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Tod am Rastplatz: Wie gefährlich überfüllte Autobahnparkplätze sind

PlayRastplatz an Autobahn gefüllt mit parkenden Lastkraftwagen.
Lkw-Parkplatzmangel kann fatale Folgen haben | Video verfügbar bis 27.08.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Lkw parken oft gefährlich auf Autobahnen, weil es nicht genügend Parkplätze gibt. Das kann zur tödlichen Gefahr werden.
• Der Lkw-Verkehr nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Die Parkplatzsituation ist dieser Entwicklung nicht angepasst worden.
• Anders ist es in Österreich. Hier gibt es auch ein Lkw-Parkleitsystem.
• Die Privatwirtschaft hat den Mangel an Lkw-Parkplätzen inzwischen als Geschäftsfeld entdeckt.

Ende Juni 2017 ist Janine Schulz nachts mit ihrem Lkw auf der A4 unterwegs. Als es Zeit für eine Pause wird, steht sie vor einem Problem: "Ich bin über mehrere Parkplätze gefahren, wo ich kaum durchgekommen bin und wo auch keine Möglichkeit bestand, dort anzuhalten." Gegen vier Uhr versucht sie es am Rossauer Wald bei Chemnitz erneut, doch wieder ist alles voll. Das sollte tödliche Folgen haben.

Lkw-Unfall
Bei dem Unfall am Rossauer Wald starben drei Menschen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Sie wartet in der Einfahrt, ihr Anhänger befindet sich noch auf dem Verzögerungsstreifen. Wenig später rast ein Pkw in das Heck. "Dann hab ich realisiert, dass gerade etwas ganz, ganz Schreckliches passiert ist." Drei Menschen sterben, der Fahrer des Wagens überlebt mit schwersten Verletzungen.

Lkw-Verkehr wächst, Zahl der Parkplätze nicht

Johannes Witt, Präsident der Vereinigung der Autohöfe
Johannes Witt, Präsident der Vereinigung der Autohöfe  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Zu diesem Unfall konnte es auch kommen, weil es zu wenige Parkplätze für Lkws gibt. Seit Mitte der 1990er Jahre hat der Lkw-Verkehr in Deutschland stark zugenommen, die Zahl der Stellplätze dagegen nicht. Mittlerweile sollen 30.000 Parkplätze an Deutschlands Autobahnen fehlen, wie die Vereinigung der Autohöfe errechnet hat. Deren Präsident Johannes Witt erklärt: "Man hat seitdem in diesen 20, 25 Jahren auch nicht so viel getan, wie notwendig gewesen wäre. Man hat den Ausbau der Raststätten viel zu spät begonnen."

Im Bundesverkehrsministerium sieht man das auf Anfrage anders. Mehr als eine Milliarde Euro sei seit 2008 in neue Parkplätze investiert worden. 2019 und 2020 stünden jeweils 110 Millionen Euro bereit. Das klingt nach viel Geld. Doch Kritiker wie Johannes Witt halten dieses Engagement im Bundesverkehrsministerium nicht für ausreichend: "Meine Prognose ist, wenn es so weitergeht, nicht sehr optimistisch. Der Stellplatzmangel wird sich verschärfen."

Aussichtsloser Kampf

Polizisten kontrollieren nachts einen Lkw.
Der Parkplatzmangel macht den Einsatz der Polizei gegen unerlaubt parkende Lkws oft aussichtslos.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Als ein "Plusminus"-Team sich mit der Polizei die Situation an jener Unfallstelle am Rossauer Wald ansieht, steht wieder ein Lkw in der Einfahrt. Die Polizisten wollen den Fahrer zum Weitefahren bewegen, doch ihm geht es wie Janine Schulz damals und vielen seiner Kolleginnen und Kollegen Tag für Tag: Er findet keinen Parkplatz. Hinzu kommt, dass hinter dem polnischen Laster, einem Gefahrguttransporter, schon der nächste Lkw die Einfädelspur blockiert. Die Beamten versuchen, die Situation zu entschärfen. Doch das ist schwierig, weil es auf dem Parkplatz keinen einzigen freien Platz mehr gibt.

