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Autoland wird Fahrradland: Wie eine Branche von Corona profitiert

PlayMehrere Menschen fahren auf einem Radweg hintereinander Rad.
Autoland wird Fahrradland: Wie eine Branche von Corona profitiert | Video verfügbar bis 02.06.2022 | Bild: IMAGO / Ralph Peters

• Über fünf Millionen Fahrräder wurden 2020 in Deutschland verkauft, so viele wie nie zuvor.
• Der Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes ist dabei im Vergleich zu 2019 auf rund 6,44 Milliarden Euro und damit 61 Prozent gestiegen.
• Der Durchschnittspreis für ein Fahrrad liegt mittlerweile bei 1.200 Euro.
• Bei Fahrrädern und Ersatzteilen ist es bereits zu großen Engpässen und damit langen Wartezeiten gekommen.
• 2021 wird mit ähnlichen Zuwächsen gerechnet wie 2020.

Eine Frau fährt Fahrrad und schiebt in einem Anhänger einen Mann vor sich her.
Viele haben in der Coronapandemie die Freude am Fahrradfahren für sich entdeckt. | Bild: MDR

Viele Menschen in Deutschland haben während der Coronapandemie das Fahrrad für sich neu entdeckt. Auch die Verkaufszahlen bei E-Bikes, Lastenrädern, Rennrädern und Trekkingrädern sind nach oben geschnellt. Die Branche wächst rasant.

Doch der Trend setzte schon vor Corona ein. Die Pandemie wirkte aber als Katalysator, sagt Burkhard Stork vom Zweirad-Industrie-Verband: "Viele Leute wollen sich mehr bewegen, aktiv sein." Darauf haben auch die Städte und Gemeinden inzwischen reagiert. "Nachdem es jahrelang gar nicht besser geworden ist, tun jetzt die ersten Kommunen etwas. Wir haben bessere Radwege", so Stork.

2020: Fünf Millionen verkaufte Fahrräder

Über fünf Millionen Fahrräder wurden 2020 verkauft, so viele wie nie zuvor. Knapp zwei Millionen davon waren-E-Bikes. Damit sind die Verkaufszahlen allein bei E-Bikes in den vergangen fünf Jahren um mehr als 300 Prozent gestiegen. "Das E-Bike kann und wird das Zweitauto ganz schnell ersetzen", sagt Fahrrad-Experte Stork. Gerade im Speckgürtel von größeren oder mittelgroßen Städten könnten die Räder von den oft zwei vorhandenen Autos eins gut ersetzen. Denn nicht selten stünde eins der beiden Autos sowieso ungenutzt geparkt vor der Haustür.

In einem Fahrradgeschäft sind viele Kunden.
Der Fahrradhandel brummt und verzeichnet Rekordabsätze. | Bild: MDR

300 Prozent plus bei E-Bikes

Rose-Bikes in Bocholt ist eines der größten Fahrradersteller Deutschlands. Zum Sortiment gehören auch E-Bikes, die ab 3.000 Euro den Besitzer wechseln. Wie vom Autokauf bekannt verlangen Kunden oft nach speziell für sie konfigurierten Rädern – kaum einer möchte noch ein Rad von der Stange. Dafür seien Kunden bereit, auch fünfstellige Summen zu bezahlen, erklärt Rose-Bikes-Geschäftsführer Thorsten Heckrath-Rose.

Ein Mann im Anzug steht vor einem Wohnblock.
Burkhard Stork, Geschäftsführung Zweirad-Industrie-Verband: "Das E-Bike kann und wird das Zweitauto ganz schnell ersetzen." | Bild: MDR

Individual-Anfertigung für teils fünfstellige Beträge

Auch der Hersteller Diamant in Chemnitz beobachtet diesen Trend. Seit 2003 gehört die älteste Fahrradmarke Deutschlands dem US-Hersteller TREK. "Customized Bikes" heißen die Anfertigungen mit besonderen Extrawünschen. Dazu zählten etwa auch spezielle Lackierungen, die auch per Hand aufgetragen werden, sagt Production Manager Tom Mickeleit. Er verweist auf ein Vollcarbonrad, das mit den Extra-Wünschen des Kunden knapp 10.000 Euro kostet. Der Durchschnittspreis für ein Fahrrad allgemein in Deutschland liegt wegen der sich gewandelten Bedürfnisse mittlerweile auch bei 1.200 Euro.

