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Das leise Sterben der Geschäfte

PlayDer Einzelhandel hat im Zuge der Corona-Maßnahmen hohe Umsatzeinbußen hinnehmen müssen.
Das leise Sterben der Geschäfte | Video verfügbar bis 30.06.2022 | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt

  • Viele Unternehmen haben den mehrfachen Lockdown nicht überlebt. Doch laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zurzeit sogar zurück.
  • Die Politik jubelt und lobt ihre Corona-Maßnahmen. Doch viele Ladenbesitzer und Gastronomen melden keine Insolvenz an, sondern sperren ihr Geschäft einfach zu.
  • Tausende Arbeitsplätze fallen weg, in den Innenstädten stehen viele Geschäfte leer.
  • Jetzt schlagen Experten Alarm: Ein Ende der Geschäftsschließungen ist nicht in Sicht. Plusminus über das leise Sterben in den Innenstädten.

Leerstehende Läden und verwaiste Straßen: In zahlreichen deutschen Städten werden allmählich die Auswirkungen von Corona sichtbar. Vor allem die kleinen, inhabergeführten Geschäfte und Lokale geben vielerorts auf.

Petra Weigert in ihrem Schuhladen
Petra Weigert in ihrem Schuhladen | Bild: BR

Petra Weigert hat in München einen kleinen Schuhladen. Ende August wird sie das Geschäft schließen. Der Grund: die Corona-Epidemie. Seit Monaten hat sie kaum noch Einnahmen, aber hohe Fixkosten. "Als ich vor kurzem die Bankeinzahlungen für meine monatliche Miete von 2500 Euro gemacht habe", so erzählt Petra Weigert, "da habe ich festgestellt, dass allmählich mein ganzes Alterspolster weggeht. Und dann habe ich für mich alles durchgerechnet und festgestellt, dass ich die Reißleine ziehen und schließen muss. Leider!" Damit steht die Schuhhändlerin nicht allein da.

Leiser Abgang

Viele Unternehmen sperren zu, bevor sich Schuldenberge anhäufen und es zur Insolvenz kommt, erklärt Ökonom Georg Licht vom ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. "Die Insolvenzen machen nur einen vergleichsweisen geringen Teil der Unternehmensschließungen aus. Der langfristige Durchschnitt liegt bei ungefähr 15 Prozent."

Joachim Ragnitz vom ifo Institut in Dresden
Joachim Ragnitz vom ifo Institut in Dresden | Bild: BR

Laut Statistischem Bundesamt sind die Insolvenzzahlen im ersten Quartal 2021 im Vergleich zum Vorjahr sogar gesunken. Doch diese Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig, wie Joachim Ragnitz vom ifo Institut in Dresden erläutert. "Die Insolvenzstatistik liefert nur ein unvollständiges Bild der tatsächlichen Unternehmensdynamik, weil nur die Unternehmen erfasst werden, die zahlungsunfähig werden. All jene Unternehmen, die einen privathaftenden Gesellschafter haben, der mit seinem Privatvermögen oder Eigenheim haftet, werden gar nicht Insolvenz anmelden und sind in der Statistik gar nicht erfasst."

Altersvorsorge aufgebraucht

In Dresden haben bereits über 100 Läden wegen der Folgen von Corona geschlossen, wie uns die City-Managerin Friederike Wachtel, berichtet. Sie führt uns zu Peggy Hauser, Inhaberin eines Schreibwarenladens. Wie lange sie noch durchhalten kann, weiß diese nicht. Denn langsam wird es eng für sie und viele andere Geschäftsinhaber.

Friederike Wachtel vom City Management Dresden
Friederike Wachtel vom City Management Dresden | Bild: BR

"Es sind nun Altersvorsorgen aufgebraucht", berichtet Friederike Wachtel vom City Management Dresden. "Es wurden viele Rücklagen aufgebraucht, es fehlt der Unternehmerlohn. Es gibt einige Überbrückungshilfen, die bis heute nicht angekommen sind. Und das ist natürlich besorgniserregend, besonders für Inhabergeführte Geschäfte."

Und genau diese kleinen Läden sind es, die derzeit reihenweise verschwinden ohne Insolvenz anzumelden.

