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Airline-Krise – Warum der Luftverkehr schwer in Schwung kommt

PlayCorona - Keine Urlaubsstimmung im Flieger.
Airline-Krise – Warum der Luftverkehr schwer in Schwung kommt | Video verfügbar bis 29.07.2021 | Bild: dpa / Sebastian Gollnow

– 36 Prozent der Deutschen verbringen ihren Urlaub in der Heimat
– Der Frankfurter Flughafen verzeichnet beim Passagieraufkommen ein Minus von über 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr
– Bei der Lufthansa stehen rund 22.000 Stellen auf der Kippe
– Viele Mitarbeiter in der Luftfahrbranche bangen um ihre Jobs
– Experten rechnen erst in drei Jahren mit einem Flugaufkommen wie vor der Corona-Krise

Mehr als ein Drittel der Deutschen verbringt ihren Urlaub im eigenen Land – weit mehr als sonst. Zum Beispiel Familie König aus dem hessischen Friedberg. Vor Corona waren sie Vielflieger, diesen Sommer haben sie sich aus Sicherheitsgründen ein Wohnmobil gemietet. Damit liegt Familie König im Trend: Bei "Caravan Engel" in Friedberg stiegen die Vermietungen um das Dreifache. Deutschlandweit sind die Neuzulassungen bei Wohnmobilen sogar um 65 Prozent gestiegen.

36 Prozent machen jetzt in der Heimat Urlaub.
36 Prozent machen jetzt in der Heimat Urlaub. | Bild: ARD

Die rund 800 Campingplätze in Deutschland sind nahezu ausgebucht. Betreiber müssen schon auf Nebenstellplätze verweisen. Auf dem Campingplatz Niddastausee in Hessen ist der Andrang so groß, dass der Betreiber Oliver Petermann an einigen Tagen komplett ausgebucht ist.

Viele bei den Airlines bangen um ihre Jobs

Marco Todte ist Lufthansa-Purser und ein Sprecher der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo.
Marco Todte ist Lufthansa-Purser und ein Sprecher der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo. | Bild: ARD

Gründe für den Urlaub vor der Haustür in diesem Sommer sind wenig Geld wegen Kurzarbeit, drohender Jobverlust und Angst vor Corona – bei fast jedem Fünften. Mit der Vorsicht bleiben ganze Flugzeugscharen am Boden. Für die Airlines ist das ein Milliardenverlust. Zehntausende in der Flugbranche bangen um ihre Jobs. Marco Todte ist Lufthansa-Purser und Sprecher der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo. Im April ist er zuletzt geflogen. Der Flugplan wurde stark ausgedünnt – bei der Lufthansa stehen 22.000 Stellen auf der Kippe: "Es müssen auf jeden Fall Leute gehen. Wir probieren das, in der Kabine, mit freiwilligen Programmen, dass Leute früher in die Versorgung wechseln – in Rente gehen oder mit einer Abfindung ausscheiden".

Corona: Die Skepsis beim Fliegen bleibt

Viele wollen zureit nicht ins Flugzeug.
Viele wollen zureit nicht ins Flugzeug. | Bild: ARD

Aber eine der großen Fragen ist zurzeit, wie und wann die Menschen die Angst vor dem Fliegen – in Zeiten von Corona – wieder verlieren. Die Flugbranche wirbt zwar mit Aussagen wie: "Die Flugzeugluft ist so sauber wie im OP-Saal“. Doch die Skepsis bleibt – und die Kundschaft damit weg. Vom Frankfurter Flughafen flogen in der dritten Juliwoche nur 307.000 Passagiere ab. Das entspricht einem Minus von über 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Blick auf die Flugtafel zeigt zudem eins: Die meisten Flüge sind innerhalb Europas.

Lufthansa will wieder 90 Prozent der Inlandsflüge anbieten

ARD-Flugexperte Michael Immel rechnet weiter mit Zurückhaltung beim Fliegen.
ARD-Flugexperte Michael Immel rechnet weiter mit Zurückhaltung beim Fliegen. | Bild: ARD

"Die Leute wissen nicht, was sie vor Ort erwartet. Wenn man alle diese Horrornachrichten aus Amerika hört, dann gibt es nur ganz wenige, die im Moment freiwillig dort hinfliegen wollen. Das merkt natürlich auch eine Lufthansa – denn auf der Langstrecke wird das Geld verdient", erklärt ARD-Flugexperte Michael Immel. Aber auch Kurzstreckenflüge sind rar. Deshalb will die Lufthansa auf Masse setzen und schon im Herbst wieder bis zu 90 Prozent der Inlandsflüge aufnehmen. Ob das funktioniert, ist fraglich: "Die meisten nutzen natürlich auch Inlandsflüge, um dann danach auf einem Langstreckenflug zu gehen. Alles das sehe ich im Moment nicht, weil doch die Zurückhaltung sehr groß ist. Und das wird auch noch einige Zeit andauern", schätzt Michael Immel.

Eine unsichere Zeit für die Flugbranche

Flugbegleiterin Lina Böhle hofft, dass ihr Arbeitsplatz auch in Zukunft sicher ist.
Flugbegleiterin Lina Böhle hofft, dass ihr Arbeitsplatz auch in Zukunft sicher ist. | Bild: ARD

Die Lufthansa-Flugbegleiterin Lina Böhle hat noch Glück: Sie darf wieder Langstrecke fliegen – nach drei Monaten Kurzarbeit zum ersten Mal. Es geht nach Indien. Auf dem Hinflug gibt es gar keine Passagiere. Voll besetzt, ist das Flugzeug nur auf dem Rückflug: Dann fliegen die zurück, die aus dem von Corona stark betroffenen Indien raus wollen. Wann die Flugbegleiterin das nächste Mal startet, steht noch nicht fest. Nur eins ist sicher: "Ein Kündigungsschutz bis 2024, der ist vorerst gesichert. Aber im Moment ist eine so unsichere Zeit. Es kann sich jederzeit ändern, und natürlich hat man da Angst. Man macht sich Gedanken: Geht's für mich weiter? Und was mache ich, wenn es nicht weitergeht?", fragt sich Lina Böhle.

Experten rechnen erst in drei Jahren mit einem Flugaufkommen wie vor Corona. Bis dahin bleiben viele Deutsche im eigenen Land. Ändern wird sich das wohl erst, wenn ein Impfstoff da ist.

Ein Beitrag von Katrin Wegner
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 29.07.2020 23:27 Uhr

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