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Ost-Mopeds: Wie der Einigungsvertrag zu einer Geschäftsidee verhalf

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Ost-Mopeds: Geschäftsidee durch Einigungsvertrag  | Video verfügbar bis 24.07.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• DDR-Mopeds dürfen 60 Kilometer pro Stunde fahren, alle anderen nur 45.
• Die Ausnahmeregelung geht auf eine Klausel im Einigungsvertrag zurück.
• Damals wurde angenommen, dass die Ost-Mopeds nach und nach aus dem Verkehr verschwinden würden. Das war ein Irrtum.
• Wegen des Tempovorteils sind die DDR-Zweiräder nach wie vor äußerst beliebt.
• Am Traditionsstandort Suhl prosperiert heute ein Ersatzteilhersteller.

Überall in Ostdeutschland und zunehmend auch im Westen gibt es Werkstätten, die alte DDR-Mopeds wieder aufbauen. Die Zweiräder aus dem Osten erleben derzeit geradezu eine Renaissance – und das nicht ohne Grund. Gegenüber den West-Modellen haben die Ost-Mopeds nämlich einen wesentlichen Vorteil: Sie dürfen schneller fahren. Und damit lässt sich ein schönes Geschäft machen.

Werkstatt-Betreiber Tino Fuchs
Für Werkstatt-Betreiber Tino Fuchs lohnt sich der Umbau von DDR-Mopeds.  | Bild: MDR

Das beginnt meist mit Schrott, zum Beispiel mit einer schön rostigen, 40 Jahre alten Simson S 51 aus der DDR. Entscheidend ist die Plakette am Rahmen, aus der unter anderem das Baujahr hervorgeht, denn genau darauf kommt es an. Nun wird noch ein kompletter Satz Originalteile benötigt und schon kann es losgehen. Tino Fuchs erklärt, warum er und andere Werkstatt-Betreiber im Osten diese Geschäftsidee erfolgreich nutzen: "Du hast die alten Leute, die so etwas wieder haben wollen und die keine Motorrad-Fahrerlaubnis haben. Die wollen ein bisschen schneller fahren und nicht bloß so rumtuckeln. Und dann die Jugend, die will sowieso immer schnell fahren."

Wie alles begann

Die Mopeds wurden einst bei Simson in Suhl gebaut. Heute, fast 30 Jahre nach dem Produktionsende, boomt hier die Herstellung von Ersatzteilen – wegen eines Missverständnisses im Einigungsvertrag.

Chefkonstrukteur Joachim Scheibe
Joachim Scheibe war Chefkonstrukteur im VEB Simson Suhl Kleinkrafträder  | Bild: MDR

Die Geschichte beginnt in den 1960er-Jahren. Damals werden beim VEB Simson Suhl Kleinkrafträder konstruiert. Als es darum geht, wie schnell Schwalbe, Star und Spatz fahren dürfen, führen die Konstrukteure Tests durch. Sie finden heraus, dass 60 Kilometer pro Stunde als Höchstgeschwindigkeit am sichersten ist, wie sich der ehemalige Chefkonstrukteur Joachim Scheibe erinnert: "Weil man doch besser im Stadtverkehr mitschwimmen kann, während man mit 40 oder 45 oder 50 schon eher ein Hindernis ist."

Die Roller sind allgegenwärtig, etwa in DDR-Fernsehserien wie "Schwester Agnes". Sie sind preiswert und ohne Wartezeit erhältlich. Das ist wichtig für die Mobilität der DDR-Bürger. Zusammen mit den Nachfolgemodellen werden bis zur Wende mehr als drei Millionen Stück gebaut. Eine Simson ist in den 1980ern der Traum jedes DDR-Jugendlichen. Man fährt damit zur Schule, zum Date und sogar in den Urlaub.

Zu schnell für den Westen

DDR-Mopeds
DDR-Mopeds dürfen bis heute bis Tempo 60 fahren.  | Bild: MDR

Bei der Wiedervereinigung gibt es jedoch ein Problem: Sie sind zu schnell für den Westen. Dort dürfen Mopeds nämlich nur 50 fahren. Bei Simson hofft man, dass Tempo 60 bundesweit erlaubt wird. Noch heute hat Joachim Scheibe die Worte im Kopf, mit dem das Bundesverkehrsministerium das Ansinnen der Suhler ablehnte: "Ich zitiere wörtlich: 'Herr Scheibe hier geht es überhaupt nicht darum, bundesdeutsches Recht zu reformieren, auch wenn es noch so reformbedürftig ist. Hier geht es darum bundesdeutsches Recht im Beitrittsgebiet einzuführen. Auf Wiedersehen.'"

Ausnahme und Irrtum

Allerdings war es undenkbar, dass nun Hunderttausende Mopeds im Osten stillgelegt werden müssten. Also fand eine Übergangsklausel Einzug in den Einigungsvertrag. Nach ihr durften DDR-Mopeds, die vor dem 28. Februar 1992 zugelassen wurden, weiter 60 fahren. Dahinter stand auch die Erwartung, die Ost-Mopeds würden sowieso innerhalb weniger Jahre verrosten und nach und nach aus dem Verkehr verschwinden.

