SENDETERMIN Mi., 13.05.20 | 22:05 Uhr | Das Erste

Infizierte Flugbranche - Wie und wie teuer wir noch Urlaub machen können

PlayBis auf weiteres außer Dienst gestellt: Passagiermaschinen der Lufthansa parken auf einer Landebahn am Flughafen.
Infizierte Flugbranche - Wie und wie teuer wir noch Urlaub machen können | Video verfügbar bis 13.05.2021 | Bild: dpa / Boris Roessler

– Die Luftfahrbranche ist durch die Corona-Krise im Ausnahmezustand
– Die Zeiten für Billigfliegen ist vorerst vorbei
– Experten gehen davon aus, dass der Preis für Flugtickets etwa um 40 Prozent steigt
– Die meisten Airlines brauchen Staatshilfe
– Es ist davon auszugehen, dass viele Airlines die Corona-Krise nicht überstehen werden
– Im Vergleich zum Vorjahr gibt es einen Fluggastrückgang um 97 Prozent
– Viele Fluglinien wollen Stellen streichen

97 Prozent weniger Fluggäste im Vergleich zum Vorjahr.
97 Prozent weniger Fluggäste im Vergleich zum Vorjahr. | Bild: ARD

Auf den Flughäfen der Welt herrscht der Ausnahmezustand. Am größten deutschen Airport in Frankfurt ist das Terminal 2 zurzeit ganz geschlossen. Es sind fast 97 Prozent weniger Fluggäste im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Terminal 1 ist wie leergefegt. Hier sind nur eine Handvoll Reisende anzutreffen. Und viele Reisende fliegen nur, um wieder nach Hause zu kommen. Viele Flüge wurden immer wieder verschoben oder abgesagt. Michael Immel ist der ARD-Luftfahrtexperte. Auch er ist privat immer gern geflogen, heute aber noch gilt die weltweite Reisewarnung bis zum 14. Juni.

Viele Airlines werden die Corona-Krise nicht überstehen

Die Corona-Krise hat die Flugbranche hart getroffen. Die meisten Maschinen stehen seit Wochen am Boden. Viele Airlines werden diese Krise seiner Einschätzung nach nicht überleben: "Die Dramatik ist so groß geworden, dass das Barvermögen bei den meisten Fluggesellschaften einfach viel zu gering ist. Es gibt Schätzungen, dass zunächst mehr als 250 Milliarden US-Dollar benötigt werden. Und das ist nur eine Vorausschau für die nächsten Monate", befürchtet ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel.

Der Staat soll mit Milliarden Euro helfen

Die meisten Airlines brauchen jetzt Staatshilfe. Allerdings müssen sie dafür wohl Zugeständnisse machen: Klimaziele einhalten, kurze Inlandsflüge streichen. Diese Diskussion gibt es zurzeit auch in vielen europäischen Ländern.

Der Stillstand kostet Lufthansa eine Million Euro pro Stunde.
Der Stillstand kostet Lufthansa eine Million Euro pro Stunde. | Bild: ARD

Die Lufthansa braucht Staatshilfen in Milliardenhöhe. Von neun bis zehn Milliarden Euro ist die Rede, denn der Stillstand kostet das Unternehmen eine Million Euro pro Stunde. Alexander Sperer ist seit neun Jahren Flugbegleiter bei der Lufthansa. Sein letzter Flug war am 1. April nach Sao Paulo. Nach fünf Wochen ohne Arbeit kommt er zum ersten Mal wieder in den Lufthansa-Stützpunkt nach Frankfurt. Seine Sorge, man wisse gar nicht, wann das wieder anders wird: "Es gibt keine richtigen Dienstpläne. Es gibt nur Reserve und Standby", klagt der Flugbegleiter.

Lufthansa plant Abbau von 10.000 Stellen.
Lufthansa plant Abbau von 10.000 Stellen. | Bild: ARD

Rund zwei Drittel der Belegschaft ist wie Alexander Sperer in Kurzarbeit. 60 Prozent seines Nettolohns zahlt zurzeit der Staat, 30 Prozent stockt die Lufthansa auf. Damit kann er gut leben - aber nur noch bis Ende August. Wie es dann finanziell weitergeht, weiß er nicht. Hinzu kommt die Angst um den Job. Denn Lufthansa plant den Abbau von 10.000 Stellen. Kurzarbeit gibt es zurzeit auch beim Billigflieger Ryanair. Das Luftfahrtunternehmen hatte ordentlich Geld in der Tasche bis Corona alles lahmlegte. Nach eigenen Angaben braucht die Airline keine Staatshilfen und könnte selbst ohne Umsatz die nächsten 24 Monate überleben. Aber auf wessen Kosten?

Fluglinien wollen massiv Stellen abbauen

Der Airline Ryanair plant rund 3.000 Stellen zu streichen.
Der Airline Ryanair plant rund 3.000 Stellen zu streichen.

