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Riesen-Rabatte – Warum Corona die Mode-Industrie komplett umkrempelt

PlayKleidungskonzerne locken mit großen Rabatten in der Corona-Krise.
Riesen-Rabatte – Warum Corona die Mode-Industrie komplett umkrempelt  | Video verfügbar bis 08.07.2021 | Bild: dpa / Oliver Berg

– Die Umsätze in der Textilbranche sind eingebrochen
– Viele Kunden sind zurückhaltend beim Kleidungskauf
– Die Branche verbucht im Vergleich zum Vorjahresmonat im März ein Minus von 60 Prozent
– Dutzende Unternehmen mussten in den vergangenen Wochen Insolvenz oder Schutzschirmverfahren beantragen
– Unternehmen versuchen mit großen Rabatten ihre Kleidung loszuwerden
– Firmen haben viele ihrer Aufträge storniert
– Das trifft die Arbeiter in den Herstellerländern wie Bangladesch: Arbeitslosigkeit und Armut sind die Folge
– Die Bundesregierung will mit einem Lieferkettengesetz die Produktion und Arbeitsplätze sichern

Die Frankfurter Zeil ist die frequenzstärkste Einkaufsstraße in Deutschland. Doch trotz wieder eröffneter Geschäfte ist noch wenig los: Gerade einmal halb so viele Passanten wie im Mai 2019 sind unterwegs. Bei vielen ist die Kauflust zurückgegangen, und es wird weniger in den Geschäften eingekauft. Diesen Eindruck bestätigen auch die Zahlen, trotz aller Rabatte, die eigentlich die Kunden locken sollen.

Umsatzeinbruch in der Textilbranche.
Umsatzeinbruch in der Textilbranche. | Bild: ARD

 

Im Vergleich zu den Vorjahresmonaten machte die Textilbranche im März ein Minus von 60 Prozent, im April von 80 Prozent und im Mai noch einen Verlust von 27 Prozent. Im Juni liegen die Umsätze noch immer 19 Prozent unter dem Vorjahresniveau. 

Viele Unternehmen der Textilbranche sind in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Viele Unternehmen der Textilbranche sind in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. | Bild: ARD

Deshalb sitzt die Branche auf Bergen von Kleidung, besonders die "fast fashion"-Marken wie Primark Zara, und H&M. Die Unternehmen machen alles, um die Kleidung mit satten Rabatten noch irgendwie los zu werden. Die Folge: die Modebranche steckt schon jetzt tief in der Krise. Dutzende Unternehmen mussten in den vergangenen Wochen Insolvenz oder Schutzschirmverfahren beantragen. Zum Beispiel: Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit, Tom Tailor, Bonita und promod.

Viele Unternehmen haben ihre Aufträge storniert

Übersicht der abgesagten Aufträge.
Übersicht der abgesagten Aufträge. | Bild: ARD

Aufträge im Wert von 3,7 Milliarden Dollar haben die Unternehmen storniert oder ins nächste Jahr verschoben. Das trifft die Menschen am Anfang der Lieferkette am härtesten, wie zum Beispiel Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch. Die 35-jährige Näherin Kabari Khatun muss jetzt ausbaden, dass das Geschäft mit billigen T-Shirts nicht mehr läuft. Bis vor zwölf Wochen bedruckte sie zwölf Stunden, sechs Tage die Woche - in einer Textilfabrik Polo-Shirts, bei einem Verdienst von 100 Euro im Monat. Dann kam die Krise und sie wurde arbeitslos: "Unser Chef sagte, wir sollten erstmal drei Tage Urlaub nehmen. Wenn Corona vorbei ist, sollten wir wieder arbeiten kommen. Sie haben uns nie gesagt, dass wir keinen Job mehr haben. Sie meinten: Bleibt erstmal zuhause. Wir rufen euch an, wenn wir euch wieder brauchen", erklärt Kabari Khatun.

