SENDETERMIN Mi., 08.07.20 | 21:45 Uhr | Das Erste

Homeoffice = Leerstand - Wie Unternehmen jetzt Büroflächen abbauen

PlayEinsparen von Büroflächen - auch nach Corona könnte der Arbeitsalltag für viele Mitarbeiter anders aussehen.
Homeoffice: Leerstand – Wie Unternehmen jetzt Büroflächen abbauen | Video verfügbar bis 08.07.2021 | Bild: dpa / Roland Holschneider

– Durch die Corona-Pandemie arbeiten viele Beschäftigte im "Homeoffice"
– Viele Arbeitsplätze in Büros bleiben leer
– Auch in Zukunft wollen viele Arbeitnehmer öfters von Zuhause aus arbeiten
– Unternehmen wollen deshalb Büroflächen einsparen
– Immobilienverkauf bietet großes Einsparpotential für Unternehmen
– Es gibt unterschiedliche rechtliche Pflichten des Arbeitgebers bei den Modellen "Homeoffice", "remote working", "flexible office", "mobilen Arbeiten"
– Das "Bürosterben" beeinflusst auch den Immobilienmarkt: Wohnraum könnte wieder günstiger werden

"Homeoffice" im Trend

Bettina Karsch ist Mitglied der Geschäftsleitung von vodafone Deutschland.
Bettina Karsch ist Mitglied der Geschäftsleitung von vodafone Deutschland. | Bild: ARD

Am vodafone Hauptsitz Düsseldorf sieht es zurzeit aus, wie in den meisten Unternehmen: Zehntausende Quadratmeter gähnende Leere, Konferenz- und Büroräume sind verwaist. Fast alle Mitarbeiter sind zu Hause - auch die Chefetage. Die Corona-Pandemie hat schon jetzt Folgen in dem Unternehmen. Die Mitarbeiter dürfen auch nach der Krise bis zu 90 Prozent "mobil" arbeiten. Bettina Karsch ist Mitglied der Geschäftsleitung bei vodafone und auch verantwortlich für die Gebäude. Man habe gesehen, dass die Mitarbeiter sich mit der "Flex-Office-Regelung" sehr wohlgefühlt haben und die Produktivität nicht gelitten habe. Dass alle, wie vor der Corona-Pandemie gemeinsam ihre Plätze im Büro ersuchen, werde es deshalb nicht mehr geben. Deshalb will vodafone Büroflächen verkleinern oder sogar abmieten. Statt des Büroplatzes seien künftig Räume zum Treffen mit den Kollegen wichtiger.

Mitarbeiterin Julia Mützel wohnt eine Dreiviertelstunde entfernt von vodafone in Düsseldorf. Homeoffice funktioniere und spare Pendelzeit, meint sie. Mehr davon sei großartig. Sie könne sich vorstellen bis zu 50 Prozent von Zuhause aus zu arbeiten.

Großes Einsparpotential bei Immobilien

Was vodafone vormacht, liegt im Trend, weiß Sven Wingerter. Seine Berliner Firma Eurocres erstellt Arbeitsplatzkonzepte. Den eigenen Schreibtisch abschaffen oder mehrfach nutzen, wollen seit Corona immer mehr seiner Kunden. Schließlich machten Immobilien bis zu 20 Prozent der Firmenkosten aus. "Es ist ein Milliarden-Einsparpotenzial. Das ist nicht nur die Miete, das sind die gesamten Unterhaltskosten. Es wird auch der Umwelt guttun, weil jede Bürofläche, die nicht genutzt wird, CO2 spart. Insofern profitieren alle davon. Der Verkehr in die Büros wird abnehmen."

Auslastung der Arbeitsplätze unter Zunahme des Homeoffice.
Auslastung der Arbeitsplätze unter Zunahme des Homeoffice. | Bild: ARD

Schon vor Corona war ein Arbeitsplatz nur zu 65 Prozent ausgelastet - wegen Urlauben, Geschäftsreisen oder Krankheiten. Je mehr Homeoffice, desto weniger sitzt jemand an einem Schreibtisch. Bei drei Tagen Homeoffice ist der Arbeitsplatz nur noch zu 25 Prozent belegt - so wird Bürofläche zum Ladenhüter.

Es wird in Zukunft weniger Bürofläche benötigt

Durch den Homeoffice-Trend könnte bis zu 20 Prozent an Bürofläche eingespart werden.
Durch den Homeoffice-Trend könnte bis zu 20 Prozent an Bürofläche eingespart werden. | Bild: ARD

Sven Wingerter prognostiziert: nach der Corona-Krise werden allein durch den Homeoffice-Trend mindestens 20 Prozent weniger Platz benötigt. Von den insgesamt 380 Millionen Quadratmetern Bürofläche in Deutschland sind diese 20 Prozent so viel wie die gesamte Bürofläche Bayerns. Seine Firma hat ein Programm entwickelt, das genau kalkuliert, wie viel ein Unternehmen einsparen kann. Für den vodafone Standort Düsseldorf berechnet er, dass die Bürofläche um fast 50 Prozent reduzierbar wäre, und so pro Jahr über vier Millionen Euro an Mietkosten eingespart werden könnten. "Jedes Unternehmen wird sich jetzt freuen, wenn es Einsparpotenziale gibt, die beispielsweise nicht begründet sind mit Jobabbau, beziehungsweise Arbeitsplatzverlusten. Büroflächen einzusparen ist eines der schönsten Einsparungsmöglichkeiten", meint der Berater für Unternehmensimmobilien.

