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Monopole und Preiswirrwarr: Was an deutschen Ladesäulen schiefläuft

PlayIntransparenz bei den Ladesäulen
Monopole und Preiswirrwarr: Was an deutschen Ladesäulen schiefläuft  | Video verfügbar bis 29.09.2022 | Bild: BR

Elektromobilität ist gefragt – immer mehr Deutsche legen sich ein E-Auto zu. Doch damit gehen auch die Probleme los: Längst kann man seinen Wagen nicht an jeder Ladesäule laden. Und vor allem: Oft weiß man gar nicht, was das kostet. Denn viele Ladesäulenbetreiber zeigen die Kosten vor und während des Ladevorgangs nicht an, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Erst nach dem Laden sieht der Kunde, wie teuer das Ganze war. Zur mangelnden Preistransparenz kommt noch der fehlende Wettbewerb. Denn meistens haben regionale Energieversorger nahezu eine Monopolstellung.

Intransparente Preisstruktur

Familie Werthner
Familie Werthner | Bild: BR

Korbinian Werthner, Isabella Schuster und der kleine Arvid: Die junge Familie aus Regensburg ist vor zwei Monaten umgestiegen – vom Benziner auf ein Elektroauto. Mit dem Fahrzeug sind sie voll zufrieden, nicht aber mit dem Laden an der Säule. Denn sie wissen nie genau, was sie zahlen müssen. Während an der Tankstelle die Preise an großen Tafeln angezeigt werden, findet Korbinian an der Ladesäule fast nie eine Preisinformation: "Je nach Säule, je nach Anbieter, je nach Ladeleistung fallen unterschiedliche Tarife an. Meist sehe ich es erst nach dem Ladevorgang in der App, was ich bezahlt habe."

Preischaos also. Plusminus probiert in München verschiedene Ladesäulen aus. Direkt an der Säule gibt es nur selten eine Preisangabe. Man muss im Netz recherchieren – umständlich! Und die Tarife sind nur schwer vergleichbar. Einmal geht es nach Kilowattstunden, einmal nach Ladezeit. Dazu gibt es oft noch Parkgebühren oder andere verschiedene Kosten. Und: Man benötigt unterschiedliche Ladekarten oder Apps. Für Verbraucher ist das ziemlich undurchsichtig.

Nach dem Laden die böse Überraschung

Ladesäule von Tesla
Ladesäule von Tesla | Bild: BR

Die Intransparenz bei den Ladesäulen bemängelt auch Prof. Jürgen Kühling, Vorsitzender der Monopolkommission, die die Bundesregierung in wettbewerbsrechtlichen Fragen berät: "In ganz Deutschland habe ich das Problem, das ich beim Ad-hoc-Laden keine Preistransparenz habe", so der Jurist, "ich fahre an die Säule und sehe gar nicht, was ich zahlen muss, und erlebe dann erst die Überraschung, wenn ich bezahlt habe. Das wäre so als ob ich in einen Supermarkt gehe, meinen Einkaufswagen vollpacke. Und erst hinterher beim Bezahlen erfahre, was mich das eigentlich kostet."

Gewaltige Unterschiede bei Preis

Bei den Preisen gibt es gewaltige Unterschiede. Das zeigt der neue Ladesäulen-Check von LichtBlick und Statista, der Plusminus exklusiv vorliegt: Während man beim Spontanladen, also ohne Vertragsbindung, bei günstigen Anbietern nur 35 Cent pro Kilowattstunde bezahlt, sind es bei teuren Ladesäulen bis zu 79 Cent, also mehr als das Doppelte!

Ärger mit Monopolstrukturen

Ladesäule der REWAG
Ladesäule der REWAG | Bild: BR

Korbinan Werthner ärgert sich nicht nur über den Tarifdschungel, sondern auch über ein ganz anderes Problem. An seinem Wohnort sind nahezu alle Ladesäulen vom gleichen Anbieter, dem regionalen Energie- und Wasserversorger REWAG. Der bietet seine Ladekarte mit einem sehr günstigen Tarif an: von unter 30 Cent pro Kilowattstunde. Doch diese Karte bekommt Werthner nicht: "Den Tarif bekommen nur REWAG-Stromkunden, die den Haushaltstrom bei REWAG beziehen. Ich habe meinen Strom bei einem anderen Anbieter. So zahl ich nun leider mehr, was mich schon ärgert, weil ich so den günstigen Tarif hier in meiner Heimatstadt nicht nutzen kann."

Kann das sein? Bekommen nur E-Autofahrer, die auch ihren Strom zuhause von der REWAG beziehen, den günstigen Ladetarif? Und der Rest muss gute 10 Cent mehr zahlen? Wir fragen nach. Die Antwort:

"Es ist richtig, dass die REWAG-Ladekarte exklusiv für Stromkunden der REWAG verfügbar ist. […] Als regionaler Versorger sehen wir darin eine Maßnahme zur Kundenbindung. Es ist also eine sehr bewusste Entscheidung, die Kosten pro KWh für unsere Kunden besonders günstig anzubieten."

Kaum Auswahl

Das Problem dabei: Den Regensburgern bleibt kaum eine andere Wahl, als die REWAG-Ladesäulen zu nutzen, denn rund 80 Prozent der öffentlichen Ladesäulen gehören dem kommunalen Unternehmen. 

Prof. Jürgen Kühling,
Prof. Jürgen Kühling, | Bild: BR

Prof. Jürgen Kühling, Vorsitzender der Monopolkommission, sieht das kritisch: "Durchaus ist es in Ordnung, wenn jeder versucht, Kundenbindungsprogramme oder eigene Modelle zu entwickeln.  Wenn ich aber nur einen in der Nähe habe und der sagt: Friss oder stirb, dann habe ich keine Auswahl als Konsument oder Konsumentin und das ist misslich."

