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Stau am Bau: Warum Handwerker und Baumaterial so knapp sind

PlayStau am Bau - Was sind die Gründe?
Stau am Bau - Was sind die Gründe? | Video verfügbar bis 02.06.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Lieferengpässe führen zu Verzögerungen auf dem Bau.
• Die Nachfrage an Baustoffen aus den USA und China ist deutlich gestiegen.
• Die Preise haben sich inzwischen bereits verdoppelt.
• Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee sieht die Gefahr gegeben, dass Großprojekte "in Schieflage" geraten könnten.
• Einen Export-Stopp der EU für Rohstoffe sieht Wolfgang Tiefensee als "allerletztes Mittel".
• Die Baubranche kämpft auch mit einem Fachkräftemangel.
• "Wer sein Abitur macht, wird in der Regel dazu angehalten zu studieren", sieht Volker Lux von der Handwerkskammer Leipzig als einen Grund. So fehle Jahr für Jahr mehr Nachwuchs.

Familie B. sich ihr Traum im Eigenheim in einer Wohnsiedlung bei Kiel erfüllen. Doch die Bauzeit zieht sich in die Länge, das Haus wird einfach nicht fertig. Es fehlt an Handwerkern und Material. Auf die Wärmepumpe zum Beispiel müssen sie sechs Monate warten.

Zeitpläne mussten umgeworfen werden. "An der Erdwärme-Pumpe hängt unsere Heizleistung, aber auch die warme Wasserversorgung. Das heißt, das ist absolut relevant für den Einzugstermin", sagt Familie B.

Ein noch nicht fertiggestelltes Eigenheim.
Weil Baumaterialien knapp sind, geht vieles nicht vorwärts. | Bild: MDR

Mehrkosten von 75.000 Euro?

Die Kosten explodieren damit. Weil die Dämmung fehlt, steht das Gerüst noch und kostet 1.000 Euro Miete pro Monat. Die entstehenden Mehrkosten von 75.000 Euro versucht die Familie durch Eigenleistungen zu kompensieren, damit der Bau insgesamt nicht teurer wird.

Auch im Inneren gibt es noch viel zu tun. Die Dämmung fehlt, denn die Platten sind Mangelware. Ein Elektriker konnte ergattert werden, aber auch er bekommt die Lieferengpässe zu spüren und kann nicht alle nötigen Arbeiten erledigen. Schutzschalter und die gewünschten Steckdosen sind einfach nicht zu kriegen. Kabel und Drähte sind zudem teurer als früher.

Ein Mann steht in einer fast leeren Lagerhalle.
Prokurist Michael Schulze zeigt seine nahezu leergefegte Lagerhalle. | Bild: MDR

Baustoffmangel treibt Preise hoch

Ob Holz, Dämmstoffe oder Material für die Sanitär-Installation – Baustoffe sind knapp. Im Baufachhandel Rothkegel in Leipzig sind die Warenbestände dramatisch zusammengeschrumpft. Beim Gipskarton etwa auf 25 Prozent der sonst verfügbaren Menge, erklärt Prokurist Michael Schulze.

Das treibt die Preise hoch. In nur einem Jahr haben sich laut Statistischem Bundesamt Dämmplatten um zehn Prozent verteuert, Flachglas um 15 Prozent, Betonstahl um 30 Prozent und Dachlatten um 31 Prozent.

Kunststoff-Rohre mit 20 Wochen Wartezeit

Kunststoff-Rohre sind besonders gefragt und damit besonders rar. Michael Schulze erklärt, er sei froh, wenn er überhaupt einen Händler in Deutschland finde, der die Bestellung annehme. "Und wenn er sie annimmt, dann kriege ich das so in 20 bis 25 Wochen geliefert und mit einem Preis, den ich heute noch nicht kenne", berichtet der Prokurist.

