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Drohnen: Wie groß ist die Gefahr für Flugzeuge?

PlayEin Schild weist am Stuttgarter Flughafen auf ein Drohnenflugverbot hin.
Drohnen: Wie groß ist die Gefahr für Flugzeuge? | Video verfügbar bis 31.07.2020 | Bild: dpa / Christoph Schmidt

  • Die Deutsche Flugsicherung schlägt Alarm. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der verbotenen Drohnenflüge an deutschen Flughäfen nahezu verdoppelt. Dabei geht eine erhebliche Gefahr von den unbemannten Fluggeräten aus.
  • "Plusminus" zeigt erstmals Aufnahmen, die deutlich machen, welche Schäden Drohnen an Flugzeugen und Triebwerken verursachen können.
  • Erst vor wenigen Wochen musste der Betrieb am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main vorübergehend eingestellt werden. In London-Gatwick blieben die Flugzeuge wegen Drohnen-Alarm sogar über 30 Stunden am Boden.

Das Geschäft mit Drohnen boomt. Bereits eine Million Stück dieser ferngesteuerten Flugobjekt sind deutschlandweit verkauft worden. Tendenz steigend. Für viele sind Drohnen ein nettes Spielzeug. Starten sie aber am falschen Ort, kann dies drastische Folgen haben. So sind Drohnen inzwischen zu einer echten Gefahr für den Luftverkehr geworden. 

  • Dezember 2018: Drohnen-Alarm am Flughafen London Gatwick. Drei Tage lang legen mehrere Drohnen den Flugbetrieb lahm.
  • Januar 2019: Drohnen-Sichtung in London Heathrow. An Europas größten Flughafen werden eine Stunde lang alle Starts abgesagt.
  • Mai 2019 Der Flughafen Frankfurt steht für fast eine Stunde still. Die Ursache auch hier: eine Drohne.

Beim Fraunhofer Institut EMI in der Nähe von Freiburg im Breisgau untersuchen Wissenschaftler, wie gefährlich Kollisionen von Flugzeugen mit Drohnen sind. In einer Simulation werden Bauteile von Drohnen wie dieser Motor mit Flugzeuggeschwindigkeit auf Testplatten geschossen. Hochgeschwindigkeitskameras nehmen den Beschuss auf. Das Ergebnis zeigt, welche enormen Kräfte beim Aufprall wirken: Obwohl die Aluminium-Platte eine Stärke von acht Millimeter hat, wird sie deutlich verformt. Eine Cockpit-Scheibe oder ein Triebwerk wären wohl zerstört.

"Unsere Versuchsergebnisse, die wir bisher erhalten haben, legen nahe, dass von einer Kollision zwischen einem Flugzeug und einer Drohne eine erhebliche Gefährdung ausgehen kann", erklärt Sebastian Schopferer vom Fraunhofer Institut EMI. "Drohnen sind – wenn man es zum Beispiel mit einem Vogel vergleicht – vom Materialverhalten her deutlich anders und daher potentiell gefährlicher und können zu größeren Schädigungen führen."

Gefahr aus der Luft

Massive Schäden beim Aufprall also. Kein Wunder, dass die Flughäfen bei Drohnen-Sichtung sofort reagieren oft mit gravierenden Auswirkungen. Beispiel: Flughafen Frankfurt am Main. Am 9. Mai wurde der Flugbetrieb wegen einer Drohnenwarnung für eine Stunde eingestellt. Die Folge: an diesem Tag mussten 49 Flüge umgeleitet und 120 Flüge annulliert werden. Experten schätzen, dass jede Minute Stillstand an den großen deutschen Flughäfen rund 100.000 Euro Schaden verursacht. Besonders alarmierend: Die Zahl der unerlaubten Drohnenflüge an Flughäfen steigt extrem an wie wir von der Deutschen Flugsicherung in Langen bei Frankfurt erfahren. 

Einschlag einer Drohne in einen Flugzeugflügel
Einschlag einer Drohne in einen Flugzeugflügel | Bild: BR

"Die Behinderungen durch Drohnen im deutschen Luftraum nehmen zu", berichtet Ute Otterbein von der DFS Deutschen Flugsicherung. "Wir hatten im Jahr 2017 88 solcher Sichtungen und schon ein Jahr später schon 158, also beinahe eine Verdoppelung. Und insgesamt ist das für uns ein Anlass das Thema Drohnen mit einer hohen Priorität zu behandeln."

Das Problem: Drohnen sind für die gängigen Radarsysteme nicht sichtbar. Deshalb hat die Deutsche Flugsicherung mit der Deutschen Telekom ein System entwickelt, das Drohnen per Mobilfunk orten kann und den Standort in das internationale Flugleitsystem einbindet.

