SENDETERMIN Mi., 09.09.20 | 22:00 Uhr | Das Erste

Aus dem Gleis – Wie Corona die Deutsche Bahn verändert

PlayNeue oder modernisierte Strecken und neue Züge - die Bahn investiert.
Aus dem Gleis – Wie Corona die Deutsche Bahn verändert | Bild: dpa / Sebastian Gollno

– Die Züge der Deutschen Bahn sind seit Corona selten voll – und pünktlicher.
– Viele meiden seit Beginn der Pandemie die Bahn und weichen auf Fahrrad oder Auto aus.
– Die Deutsche Bahn beklagt die größte finanzielle Krise in ihrer Geschichte, dabei sind viele Strecken sanierungsbedüftig.
– Die Bahn investiert deshalb trotz Corona Milliarden Euro in Züge und Infrastruktur und erhält für das Vorhaben "Deutschlandtakt" Unterstützung vom Bund.
– Im Gegensatz zu anderen Verkehrsunternehmen baut die Bahn keine Arbeitsplätze ab - sie will dieses Jahr 25.000 neue Jobs schaffen

Die Züge sind leerer – aber pünktlich seit der Corona-Pandemie. Das Netz ist nicht mehr überlastet. Damit das so bleibt, investiert die Bahn. Plusminus beleuchtet, wie gut die Bahn durch die Coronazeit fährt und wie die Zukunft danach aussieht.

Der Bahn mangelt es derzeit an Kunden

Verwaiste ICEs, halbleere Bahnsteige. Seit Corona kämpft die Deutsche Bahn nicht mehr mit überfüllten Zügen, sondern um jeden Kunden. Matthias Bley hat die Bahn trotz Corona weiter genutzt. Der Dauerpendler wohnt im nordhessischen Kassel und arbeitet im niedersächsischen Oldenburg – gut 300 Kilometer entfernt. Normalerweise hetzt der Bibliothekar montagmorgens durch Pendlermengen zum Gleis, um einen Sitzplatz zu ergattern. Seit Corona gönnt er sich vor der Abfahrt gemütlich einen Kaffee, denn Bahnfahren sei für ihn jetzt viel entspannter. Er finde zurzeit ohne Probleme einen Sitzplatz. Zwar fahren mittlerweile wieder mehr Menschen Zug als im Lockdown – doch im Durchschnitt herrscht immer noch Kundenmangel. Während des Lockdowns waren die Fernverkehrszüge nur zu zehn Prozent ausgelastet. Mittlerweile sind wieder bis zu 30 Prozent der Plätze besetzt.

Nur rund jeder dritte Platz ist im Fernzug besetzt.
Nur rund jeder dritte Platz ist im Fernzug besetzt. | Bild: ARD

Weniger Geschäftsreisen, mehr Homeoffice

Das sind aber immer noch nur rund halb so viele Fahrgäste wie vor der Corona-Zeit. Geschäftsreisen sind weniger geworden und viele arbeiten im Homeoffice. Die Bahn wird von vielen Kunden aufgrund der Corona-Pandemie zurzeit oft gemieden. Eine aktuelle Studie des Instituts für Verkehrsforschung der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigt, dass die Menschen während des Lockdowns lieber Rad oder Auto nutzen. In öffentlichen Verkehrsmitteln haben sich viele sehr unwohl gefühlt. Das hat sich bis heute nur leicht gebessert.

