SENDETERMIN Mi, 28.11.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Gefährliche Chemikalien in Trendspielzeug

PlayDas dänische Umweltministerium überprüfte Kinderspielzeug.
Gefährliche Chemikalien in Trendspielzeug | Video verfügbar bis 28.11.2019 | Bild: BR

  • Squishy – so heißt ein neues Trendspielzeug, das derzeit bei Kindern sehr beliebt ist. Das Besondere: Die Schaumstofffiguren lassen sich zusammendrücken und riechen auch noch Früchten, Karamell oder Kokos.
  • Doch diese Aromen sind nicht die einzigen Stoffe, die aus den Squishies ausströmen. Auch gefährliche Chemikalien werden freigesetzt.
  • Und trotzdem sind sie bei uns in Deutschland überall erhältlich während man in anderen Ländern längst vor diesem Spielzeug warnt. 

Die Zwölfjährige Hannah aus Kopenhagen hat ihre Squishies geliebt bis sie erfuhr, dass dieses Spielzeug giftige Stoffe ausdünstet. Daraufhin hat sie vor den Kameras des dänischen Fernsehens die bunten Schaumstofffiguren weggeworfen.

Magnus Løfstedt, dänisches Umweltministerium
Magnus Løfstedt, dänisches Umweltministerium | Bild: BR

Und das aus gutem Grund: Die dänischen Behörden warnen vor diesem Spielzeug. Denn alle zwölf von ihnen getesteten Squishies setzen in großen Mengen schädliche Chemikalien frei "Die Erhebung zeigt", so Mangnus Løfstedt vom Dänisches Umweltministerium, "dass bei allen zwölf getesteten Produkten ein klares Risiko besteht. Das Spielzeug reizt die Augen und ist sehr gefährlich für die Atemwege!"

Deshalb hat die dänische Regierung eine offizielle Warnung ausgesprochen und die Bürger aufgefordert, sich von ihren Squishies zu trennen. Claus Jørgensen vom Dänischem Verbraucherschutz begrüßt das schnelle Handeln der Behörden. Auch er hält es für sinnvoll, generell vor Squishies zu warnen, bis sichergestellt ist, dass von den anderen, nicht getesteten keine Gefahr ausgeht. "Ich denke", so Claus Jørgensen," wenn die Behörden an die Öffentlichkeit gehen und etwas aus den Regalen nehmen, dann sollten andere Länder folgen."

Seltsamer Geruch

Das sehen auch Hannah und ihre Mutter so. Ihnen ist vor allem der seltsame Geruch der Schaumstofffiguren aufgefallen, eine Mischung zwischen süßlich und zugleich beißend.  

Andrea Büttner, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung
Andrea Büttner, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung | Bild: BR

Beim Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising beschäftigen sich Wissenschaftler intensiv mit dem Geruch von Gegenständen. Nach den Warnungen aus Dänemark wollen sie die Spielsachen genauer untersuchen. Denn oft gibt es einen Zusammenhang zwischen Geruch und Inhalt wie Prof Andrea Büttner erklärt: "Wir haben häufig festgestellt, dass Dinge, die auffällig riechen sehr viele chemische Substanzen erhalten und auch große Mengen, und dass sehr häufig bedenkliche Substanzen dabei sind."

Während die Forscher ihre Analysen machen, sehen wir uns in deutschen Spielwarengeschäften um. Dort sind Squishies trotz der Warnungen aus Dänemark nach wie vor in den Regalen. Bei Toys"R"us zum Beispiel werden Squishies sogar im aktuellen Weihnachtsprospekt beworben. In Dänemark hingegen hat Toys"R"us den Verkauf gestoppt. Wir wollen wissen: Warum werden in den deutschen Filialen weiterhin Squishies verkauft?

Die Antwort des Unternehmens: "(…) bis auf den Namen "Toys"R"Us" gibt es mit den dänischen Franchisenehmern von Toys"R"Us keine Gemeinsamkeit und keine Geschäftsbeziehung. (…) Insofern haben wir auch keine Informationen zu dem von Ihnen erwähnten Rückruf."

In Dänemark zurückgerufen – in Deutschland nicht. Dabei warnen inzwischen auch andere Länder wie Norwegen, Schweden oder Finnland generell vor Squishies. Und was ist mit Deutschland?

Keine Squishy-Warnung in Deutschland

Wir fragen beim zuständigen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nach.  Dort heißt es: "In Deutschland wurde nach den uns vorliegenden Informationen von Seiten der Behörden keine Warnung vor den genannten Produkten ausgesprochen."

Squishies sind trotz der Warnungen aus Dänemark nach wie vor in deutschen Regalen.
Squishies sind trotz der Warnungen aus Dänemark nach wie vor in deutschen Regalen. | Bild: BR

In Deutschland wird also lediglich vor einzelnen Produkten gewarnt, nämlich vor denen, die über das Europäische Schnellwarnsystem Rapex gemeldet wurden. Eine allgemeine Warnung vor der ganzen Produktgruppe – wie in Dänemark – fehlt hierzulande. Und selbst die Squishies, die über Rapex gemeldet und deswegen auch in Deutschland nicht mehr verkauft werden dürften, finden wir im Online-Handel und können sie problemlos bestellen.

Ein Beispiel: Dieser Cat-Burger steht auf der Rapex-Liste. Trotzdem können wir ihn zum Beispiel bei Ebay kaufen. Der Verkäufer sitzt in China. Als Artikelstandort ist aber Bremen angegeben. Und dann, so Tobias Bleyer von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, haben es die Marktüberwachungsbehörden schwer. Man müsse natürlich sehen, dass die  Warenströme entsprechend komplexer geworden sind und dass die Mengen, die nach Europa gelangen auch gewaltig groß sind. "Und da wird es einfach schwierig alles im Blick zu behalten. Das ist nahezu unmöglich."

Online-Handel schwer kontrollierbar

Im Klartext: Die Behörden sind relativ machtlos. Von Produktsicherheit im Internet keine Spur. Und das betrifft ganz viele verschiedene Warengruppen wie Tobias Bleyer erklärt: "Ganz klar, oben stehen die Spielzeuge. Danach kommen die Bedarfsgegenstände, wie Kleidung oder Schmuck, die durch verbotene Inhaltsstoffe immer wieder auffällig werden."

Immerhin: Ebay reagiert sofort auf unsere Anfrage und schreibt: "Wir haben nach Ihrer Meldung eine Suche nach derartigen Produkten durchgeführt und entsprechende Angebote gelöscht. Zudem haben unsere Kollegen in China die dortigen Verkäufer über die Rapex Meldung informiert und aufgefordert, diese Produkte nicht mehr anzubieten."

Das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung
Das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung  | Bild: BR

Zurück zu den Wissenschaftlern in Freising. Sie haben ihre Analysen inzwischen abgeschlossen. Für den komischen Geruch der Squishies gibt es eine eindeutige Erklärung, meint Christoph Wiedmer vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung: "Zum einen haben wir große Mengen von Lösungsmittel gefunden. Zum anderen wurden Aromastoffe zugesetzt, die kokosartig oder karamellartig riechen. Und es steht die Vermutung im Raum, dass diese zugesetzt wurden, um den Fehlgeruch zu übertünchen."

Doch die für die Augen und die Atemwege gefährlichen Stoffe dünsten trotzdem weiter aus, und das Problem, das die dänischen Behörden erkannt haben, bleibt bestehen.

Von Johannes Thürmer und Martina Schuster

Stand: 28.11.2018 23:12 Uhr

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