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Industrialisierung in der Ferkelerzeugung

PlayFerkel in einem Stall
Industrialisierung in der Ferkelerzeugung | Video verfügbar bis 27.05.2021 | Bild: WDR

- Bei der Ferkelzucht kommt es auf Masse an
- Hohe Effizienz ist nur schwer mit Tierwohl zu vereinbaren
- Bis zu 15 Prozent der Ferkel überleben die ersten Wochen nicht

In den vergangenen 20 Jahren haben sich viele Landwirte aus der Ferkelerzeugung verabschiedet. Die Zahl der Betriebe sank bundesweit um 87 Prozent. Trotzdem gibt es mit zwölf Prozent mehr Ferkeln einen zwölfprozentigen Zuwachs. Plusminus zeigt, mit welchen Mitteln diese Zuwächse erreicht werden - dass zum Beispiel zur Brunftsynchronisation auch ein Hormon zum Einsatz kommt, das aus dem Blut trächtiger Stuten gewonnen wird - und welche Folgen das auf Wirtschaftlichkeit getrimmte System mit sich bringt. Nämlich: Hohe Ferkelverluste und halbtote Ferkel, die in der Mülltonne landen.

53 Millionen Ferkel werden jedes Jahr geboren

Wenn heute eine Sau wirft, geht es zu wie am Fließband: Große Sauen mit vielen Zitzen werfen rund 53 Millionen Ferkel im Jahr. Viele dieser Ferkel aus der standardisierten Produktion sterben. Die Tiere werden dabei an die Haltungsbedingungen angepasst, um möglichst geringe Kosten zu haben.

Benedikt Hansmeyer will diesem Geschäft den Rücken kehren. 15 Jahre hat der Landwirt aus der Nähe von Paderborn Ferkel produziert ‑ nun gibt er auf. Auf seinem Hof warten seine letzten 100 Zuchtsauen darauf, ein letztes Mal zu werfen.

Effizienz spielt wichtige Rolle im kostenintensiven Geschäft

"Das sind die letzten Tiere, die noch abferkeln müssen und danach gehen sie zum Schlachter“, so Hansmeyer. Er ist so genannter „Ferkelerzeuger“. Er zieht Ferkel auf, die am Ende alle gleich schwer und gleich groß sein sollen ‑ dann lassen sie sich am besten vermarkten. “Es geht nur darüber, mehr zu produzieren, effizienter zu werden. Wenn wir jetzt von 30 Ferkeln pro Sau und Jahr reden, dann waren es vor 15 Jahren 21“, erklärt Hansmeyer das Geschäftsmodell.

87 Prozent weniger Zuchtbetriebe - aber 12 Prozent mehr Ferkel

Um jetzt noch effizienter zu werden, müsste er in einen neuen Stall investieren. Anderthalb Millionen Euro. Doch wegen der unklaren gesetzlichen Vorgaben weiß er nicht mal, wie der Stall aussehen müsste. Das ist nicht nur ihm zu unsicher.

In den vergangenen 20 Jahren haben 87 Prozent der Betriebe die Arbeit mit Zuchtschweinen eingestellt ‑ oder machten ganz zu. “Es sind sehr viele, die aufhören. Oftmals ist es der Ferkelpreis, oftmals ist es dann die anstehende Renovierung, die dann nicht mehr tragbar ist und so verschwindet dann ein Betrieb nach dem anderen“, erzählt Hansmeyer.

Bis zu 30 Ferkel wirft jede Sau im Jahr

Die 30 Ferkel, die jede Sau pro Jahr wirft, sind nur diejenigen Tiere, die die Säugezeit überleben. Denn viele sterben bereits in den ersten Wochen nach der Geburt. Es ist das Risiko großer Würfe: Die Ferkel sind kleiner und somit weniger belastbar. "Die Tiere werden schneller erdrückt, die Tiere sind energetisch nicht so ausgestattet, sie sind empfindlicher wenn sie jetzt nicht sofort optimal Milch an dem Gesäuge kriegen“, so Reproduktionsmediziner Axel Wehrend von der Universität Gießen.

15 Prozent aller Ferkel sterben in den ersten Wochen

Landwirte reden von "Verlustraten", wenn Ferkel die erste Zeit nicht überleben. Die durchschnittliche Verlustrate betrug zuletzt 15 Prozent. 15 Prozent ‑ das sind rund acht Millionen tote Ferkel in einem Jahr.

Die hohen Verluste erklärt der Deutsche Bauernverband unter anderem ausgerechnet mit dem Bestreben, weniger Antibiotika einzusetzen. Er bestätigt aber, es sei “unerlässlich, die Saugferkelverluste weiter zu reduzieren”. Mediziner Axel Wehrend plädiert dazu für weniger Ferkel pro Wurf. “Ich muss ja nicht immer steigern, steigern, steigern ‑ viele Zuchtunternehmen sind davon ja auch schon wieder weg ‑ sondern: Ich kann ja mein Zuchtziel haben, ich will 12 bis 15 haben und die sollen ein bestimmtes Geburtsgewicht haben. Die sollen stabil sein. Die sollen vital sein.”