Diese "schöne Einsparmöglichkeit" nutzt auch das Luftfahrtunternehmen Condor. Erst im Jahr 2012 war die Fluggesellschaft in eine Repräsentativbau in Top Lage am Frankfurter Flughafen gezogen – damals war das Unternehmen noch auf Wachstumskurs. Ende Juli zieht die Airline nach Neu-Isenburg. Nach unseren Informationen in einen deutlich günstigeren und kleineren Miet-Firmensitz.

Auch Condor setzt auf mehr mobiles Arbeiten und streicht bis zu 1.000 Stellen. Das spart Platz und Geld. Beim Institut der Deutschen Wirtschaft beobachtet Professor Michael Voigtländer die Lage auf dem Immobilienmarkt. Für angeschlagene Firmen wie Condor sei Verkleinern jetzt ein Mittel der Wahl. "Es gibt viele Unternehmen - Condor ist ein Beispiel - die eben jetzt große wirtschaftliche Probleme haben. Die in ihrem Geschäftsfeld jetzt auch vor strukturellen Problemen stehen und Kosten sparen müssen. Da ist es natürlich naheliegend, an Büroflächen zu sparen, zumal wenn das eben nicht die Produktivität belastet." Condor hat ein Interview mit Plusminus abgesagt.

Der Unterschied zwischen "Homeoffice", "remote working", "flexible office" und "mobilen Arbeiten"

Saskia Steffen ist Fachanwältin für Arbeitsrecht.
Saskia Steffen ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. | Bild: ARD

Generell sprechen nur wenige Unternehmen offen darüber; denn zu Hause Arbeiten ist juristisch heikel. Je nachdem, wie man es nennt, gibt es unterschiedliche Pflichten für den Arbeitgeber. Beim "Homeoffice" muss der Arbeitgeber den Arbeitsplatz zu Hause so ausstatten wie im Unternehmen. Beim "remote working", "flexible office" und "mobilen Arbeiten" hingegen nicht. Hier gibt es weniger Pflichten und so auch weniger Kosten, erklärt Arbeitsrechtlerin Saskia Steffen. Deshalb nutzten Firmen diese Begriffe lieber. "Das kommt daher, dass Arbeitgeber sich gerne von der Kostentragungspflicht, in Bezug auf die Einrichtung eines kompletten Arbeitsplatzes zu Hause, lossagen wollen. Beim mobilen Arbeiten ist es so, dass es ausreichend ist, dem Arbeitnehmer einen Laptop und ein Handy zu geben", erklärt die Fachanwältin.

Büroarbeitsplatz kostet über 15.000 Euro

Hohe Kosten für Arbeitsplätze in Metropolen wie Frankfurt.
Hohe Kosten für Arbeitsplätze in Metropolen wie Frankfurt. | Bild: ARD

Auch in Frankfurts Bankentürmen spricht man lieber vom "mobilen Arbeiten". Die Finanz- und Versicherungsbranche will ebenfalls Büroflächen einsparen – zum Beispiel JP Morgan und die Deutsche Bank. Die Allianz-Versicherung will sogar ein Drittel ihrer Fläche einsparen. In Spitzenlagen wie in Frankfurt, in der ein Büroarbeitsplatz über 15.000 Euro pro Jahr kostet, lohnt sich das besonders. Dieser Trend und Corona wirken sich schon jetzt aus, merkt Büromarktexperte Markus Kullmann: Neuvermietungen sind in Frankfurt 60 Prozent geringer als im Vorjahreszeitraum des Jahres 2019. "Es gibt keinen, der nicht von Corona betroffen ist. Über Größe sprechen wir jetzt gerade nicht, sondern eher mehr über die Nutzung. Je nachdem, wie hart einen jetzt gerade diese Krise trifft, ist natürlich auch Kostenreduzierung durch weniger Fläche ein Thema, die man dann durch Kombination mit Homeoffice schafft.

Viele Firmen wollen Fläche einsparen

Nach einer Branchenbefragung wollen viele Unternehmen Büroflächen abbauen.
Nach einer Branchenbefragung wollen viele Unternehmen Büroflächen abbauen. | Bild: ARD

Weniger Verkehr und mehr Wohnraum

Eine aktuelle Branchenbefragung seiner Firma zeigt, dass sehr viele durch Homeoffice schrumpfen wollen – EDV-Unternehmen um 50 Prozent, Dienstleister um 29 Prozent.

Professor Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft.
Professor Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft. | Bild: ARD

Ein Bürosterben, das den Markt unter Druck setzt, prognostiziert auch das Institut der deutschen Wirtschaft. Großstadt-Mieten könnten um bis zu 20 Prozent sinken, Kaufpreise um bis zu 35 Prozent. Und das langfristig - auch wenn die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. So sieht es auch Professor Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft: "Insgesamt ist das ja durchaus auch eine positive Entwicklung. Wir brauchen mehr Wohnraum, gerade auch in Städten wie Frankfurt und Berlin. Wenn wir weniger Büros nachfragen, haben wir eben auch mehr Möglichkeiten für den Wohnungsbau.

Mehr Homeoffice - weniger Büros – richtig umgesetzt ist das eine Chance für alle: Unternehmen sparen, Mitarbeiter sind zufriedener und die Gesellschaft kann auf weniger Verkehr und mehr Wohnraum hoffen.

Ein Beitrag von Katja Sodomann
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 09.07.2020 09:19 Uhr

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