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Corona-Pandemie: Wie können Lieferketten sicherer gemacht werden?

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Corona-Pandemie: Wie können Lieferketten sicherer gemacht werden? | Video verfügbar bis 22.07.2021 | Bild: SWR

  • Kaum ein Land ist so verflochten in den globalen Handel wie Deutschland. Deshalb sind funktionierende Lieferketten besonders wichtig für Arbeitsplätze und Wohlstand im Land. 
  • Doch entlang der Transportwege lauern unterschiedlichste Gefahren: Neben der Corona-Pandemie lösen auch Handelskonflikte, Umweltkatastrophen und Kriminalität Lieferprobleme aus. In Folge kommt es immer wieder zu Unterversorgungen und plötzlichen Preissteigerungen. 
  • Doch statt die Produktionen zu renationalisieren, empfehlen Wirtschaftswissenschaftler, die Risiken entlang von Lieferketten zu managen und damit beherrschbar zu machen.
  • Mit Hilfe künstlicher Intelligenz werten auf Risikoanalysen spezialisierte Unternehmen Informationen weltweit aus und stellen Firmen frühzeitig Warnhinweise passend zu ihrer Lieferkette zur Verfügung.

Entlang der Lieferketten nach Deutschland drohen viele Risiken, wie Diebstähle, Unwetter, politische Unruhen oder Pandemien. Sie können den Güterstrom blockieren. Ein mit künstlicher Intelligenz gestütztes Risikomanagement kann Gefahren frühzeitig erkennen und eine störungsfreie Güterversorgung gewährleisten.

 Risiko: Kriminalität

Diebstahl der Ladung, Entführung von Transportern, Einbruch in Lagerhallen. Die Lieferketten sind im Fokus von Kriminellen, berichtet Thorsten Neumann vom weltgrößten Transportsicherheitsverband TAPA. Immer häufiger kommt es in Deutschland dadurch zu Störungen der Lieferketten und im schlimmsten Fall heißt das Produktionsstopp. Markus Prinz von der Spedition Hammer in Aachen fürchtet, dass Kriminelle Speditionen und Frachten beobachten: "Ich denke schon, dass man hier beobachtet wird. Die Kriminellen wissen, was sie wo finden. Die wissen, was an den Fahrzeugkontrollen drauf ist. Deswegen müssen wir sie angemessen schützen." Den Schaden allein in Deutschland durch Lieferkettenkriminalität beziffern Transportverbände auf 2,1 Milliarden Euro. Die EU gibt den Schaden für die gesamte Union mit 8,2 Milliarden Euro an.

Thorsten Neumann
Thorsten Neumann, CEO von TAPA | Bild: BR

Risikominimierung sei deshalb das Gebot der Stunde. Mitgliedsunternehmen des Transportsicherheitsverbands können dazu eine eigene Datenbank nutzen, erklärt Thorsten Neumann: "Sie können hier zum Beispiel eine Route planen. Sie können zum Beispiel sagen, meine Ware geht von Rotterdam nach Hamburg. Sie sind wirklich die ganze Zeit in einem Bereich, wo es zu sehr vielen Vorfällen kommt. Der Disponent plant erstmal die schnellste, kürzeste und kosteneffektivste Route."

Doch die mit den Sicherheitsvorfällen integrierte Straßenkarte zeigt auch andere, weniger gefährliche Routen an.

Lieferketten-Risiko Corona-Pandemie

Störungsfreie Lieferketten sind für keine große Volkswirtschaft so wichtig, wie für Deutschland. Nicht nur Kriminalität, sondern zum Beispiel auch Naturkatastrophen, politische Unruhen und auch Firmenpleiten von Lieferanten können den Warenfluss zum Stillstand bringen. Oder aktuell besonders problematisch, die Corona-Pandemie.

Ein Beispiel: Beim Traktorenhersteller AGCO-Fendt ahnt Mitte Februar niemand, dass sich wegen Corona ein Lieferproblem anbahnt. Ohne Scheibenwischer und die dazugehörigen Motoren, die gewöhnlich von einem Zulieferer aus Norditalien stammen, können die Fahrzeuge nicht ausgeliefert werden. Da stehen enorme Vertragsstrafen im Raum.