Gesichtete Drohne im Luftraum
Gesichtete Drohne im Luftraum | Bild: BR

Wir machen den Test und starten auf dem Gelände der Deutschen Flugsicherung einen Quadrocopter. Innerhalb weniger Sekunden ist das Fluggerät für die Flugsicherung sichtbar. Die Voraussetzung aber: Der Drohnenpilot spielt mit und baut eine entsprechende Elektronik ein. Doch längst nicht alle Drohnenpiloten kooperieren. Und die Gefahr geht nicht nur von Terroristen aus oder – wie im Fall von Gatwick vermutet – von Umweltaktivisten.  Oft sind es sogenannte Planespotter, die permanent auf Jagd nach außergewöhnlichen Flugaufnahmen gehen. Im Internet finden sich zahlreiche Flugzeug-Videos, die mit Drohnen gefilmt wurden. Und das obwohl Drohnenstarts im Umkreis von 1,5 Kilometern um jeden Flughafen generell nicht erlaubt.

Abwehr von Drohnen möglich 

Umso wichtiger: entsprechende Drohnenabwehrsysteme, die an Flughäfen installiert werden können. Die gibt es bereits, wie wir im Rahmen einer Präsentation deutscher High-Tech-Unternehmen in Aichach bei Augsburg erfahren. So gilt zum Beispiel das System Guardion eines Konsortiums rund um den Mittelständler ESG als ausgereifte technische Lösung. Dazu Christian Jaeger, ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH: "Unser System existiert bereits seit fünf Jahren. Im Jahr 2014 haben wir damit angefangen. Im Jahr 2015 den G7 Gipfel in Elmau abgesichert –  im Auftrag des Bundeskriminalamtes, und seitdem ist das System kontinuierlich weiterentwickelt worden."

Abwehrsystem für Drohnen
Abwehrsystem für Drohnen | Bild: BR

Es kann per Radar, Kameras und Funk Drohnen erkennen und verfolgen und auch Gegenmaßnahmen einleiten zum Beispiel mit einem sogenannten Jammer, der die Elektronik der Drohne stört. Ein anderes Gerät wirft quasi ein Netz um die Drohne. Die Folge: Die Rotoren verheddern sich und die Drohne kann nicht mehr weiterfliegen.

Für größere Flughäfen gibt es dieses Drohnenabwehrgerät auch voll automatisiert. Und: Es ist auch schon im Einsatz wie wir von James Cross von OpenWorks Engineering erfahren. "Dieses System wird seit drei Jahren erprobt", erklärt er. Und nach den Vorkommnissen in Gatwick wird es dort jetzt zum Schutz des Luftraums eingesetzt."

Ungeklärte Zuständigkeiten

An deutschen Flughäfen allerdings sucht man solche Drohnenabwehrsysteme bisher vergebens – und das, obwohl gerade bei diesen Technologien deutsche Firmen Weltspitze sind. Das Problem sind vor allem die Zuständigkeiten wie uns Christian Jaeger erzählt. Wer ist eigentlich verantwortlich, wer muss Geräte anschaffen, wer muss sich um die Abwehr kümmern?

Zuständig innerhalb des Flughafens: die Bundespolizei
Zuständig innerhalb des Flughafens: die Bundespolizei | Bild: BR

Und tatsächlich ist es kompliziert mit den Zuständigkeiten an deutschen Flughäfen. Die können zwar Start- und Landebahnen bei Drohnensichtung sperren, dürfen aber die Drohnen nicht abfangen. Für die Abwehr ist die Polizei zuständig: Innerhalb des Flughafengeländes die Bundespolizei – fliegt die Drohne über den Zaun, die Landespolizei. Und fliegt die Drohne am Zaun entlang, kann die Zuständigkeit von Sekunde zu Sekunde wechseln.

Noch verwirrender wird es, wenn es um die Anschaffung von Drohnenabwehrsystemen geht. Wir fragen beim Flughafen Frankfurt am Main an: Wer ist zuständig? Die Antwort: "Primärer Ansprechpartner für Gefahrenabwehr an Flughäfen sind die Polizeibehörden."

Und so fragen wir beim übergeordneten Bundesinnenministerium nach: Warum gibt es kein Drohnenabwehrsystem an deutschen Flughäfen? Dort fühlt man sich nicht zuständig und leitet unsere Fragen weiter an das Bundesverkehrsministerium. Die Antwort dort: "Der konkrete Schutz der Flughafenanlagen obliegt den Flughafenbetreibern."

Statement des Verkehrsministeriums
Statement des Verkehrsministeriums | Bild: BR

Bei so einem Hin- und Her ist es in der Tat nicht verwunderlich, wenn es bisher an deutschen Verkehrsflughäfen keine Drohnenabwehrsysteme gibt. Solange sich hier nichts tut und nicht einmal klar ist, wer zuständig ist, werden Drohnen weiterhin den Flugbetrieb beeinträchtigen und eine permanente Gefahrenquelle sein. 

 Bericht: Johannes Thürmer und Martina Schuster

Stand: 31.07.2019 22:42 Uhr

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