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Hygiene in Urlaubshotels: Wie sicher sind Reisende?

PlayHotelanlage und Strand - die Liegen sind mit weitem Abstand aufgestellt
Hygiene in Urlaubshotels: Wie sicher sind Reisende? | Video verfügbar bis 21.07.2022 | Bild: ddp/abaca press / abaca

  • Viele Hotels auf den Balearen werben mit Hygieneprotokollen um Touristen.
  • Unabhängig von der Preisklasse der Hotels finden wir Mängel bei den Hygienestandards.
  • Betroffene Putzkräfte berichten von prekären zuständen, die es nicht ermöglichen die Hygieneprotokolle einzuhalten.

Gerade nach dem harten Corona-Jahr zieht es viele an die Playa de Palma auf Mallorca. Entspannen am Meer ist jetzt der perfekte Urlaub für Familien. Einige Urlauber beschreiben das so: "Es ist ein bisschen was anderes, ein wenig Zeit genießen." Nachts am Strand wird gefeiert, als gäbe es keinen Morgen – und kein Corona. Ein Urlauber sagt: "Wir wollen Spaß haben – wofür lebt man?"

Wie sicher sind die Hotels?

Wir sind auf dem Weg zum Ballermann, zusammen mit Tausenden anderen. Unser Ziel: drei Hotels in verschiedenen Preisklassen. Alle werben auf ihren Webseiten mit Hygieneprotokollen. Eine Europäische Leitlinie empfiehlt beispielsweise, dass Gäste auf das Tragen einer Gesichtsmaske hingewiesen werden sollen, Sicherheitsabstand am Buffet und dass Oberflächen regelmäßig gereinigt werden. Die Behörden auf den Balearen haben dies für einige Bereiche noch etwas präzisiert, zum Beispiel dass vor dem Benutzen von Kaffeemaschinen die Hände desinfiziert oder dass Putzlappen regelmäßig ausgetauscht werden sollen.

Die Leitlinien sind aber nur Empfehlungen – den Hotels bleibt viel Spielraum. Wir fragen uns: Wie gut sind die Hotel-Hygienekonzepte und gibt es Unterschiede je nach Preisklasse?

Touristen an der Playa de Palma auf Mallorca
Touristen an der Playa de Palma auf Mallorca | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com / Marcin Nowak

Hygienestandards im Vier-Sterne-Hotel

Unser erstes Ziel ist ein Vier-Sterne-Hotel. Die Nacht kostet über 200 Euro inklusive Halbpension. Das Hygienekonzept scheint durchdacht. Beim Check-in soll in der Gegenwart des Gastes das Tablet desinfiziert werden. Aufzüge sollen verstärkt gereinigt werden und öffentliche Toiletten alle zwei Stunden. Wir checken ganz normal als Touristen ein. Die erste Ernüchterung: Das Tablet wird nicht vor unseren Augen desinfiziert, wie auf der Webseite versprochen. Dafür gibt es Trennwände und genug Abstand. Direkt zu Beginn markieren wir neuralgische Punkte wie Aufzugknöpfe, Türklinken, und Spülknöpfe der für alle Gäste zugänglichen Toiletten mit einem UV-Marker. So können wir später prüfen, wann diese Flächen desinfiziert wurden. Vorab haben wir uns beim TÜV Süd informiert. Sonja Sieger testet und entwirft Hygienekonzepte für Hotels. Sie kennt die Schwachstellen, sagt auch, das hat nicht unbedingt etwas mit der Preisklasse der Hotels zu tun. Ihrer Meinung nach haben die Guten angefangen beim Buffet über die Häufigkeit der Reinigung Konzepte, die funktionieren. Bei den Schlechten scheitert es oft im Detail.

Gilt das auch in unserem Vier-Sterne-Plus-Hotel? Die Poolliegen werden immerhin nach jedem Gast gereinigt, allerdings mit dem gleichen Lappen. Sonja Sieger sagt, das ist absolut suboptimal, aus hygienischer Sicht ungeeignet.

Wir sind alle geimpft und getestet. Zum Frühstück vergessen wir absichtlich unsere Maske. Das Personal bittet uns sofort, diese aufzuziehen. Zusätzlich desinfiziert der Mitarbeiter die Hände von jedem Gast. Und abends gibt es statt Buffet Essen im Restaurant mit Reservierung – so werden Schlangen vermieden.

Als wir aber am nächsten Morgen auschecken, erinnert uns keiner daran, die Maske bitte aufzuziehen. Im Gegenteil: Die Dame an der Rezeption hat ihre Maske dann auch noch ausgezogen, weil der Mann am Telefon sie nicht verstanden hat. Unsere UV-Marker sind nach 24 Stunden zum Teil immer noch da, obwohl sie einfach wegzuwischen wären. Es gab keine Reinigung alle zwei Stunden, wie versprochen. Immerhin wird unser Zimmer nach dem Auschecken fast eine volle Stunde gereinigt. Unser Eindruck ist insgesamt nicht schlecht. Obwohl man sagen muss, dass ganz viele Sachen, die sie auf ihrer Webseite versprechen, nicht eingehalten werden.

Ein Jet-Ski Fahrer in der Bucht der Playa de Palma
Ein Jet-Ski Fahrer in der Bucht der Playa de Palma | Bild: picture alliance / Eibner-Pressefoto / Augst / Eibner-Pressefoto

Prekäre Bedingungen der Putzkräfte

Ist das im nächsten Hotel anders? Das hat einen Stern weniger und kostet knapp 90 Euro mit Halbpension. Es liegt mitten in El Arenal und zieht vor allem junge Leute an. Auch hier finden wir viele Versprechen im Hygienekonzept.