Ein Mann steht in einer Werkshalle.
Brian Schumann, General Manager Diamant Fahrradwerke GmbH: "Wir erwarten auch für 2021 ein weiteres Wachstum." | Bild: MDR

Boom kommt bei Fahrrad-Verleih an

Anbieter von Fahrradleasing- oder Fahrradleihsystemen spüren den Trend, dass mehr in die Pedalen getreten wird. Auch nextbike, der größte Bike-Sharing Anbieter Deutschlands, profitiert von der Krise. Um auch im Homeoffice mal rauszukommen, werde vermehrt aufs Fahrrad gestiegen, zieht Mareike Rauchhaus, Head of Communications, Bilanz. "Es melden sich viel mehr Kunden neu an, die das Fahrrad einfach mal ausprobieren wollen, um an den See zu fahren", berichtet sie.

Eine Frau steht neben Fahrrädern in der Innenstadt.
Mareike Rauchhaus, Head of Communications bei nextbike: "Es melden sich viel mehr Kunden neu an." | Bild: MDR

Lieferengpässe bei Rädern und Ersatzteilen

Mehr Fahrräder bedeutet auch eine größere Nachfrage bei Reparaturen und defektem Fahrradzubehör. "Wir haben, drei- bis vierfachen Bedarf an Ersatzteilen, und alle Reserven sind aufgebraucht", sagt Fahrradhändler Henrik Schmidt. Der Fahrrad-Boom hat auch zu Lieferengpässen geführt. Etwa Spezial-Teile für Räder fehlen. Viele davon kommen aus Asien.

Martin Müller aus der Nähe von Leipzig hat sich ein E-Mountainbike für 3.800 Euro gekauft. Drei Monate warte er bereits darauf. "Und der Händler hat mir die Information gegeben, dass ich in zwei Monaten das Fahrrad erhalten werde." Auch auf ein Fahrrad von Rose-Bikes wartet man bis zu fünf Monate.

In einer Werkshalle werden große Pakete angeliefert.
Über fünf Millionen Fahrräder wurden 2020 verkauft, so viele wie nie zuvor. | Bild: MDR

Große Nachfrage und Kampf ums Material

Die Gründe für die Lieferengpässe sind vielschichtig. Die durch die Corona-Pandemie gestiegene Nachfrage habe zum einen "riesige Löcher in die Warenläger gerissen", so Rose-Bike-Geschäftsführer Thorsten Heckrath-Rose. "Zum anderen kämpfen wir auch mit anderen Industrien ums Material", betont er. Carbon etwa, das auch in anderen Bereichen wie im Flugzeugbau eingesetzt werde.

Auch sind die Zulieferstrecken lang. Aufwendig produzierte Einzelteile kommen oft aus Fernost. Havarien, wie zuletzt im Suezkanal führten hier zu verspäteten Warenlieferungen. "Die Frachtraten haben sich deswegen auch teilweise vervier -, verfünffacht", so Thorsten Heckrath-Rose. "Das sind alles gestiegene Kosten, die wir natürlich auch irgendwo an die Verbraucher weiterreichen müssen."

Ein Mann repariert ein Fahrrad.
Der Boom führte auch zu langen Wartezeiten für Fahrradreparaturen, auch weil Ersatzteile knapp wurden. | Bild: MDR

Fahrrad-Boom hält an – Händler sind vorbereitet

Ein Ende des Fahrrad-Booms sei nicht in Sicht, betont Brian Schumann, General Manager der Diamant: "Wir erwarten auch für 2021 ein weiteres Wachstum."

Der Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes ist 2020 in Deutschland auf rund 6,44 Milliarden Euro gestiegen. Dies entspricht einer Steigerung von 61 Prozent gegenüber 2019. Ähnlich stark wird der Zuwachs auch 2021 erwartet. Innerhalb von nur zwei Jahren wird sich der Umsatz in der deutschen Fahrradbranche also mehr als verdoppeln.

Ein Mann steht in einem Fahrradladen.
Thorsten Heckrath-Rose von Rose-Bike: "Wir haben jetzt noch eine Million in die Produktion investiert." | Bild: MDR

Rose-Bike ist nach eigenen Angaben darauf vorbereitet. "Wir haben jetzt noch eine Million in die Produktion investiert", sagt Thorsten Heckrath-Rose. Auch bei den Diamant Fahrradwerken GmbH sei längst darauf reagiert worden, erklärt Brian Schumann, General Manager: "Wir haben zu Beginn des Fahrradbooms mehr Leute eingestellt, um mehr Fahrräder herstellen zu können. Und sobald auch wieder genügend Teile da sind, können wir mit der erhöhten Anzahl an Personal auch mehr Fahrräder am Tag produzieren."

AutorInnen: Nadine Scheer, Sebastian Splesnialy, Anne-Kristiane Jensen
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 21.06.2021 19:45 Uhr

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