Für immer zu

Auch im wenige Kilometer entfernten Großenhain gibt der erste Laden coronabedingt auf: das Modegeschäft von Sylvia Kaube. Ausgerechnet zum 30-jährigen Geschäftsjubiläum muss sie schließen und ihre Angestellten entlassen.

Das Modegeschäft von Sylvia Kaube
Modegeschäft von Sylvia Kaube | Bild: BR

"Alle Warenrechnungen sind bezahlt", erzählt Sylvia Kaube. Die Personalkosten werden wir auch packen. Insofern geht das Leben weiter. Aber es ist ein Herzstück, mit dem man groß geworden ist, das mitgewachsen ist, und jetzt heißt es Abschied nehmen." Der Oberbürgermeister von Großenhain, Sven Mißbach, befürchtet, dass diese Geschäftsschließung kein Einzelfall bleibt. "Die Pandemie sorgt dafür, dass Umsatzverluste im größeren Umfang eingetreten sind, die die kleinen Geschäfte und die inhabergeführten Geschäfte nicht mehr auffangen können. Und das ist ein Brandbeschleuniger, und das ist die große Gefahr."

Und wie sieht die Bundesregierung die Situation? In der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion heißt es, die Unterstützungsmaßnahmen der Regierung hätten geholfen. Und weiter heißt es: "Dementsprechend dürfte auch nur eine Minderheit der Unternehmen von einer Überschuldung bedroht sein. (…) Mangels detaillierter Daten ist eine Einschätzung zu einzelnen betroffenen Branchen nicht möglich."

Leerstand von 25 Prozent

Fakt ist: In den Innenstädten sind die Corona-Auswirkungen sichtbar. In immer mehr Klein- und Mittelstädten stehen Gewerbeimmobilien leer – zum Teil bis zu 25 Prozent. Und sogar in Boom-Städten spürt man das Problem deutlich, wie Immobilien-Experte Prof. Stephan Kippes vom IVD Süd erklärt. "Wir haben einen ganz klaren Rückgang bei den Ladenlokalmieten quer durch die Bank, speziell in den 1a-Geschäftslagen. In München ist zum Beispiel im letzten halben Jahr in der Kaufingerstraße die Miete um 20 Prozent gesunken. Und das ist für so eine eigentlich sehr, sehr gute Lage schon beachtlich."

Arndt Geiwitz
Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz  | Bild: BR

Manche Innenstädte drohen sogar zu veröden, befürchtet Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz von der Kanzlei SGP Schneider Geiwitz & Partner. "Das wird bedeuten, dass wir in vielen Innenstädten nur noch einfachere Mieter bekommen wie 1-Euro-Shops oder Tattoo-Läden. Das heißt, die Mieten werden nach unten gehen, und damit werden wir insbesondere in den kleineren Städten ein ganz verändertes Bild bekommen. Die Attraktivität, so ist zu befürchten, sinkt, und es ist auch zu befürchten, dass in kleineren und mittleren Städten die Innenstädte zu sozialen Brennpunkten werden."

Promi-Wirt gibt auf

Corona trifft auch die Gastronomie. Wir treffen Günther Grauer vor seinem ehemaligen Lokal, der Roy-Bar in der Münchner Innenstadt. Stars wie Michael Jackson oder Tina Turner gingen hier früher ein und aus. "Das sind Geschichten, die man nie vergisst, erzählt er. "Chris de Burgh war da. Wenn er in München war, ist er meistens ins Roy gegangen, nach seinen Konzerten. Thomas Gottschalk war früher da, Caterina Valente, Ivan Rebroff."

Prominenter Besuch in der Roy-Bar
Prominenter Besuch in der Roy-Bar | Bild: BR

Doch jetzt ist Schluss. Aufgrund der Corona-Schließungen war eine Fortführung des Nachtlokals nicht mehr rentabel. "Es ist schade", sagt Günther Grauer. "So ein Ende von einem seit 63 Jahren bestehenden Lokal mit allen Höhen, die dieses Lokal gehabt hat, das alles so zu beenden, das ist schon traurig."

Ein leiser Abgang, wie er derzeit oft zu beobachten ist. Zahlreiche Restaurants, Bars und kleine Läden verschwinden aus dem Stadtbild und kommen meist in keiner Insolvenz-Statistik vor.

(Bericht: Martina Schuster, Johannes Thürmer/BR)
(Stand: Juni 2021)

Stand: 19.07.2021 18:12 Uhr

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