wichmann
Dr. Julian Wichmann | Bild: BR

Innerhalb kurzer Zeit sind bundesweit elf private Therapiezentren entstanden. Ihre Zielgruppe: Schmerzpatienten, die eine Behandlung mit medizinischem Cannabis aus eigener Tasche bezahlen. Dr. Julian Wichmann, der Geschäftsführer der Firma Algea Care in Frankfurt am Main: "Wir sehen weiterhin, dass es einen Versorgungsmangel für Patienten gibt rund um diese Therapie. Das heißt konkret: Patienten finden keinen Arzt, der Erfahrung mit dieser Therapie hat und Patienten auf dem Weg begleiten kann, und da haben wir gesagt, das wollen wir ändern, das wollen wir verbessern."

Cannabis-Anbau in Deutschland

Seit einem Jahr wird in Deutschland Medizinalhanf hergestellt. Insgesamt dürfen nur drei Unternehmen in Deutschland produzieren. Die erlaubte Gesamtmenge für alle Hersteller liegt bei 2,6 Tonnen. Das ist ein Bruchteil des medizinischen Bedarfs. Die Nachfrage steigt kontinuierlich an. 2017 wurden 0,5 Tonnen aus dem Ausland importiert. 2020 waren es bereits 9,4 Tonne.

Forschung in einem innovativen Bereich

Medizinalhanf ist ein Milliardenmarkt. Auch die Sanity Group in Berlin verdient daran. Finn Hänsel hat das Start-up 2018 gegründet. Einen Teil vom Umsatz macht das Unternehmen mit dem Import von Medizinalhanf. Parallel dazu forscht das Team an einem Fertigarzneimittel aus Cannabis. Finn Hänsel erwartet ein lukratives Geschäft: "Für uns der relevanteste und spannendste Bereich ist – neben Schmerz – der Bereich Psychiatrie, weil dort tatsächlich ein Milliarden-Markt wartet. Je nach Schätzung zwischen sechs und zwölf Milliarden."

Finn Hänsel von der Sanity Group
Finn Hänsel von der Sanity Group | Bild: BR

65 Millionen Euro haben nationale und internationale Geldgeber in das Unternehmen investiert. Die Gründung gilt in Europa als Shooting-Star der Branche. An die kommende Bundesregierung hat Finn Hänsel – selbst CDU-Mitglied – eine klare Forderung: "Wir sind ja hier in einem super-innovativen Bereich, in der Medizinalforschung, in der pharmazeutischen Forschung. Und meines Erachtens müsste die Bundesregierung deutlich mehr Forschungsförderung betreiben. Cannabis ist ein Naturarzneimittel. Wir müssen jetzt wirklich schauen, dass wir nicht den Anschluss verlieren international."

Geschäftsmodell Nutzhanf

Neben der Medizin baut sich die Berliner Firma noch ein zweites Standbein auf: Lifestyle-Produkte aus Nutzhanf – also aus Hanfsorten, die keine psychoaktive Wirkung haben. Zum Beispiel für Kosmetik. Auch Nutzhanf lässt sich gut verkaufen – in Gummibärchen, Mundsprays, Seife oder Kerzen.

Ernte bei Bio-Landwirt Uwe Gremer
Ernte bei Bio-Landwirt Uwe Gremer | Bild: BR

Anderes Beispiel: Bio-Landwirt Uwe Gremer aus Wolfersgrün bei Kronach hat sich auf den Anbau von Nutzhanf spezialisiert: "Der Nutzhanf hat eine Vielzahl an Inhaltsstoffen. Vitamine, essentielle Fettsäuren. Im Harz befindet sich das CBD, Cannabidiol. Das hat keine berauschende Wirkung, sonst dürften wir den Hanf als Landwirte gar nicht stehen haben."  

1,8 Milliarden Euro Umsatz mit CBD

CBD-Produkte sind gefragt. 1,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr allein in Deutschland, schätzt der Branchenverband. Tendenz steigend. Uwe Gremer macht das Hauptgeschäft mit Tropfen aus Cannabidiol. Ihnen wird eine beruhigende und entzündungshemmende Wirkung nachgesagt. Im eigenen Labor füllt er die Ware für den Online-Handel ab.

Produkte aus Nutzhanf
Produkte aus Nutzhanf | Bild: BR

Die Behörden machen ihm das Leben allerdings schwer. Wegen einer neuen EU-Verordnung kann er seine Tropfen nicht mehr als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnen – deshalb hat sich vor kurzem das Landratsamt gemeldet. Jetzt hat die Ware ein neues Etikett und kommt als Aroma-Extrakt beim Kunden an.

Dazu Uwe Gremer: "Die EU gibt Richtlinien, die in Deutschland von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt werden – und, weil wir hier in Bayern sind, da sind sogar von Landkreis zu Landkreis andere Regeln. Da sagen die Beamten, wenn Sie es bei uns nicht zugelassen kriegen, dann gehen sie in einen anderen Landkreis. Fertig."

Bericht: Lisa Wurscher, Susanne Fiedler/BR
Stand: September 2021

Stand: 29.09.2021 22:32 Uhr

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