Risikomanagement stellt Versorgung sicher

Heiko Schwarz und sein Team von der Münchner Firma "riskmethods" identifizieren Risiken für Firmen entlang deren Lieferketten: auch für die Firma Fendt. Firmenchef Heiko Schwarz erklärt, wie man dem Problem auf die Spur kam. "Was Sie hier sehen, ist der Alert, der am 22. Februar an unseren Kunden gesendet wurde und über die Schulschließungen in der Lombardei, der Region Cordogno, berichtet hat." Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz wertet die Firma passend zum Warenweg Millionen von Meldungen aus, zu allen für die Lieferanten und die Wege unter Umständen relevanten Ereignisse.

James Sweeny, OLAF
James Sweeny, OLAF | Bild: BR

Die Meldung über die Corona-bedingte Schulschließung erkennt die künstliche Intelligenz für die Firma AGCO- Fendt als Risiko. Denn sie kann dem Scheibenwischer-Lieferanten in Norditalien drohen. Das System sendet deshalb eine Warnmeldung, ein sogenannes Alert, an den Traktorenhersteller. Im Headquarter von AGCO-Fendt in Atlanta Georgia erinnert sich Einkaufs-Vorstand Josip Tomasevic genau an den Fall: "Die ersten in Alerts, die wir bekommen hatten, waren an dem Samstag. Das heißt aber nicht, dass wir bis Montag gewartet haben, sondern es ist am Samstag noch Aktion losgetreten worden. Es war ja absolut eine Präzedenz-Situation, die wir so in der Form auch noch nicht kannten. Und die Lösung war dann die, dass wir so schnell einen Lieferanten aufgetan haben, der auch solche Lieferungsumfänge leisten kann." Außerdem konnte die Firma im engen Zeitfenster noch Waren aus Norditalien rausholen, vor dem endgültigen Shutdown dort.

Firmen können durchaus auf Störungen der Lieferwege vorbereitet sein, um Produktionsunterbrechungen abzuwehren, meint Heiko Schwarz von der Firma "riskmethods". Es sei wie "Rauch am Horizont" ausmachen, der gegebenfalls die Geschäftspartner in finanzielle Schwierigkeiten bringen könne. Wichtig sei: "Was kann ich tun, um diese Risiken aktiv und präventiv zu steuern, um nicht nur immer in dem Firefighting-Krisenmodus zu sein, wenn ich eiskalt von einem Risiko erwischt werde, sondern das Lenkrad am Steuer zu haben und wirklich proaktiv die Struktur der Risiko-Exponierung zu managen".

Re-Nationalisierung würde Deutschland ärmer machen

Professorin Lisandra Flach
Professorin Lisandra Flach | Bild: BR

Eine Rückverlagerung der Produktionen nach Deutschland hält die Wirtschaftsexpertin des Zentrums für Außenwirtschaft am ifo Institut, Professorin Lisandra Flach, für den falschen Weg. Das würde die Volkswirtschaft ärmer machen: "Wir haben in einer neuen Studie gezeigt, dass der Rückzug aus der Globalisierung eher zu Wohlfahrtsverlusten führt. Und deswegen ist eine De-Globalisierung sozusagen keine Lösung für die aktuelle Krise, sondern eher eine stärkere Diversifizierung der Lieferkette."

Risiko Produktfälscher

Ein weiteres Risiko zeigt sich jetzt in der Corona-Pandemie deutlich. Produktfälscher schleusen ihre illegale Ware in legale Lieferketten ein. Auch gefälschte Mund- und Nasenschutzmasken. In vielen Ländern der EU werden sie im März verkauft, inklusive deutscher Zertifizierung des TÜV Süd. Auch die ist gefälscht. Ein enormes Risiko für Bürger in ganz Europa, warnt James Sweeny von der EU-Betrugsbekämpfungsbehörde OLAF. Dort hat man hat aufgedeckt, wie die Kriminellen in die legale Lieferkette eingedrungen sind: "Diese Firmen sind eigentlich legal gegründet worden. Das geht in den meisten Ländern und dauert nicht lange. Sie geben an, sie zahlen Steuern. Und mit diesen Firmen verlängern sie dann die Lieferkette, sie fügen diese Firmen künstlich in die Kette ein. Damit verschleiern sie die eigentliche Herkunft der gefälschten Produkte."  OLAF rät den Firmen, stets die Lieferanten genau zu überprüfen.

Bericht: Sabina Wolf

Stand: 24.07.2020 09:07 Uhr

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