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Einzelhandel nach dem Corona-Lockdown: Wie geht's weiter?

PlayEin Buchladen in Murnau
Einzelhandel nach dem Corona-Lockdown: Wie geht's weiter? | Video verfügbar bis 10.02.2022 | Bild: BR

  • Lockdown, Umsatzeinbruch, Ladensterben, deutschen Innenstädten droht Verödung.
  • Geschäftsleute stemmen sich mit Kreativität und Verhandlungsgeschick gegen die Krise.
  • Stadtplaner sehen in der Coronakrise eine historische Chance für den Wandel der Citys.

Zwei Skelette sitzen am Tisch und dinieren zusammen: Dekoration und Sinnbild für die Situation im Schaufenster des Restaurant Ferdings in München. Der Chef macht einen regelmäßigen Kontrollgang. Alleine schon wegen Legionellengefahr muss alle paar Tage das Wasser laufen. Sonst herrscht hier nur Stillstand und Warten auf Staatshilfen.

Christian Schmitt-Nerding vom Restaurant Ferndings sagt: "Wenn die Hilfen kommen, würden wir es noch schaffen bis Mai Juni, ohne die Hilfen, wird es ab nächsten Monat eng."

Corona zum Opfer gefallen

Direkt neben dem Münchner Rathaus musste wegen Corona das bayerische Traditionslokal Donisl bereits schließen. Der Wirt kündigte die Pacht, es fehlten die vielen Touristen und Messebesucher, die hier sonst eingekehrt sind. Gleich gegenüber unmittelbar in den Passagen des Rathauses der nächste Leerstand, das Sporthaus Münzinger. Es war Münchens ältestes Sportgeschäft. Nach 132 Jahren musste der ehemalige königliche Hoflieferant zum Jahreswechsel aufgeben.

Das Sporthaus Münzinger musste schließen
Das Sporthaus Münzinger musste schließen | Bild: BR

Der Chef Florian Schuster trennte sich von der Rathaus-Filiale um sein Haupthaus zu retten, wegen Corona blieben immer mehr Kunden weg. Florian Schuster: "Es waren ganz unterschiedliche Aspekte, die da zusammengespielt haben. Tourismus, Emotionalität im Fußball, die erodiert ist, und all das in Summe hat dann dazu geführt, in Ergänzung durch Corona dazu geführt, dass wir uns von der Firma Münzinger haben verabschieden müssen. Ein sehr schwerer und emotionaler Entschluss."

In der Fußgängerzone weitere Leerstände: sogar Filialen großer Ketten wie s.Oliver, Pimky oder Orsay haben aufgegeben. Traditionsgeschäfte machen Pleite, die Kunden fehlen.

Improvisieren, um zu überleben

Zurück zu Florian Schuster, wenigstens seine Hauptfiliale in München will er durch den Lockdown retten. Weil die Skigebiete geschlossen sind, bleiben Abfahrtsskier und Stiefel in den Regalen stehen. Doch wie geht es weiter? Outdoorkleidung und Langlaufausrüstung finden über Click&collect und im Onlineshop noch Käufer. Damit kann Florian Schuster zumindest etwas Umsatz machen.

Sport Schuster in München
Sport Schuster in München | Bild: BR

Sommerware müsste er nun bestellen und bezahlen: riskant. Seine Einkäufer suchen mit den meist sehr vertrauten Herstellern das Gespräch: "Jetzt wollte ich noch mal auf dich zurückkommen, dass wir eine gemeinschaftliche Lösung finden, wie wir denn in die nächste Saison starten. A, wie kannst du mir vielleicht früher die Sommerware schicken und wie kannst du mir gegebenen falls auch mit den Beständen, die wir jetzt in der Wintersaison haben, aushelfen, sodass wir da einen Deal hinbekommen, der für uns beide dann funktioniert?"

Florian Schuster schätzt das Miteinander: "Mit den Herstellern ist es sehr sehr verständnisvoll, weil sowohl wir von den Herstellern wissen, als auch umgekehrt, dass wir alle mit dem Rücken zur Wand stehen. Und es ist mehr eine Frage des Miteinanders und des sich gegenseitig Unterstützens, als des Handels und Schacherns, um irgendwo den eigenen Vorteil ganz nach vorne zu stellen zu Lasten der Anderen. Das ist nicht der Fall."

Und nach dem Lockdown? Sport Schuster ist darauf angewiesen, dass die Kunden wieder in die Innenstadt kommen: "Wir versuchen eigentlich das, was wir immer tun, dass wir die Stadt München attraktiv machen, mit unserem Haus, mit unseren Mitarbeitern, mit der Kompetenz unserer Mitarbeiter und mit dem Einkaufserlebnis."