Die erste Überraschung: Kaum drinnen, werden wir ermahnt, vernünftig unsere Maske zu tragen. Auf den ersten Blick wird hier großen Wert auf Hygiene gelegt. Am Buffet stehen die Speisen offen – aber auch hier werden wir gebeten, die Maske sofort wieder aufzusetzen. Außerdem finden wir hier jede Menge Desinfektionsspender, auch am Kaffeeautomaten, wie von den Behörden empfohlen. Der TÜV sagt: "Absolut vorbildlich". Wieder markieren wir neuralgische Punkte. Wird hier besser gereinigt als im Vier-Sterne-Hotel? Zufällig werden wir Zeuge, wie eine Putzkraft ein völlig vermülltes Zimmer vorfindet. Die Gäste sind abgereist. Das Reinigen des Zimmers dauert dadurch extrem lange. Wir haben von prekären Arbeitsbedingungen gehört und davon, dass die Corona-Hygiene-Maßnahmen von den Putzkräften kaum zu schaffen sind.

Servicekraft im Hotel (Symbolbild)
Servicekraft im Hotel (Symbolbild) | Bild: picture alliance / VisualEyze

Wir versuchen mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Am Spätnachmittag sind wir verabredet. Mit drei Frauen von Las Kellys. Eine Vereinigung von Putzkräften, die auf die Missstände aufmerksam machen will. Sie arbeiten in Drei- und Vier-Sterne-Hotels. Durch Covid sei ihre Situation unerträglich geworden. Sie sagen: "Man muss das Zimmer säubern und desinfizieren. Also, Du brauchst viel Zeit, und wir haben die gleiche Anzahl an Zimmern und Zeit wie vorher." Und: "Für zehn Checkouts bräuchtest du zehn Stunden, du hast aber nur acht, also fehlen dir zwei Stunden. Woher sollst du die nehmen? Du kannst nicht essen, eigentlich gar nicht auf Toilette gehen, du kannst nicht eine Minute stoppen. Du rennst den ganzen Tag von dem Moment an, wo Du zur Tür reinkommst. Bis Du wieder rausgehst."

Sie erzählen uns von Kolleginnen, die deshalb aus Angst unbezahlte Überstunden machen und so unter den Mindestlohn von knapp sechs Euro brutto pro Stunde rutschen.

Party ohne Sorgen

Zurück in unserem Mittelklasse-Hotel sehen wir nach unseren UV-Markern, die wir vor 24 Stunden angebracht haben. Auch hier wurden nicht alle Oberflächen desinfiziert. Vor dem Hotel wird es immer lauter, je dunkler es wird. Die Strandpromenade füllt sich. Aus den Hotels strömen Hunderte und feiern – ohne Maske, ohne Abstand. Dabei ist es verboten.

Die Feiernden argumentieren: "Seit anderthalb Jahren bin ich in Deutschland und habe Nichts gemacht, außer gearbeitet.“ "Und ich hab zum allerersten Mal mit 20 das Gefühl, dass ich mal wieder feiern gehen kann." Es gibt aber auch kritische Stimmen: "Zweites Ischgl...unvernünftig." Die Polizei schaut mehr oder weniger zu und scheucht die Feiernden von einer Straßenseite auf die andere. Das nehmen auch die Touristen wahr: "Die haben es nicht im Griff hier. Das ist einfach, die können machen, was sie wollen. Die schieben die Leute weg nach da vorne, das macht keinen Sinn."

Wie sind die Hygienestandards im günstigen All-inclusive-Hotel?

Wir kommen in unserem letzten Hotel an. Ein Billig-All-inclusive Hotel, rund 60 Euro pro Nacht. Ein Riesenkomplex mit 900 Zimmern. Das Hotel ist beliebt bei Feierwütigen. Beim Einchecken erinnert uns keiner an die Maske. Der nächste Check: das Buffet. Wir vergessen wieder mit Absicht die Maske. Dreist gehen wir direkt bis zum Buffet vor. Die Angestellten sehen uns – keiner stoppt uns. Nur eine Desinfektionsflasche für den ganzen Raum.

Es gibt keinen extra Spender am Kaffeeautomaten. Abstand am Buffet? Fehlanzeige. Die öffentlichen Toiletten – laut Schild eine desinfizierte Umgebung – werden aber am Wochenende nur einmal am Tag gereinigt. Unser Fazit: "Die Hygieneregeln wurden hier nicht so ganz ernst genommen, mich hat keiner auch nur einmal gebeten, meine Maske anzuziehen. Und diese öffentlich zugängliche Toilette wurde genau einmal am Tag gereinigt."

Wir treffen uns nochmal mit Putzkräften von Las Kellys. Sie bestätigen uns, dass es meist die öffentlichen Bereiche der Hotels sind, die wegen der Arbeitslast zu kurz kommen – einfach, weil das Pensum nicht zu schaffen sei. Sie sagen: "Es ist unmöglich, das Covid-Protokoll zu erfüllen. Die meisten Hotels beuten Putzkräfte aus, sowieso schon. Jetzt mit Covid ist es noch schlimmer geworden, weil es keine Arbeit gibt."

Wir konfrontieren die Hotels mit unseren Rechercheergebnissen, bekommen jedoch weder zu den Hygiene-Defiziten noch zum Arbeitspensum der Putzkräfte eine Antwort.

Fazit nach unserer Stichprobe: In den Hotels werden die Hygiene-Maßnahmen nicht überall umgesetzt. Das höhere Arbeitspensum ist für die Putzkräfte kaum zu schaffen. Und draußen geht die Party weiter, als ob es kein Corona gäbe.

Bericht: Tilo Gummel und Rebecca Kirkland

Ein Beitrag des Westdeutschen Rundfunks für Das Erste

Stand: 21.07.2021 22:50 Uhr

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