Container werden verladen.
Die Coronakrise hat Lieferketten zum Stocken gebracht. | Bild: MDR

Lieferengpässe und gestiegene Nachfrage aus den USA und China

Die Coronapandemie hat die Produktionsketten empfindlich gestört und streckenweise bis zum Erliegen gebracht. Dringend benötigte Lieferungen aus Fernost haben sich verzögert. Produktionsausfälle führten zu weiteren Engpässen. Nun sind die Container knapp, um die Nachfrage erfüllen zu können.

Auf der anderen Seite buhlen auch Händler aus den USA und China um die begehrten Baustoffe. Die Konjunktur ist dort wieder angesprungen. Vor allem ums Holz ist ein weltweiter Kampf entbrannt. Der Export in die USA ist um zehn Prozent gestiegen und der Markt dort ist riesig. Die Preise für Baustoffe haben sich inzwischen bereits verdoppelt.

Ein Gabelstapler transortiert Holzstämme.
Vor allem auch Holz ist als Baustoff begehrt. | Bild: MDR

Großprojekte in Deutschland gefährdet?

Für die deutsche Bauwirtschaft wird das zur Belastungsprobe. "Es könnte sogar dazu führen, dass einige Betriebe zum Beispiel im Handwerk, in der Bauindustrie in Schieflage kommen. Das ist ein dramatisches Problem, das es in dieser Art und Weise in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht gegeben hat", so Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee. Sogar Großprojekte könnten in Schieflage geraten. Die Material-Krise könnte den erhofften Aufschwung nach der Pandemie gefährden.

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee
"Ich bin niemand, der in den Markt eingreifen will, wenn es nicht notwendig ist", erklärt Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee. | Bild: MDR

Tiefensee: Exportbeschränkungen nur "als das allerletzte Mittel"

Ein möglicher Ausweg könnte ein Export-Stopp der EU für Rohstoffe sein. Dies dürfe nur der letzte Ausweg sein, so Wolfgang Tiefensee: "Ich bin niemand, der in den Markt eingreifen will, wenn es nicht notwendig ist. Das muss sehr, sehr gründlich abgewogen werden und deshalb ist es das allerletzte Mittel, zu denen man greifen sollte, weil wir natürlich für offene Märkte stehen."

Baubranche kämpft auch mit Fachkräftemangel

Auch Fachkräfte fehlen in der Baubranche. Zu den Top 10 der Mangelberufe zählen auch Bauelektriker und Sanitärtechniker. Vermeintlich schmutzige Handwerks-Berufe sind bei Jugendlichen nicht mehr gefragt. Sie wollen lieber Influencer werden als Sanitär-Installateur. Um 18 Prozent ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge gesunken, in nur zehn Jahren.

Ein Rohr wird vermessen.
Handwerker-Nachwuchs zu finden, wird immer schiweriger. | Bild: MDR

Das Abitur wird in Deutschland immer beliebter: 1992 erreichten 31 Prozent der Absolventen diesen Abschluss, jetzt sind es 50. Die Oberschule blutet aus und damit das Handwerk, sagt Volker Lux von der Handwerkskammer Leipzig: "Wer sein Abitur macht, wird in der Regel dazu angehalten zu studieren, sodass uns dort wirklich aus der Grundgesamtheit der Schulabsolventen eine große Gruppe fehlt. Und das in jedem Jahr mehr."

Ein Mann steht in einem Büro.
Volker Lux, Handwerkskammer Leipzig: "Wer sein Abitur macht, wird in der Regel dazu angehalten zu studieren." | Bild: MDR

Gegen den Handwerker-Mangel könnte Migration helfen, zumindest langfristig. Die Zahl der Auszubildenden aus anderen Ländern ist um 150 Prozent gestiegen. Sie stellen inzwischen ein Fünftel der männlichen Azubis im Handwerk.

AutorInnen: Matthias Weidner, Johannes Beese, Jana Rogozkina
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 18.06.2021 15:30 Uhr

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