Teilweise dubiose Praktiken

Was mit schwachen, kaum lebensfähigen Ferkeln passieren kann, erlebte ein Mann während eines Spaziergangs, als er Geräusche aus der Mülltonne eines Ferkelbetriebs hörte. Darin ein verstörendes Bild: Ferkel in Müllbeuteln, die teils ums Überleben kämpften.

Die Mäuler bewegten sich. Die Ferkel waren noch warm, die Tüten waren beschlagen und an manchen Stellen waren sie durchgekratzt. Einigen Ferkeln hing die Zunge raus. Es war furchtbar“. Er schickte die Bilder der Tierschutzorganisation Peta. Aufgrund seiner Bilder erstattete Peta Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Für sie ist diese Art der Entsorgung kein Einzelfall ‑ trotz klarer Vorgaben des Tierschutzgesetzes.

Ferkel unter fünf Kilo dürfen mit einem Schlag auf den Kopf und anschließender Entblutung ‑ also einem Kehlschnitt ‑ getötet werden. Meiner Erfahrung nach ist es aber so, dass die Tiere oftmals gegen die Buchtenwand oder gegen den Boden geschlagen werden und dann wie Müll entsorgt werden”, so Lisa Kainz von Peta.

Auf dem Fleischmarkt geht es um Centbeträge

Für viele Erzeuger ist Masse relevant: Der Ferkelpreis schwankt teils erheblich nach oben wie nach unten. Im Schnitt lag der Preis für ein Kilo Ferkel vergangenes Jahr bei 1,98 Euro. Vor zehn Jahren lag er bei 2,03 Euro ‑ also sogar fünf Cent höher.

Im Wesentlichen bewegt sich heute der Fleischmarkt im Niedrigpreissegment“, so Achim Spiller, Agrarökonom an der Universität Göttingen. Es gehe wirklich zum Teil um Cents und entsprechend seien die Haltungsverfahren auch so ausgerichtet worden, dass man möglichst kostengünstig wirtschaften kann.

Hormonbehandlung für gleichzeitige Würfe

Das bedeutet: Die Tiere werden den betrieblichen Abläufen untergeordnet ‑ indem die Sauen ‑ etwa durch Hormonbehandlung ‑ gleichzeitig besamt werden können, gleichzeitig werfen, damit die Ferkel sich als homogene Gruppe verkaufen lassen.

Ralf Remmert setzt alles daran zu beweisen, dass Massentierhaltung nicht auf Kosten der Tiere gehen muss. Remmert kaufte 2006 einen Zucht‑ und Mastbetrieb aus DDR‑Zeiten in Brandenburg und baut den Betrieb mit 1.300 Zuchtsauen nach und nach um ‑ für mehr Tierwohl.

Alternative für mehr Tierwohl

Der Stall sieht erstmal nicht viel anders aus als andere konventionelle Ställe ‑ inklusive der mächtigen Muttersau im Kastenstand. Sie ist allerdings nicht vier, sondern nur eine Woche darin. Für Remmert bedeutet das mehr Arbeit. Seine Ferkelverluste liegen im Gesamtbetrieb ‑ wie anderswo ‑ bei ca. 15 Prozent, sagt er. Noch. Denn er ist überzeugt: das geht besser.

Ich bin der Meinung, wir müssen auch der Sau ohne Kastenstand eine Struktur geben und wieder ein Nestbauverhalten möglich machen, dann haben wir einen Ansatzpunkt, um auch Ferkelverluste zu reduzieren und ein arteigenes Verhalten zu gewährleisten“, so Remmert.

Stallgestaltung mit unterschiedlichen Zonen

Weniger Medikamente, eigene Futterproduktion, und vor allem: Das Tier steht im Mittelpunkt. So hat er auch seinen Stall aufgebaut. "Im hinteren Bereich: der Liegebereich, bisschen abgedunkelt mit der Abdeckung und der Fußbodenheizung, in der Mitte der Aktivitätsbereich, kann man sehr gut sehen, wo sie sich beschäftigen können, dem Futtersuchtrieb nachkommen, die Automaten, wo sie ihre normale Fütterung drin bekommen und hier vorne ‑ im Anfangsbereich ‑ ist ihr Kotbereich."

Die Schweinetoilette hat Remmert selbst entwickelt: Sie trennt automatisch Kot von Urin. Schweine seien saubere Tiere, sagt er. Sie trennten klar zwischen Liegebereich und der Toilette. Sie stehen hier nicht auf Spaltenböden sondern auf Holzspänen. Remmert isz überzeugt: Konventionelle Nutztier‑Haltung neu zu denken ist überfällig.

Autoren: Herbert Kordes und Edith Dietrich
Bearbeiter: Peter Schneider

Stand: 27.05.2020 22:19 Uhr

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