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Corona-Krise: Wie Unternehmen um das Überleben kämpfen

PlayIn der Firma Wanzl werden Einkaufswagen gefertigt.
Corona-Krise: Wie Unternehmen um das Überleben kämpfen | Video verfügbar bis 29.04.2021 | Bild: BR

Es ist die größte Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik: Viele Unternehmen trifft die Coronakrise sehr hart. Manche Produktionen stehen still, andere Firmen arbeiten kurz und manche kommen gut durch. Bereits Anfang März berichtete Plusminus über die Situation mittelständischer Firmen. Drei von Ihnen hat Plusminus zwei Monate während der Coronakrise begleitet und eine Chronologie der Krise mit Höhen und Tiefen miterlebt.

28. Februar

In Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut 53 Corona-Infizierte und stuft erstmals das Risiko für die Bevölkerung ein, noch als "gering bis mäßig". Europaweit dürfen große Messen nicht mehr stattfinden.

3. März

Geschäftsfüher Michael Lex
Geschäftsfüher Michael Lex | Bild: BR

Ihn trifft es: Messebauer Michael Lex aus Maisach bei München. Gerade platzt ein Auftrag für eine Immobilienmesse in Frankreich. Der Vierzigtonner war fertig beladen, nun muss alles zurück ins Lager. Michael Lex, Geschäftsführer, Max Rappenglitz GmbH: "Der Auftragswert sind ungefähr eine Viertel Million Euro und die fehlt uns natürlich erst mal."

Statt Aufträge kommen während eines Tages mehrere Absagen. Bei ihm und seinen Mitarbeitern macht sich Angst breit. Hermann Eger, Mitarbeiter, Rappenglitz GmbH: "Jeder muss seine Miete weiterzahlen und daheim das Haus in Schuss halten."

4. März

Die Kukla-Logistik in München. Geschäftsführer Knut Sander bemerkt mehr Nachfrage nach Transporten an der Frachtbörse. Seine Spedition arbeitet weltweit und bewegt rund 60.000 LKW-Ladungen im Jahr auf Straße, Schiene und Wasser. Der Schwerpunkt: Lebensmittel. Seine Disponenten buchen für heute 120 zusätzliche Fahrten für einen Discounter, um die leeren Regale wegen der Hamsterkäufe wieder zu füllen. Gleichzeitig bekommen sie Druck von ihren Auftraggebern, einen Corona-Notfallplan vorzulegen.

Geschäftsfüher Knut Sander
Geschäftsfüher Knut Sander | Bild: BR

Knut Sander, Geschäftsführer, Robert Kukla GmbH: "Wenn wir jetzt zwei Wochen nicht arbeiten können, auf Grund der Tatsache, dass sich ein Mitarbeiter infizieren würde, würde es eine Firma, die es seit fast 80 Jahren gibt, in zwei Wochen wahrscheinlich nicht mehr geben. Weil in der Logistik, wir müssen Tag und Nacht verfügbar sein."

10. März

Die Firma Wanzl aus Leipheim in Schwaben: mit über 5000 Mitarbeitern Weltmarktführer in der Produktion von Einkaufswagen. Ihr Werk in China musste auf Anordnung der Behörden schließen. Um die Aufträge trotzdem erfüllen zu können verlegt das Unternehmen diese Produktion gerade mit Zusatzschichten in den deutschen Stammsitz. Den Stahl dafür bestellt Wanzl jetzt in Italien. Sie brauchen offene Grenzen und Planungssicherheit.

Markus Spengler, Leiter Logistik, Wanzl GmbH & Co. KGaA: "Damit die Wirtschaft nicht zum Erliegen kommt, benötigen wir in so einer Situation von der Politik klare, verbindliche und zuverlässige Aussagen."

11. März

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: "Es geht darum, dass dieses Virus die deutsche Volkswirtschaft nicht infiziert."

