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Corona und die Wirtschaft: Steht Deutschland wirklich still?

PlayMitarbeiter in Metallbaufirma
Shutdown, leere Auftragsbücher, Kurzarbeit - wie lange kann das gut gehen? | Video verfügbar bis 08.04.2021 | Bild: plusminus

• Angesichts der Corona-Krise haben führende Wirtschaftsinstitute eine Prognose für verschiedene Branchen veröffentlicht.
• Dem verarbeitenden Gewerbe und dem Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe sagen sie einen Rückgang zwischen 9,3 und 10 Prozent voraus – wenn die Beschränkungen Ende April gelockert werden.
• Ein Wachstum von 1,7 Prozent wird hingegen dem Baugewerbe prognostiziert.
• Der DGB fordert, dass Kurzarbeit Menschen nicht in Notlagen bringen darf.

Steffen Pieper, Geschäftsführer der Kama Maschinenbau GmbH
Steffen Pieper, Geschäftsführer der Kama Maschinenbau GmbH | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Noch im Februar wurde beim Maschinenbauunternehmen Kama in Dresden teilweise im Dreischichtbetrieb gearbeitet. 120 Ingenieure und Facharbeiter stellen Falt- und Stanzmaschinen her. Der Betrieb liefert in alle Welt. Doch jetzt hat Geschäftsführer Steffen Pieper vorerst für die Hälfte der Belegschaft Kurzarbeit angemeldet. Wie es weitergeht, weiß er nicht, aber er weiß, wie die Entwicklung weitergeht, wenn sich nichts ändert: "Wenn nicht noch zusätzliche Aufträge kommen, dann wird das gegen Ende Mai nahezu auf Null gehen."

Vorfinanziert, aber noch nicht bezahlt

Blick in die Kama Maschinenbau GmbH
Die Corona-Krise gefährdet das Geschäft der Kama Maschinenbau GmbH | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das Problem: Maschinen, die hier vorfinanziert und vor kurzem fertiggestellt wurden, können wegen der Corona-Krise nicht ausgeliefert werden. Pieper zeigt auf eine Maschine, die nach Polen transportiert werden sollte: "Leider hat der Kunde jetzt den Auftrag verschoben, weil wir natürlich auch nicht montieren können in Polen. Die Grenze ist ja geschlossen."

Insgesamt geht es um Maschinen im Wert von 1,5 Millionen Euro, die wegen der Grenzschließungen weltweit nicht montiert werden können – und deshalb vorerst auch nicht bezahlt werden.

Wirtschaftsinstitute geben Prognose heraus

Prof. Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
Prof. Oliver Holtemöller spricht von einer "Schockstarre" | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen von einer Wirtschaft im Schock. Auf einer Online-Konferenz stellten sie am 8. März ihre gemeinsame Prognose vor. Einer der Teilnehmer ist Prof. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er sagt: "Die Krise kam schnell, wie ein Schock. Und sie führt zu einer gewissen Starre in einzelnen Bereichen. Wir haben zeitweise über den Begriff 'Schockstarre' diskutiert, ob wir den verwenden. Es ist eine Situation, die schnell über uns kam und die viele Bereiche der Wirtschaft kurzfristig lähmt."

Für das verarbeitende Gewerbe zu dem auch der Maschinenbauer Kama gehört, gehen die Wirtschaftsforscher für das laufende Jahr von einem Rückgang um 9,3 Prozent aus. Dabei wird allerdings vorausgesetzt, dass die Schließung von großen Teilen der Wirtschaft  Mitte April endet.

Leerer Kalender, leere Kassen

Matthias Goßler, Inhaber "Splitter – Manufaktur für Veranstaltungen"
Matthias Goßler, Inhaber "Splitter – Manufaktur für Veranstaltungen" | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Messebauer Matthias Goßler aus Sachsen-Anhalt hat sich auf Veranstaltungen spezialisiert. Normalerweise ist der Inhaber von "Splitter – Manufaktur für Veranstaltungen" zu dieser Jahreszeit gut beschäftigt. Die Technik, die jetzt im Einsatz wäre, befindet sich nun aber in seinem Lager. Dabei sah im Januar alles noch nach einem erfolgreichen Jahr aus. Der Terminkalender im ersten Quartal war gut gefüllt und Goßler zufrieden: "2020 ist eigentlich sehr gut gestartet. Wir hatten im Januar und Februar ein Umsatzplus." Doch nun sind Messen, Konzerte und andere Veranstaltungen abgesagt oder verschoben. In Matthias Goßlers Kalender herrscht darum ab März gähnende Leere. Die allgemeine Ungewissheit macht sich ebenfalls bemerkbar: "Die Schwierigkeit in unserer Branche ist, dass aktuell sich Kunden schwertun, Aufträge auszulösen, auch schon für die Zeit im Spätsommer oder zweite Jahreshälfte, weil keiner weiß, wie die Regelungen dann sein werden. Und keiner möchte jetzt bestimmte Veranstaltungsplanungen bezahlen. Das ist schon echt ein schwieriges Segment."