Corona - die Reisende bevorzugen zurzeit den Individualverkehr.
Corona - die Reisende bevorzugen zurzeit den Individualverkehr. | Bild: ARD

Viele fühlen sich zurzeit auf dem Rad oder im Auto sicherer

Noch immer fühlen sich 47 Prozent der Befragten unwohl beim Fliegen. Im Zug und Nahverkehr sind es sogar 50 Prozent. Der Individualverkehr gewinnt: 13 Prozent fühlen sich auf dem Rad wohler als vor Corona, 16 Prozent sind es im Auto. Corona hat die Bahn allerdings pünktlicher gemacht. Vor einem Jahr waren 77,2 Prozent der Fernzüge pünktlich – jetzt sind 83,5 Prozent. Pünktlich aber kaum besetzt, stürzen die Züge den Staatskonzern in die wirtschaftliche Krise. Die Halbjahresbilanz 2020 weist ein Minus von 3,7 Milliarden Euro aus – so viel wie noch nie. So beklagt die Bahn die größte finanzielle Krise, die sie bisher in ihrer Geschichte erlebt hat. Die Bundesregierung sieht sich deshalb zur Nothilfe gezwungen und verspricht eine Eigenkapitalerhöhung von fünf Milliarden Euro. Der Präsident des Bundes der Steuerzahler kritisiert den Geldregen allerdings, denn die schlechte Finanzlage der Bahn liege unter anderem an Fehlern, die vor Corona begangen wurden. Ausgerechnet die Deutsche Bahn habe zu viel in Auslandsbeteiligungen gesteckt. Sie besteht aus mehr als 600 Unternehmen in 130 Ländern - und sei damit überfordert.

Die Züge sind im Vergleich zum letzten Jahr pünktlicher.
Die Züge sind im Vergleich zum letzten Jahr pünktlicher. | Bild: ARD

Die Bahn muss viele Strecken sanieren

Bahnexperte Professor Christian Böttger berät als Sachverständiger den Bundestag. Auch er ist überzeugt: Um wieder auf die Beine zu kommen, muss die Bahn sich auf die Schiene in Deutschland konzentrieren. Dort sieht er aber kaum Sparpotential – im Gegenteil. Milliardeninvestitionen seien nötig, müssten aber richtig eingesetzt werden. Denn die Schiene wurde über 20 Jahre vernachlässigt, die Infrastruktur ist teils verrottet und manche Züge bis zum Verschleiß gefahren. Viele Strecken müssen erneuert werden – wie derzeit zwischen Berlin und Hamburg. Das Ingenieursbüro von Bauüberwacher Wolfram Langenhaun ist eins von vielen, die im Auftrag der Bahn rund um die Uhr Strecken sanieren.

Viele Bahnstrecken müssen saniert werden.
Viele Bahnstrecken müssen saniert werden. | Bild: ARD / Katja Sodomann

Dabei müsste das Netz nicht nur saniert, sondern längst ausgebaut werden. Wichtige Bahnstrecken wie Berlin-Hamburg sind schon lange überlastet. Auch ein Versäumnis des Staates, gesteht der Staatssekretär des Verkehrsministeriums Enak Ferlemann ein: "Das stimmt. Wir haben in Deutschland viele Jahre das System auf Verschleiß gefahren. Da hat man einfach die Bestandsnetze vernachlässigt – das müssen wir korrigieren."

Der "Deutschlandtakt" soll die Bahn wieder "auf Zack bringen"

Damit kann es dem Staat jetzt nicht schnell genug gehen. Denn er hat die Bahn zum Klimaretter erkoren. Das Ziel: Doppelt so viele Bahnkunden bis zum Jahr 2030. Schon vor Corona war das ambitioniert. Doch jetzt wollen viele lieber Auto fahren, statt zu fliegen oder mit dem Zug zu fahren. Die Menschen trotzdem in die Bahn zu locken, ist deshalb eine Herausforderung. Kürzlich präsentierte der Verkehrsminister werbewirksam, wie das trotzdem gelingen soll – mit dem "Deutschlandtakt".

Kürzere Fahrzeit – höhere Taktung der Züge

Auf den Hauptachsen solle man so künftig höchstens 30 Minuten auf den nächsten Zug warten müssen. Im Dezember soll die erste Etappe starten: Hamburg–Berlin jede halbe Stunde. Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn ist überzeugt: Das holt mehr Leute in die Züge: "Je dichter das Angebot ist, umso besser ist es für die Kunden. Dann werden auch die Anschlüsse nicht mehr so wichtig. Dann kann ich mich sehr viel mehr darauf einstellen. Auch wenn ich zu einem Termin möchte, ist natürlich ein Halbstundentakt immer angenehmer als ein Stunden- oder Zweistundentakt."