Plusminus trifft eine Flugbegleiterin von Ryanair. Aus Angst, gekündigt zu werden, möchte sie anonym bleiben. Seit März ist sie nicht mehr geflogen und weiß, dass Ryanair 3.000 Stellen abbauen will. Außerdem werden nach dem Lockdown 50 Prozent weniger Flüge starten. Weil sie bei Ryanair im Vergleich zu Lufthansa-Kollegen weniger Festeinkommen hatte, reicht es derzeit kaum zum Leben. Zwar zahlt Ryanair knapp 300 Euro zum Kurzarbeitergeld dazu, aber dennoch bleibt sie unter 1.000 Euro netto im Monat. Seit März jobbt sie daher in einem Supermarkt, füllt Regale, ordnet Einkaufswagen. Dass sie nach Corona wie früher nur vom Fliegen leben kann, glaubt sie nicht.

97 Prozent weniger Fluggäste

Extremer Fluggastrückgang in der Corona-Krise.
Extremer Fluggastrückgang in der Corona-Krise. | Bild: ARD

Es kann lange dauern, bis die Fliegerwelt wieder so ist, wie vor Corona, meint Professorin Yvonne Ziegler, Expertin für Internationales Luftverkehrsmanagement. Sie lehrt an der Frankfurt University, direkt am Flughafen. Hier flogen im März 2019 noch sechs Millionen Passagiere. Jetzt sind es nur noch 180.000 – ein Minus von 97 Prozent. Wann die Reiselust zurück kommt, ist vorerst fraglich. Denn diejenigen, die älter sind oder einer Risikogruppen angehören, würden es sich gut überlegen. Nicht nur Infektionszahlen, sondern auch die geeignete medizinische Infrastruktur am Zielort, werde für die Reiseentscheidung eine Rolle spielen, vermutet die Professorin.

Das Reiseverhalten wird sich also in Zukunft gravierend verändern. Abgesehen davon, dass viele Menschen nach Pleiten, Jobverlust oder monatelanger Kurzarbeit schlicht kein Geld mehr zum Fliegen haben. Auch Unternehmen werden umdenken und wahrscheinlich auf Geschäftsreisen verzichten: "Im Moment hat jeder sozusagen einen Schnellkurs in Sachen Digitalisierung gemacht. Firmen haben entdeckt, dass es sehr bequem und auch einfach sein kann, Meetings über Videokonferenzen abzuhalten", erklärt Professorin Yvonne Ziegler.

Fliegen wird teurer

Das hat dann nicht nur Auswirkungen auf Angebot und Nachfrage, sondern wird sich auch auf die Preise auswirken. Noch ist Fliegen billig, weil zurzeit keiner Reisen will. Ein Flug von Frankfurt nach Berlin kostete Ende April 2020, aufgrund mangelnder Nachfrage und günstigen Kerosins, nur 84 Euro. Vor Corona war das undenkbar. Im Flieger saßen nur 15 Passagiere, wie ein Reisender dokumentierte.

Auch der Flughafen Schönefeld ist jetzt ein Geisterflughafen. In der Abflughalle treffen wir den Preis-Experten Gunnar Berninger. Er betreibt das Reise-Vergleichsportals From AtoB und glaubt, dass Länder wie Italien oder Spanien, nach Aufhebung der Reisebeschränkungen, erst einmal nicht mehr zum Urlaubsziel Nummer eins gehören wird: "Ich persönlich denke, dass die Menschen erstmal die Militärlastwagen mit den Särgen aus dem Kopf verlieren müssen, bevor wirklich wieder signifikant in diese Regionen Reisen stattfinden."

Es wird weniger Flüge geben

Zurzeit locken die Airlines mit günstigen Preisen.
Zurzeit locken die Airlines mit günstigen Preisen. | Bild: ARD

Doch schon jetzt werden Mutige mit Schnäppchen gelockt. Ein Beispiel: Kauft man jetzt ein Ticket mit der Airline Iberia für Juli, dann zahlt man knapp 200 Euro für eine Woche Mallorca. Im April 2021 wird dieser Flug mit fast 400 Euro fast doppelt so teuer, trotz Nebensaison. Mit Billigfliegen wird nach Corona wohl Schluss sein. Preis-Experte Gunnar Berninger geht Mittelfristig davon aus, dass verschiedene Airlines die Corona-Krise finanziell nicht überleben werden. Dadurch verringere sich dann das Angebot, was nochmal zu höheren Preisen führen werde. Mit jeder Airline weniger auf einer Strecke, werden Flugtickets um etwa 40 Prozent teurer, hat er berechnet.

Für ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel ist jetzt schon absehbar, dass es nach Corona Monopolisten für Strecken geben wird: "Ich gehe davon aus, dass es große Player sein werden, also große Airlines. Zum Beispiel, drei große in Amerika, in Asien, aber auch am Golf und in Europa, die die Langstrecke auf jeden Fall auch überleben werden. Und eine deutsche Lufthansa gehört für mich auf jeden Fall auch dazu.

Mit einem Normalbetrieb in Frankfurt, wie vor der Krise, rechnen Experten erst in zwei bis drei Jahren. Und das Reisefieber wird sicher noch ein Weilchen abgekühlt bleiben.

Beitrag von Katrin Wegner
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 13.05.2020 22:45 Uhr

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