Matthias Goßler stellt sich auf schwere Zeiten ein und versucht dennoch der Krise zu trotzen. Er zeigt uns Entwürfe für ambulante Behandlungszentren, die er kurzfristig aus Messematerial errichten könnte. Ähnliche Module hat er Anfang der Woche bereits an ein Krankenhaus in Bitterfeld-Wolfen ausgeliefert. So wichtig solche Aufträge gerade sind, so können sie die Verluste doch nicht annähernd ausgleichen. Für seine 15 Mitarbeiter hat Matthias Goßler deshalb Kurzarbeit angemeldet.

DGB: Kurzarbeit darf nicht zu Notlagen führen

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des DGB
der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Deutschen Gewerkschaftsbund sieht in der Kurzarbeit ein entscheidendes Mittel den derzeitigen Einbruch zu überbrücken. Allerdings könnten vor allem Beschäftige im Niedriglohnsektor in finanzielle Notlagen geraten, wie Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes befürchtet: "Gerade in solchen schwierigen Zeiten, wo es darum geht, Beschäftigung zu sichern und Unternehmen zu retten, dürfen die Beschäftigten nicht in die Sozialhilfe abgedrängt werden, weil das wäre die Konsequenz für viele Millionen Beschäftigte, wenn wir das Kurzarbeitergeld nicht aufstocken, dass dann der Gang zum Sozialamt vorprogrammiert ist. Das kann keiner wollen."  

Schon Ende März hatten laut der Bundesagentur für Arbeit 470.000 Betriebe Kurzarbeit angezeigt. Zum Vergleich: Als die Finanzkrise im Juni 2009 ihren Höhepunkt erreichte waren es nur rund 63.900 Betriebe. 

Grafik: Betriebe mit Kurzarbeit 2020 und 2009
Im März 2020 erreichte die Zahl der Betriebe mit Kurzarbeit ihren Höchststand. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Vergleichsweise unbeschadet könnte die Bauwirtschaft durch die Krise kommen. Für das Baugewerbe sagen die Experten für dieses Jahr sogar ein moderates Wachstum von 1,7 Prozent voraus.

Umsatzeinbrüche im Handel

Christoph Lux, Inhaber der Lux Team GmbH
Christoph Lux, Inhaber der Lux Team GmbH | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Besonders hart trifft die Krise dagegen den Handel. Der Elektrofachmarkt von Christoph Lux in Köthen, Sachsen-Anhalt ist wie zehntausende Geschäfte seit drei Wochen geschlossen. Über Telefon und Internet versucht der Inhaber Kontakt zu seinen Kunden in der Region zu halten. Vor seinem Geschäft hat Lux eine Abholstation aufgebaut, damit Kunden ihre Ware trotz der Schließung jederzeit abholen können. Die Einbußen sind trotzdem enorm, wie er erklärt:

"Wir sehen ganz klar, was uns im stationären Handel weggebrochen ist, weil der Laden jetzt geschlossen ist. Das kann ich schon betiteln. Wir liegen jetzt schon bei über 60 Prozent im Verlust."

Zusammen mit Betriebspartner und Kooperation geht er davon aus, dass sich die Lage weiter verschlechtern wird und die Umsatzeinbrüche von 75 Prozent auf sie zukommen könnten.

So viel wie der Verteidigungshaushalt

Prof. Clemens Fuest vom Ifo-Institut München
Prof. Clemens Fuest vom Ifo-Institut München | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Für den Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe prognostizieren die Wirtschaftsforscher auf das Gesamtjahr gerechnet einen Einbruch von fast zehn Prozent. Auch hier geht die Prognose davon aus, dass der sogenannte Shutdown Mitte April zumindest teilweise beendet wird. Eine Verlängerung hingegen, würde laut Prof. Clemens Fuest vom Ifo-Institut München noch teurer werden: "Wenn wir ihn verlängern, müssen wir damit rechnen, dass die Kosten immer höher werden. Wir reden hier wirklich über astronomische Summen. Jede Woche, die wir den Shutdown weiter verlängern, das zeigen Szenarien, jede Woche kostet uns etwa 40 Milliarden Euro. Das entspricht unserem Verteidigungshaushalt in diesem Land."

Für weite Teile der Wirtschaft bleibt deshalb die entscheidende Frage: Wann ist mit einer Lockerung der Einschränkungen zu rechnen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit?

Autorinnen und Autoren: Nadine Scheer, Wolfram Huke, Mario Unger, Thomas Falkner
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.04.2020 11:44 Uhr

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