Welche Ideen können helfen?

Ortswechsel: Murnau am Alpenrand. Das besondere an der 12.000 Einwohner-Gemeinde: rund 80 Prozent der Innenstadt-Läden sind Inhaber geführt, es gibt kaum Filialen großer Ketten. Trotzdem kämpfen auch sie ums Überleben, wie Buchhändler Guntram Gattner. Er ist Vorsitzender des Vereins für Wirtschaftsförderung. Um den Lockdown zu überbrücken und die Kunden zu halten hat er für alle Mitgliedsunternehmen einen Lieferdienst auf die Beine gestellt zusammen mit dem örtlichen Verein "Menschen helfen". Den haben die Geschäftsleute vor Corona großzügig unterstützt, nun revanchiert sich der Verein und hilft mit Radkurieren aus, die ehrenamtlich Waren zu den Kunden bringen.

Mariensäule in Murnau
Mariensäule in Murnau | Bild: BR

Mehr noch: Damit die Läden nach dem Lockdown wieder laufen, tüftelt Gattner gemeinsam mit den anderen Geschäftsleuten an einer digitalen Werbekampagne. Der Ansatz: Kernmarke von Murnau sind die historischen Fassaden und die Unternehmerpersönlichkeiten, mit ihren Geschichten und ihrer Tradition.

Guntram Gattner vom Verein für Wirtschaftsförderung in Murnau setzt darauf: "Es sind auch sehr eigene Typen und ich finde, das macht es doch interessant, auch für Leute, die von außen kommen, Münchner, Urlauber, Touristen."

Lieferservice in Murnau
Lieferservice in Murnau | Bild: BR

Besprechung im Murnauer Rathaus mit den Kolleginnen der Touristinformation. Sie präsentieren 360 Grad Videos von Murnau, die künftig auf der Website der Marktgemeinde zu sehen sein werden. Beim virtuellen Bummel durch den Ortskern können Besucher dann über einen Button in die Geschäfte eintreten und sich im Laden umsehen. Die integrierten Porträts der Unternehmerinnen und Unternehmer sollen Kundenbindung schaffen.

Austauschbare Ladenzeilen

In der Münchner Fußgängerzone wäre so ein Konzept wie in Murnau nicht möglich. Denn 96 Prozent der Geschäfte sind Filialen großer Ketten. Für Kritiker eine austauschbare Shoppingmeile. Welche Rezepte gibt es für größere Innenstädte?

Neue Bauvorhaben

Ein privates Großbauprojekt in der Münchner Innenstadt. Bereits vor Corona wurde es geplant. Nun wird auch auf Druck der Stadt ein Weg der Mischnutzung eingeschlagen. Die so genannte alte Akademie wird saniert. Auf 22.000 Quadratmetern entsteht ein Mix aus Büros, Läden, Gastronomie und kleineren Wohnungen zur Miete. Bewusst keine Eigentumswohnungen. So sollen die Bürger wieder in die Stadt geholt und Lebensraum geschaffen werden. Ein bislang verschlossener Innenhof wird dann für die Besucher zum Verweilen geöffnet. Restaurierte Arkaden werden zum Bummeln einladen.

Stadtbaurätin Prof. Elisabeth Merk
Stadtbaurätin Prof. Elisabeth Merk | Bild: BR

Die Stadtbaurätin von München, Prof. Elisabeth Merk, setzt auf neue Konzepte: "Wir brauchen attraktive Freiräume in der Stadt, wo sich Menschen auch begegnen können und ich denke, die Eigentümer, aber auch die Unternehmen müssen eine größere Offenheit zeigen, auch neue Nutzungskonzepte mit neuen Akteuren einzugehen, und dann beispielsweise ihre Ladenlokale auch nach Umsatzmiete zu vermieten, um da einfach mehr Spielraum zu eröffnen."

Die Innenstadt der Zukunft

Gesa Ziemer, Professorin für Stadtforschung von der HafenCity Universität in Hamburg, sieht in der Coronakrise eine historische Chance, die Innenstädte neu aufzustellen: "Die Innenstadt der Zukunft ist auf jeden Fall ein vielfältiger Ort, ein belebter Ort, ein Ort, der nicht dunkel ist nachts nach 20 Uhr, so ist das ja heute eigentlich. Vor allem, ist es nicht nur ein Ort des Konsums, es ist eine Stadt für alle, eine Stadt, in der wir sein können, in der wir uns treffen können, in der wir bunte belebte vielfältige Erfahrungen machen können, die eben nicht nur Einkaufen sind."

Bericht: Reinhard Weber/BR
Stand: Februar 2021

Stand: 10.02.2021 22:56 Uhr

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