Viele Arbeiter in der Textilindustrie stehen jetzt ohne Job da

Textilarbeiterin Kabari Khatun aus Bangladesch ist jetzt arbeitslos.
Textilarbeiterin Kabari Khatun aus Bangladesch ist jetzt arbeitslos. | Bild: ARD

Als Textilarbeiterin war Kabari Khatun die Hauptverdienerin der Familie. Ihr Mann ist Tagelöhner und bringt nur 80 Euro im Monat nach Hause. Jetzt gibt es nur noch selten etwas Richtiges zu essen. Die 15-jährige Tochter passt auf den kleinen Bruder auf. Den neunjährigen Sohn haben sie jetzt als Laufbursche in einem Geschäft zum Arbeiten geschickt. Das ist auch in Bangladesch verboten, aber es geht nicht anders: "Kein Laden gibt uns mehr Lebensmittel auf Kredit. Sie sagen: Wie willst du die Schulden zurückzahlen? An manchen Tagen hungern wir. Was sollen wir tun?", klagt Kabari Khatun. 340 von insgesamt fast 2.300 Fabriken in Bangladesch mussten wegen stornierter Aufträge komplett schließen. Hunderttausende Näherinnen wurden nach Hause geschickt.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) stellt das Programm "Grüner Knopf" vor.
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) stellt das Programm "Grüner Knopf" vor. | Bild: ARD

Damit die Arbeitskräfte und Länder wie Bangladesch nicht völlig in Armut versinken, hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ein Programm aufgelegt - ein staatliches Siegel für nachhaltige Mode, mit dem Namen: "Grüner Knopf". "Corona hat die Ärmsten der Armen am härtesten getroffen, da gehören auch die Näherinnen dazu. Es sind Hunderttausende die arbeitslos sind. Wir haben ein Fond aufgelegt, um Lohnfortzahlung aber auch so etwas wie Fortbildungsmaßnahmen anzubieten, damit sie nicht dem Hungertod gewidmet sind". Bei der arbeitslosen Näherin Kabari Khatun in Bangladesch ist von diesem Geld allerdings noch nichts angekommen.

 

Das Textilunternehmen Babylon hat 40 Prozent der Aufträge verloren.
Das Textilunternehmen Babylon hat 40 Prozent der Aufträge verloren. | Bild: ARD

Eine der Fabriken, die noch arbeitet, ist "Babylon" mit 4.600 Beschäftigten. Am Eingang gibt es Gesundheitskontrollen. An den Nähstraßen ist Abstand halten fast unmöglich. Noch wird im Akkord genäht, aber auch Babylon hat 40 Prozent der Aufträge verloren - auch von deutschen Handelskonzernen. Welche das sind, will Babylon nicht sagen. Noch werde verhandelt, sagt das Management. "Wir müssen sparen. Im Moment geht es bei uns nicht um Profit, es geht ums Überleben. Wir kämpfen nur noch darum, dass wir überhaupt im Geschäft bleiben können", erklärt der Senior Manager Atiqul Islam Apu von Babylon.

Namen nennt allerdings der Textilverband BGMEA in Bangladesch, in dem fast alle Textil-Fabriken organisiert sind. Die Fabriken haben den Verband über jeden abgesagten und nicht bezahlten Auftrag informiert. Zu Beginn der Corona-Krise waren das laut dem Verband bei Primark rund 330 Millionen Dollar, bei C&A 125 Millionen Dollar, bei GAP 38 Millionen Dollar und bei Takko zehn Millionen Dollar.

Statement von Primark.
Statement von Primark. | Bild: ARD

Wir konfrontieren die Bekleidungsketten in Deutschland mit den Vorwürfen. Sie erklären, dass es Auftragsstornierungen zwar gegeben habe, aber bei weitem nicht in diesem Ausmaß. Das Unternehmen Primark schreibt: "Mit Geschäftsschließung haben wir die Entscheidung getroffen, zukünftige Bestellungen zu stornieren." C&A räumt ein: "als vorbeugende Sofortmaßnahme hatten wir unsere Lieferanten aufgefordert, die Produktion auszusetzen, da wir durch die Schließung (...) keine ausreichende Möglichkeit des Verkaufs mehr hatten". Laut dem Textilverband BGMEA verhandelt C&A aktuell mit seinen Lieferanten. Es sieht gut aus, dass das Unternehmen einen großen Teil der bestellten Ware jetzt annimmt und bezahlt.