Das Messebau-Unternehmen Rappenglitz
Das Messebau-Unternehmen Rappenglitz | Bild: BR

Die Messebaufirma von Michael Lex hat bereits 2 Millionen Euro Umsatzverlust. "Uns sind innerhalb von einer Woche eigentlich alle Aufträge für das Frühjahr 2020 weggefallen. Wir hatten eine sehr gute Auftragslage, wir haben gar keine Arbeit mehr für meine Mitarbeiter."

Michael Lex bleibt keine andere Wahl. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte wird es Kurzarbeit geben. "Wir möchten keinem einzigen Mitarbeiter kündigen müssen wegen Corona."

18. März

Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Es ist ernst."

19. März

Bundesfinanzminister Olaf Scholz: "Wir werden alles tun, was notwendig ist."

27. März

Freitagvormittag. Absoluter Stillstand beim Messebauer Michael Lex. Der Chef öffnet uns selbst die Tür. Er ist alleine in der Firma, keine Mitarbeiter, keine Sekretärin, Kurzarbeit, er macht selber Telefondienst für die wenigen Anrufe – weiterhin nur Absagen. In der Schreinerei Totenstille. Michael Lex, Geschäftsführer, Max Rappenglitz GmbH: "einfach traurig, mit ursprünglich vollen Auftragsbüchern, jetzt für sechs Monate die komplette Arbeit verloren zu haben ist wirklich bitter." – "Wie gehen Sie damit persönlich um?" – "Das ist eine gute Frage, ich versuche das Beste daraus zu machen und nach vorne zu schauen. Ich habe großartige Mitarbeiter, an denen ich auch festhalte und ich gehe ganz fest davon aus, dass es wieder weitergehen wird."

Die Firma Kukla in München
Die Firma Kukla in München | Bild: BR

Währenddessen kämpft die Spedition Kukla mit dem strengen Shutdown in Italien. Videokonferenz mit dem Vertriebsleiter Fabio Allinger in Mailand. Trotz Fahrerengpass und Verspätungen rollen die Lebensmitteltransporte von Italien. Die Frage ist nur, können die Auftraggeber auch zahlen?

Knut Sander: "Ich habe gerade noch mal geschrieben, dass wir jetzt gerade sehr aktuell auf Liquidität achten müssen, weil die Sorge ist schon da, dass wir zwar alle Transporte retten und gut hinbekommen und Stabilität dort haben, nur dass das ganze Marktumfeld so schwach wird, dass wir hier in Forderungsausfälle reinlaufen."

Videokonferenz bei der Firma Kukla
Videokonferenz bei der Firma Kukla | Bild: BR

Von Möbel- und Autoindustrie brechen Aufträge weg, doch das nimmt Geschäftsführer Knut Sander noch gelassen: "Das überkompensieren wir aber über Lebensmitteltransporte, und da glaube ich schon, das kommunizieren wir auch an die Mitarbeiter, dass wir da systemrelevant sind, also wir sorgen dafür, dass der Nachschub funktioniert in Europa und auch in Deutschland und da sind wir alle ein bisschen stolz drauf."

30. März

Zurück in Leipheim beim Einkaufswagenbauer Wanzl. Geschäftsführer Klaus Meier-Kortwig trifft eine schwerwiegende Entscheidung. Die Fabrik soll Corona-gerecht umgerüstet werden. Dafür ließ er die Produktion runterfahren, die Mitarbeiter hatte er für zwei Wochen nach Hause geschickt. Lagebesprechung mit der Taskforce: Schutzwände, Abstandsflächen, Desinfektion, alles soll organisiert werden.

Dr. Klaus Meier-Kortwig, Geschäftsführer Wanzl GmbH & Co. KGaA: "Unser festes Ziel ist es am 14.4. nach Ostern, nach Osterdienstag wieder anzufahren in einem Umfeld, was den Mitarbeitern dann hoffentlich eine Sicherheit bietet gegen Infektion."

Ein kleiner Teil der Mitarbeiter ist noch da, um die Maßnahmen umzusetzen. Sie fertigen selber die Schutzwände und übernehmen die Neugestaltung der Produktionsabläufe und der Fabrik im Kampf gegen das Virus.