Linus Gunkel
Für Simson-Fahrer Linus Gunkel ist das Moped Freiheit und Spaß. | Bild: MDR

Beim Simson-Treffen Anfang Juli 2019 in Suhl wird klar, dass das damals ein Irrtum war. Auffällig ist, wie neu viele der Ost-Mopeds fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung aussehen. Das liegt nicht nur an der guten Pflege, sondern vor allem an den vielen neuen Bauteilen. Die Simson S51 von Linus Gunkel ist mit Baujahr 1983 mehr als doppelt so alt wie er. Er hat sie sogar selbst neu aufgebaut, inklusive Ladekabel fürs Handy. Für ihn ist das Moped Freiheit: "Ich komme von einem kleinen Dorf, da ist einfach die Beweglichkeit das Coole. Nicht mehr auf Mutti angewiesen, nicht mehr auf den Bus angewiesen, einfach fahren."

Schneller als die EU erlaubt

Lenker und Tacho einer Simson S51 aus Fahrerperspektive.
Aus der Perspektive der Fahrer ist das höhere Tempo ein erfreulicher Vorteil. | Bild: MDR

Das Entscheidende ist natürlich die Geschwindigkeit. 2002 führt die EU europaweit Tempo 45 für Kleinkrafträder ein. Die Klausel im Einigungsvertrag aber bleibt in Kraft. Darum dürfen die alten DDR-Mopeds der Konkurrenz weiter davon fahren. Das ist einmalig in Europa und für Fahrer wie Linus Gunkel ein Genuss: "Naja die Westmopeds haben 45, 50, das ist schon quasi so eine Verkehrsbremse. Wenn wir da einfach dran vorbeiziehen können, das ist einfach geil, macht halt Spaß."

Plakette als Nachweis

Rahmenplakette
Die Rahmenplakette gibt Auskunft über das Baujahr. | Bild: MDR

Wenn Tino Fuchs in seiner Werkstatt ein Moped wieder aufbaut, zerlegt er es oft erst einmal bis auf seinen Kern, den Rahmen – und der Plakette mit der Rahmennummer und Baujahr. Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg führt eine Kartei mit allen Rahmennummern von DDR-Mopeds. Dank dieser Rahmennummer ist jetzt die Wiederbelebung möglich. Der alte Rahmen wird neu lackiert. Dann werden fabrikneue Teile angeschraubt. Dank der einfachen DDR-Konstruktion ist das ganz leicht, erklärt Tino Fuchs: "Die Komponenten haben sich nur teilweise verbessert. Aber wenn ich jetzt die Räder nehme, Bremse, das sind die gleichen, das gleiche Prinzip wie 1960. Früher wurde einfach vieles einfacher gebaut."

Tausende für Tempo 60

Simson S51
Die Simson S51 gehört zu der Zweitaktfamilie aus Suhl. | Bild: MDR

Während anderswo der Elektroantrieb in Fahrt kommt, baut Tino Fuchs DDR-Technik von gestern neu zusammen. Der Zweitaktmotor ist technisch gnadenlos veraltet. Und der Preis ist nicht ohne. Für Teile und Arbeitszeit berechnet er 3.000 Euro. Ohne die Aussicht, legal 60 zu fahren, würde das kein Käufer hinblättern.

Aufschwung in Suhl

Falko Meyer
MZA-Chef Falko Meyer freut sich über die große Nachfrage. | Bild: MDR

In Suhl hat der Simson-Boom zu einem kleinen Wirtschaftswunder geführt. Denn 2003 war das Simson-Werk insolvent. Das Ende der Fahrzeugindustrie schien mit dem Ende der Moped-Produktion faktisch besiegelt. Ein neuer Investor übernahm die Ersatzteilproduktion – und hat gerade ein neues Vertriebszentrum eröffnet, so sehr boomt das Geschäft. Firmenchef Falko Meyer ist von der Umsatzentwicklung selbst überrascht: "Wir freuen uns natürlich und sehen da kein Ende. Sonst wäre ich so ein Risiko auch nicht eingegangen."

Neue Mopeds stellt die MZA GmbH nicht her, denn die würden mit Tempo 45 kaum Käufer finden. Aber das Ersatzteil-Geschäft floriert – wegen der Tempo-60-Klausel im Einigungsvertrag.

Die Rahmen gehen aus

Nur die Rahmen werden langsam knapp. Doch Hunderttausende Mopeds wurden exportiert, zum Beispiel nach Vietnam. Rahmen-Scouts machen sie ausfindig und bringen sie zurück nach Deutschland. Ein Ende der Simson-Erfolgsgeschichte ist also nicht in Sicht. Die Mopeds könnten noch Jahrzehnte fahren. Das freut auch den ehemaligen Chefkonstrukteur Joachim Scheibe:

"Wenn man natürlich heute nach so vielen Jahren auf die Straßen schaut und sieht das fahren, was man sich selber mal ausgedacht hat, das ist natürlich wohltuend."

Autorinnen und Autoren: Matthias Weidner, Deborah Zocher, Clemens Schmidt

Stand: 25.07.2019 14:24 Uhr

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