Polizeihauptkommissar Thomas Knabe von der Autobahnpolizei Chemnitz
Für Polizeihauptkommissar Thomas Knabe von der Autobahnpolizei Chemnitz ist der Einsatz gegen Falschparker oft "vergebliche Liebesmüh". | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Für Polizeihauptkommissar Thomas Knabe von der Autobahnpolizei Chemnitz wird die Lage immer ernster: "Die Parkplatzsituation ist in letzten Jahren mehr oder weniger eskaliert. Die Stellflächen, die zur Verfügung stehen, gerade bei uns hier in dem Autobahn-Abschnitt, sind überhaupt nicht mehr ausreichend."

Am nächsten Rastplatz bietet sich der Polizei das gleiche Bild. Wieder steht ein Lkw in der Einfahrt. Ein weiterer hat in seiner Verzweiflung direkt in der Ausfahrt geparkt. Die Beamten verhängen Bußgelder und sind sich sicher: Viel nützen wird das nicht. "Das ist sicherlich viele Male vergebene Liebesmüh', weil alles, was wir beräumen, in ein, zwei Stunden wieder zugestellt ist", bestätigt Autobahnpolizist Knabe.

Wo es besser geht: Österreich

Anderswo in Europa wird das Problem energischer angepackt, zum Beispiel in Österreich. Hier prüft die staatliche Autobahngesellschaft ASFINAG permanent den Bedarf an Lkw-Parkplätzen und plant Neubauten. 7.000 Stellplätze gibt es hier. Allein in diesem und im nächsten Jahr werden 1.100 neue gebaut.

"Wir versuchen Eigenflächen auch zu nutzen, vorhandene Parkplätze zu erweitern. Dort geht es relativ schnell. In den nächsten Jahren sind hier noch Investitionen von 100 Millionen Euro geplant", erklärt Michael Schneider vom ASFINAG Verkehrsmanagement.

Parkleitsystemtafel für Lkws in Wien
In Österreich gibt es rund um Wien flächendeckend ein Parkleitsystem für Lkws.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Österreich setzt zudem auf ein digitales Parkleitsystem für Lkw. Rund um Wien ist es flächendeckend in Betrieb. Auf Schildern und per App zeigt es den Fahrern, wo Parkplätze frei sind. Das sei durchaus effektiv, sagt Michael Schneider: "Es bewirkt, dass die Auslastung besser verteilt ist, dass also wirklich alle verfügbaren Stellflächen genutzt werden, und es bewirkt auch, dass Anzahl der Wildparker reduziert wird."

Deutschland hinkt auch bei Leitsystemen hinterher

Seit 2013 verlangt die EU die Einführung solcher Systeme. Doch Deutschland hinkt auch hier hinterher. Auf Anfrage von "Plusminus" teilt das Bundesverkehrsministerium mit, es werde "derzeit ein Anzeigesystem für die Informationsweitergabe an der Strecke entwickelt und kurzfristig im Rahmen einer Pilotanlage evaluiert." Ein flächendeckender Einsatz ist offenbar noch nicht einmal geplant.

Parkplatznot macht geschäftstüchtig

Denise Schuster
Denise Schuster sucht und vermittelt erfolgreich private Lkw-Parkplätze. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Inzwischen hat die Privatwirtschaft das Thema für sich entdeckt. Es winken gute Geschäfte mit dem Mangel. Denise Schuster hat eine Vermittlungs-Plattform für Stellflächen gegründet. Hier finden Fahrer freie Plätze – gegen Bezahlung, versteht sich. Das Prinzip ist einfach. Der Eigentümer bietet seine Flächen auf einem Online-Portal an. Die Spedition kann sie für ihre Lkw reservieren. Per SMS wird dem Fahrer dann sein Platz mitgeteilt. In einem Jahr hat das Portal 8.000 Plätze deutschlandweit akquiriert. Weitere warten auf ihre Vermarktung. Denise Schuster ist dafür immer auf der Suche: "Da sind wir wirklich richtige Trüffelschweine. Das ist auch ein ziemlicher Aufwand ist, aber letztlich lohnt er sich, denn so konnten wir innerhalb eines Jahres wirklich dieses enorme Angebot an Parkflächen akquirieren."

Janine Schulz hätte ein sicherer Parkplatz viel Leid erspart. Sie ist für den Tod von drei Menschen mitverantwortlich und ist nach wie vor von Albträumen geplagt. Sie wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und hat ihren Job und ihre Existenz verloren – wegen eines Unfalls, zu dem es wohl nicht gekommen wäre, wenn es genügend Lkw-Parkplätze gegeben hätte.

Autorinnen und Autoren: Matthias Weidner, Kathleen Bernhardt, Franka Biederstädt
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 29.08.2019 10:14 Uhr

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