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Infizierte Wirtschaft - Wie sich Unternehmen gegen die Krise stemmen

PlayDesinfektionsmittel steht am Eingang eines Geschäftes bereit.
Infizierte Wirtschaft - Wie sich Unternehmen gegen die Krise stemmen | Video verfügbar bis 13.05.2021 | Bild: dpa / Britta Pedersen

– Therapiezentrum, mittelständiges Glasbau-Unternehmen, ein Industriekonzern: Plusminus hat acht Wochen lang drei unterschiedlich große Unternehmen in der Corona-Krise begleitet
– Die zentralen Themen sind zurzeit: Kurzarbeit, Hilfskredite und Auftragseingang
– Unternehmen haben rund zehn Millionen Anträge auf Kurzarbeit gestellt
– 34.000 Unternehmen haben bisher staatliche Hilfskredite beantragt
– Der Bedarf an Krediten beträgt die Summe von 37 Milliarden Euro
– Das ifo-Institut geht für April von einem Auftragsrückgang von 25 bis 30 Prozent aus

Unternehmen im Krisenmodus

Therapie-Bälle weggeräumt, Massageliegen leer. Ins Therapiezentrum kommen kaum noch Patienten. Ein Mittelständler wartet schon seit März auf den staatlichen Hilfskredit. Und der Industriekonzern bekommt immer weniger Aufträge. Das Corona-Minus ist messbar, mit rund 20 Prozent weniger Aufträgen.

Plusminus begleitet drei ganz unterschiedliche Unternehmen durch die Krise. Bei Umsatz und Mitarbeiterzahl decken sie die Bandbreite der Wirtschaft ab:

  • Das Therapiezentrum Emler im hessischen Wetzlar hat 24 Mitarbeiter und einen Umsatz unter 750.000 Euro.
  • Das mittelständige Unternehmen Glasbau Hahn, mit 100 Mitarbeitern in Frankfurt, liefert Museumsvitrinen in alle Welt. Der Umsatz beträgt 24 Millionen Euro.
  • Die Samson AG ist mit 4.500 Mitarbeitern in der Mainmetropole ein weltbekannter Anbieter von Industrieventilen. Der Konzernumsatz beläuft sich auf 630 Millionen Euro weltweit.

Für Unternehmen ist Corona die größte Herausforderung in der Firmengeschichte. Die drei zentrale Themen sind zurzeit: Kurzarbeit, Hilfskredite und Auftragseingang

Zehn Millionen Anträge auf Kurzarbeit gestellt

Leere Massagepraxis im Therapiezentrum Emler.
Leere Massagepraxis im Therapiezentrum Emler. | Bild: ARD

Nur jeder fünfte Patient darf oder will sich jetzt noch behandeln lassen. Da ist Kurzarbeit unausweichlich. In Corona-Zeiten ein Massenphänomen: Rund 750.000 Betriebe haben für zehn Millionen Beschäftigte Anträge auf Kurzarbeitergeld gestellt. Praxis-Gründer Thomas Emler will in dieser Antragsflut nicht untergehen. Schon Ende März informierte er sein Team. In jedem Fall landet weniger Geld auf dem Konto der Mitarbeiter. Wie viel genau, wissen sie noch nicht. Für den dreifachen Familienvater wie Hendrik Budde ist da haushalten gar nicht so einfach. Anfang Mai steht fest, er hat rund 400 Euro weniger auf dem Konto.

Soweit es geht, will der Chef das Einkommen seiner Mitarbeiter aus dem eigenen Geldbeutel aufstocken. Und er hat eine originelle Idee: Aus Therapeuten werden jetzt Landschaftsgärtner. So entsteht dort gerade ein Paradies für Kinder. Die Praxis wird damit noch bekannter und punktet bald mit Klettergerüst und Barfuß-Pfad. Eine Zukunft-Investition und ein Hilfsprogramm in der Krise: 200 regulär bezahlte Arbeitsstunden an der frischen Luft.  

In manchen Branchen: Überstunden statt Kurzarbeit

Bei einer anderen Branche zeigt sich ein genau umgekehrtes Bild: Bei der Samson AG gibt es keine Kurzarbeit, sondern sogar Überstunden. Denn die Produktion läuft noch wie vor der Krise, doch die Krankmeldungen haben sich verdoppelt. Das heißt Mehrarbeit für die Kollegen. Aber laut Tarifvertrag sind nur 20 Überstunden im Monat erlaubt. Auf diese Beschränkung hat der Betriebsrat deshalb verzichtet. Diana Mancic, die Betriebsratsvorsitzende der Samson AG, nimmt das normalerweise sehr ernst. Aber in solchen Fällen sei man einfach flexibler: "Wenn das hilft, dann helfen wir sehr gerne damit, dass wir einfach nicht an diesen Paragrafen festhalten, sondern das einfach öffnen."