Im Jahr 2030 soll der Deutschlandtakt komplett umgesetzt sein. Bis dahin muss das Netz digitalisiert, Strecken und Bahnknotenpunkte neu- und ausgebaut werden – wie der Hauptbahnhof Frankfurt, durch den zwei Drittel des Fernverkehrs fahren. Erst dann funktioniert der Halbstundentakt zwischen Großstädten. Neben Frankfurt sind das zum Beispiel Verbindungen von und nach Hamburg, Berlin, Köln, Stuttgart, München oder Leipzig.

Der "Deutschlandtakt" soll auch die Fahrzeiten verkürzen - ab dem Jahr 2030.
Der "Deutschlandtakt" soll auch die Fahrzeiten verkürzen - ab dem Jahr 2030. | Bild: ARD

Der Takt soll die Fahrtzeit verkürzen: zum Beispiel zwischen Berlin und Düsseldorf um 41 Minuten, zwischen Stuttgart und Hamburg oder München und Köln um rund eine Stunde, zwischen Frankfurt und Dresden um 39 Minuten. Der Staatssekretär des Verkehrsministeriums Enak Ferlemann hofft: "Wenn die Verbindungen so schnell sind, dass der Flugverkehr überflüssig wird, dann wage ich die Prognose, gehen die Leute auf die Schiene." Doch kann der Deutschlandtakt binnen zehn Jahren Realität werden? Bahnexperten halten das für utopisch: Planungs- und Baukapazitäten fehlten, die Finanzierung sei nicht gesichert. Verkehrswissenschaftler Professor Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin meint: "Es ist relativ klar, dass es bis 2030 keine neuen Strecken geben wird. Auf dem jetzigen Pfad ist es weder vom Geld, noch von den Ressourcen her denkbar, dass es die ganzen großen Strecken, die neu angekündigt sind, 2030 geben wird. Da reden wir über 30- und nicht über zehn Jahre."

Bei Bedarf muss der Bund nachfinanzieren

Allein die Vorarbeit hat 13 Jahre gedauert, bis der Bundesbahnbeauftragte und sein Team den Plan für den Deutschlandtakt fertig hatten – auf dem Papier. Sie beharren auf dem Zehn-Jahresziel. Am Geld solle es allerdings nicht scheitern. So erklärt der Bahnbeauftrage Enak Ferlemann: "Wenn es da knapp wird, wird nachfinanziert. Dann, denke ich, wird sich auch der jeweilige Bundesfinanzminister an die Verabredung halten und dann auch gegebenenfalls die Finanzmittel bereitstellen."

Die Bahn schafft neue Jobs.
Die Bahn schafft neue Jobs. | Bild: ARD

Die Bahn kann sich sicher fühlen, dass der Bund sie finanziell auffängt. So investiert sie trotz Corona in Züge und Infrastruktur. Und auch wenn sie Personalkosten sparen will – streicht sie keine Stellen. Sondern die Bahn schafft dieses Jahr sogar 25.000 neue Arbeitsplätze, während andere Verkehrsunternehmen massiv Jobs abbauen wollen, wie zum Beispiel Lufthansa, Audi, Fraport oder MAN.

Fazit: Die Bahn – ein zuverlässiger Arbeitgeber. Und mit dem Deutschlandtakt dann vielleicht auch ein zuverlässigeres Verkehrsmittel. Auch wenn das länger als zehn Jahren dauert, der Deutschlandtakt hat das Potential mehr Menschen in die Züge zu locken – ein wichtiger Schub für die Verkehrswende. 

Ein Beitrag von Katja Sodomann
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Der Beitrag wurde produziert vom Hessischen Rundfunk (hr) für "Das Erste".

Stand: 10.09.2020 14:03 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.