Kommunale Versorger als Monopolisten

Nicht nur in Regensburg, auch in anderen Städten beherrschen kommunale Betreiber den Markt. Laut Untersuchungen der Monopolkommission des Bundes werden etwa in Hamburg 73 Prozent der Ladepunkte von einem lokalen Anbieter, Stromnetz Hamburg, betrieben. In Düsseldorf gehören den Stadtwerken gut 76 Prozent der Lademöglichkeiten, in Dresden 62 Prozent. Und in München sind es sogar über 83 Prozent. Das sind klare Monopolstellungen, wie Prof. Jürgen Kühling feststellt: "Auf Dauer ist für Verbraucher und Verbraucherinnen ein Markt sinnvoll, in dem ich eine Auswahl habe. Denn diese Auswahl ermöglicht attraktive Preise, vor allem auch mittel- und langfristig. Und das ist sehr wichtig, um die Attraktivität der Elektromobilität hochzuhalten."

Andreas Mundt
Andreas Mundt | Bild: BR

Das sieht auch das Bundeskartellamt ähnlich und führt deswegen zurzeit eine sogenannte Sektoruntersuchung des Ladesäulenmarktes durch. Auf unser Regensburger Beispiel mit der Ladekarte nur für Hausstrom-Kunden angesprochen, bestätigt der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt, dass Korbinians Fall nichts Außergewöhnliches sei:  "Das sind natürlich genau diese Beschwerden, die wir zurzeit bekommen und die wir uns gegebenenfalls auch ansehen müssen. Wir müssen jetzt mal schauen, was genau die Ergebnisse unserer Sektoruntersuchung sind. Wir haben unsere Befugnisse und die würden wir gegebenenfalls auch anwenden."

Mitbewerber ausgebremst

Und es gibt bereits Unternehmen, die auf dem Ladesäulenmarkt Fuß fassen wollen. Beispiel: Qwello, eine junge Firma aus München. Sie will europaweit ein Ladenetz aufbauen – mit verbraucherfreundlichen Ladesäulen. Mit einem Blick sieht man an der Säule, was das Laden kostet. Bezahlen kann man kontaktlos mit Kredit- oder Giro-Karte. Erst wenige dieser Säulen gibt es in den Städten. Newcomer haben es schwer auf diesem Markt. Qwello-Gründer Henrik Thiele: "Es gibt Städte, die sind sehr offen, die wollen neben den lokalen Stadtwerken weitere Anbieter etablieren. Es gibt andere Städte, die sagen, das gehört unseren Stadtwerken, da halte Deine Finger raus! Es gibt Städte, mit denen sind wir seit vier Jahren im Gespräch, und es ist nichts passiert."

Ralph Kampwirth von Lichtblick
Ralph Kampwirth von Lichtblick | Bild: BR

Anderes Beispiel: Die Firma Lichtblick in Hamburg. Sie würde gerne ihren Ladestrom – ähnlich wie beim Haushaltsstrom – über die Ladesäulen anderer Anbieter verkaufen. Doch was bei Hausstrom und Telefon selbstverständlich ist, geht bei Ladesäulen bisher nicht, so Ralph Kampwirth von Lichtblick: "Lichtblick ist vor über 20 Jahren in den Strommarkt eingetreten. Damals gab es da auch keinen Wettbewerb, und damals hat man auch mit allen Mitteln dagegen gekämpft, Wettbewerb einzuführen. Und wir erleben etwas Ähnliches jetzt an den Stromladesäulen."

Wer zahlt, schafft an

Hier ist nun die Politik gefragt, Monopole zu bekämpfen. Eine Möglichkeit, um neue Unternehmen auf den Markt zu bringen, sind gezielte Fördergelder. Der Präsident des Bundeskartellamts Andreas Mundt sieht sie als Chance, Wettbewerb zu ermöglichen: "Über die Förderprogramme kann man dafür Sorge tragen, dass wir es nicht mit regionalen Monopolen zu tun bekommen, indem wir die Förderung wettbewerbskonform, wettbewerbsgerecht einsetzen und für eine Förderung sorgen, die vor Ort zu Angebotsvielfalt führt."

Schweden macht es vor

Gezielte Förderung ist in Schweden ganz normal. Hier wird Elektromobilität massiv vom Staat gefördert. Nun wurde die Erweiterung des Ladenetzes ausgeschrieben, vor allem für den dünn besiedelten Norden des Landes. Dabei macht die zuständige Verkehrsbehörde zur Bedingung, dass alle Bürger auf geförderte Ladepunkte Zugriff haben müssen. Das gilt auch für die Säulen von Tesla, die zum Beispiel in Deutschland ausschließlich für Tesla-Kunden reserviert sind.

Sven Hunhammar
Sven Hunhammar  | Bild: BR

Sven Hunhammar von der schwedischen Verkehrsbehörde erklärt: "Die Verkehrsbehörde hat seit zwei Jahren das Ziel, ganz Schweden flächenmäßig abzudecken, so dass man überall laden kann. Jetzt geben wir Investitionshilfe für 57 Plätze und Tesla hat sechs Plätze davon bekommen. Eine Bedingung dafür, dass sie subventioniert werden, ist dass es einen Ladeplatz gibt, der für alle öffentlich zugänglich ist."

Korbinian Werthner und seine Familie werden vorerst weiter auf die Ladesäulen des regionalen Anbieters angewiesen sein und zahlen daher drauf, weil sie von ihm nicht auch den Hausstrom beziehen. Wenig Wettbewerb also, viel Handlungsbedarf für die kommende Bundesregierung.

Bericht: Johannes Thürmer, Martina Schuster /BR
Stand: September 2021

Stand: 29.09.2021 22:31 Uhr

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