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Alles anders – Wie Corona den Wandel der Bankenbranche beschleunigt

PlayBanken wollen einige ihrer Filialen nicht mehr öffnen.
Alles anders – Wie Corona den Wandel der Bankenbranche beschleunigt | Video verfügbar bis 29.07.2021 | Bild: dpa / Boris Roessler

– Viele Banken schließen Filialen und sparen Personal ein
– Experten schätzen, dass sich die Anzahl der Bankfilialen bis zum Jahr 2030 halbieren wird
– Durch die Corona-Krise kommen weniger Kunden in die Filiale vor Ort
– Laut einer Umfrage wollen 76 Prozent der Kunden ihre Bankgeschäfte online erledigen
– Durch die Corona-Krise in der Wirtschaft können auch die Banken in Schieflage geraten

Corona als Katalysator: Viele Banken nutzen die Zeit, um radikal auszudünnen, umzubauen und Kosten zu sparen, bei Gebäuden und beim Personal. "Plusminus" beleuchtet den verschärften Wandel in der Bankenbranche und sagt, was er für Kunden und Mitarbeiter bedeutet.

Immer mehr Filialen machen dicht.
Immer mehr Filialen machen dicht. | Bild: ARD

Die Sparkassenfiliale in Hafenlohr, zwischen Frankfurt und Würzburg, stirbt an Corona – und mit Corona. Aus der "temporären“ Schließung im Lockdown wird eine dauerhafte. Ende des Jahres verschwindet auch der Geldautomat. Die Kunden müssen sich damit abfinden – wie an so vielen Orten der Sparkasse Mainfranken. Statt den 100 Filialen wird es nur noch 76 geben. Rund jeder vierte Standort wird für immer geschlossen. Ob die Sparkasse in Franken, die Volksbank im Norden, die Deutsche Bank oder demnächst die Commerzbank – mehr als die Hälfte aller Filialen stehen auf der Kippe.

Corona verstärkt den Trend zur Filialschließung

Bankenexperte Andreas Hackethal geht davon aus, das Personal abgebaut wird.
Bankenexperte Andreas Hackethal geht davon aus, das Personal abgebaut wird. | Bild: ARD

Andreas Hackethal, Bankenexperte an der Frankfurter Goethe-Universität, beobachtet das Filialsterben schon lange. Corona verstärke den Trend: "Corona sorgt dafür, dass sich auch das Verhalten der Bankkunden ändert. Das heißt, die Besuche in der Filiale werden wahrscheinlich weiter zurückgehen. Das sorgt dafür, dass wir wahrscheinlich weitere Filialschließungen sehen werden – und zwar wahrscheinlich über das ganze Land verteilt", so der Bankenexperte. Wenn weniger Besucher in die Filialen kommen, heißt das für Banken: es wird weniger Personal benötigt.

Sparkassendirektor Horst Wanik in Gelnhausen.
Sparkassendirektor Horst Wanik in Gelnhausen. | Bild: ARD

Vor 25 Jahren gab es noch rund 72.000 Filialen. Derzeit sind es mit rund 30.00 Geschäftsstellen schon weniger als die Hälfte. Bis zum Jahr 2030 könnte sich die Zahl, laut Branchenexperten, auf 16.000 Filialen fast halbieren. Das wären 78 Prozent weniger als Mitte der 90er Jahre. Auch die Kreissparkasse Gelnhausen überlegt, wie viele Filialen sie in Zukunft noch braucht. Im Lockdown war das Geschäft auf wenige Standorte konzentriert. Sparkassendirektor Horst Wanik will bis zum Herbst entscheiden, ob er drei von elf Filialen aufgibt: "Natürlich wollen wir weiterhin den unmittelbaren Kontakt zu unseren Kunden halten. Allerdings müssen wir für uns prüfen, was wirtschaftlich vertretbar ist und wo es auch weiterhin Sinn macht, mit besetzten Filialen zu arbeiten".