Viele Unternehmen brauchen Hilfskredite

Glasbau Hahn liefert Museumsvitrinen in alle Welt.
Glasbau Hahn liefert Museumsvitrinen in alle Welt. | Bild: ARD

Viel schwieriger ist es mit Hilfskrediten. Das erleben sie seit Beginn der Krise bei Glasbau Hahn, dem Familienbetrieb in vierter Generation. Corona hat die Finanzplanung des Vitrinenbauers über den Haufen geworfen. Dazu müssen der kaufmännische Leiter André Marx und Mitinhaberin Isabel Hahn nur in die Bücher blicken. Es fehlen 640.00 Euro in der Kasse. Deshalb hat die Firma frühzeitig einen staatlichen Hilfskredit über 2,2 Millionen Euro bei der Hausbank beantragt. Als wir Isabel Hahn Anfang April zum ersten Mal treffen, ist die Hoffnung noch groß: "Ich bin äußerst dankbar, dass es Hilfe vom Staat gibt. Und dass der Staat im Moment so schnell reagiert." Jetzt sei sie allerdings wieder auf dem Boden der Tatsachen und sehe, dass die Mühlen doch nicht so schnell mahlen, wie sie vor drei Wochen noch gedacht hat.

Bedarf an Hilfskrediten entspricht rund 37 Milliarden Euro

Zwar übernimmt der Staat durch die KfW bis zu 90 Prozent des Kreditrisikos, den Rest übernimmt die Hausbank. Um das Risiko zu prüfen, braucht die Bank aber Zeit. Nur beim neuen KfW-Schnellkredit mit 100 Prozent Staatshaftung geht es schneller. Schon 34.000 Unternehmen haben einen der staatlichen Hilfskredite beantragt. Der gigantische Bedarf beträgt 37 Milliarden Euro. Glasbau Hahn hatte mit Bankkrediten bislang nichts zu tun, jetzt drängt aber die Zeit. Da ist Hilfe von ganz oben Willkommen – eine alte Familientradition: "Mein Vater hat immer gesagt: Der liebe Gott verlässt keinen braven Glaser. Zurzeit sind wir in intensiven Gesprächen mit der Hausbank. Und ich erwarte, dass wir in zwei bis vier Wochen eine Entscheidung haben werden", hofft Mitinhaberin Isabel Hahn.

Dass Hilfe schnell kommen kann, erlebt Therapeut Thomas Emler – sogar ohne den Staat. Die Hausbank kennt seine Finanzen: Am Jahresanfang hat ihm die örtliche Sparkasse den Kauf der bisher gemieteten Praxisräume finanziert. Schon da war Bankmitarbeiter Daniel Kraft für ihn zuständig – wie jetzt wieder.  Schnelle Hilfe in unsicheren Zeiten: Die Tilgung wurde ausgesetzt, der Kreditrahmen um 70.000 Euro erhöht. Das schafft Luft – für den Moment. Dagegen brauchen andere Unternehmen in der Krise Geduld. Daniel Kraft von der Sparkasse Wetzlar erklärt: "Beim Herrn Emler hatten wir den Vorteil, dass uns alle aktuellen wirtschaftlichen Unterlagen vorlagen. Das ist natürlich in den meisten Fällen derzeit nicht der Fall. Deswegen dauert es ein bisschen, bis uns die Unterlagen vorliegen, die die Kunden auch teilweise beim Steuerberater erst beantragen müssen."

Aufträge gehen bis zu 30 Prozent zurück

Die Samson AG stellt Industrieventile her.
Die Samson AG stellt Industrieventile her. | Bild: ARD

Wie die Firmen in den nächsten Monaten durch die Krise kommen, dafür ist schon jetzt der Auftragseingang entscheidend. Bei der Samson AG beläuft sich der Rückgang der bestellten Industrieventile im April auf 20 Prozent weniger, gegenüber dem Vorjahresmonat. Für die gesamte Industrie sieht es noch düsterer aus, so eine exklusive Prognose des ifo-Instituts für Plusminus: Minus 25 bis 30 Prozent im April – so schnell bergab ging es noch nie.

Das bedeutet für die nächsten Monate: Erst Rückgang bei der Produktion, dann beim Umsatz. So steht Samson-Chef Andreas Widl im Austausch mit den Werken in aller Welt, wie in Italien. Dort ist es aktuell  schwer, neue Aufträge an Land zu ziehen. Aber auch in Asien: "In China sind uns die Auftragseingänge weggebrochen, weil unsere Mitarbeiter nicht reisen dürfen. China produziert wieder, die Logistik in China ist auch wieder in Ordnung. Aber die Mitarbeiter und Vertriebler, dürfen nicht reisen. Und wenn die nicht zum Kunden gehen können, holen die auch keine Aufträge", erklärt Andreas Widl. 

Das Therapiezentrum trifft es schneller, härter und wohl auch länger: Im April waren es 80 Prozent weniger Patienten und bis zum Jahresende allenfalls halb so viele wie vor der Krise. Denn trotz neuer Hygienemaßnahmen darf das Team von Thomas Emler kaum zu Risiko-Patienten. An Gruppentherapie im Pflegeheim ist gar nicht zu denken.          

Als wären alle diese wirtschaftlichen Sorgen nicht schon schlimm genug: Die Mitarbeiter im Therapiezentrum haben Angst, Risiko-Patienten anzustecken. Die Vitrinenbauer bangen um die Gesundheit der Monteure in Ägypten. Die Samson AG hat gleich zwei Werke am frühen Corona-Hotspot Bergamo. Corona verschont kein Unternehmen. Der Existenz-Kampf vieler Firmen hat gerade erst begonnen.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 14.05.2020 11:06 Uhr

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