11. April

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Die Welt danach wird eine andere sein."

14. April

Desinfektions-Station bei der Firma Wanzl
Desinfektions-Station bei der Firma Wanzl | Bild: BR

Wanzl fährt die Produktion wieder hoch – Schichtbeginn. Eingangsschleusen blockieren den Zugang zum Werksgelände. Erst wer sich die Hände desinfiziert, darf zur Arbeit. Denn der Hebel des Spenders ist elektronisch mit dem Drehkreuz gekoppelt. Benjamin Füssl, Mitarbeiter Wanzl GmbH & Co. KGaA: "Sehr sinnvoll eigentlich, da kann man schon die Gefahr minimieren, dass wir uns infizieren."

In der Halle überall Abstandsmarkierungen. Einzelne Produktionsbereiche werden in farbige Sektionen eingeteilt, deren Grenzen die Mitarbeiter nicht überschreiten sollen. Sogar der Zutritt zum Pausenraum wird gesteuert, nur elf Personen dürfen rein, normal wäre Platz für gut 30.

22. April

Der Geschäftsführer von Wanzl Klaus Meier-Kortwig meldet sich eine Woche nach dem Neustart der Produktion per Videoschalte. Erste Bilanz: "Die Mitarbeiter haben großes Verständnis, empfinden das auch als echte Wertschätzung, dass wir jetzt die Prozesse so verändert haben, dass die Mitarbeiter dort weitgehend geschützt arbeiten können, ein einfaches Beispiel wo es noch hakt, ist die Kaffeeküche, weil wir alle jetzt auf Kaffee verzichten müssen."

Bei der Spedition Kukla läuft der LKW-Verkehr nach Italien wieder reibungsloser. Andreas Witt muss Zigarettenfilter nach Valenza im Piemont bringen und dort Klopapier laden. Andreas Witt, LKW-Fahrer: "Klopapier ist Ware Nummer eins im Moment, heiß begehrt, früher hat man sich Gedanken gemacht, wenn man irgendwie Zigaretten oder Alkohol geladen hat, dass dann irgendwie die Plane aufgeschnitten wird, dass geklaut wird. Aber mittlerweile machen sie das auch bei Klopapier."

Knut Sander bei einer Raucherpause.
Knut Sander bei einer Raucherpause. | Bild: BR

Die Hamsterkäufe lassen nach. Der Lebensmitteltransport ist wieder auf Normalniveau. Die Aufträge der Möbel- und Autoindustrie sind für Geschäftsführer Knut Sander inzwischen völlig weggebrochen. Stress, eine Rauchpause hilft.

Knut Sander, Geschäftsführer, Robert Kukla GmbH: "Da geht’s uns wahrscheinlich besser als den meisten, das muss ich schon sagen, Transport geht immer, Lebensmittel gehen auch immer, da geht es uns noch ganz gut."

23. April

Tagesschau: "In Berlin hat sich der Koalitionsausschuss auf ein weiteres Milliardenschweres Hilfspaket für Bürger und Unternehmen verständigt."

27. April

Wieder einmal muss Messebauer Michael Lex die Liste der abgesagten Messen erweitern. Bis in den Herbst hinein muss er fast alles rot markieren. Er kann die politischen Vorgaben nicht nachvollziehen, warum Messen ausfallen sollen und appelliert an Entscheidungen mit Augenmaß. Michael Lex, Geschäftsführer, Max Rappenglitz GmbH: "Messen sind keine Bierfeste, auf Messen kann man Hygienestandards einhalten, man kann Gänge breiter machen, man kann Maskenpflichten einführen, ich denke das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge."

Er hofft auf eine rasche Lösung, sonst sind Rücklagen bald aufgebraucht und seine Firma wird die Coronakrise kaum überleben können.

Bericht: Reinhard Weber

Stand: 29.04.2020 22:45 Uhr

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