Immer mehr Kunden nutzen das Online-Banking

Online-Banking auf dem Siegeszug.
Online-Banking auf dem Siegeszug. | Bild: ARD

Viele Kunden haben sich schon an das Online-Banking gewöhnt. Der Siegeszug des Online-Bankings ist unaufhaltsam. Im Jahr 2014 hat fast jeder zweite Online-Banking genutzt. Im vergangenen Jahr waren es schon rund 70 Prozent aller Bankkunden. Nach der Corona-Krise wollen sogar 76 Prozent der Kunden ihre Bankgeschäfte online erledigen. Bankenexperte Andreas Hackethal meint: "In dem Maße, in dem die Kunden weniger in die Filiale gehen, sondern sich daran gewöhnen ihre Geschäfte online zu betreiben, sind natürlich auch Anbieter, die das Online in der DNA tragen im Vorteil. Weil sie das besonders gut können und sich darauf konzentrieren, wie Fintechs aber durchaus auch Online-Banken, sieht man tatsächlich steigende Kundenzahlen und steigende Depotzahlen. Das heißt, diese Konkurrenz von deren Seite auf die etablierten Banken wird zunehmend härter".

Stefan Wittmann sitzt für die Commerzbank-Arbeitnehmer im Aufsichtsrat.
Stefan Wittmann sitzt für die Commerzbank-Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. | Bild: ARD

Dieser harte Wettbewerb wirbelt derzeit die Commerzbank besonders heftig durch. Im Streit um die richtige Strategie hat der Aufsichtsratschef hingeworfen – wie auch der Vorstandschef Martin Zielke. Die Nachfolge ist unklar – ebenso die Strategie. Stefan Wittmann sitzt für die Arbeitnehmer der Commerzbank im Aufsichtsrat: "Die Beschäftigten sind logischerweise verunsichert. Wenn sie nicht wissen, wofür sie jetzt genau arbeiten. Und wenn sie nicht genau wissen, ob sie im nächsten Monat, im nächsten Jahr noch in der Bank beschäftigt sind."

Das Vertrauen in die Commerzbank-Aktie ist erschüttert.
Das Vertrauen in die Commerzbank-Aktie ist erschüttert. | Bild: ARD

Die Commerzbank will sich nicht äußern. Ihr Aktienkurs zeigt schonungslos, wie stark das Vertrauen der Investoren gesunken ist. Vom Absturz in der Finanzkrise hat sich der Kurs bis heute nicht erholt. Im Vergleich zum Jahr 2007 verbucht die Aktie einen Kursverlust von 98 Prozent. "Ich glaube, dass ein Teil unseres Problems derzeit auch ist, dass wir ständig umsteuern und nachsteuern, aber zu viel über die Kostenseite reden und zu wenig darüber reden, wie denn die Erträge produziert werden sollen und von wem", sagt Stefan Wittmann.

Bankenkrise durch mögliche Wirtschaftskrise befürchtet

Experten befürchten eine neue Bankenkrise durch die Corona-Krise
Experten befürchten eine neue Bankenkrise durch die Corona-Krise | Bild: ARD

Wenn nun aber Corona zu einer Pleitewelle im Einzelhandel, in der Gastronomie und bei ganz vielen Unternehmen führt, wird es für die gesamte die Bankenbranche kritisch. "Im Rahmen der Finanzmarktkrise 2008/2010 hatten wir natürlich auch Kreditausfälle. Jetzt durch Corona gehen wir von höheren Kreditausfällen aus. Je nach Krisenverlauf können sechs Prozent der Banken in eine Schieflage kommen, im schlimmsten Szenario sogar 28 Prozent. Je größer die Wirtschaftskrise, umso wahrscheinlicher eine neue Bankenkrise. Professor Andreas Hackethal rechnet mit einer Sturmflut: "Es gibt Sturmfluten, da reichen die größten Dämme nicht. Der Damm ist höher als 2008, aber er ist nicht so hoch, dass er sämtliche Sturmfluten tatsächlich abwenden könnte".

In jedem Fall belasten Kreditausfälle die Banken. Das bedeutet für den Kunden: Immer weniger kostenlose Konten aber steigende Gebühren. Filialen verschwinden trotzdem – mit Corona jetzt noch schneller.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 30.07.2020 06:55 Uhr

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