Statement von C&A.
Statement von C&A. | Bild: ARD

Es gibt aber auch Unternehmen, die sich von Anfang an fair verhalten haben. Zum Beispiel Tchibo. Das Unternehmen gehört zu den zehn Umsatzstärksten im Textilbereich in Deutschland. Tchibo habe die Verträge erfüllt, versichert uns die Direktorin für Unternehmensverantwortung Nanda Bergstein: "Wenn man das ein bisschen langfristiger betrachtet, ist es doch auch klar, dass man in guten Zeiten von den Lieferzeiten profitiert - in schlechten Zeiten muss man auch zusammenstehen".

"Plummy Fashion" in Bangladesch hat in moderne Abwasseranlagen investiert.
"Plummy Fashion" in Bangladesch hat in moderne Abwasseranlagen investiert. | Bild: ARD

An manchen Stellen ist auch in Bangladesch eine Besserung in Sicht: Jahrelang wurden Abwässer von Färbereien, Gerbereien und Wäschereien ungeklärt in die Flüsse eingeleitet. Mittlerweile sind zehn Prozent der Textilfabriken sogenannte "Green Factories". Bei "Plummy Fashion", nördlich von Dhaka, zeigt der Sicherheitsingenieur stolz die moderne Abwasserreinigung. Alles das habe man auch aufgrund des großen Drucks aus Deutschland gebaut. Doch der Direktor Fazlul Huq beklagt, dass die Firma auf den Mehrkosten sitzen bleibe. "Wir haben erwartet, dass die Kunden uns ermutigen und uns höhere Preise bezahlen. Aber das ist bisher nicht passiert. Es ist zwar richtig, dass wir bessere Preise bekommen können. Aber dafür müssen wir sehr hart verhandeln."

Tragen Konsumenten in Deutschland zur Ausbeutung bei?

Gewerkschafterin Kalpona Akter appelliert auch günstige Kleidung zu kaufen.
Gewerkschafterin Kalpona Akter appelliert auch günstige Kleidung zu kaufen. | Bild: ARD

Kalpona Akter, war früher selbst Näherin. Heute ist sie eine der profiliertesten Gewerkschafterinnen bei der BCWS (Bangladesh Center for Worker Solidarity) und gibt einen eindringlichen Appell. Die Kunden sollten die Kleidung aus Bangladesch unbedingt kaufen. Selbst wenn man wisse, dass die Arbeiterinnen schlecht behandelt und bezahlt werden: "Trotzdem sind diese Jobs wichtig für unsere Frauen. Aber sie sollten den Modefirmen immer wieder sagen, dass sie mehr bezahlen müssen, damit unsere Arbeiterinnen anständig verdienen können", sagt die Gewerkschafterin. Sie wollen und müssen die Textilbranche im Land behalten denn 80 Prozent der Exporterlöse werden im Textilbereich erwirtschaftet.

Lieferkettengesetz soll Produktion in Bangladesch sichern

Auch die deutsche Bundesregierung möchte, dass die Produktion in Bangladesch bleibt, um Einkommen zu sichern. Allerdings unter besseren Bedingungen, die mit Freiwilligkeit nicht zu schaffen sind. Deswegen arbeitet Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) an einem neuen Lieferkettengesetz. "Wir stellen fest, dass es ohne Druck, ohne Zwang nicht funktioniert. Der gesetzliche Rahmen wird Firmen verpflichten, in der gesamten Kette, soziale und ökologische Standards nachzuweisen", so der Minister.

Dann müssen Unternehmen Lieferketten transparent darlegen und können bei Menschenrechtsverletzungen die Verantwortung nicht abwälzen. Bis das aber kommt, können Näherinnen wie Kabari Khatun in Bangladesch nur hoffen, dass zumindest das Geschäft mit der billigen Mode wieder anläuft, damit sie wenigstens irgendwie überleben können.

Ein Beitrag von Anke Heinhaus und Peter Gerhardt
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 09.07.2020 09:17 Uhr

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