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Lockdown – Mit welchen Schwierigkeiten die Wirtschaft jetzt kämpft

PlayDie Wirtschaft kämpft mit den Folgen des Corona-Lockdowns.
Lockdown – Mit welchen Schwierigkeiten die Wirtschaft jetzt kämpft | Video verfügbar bis 25.11.2021 | Bild: dpa / Tom Weller

– Die Coronakrise hat die Wirtschaft weiter fest im Griff.
– In einigen Unternehmen steht durch den zweiten Lockdown wieder Kurzarbeit an – oder auch Entlassungen.
– Auch einige große Unternehmen und Konzerne planen langfristig einen massiven Jobabbau.
– Die Arbeitslosenquote steigt um sechs Prozent – Kurzarbeit fängt viele auf.
– Bei Zahl der Minijobs sinkt von sieben auf rund sechs Millionen.
– Unternehmen schieben Investitionen auf – oder streichen sie ganz.
– Banken sind zurückhaltend bei der Kreditvergabe für Unternehmen.
– Die KfW bewilligt mehr als 46 Milliarden Euro für Unternehmenskredite.
– Die EZB stemmt sich mit dem Krisenprogramm PEPP gegen die Kreditklemme.
– Auch eine weitere Zinssenkung ist in der Diskussion.

Kurzarbeit - und eine Entlassung im Therapiezentrum

Wieder Kurzarbeit in der Therapie-Praxis.
Wieder Kurzarbeit in der Therapie-Praxis. | Bild: ARD

Die Physio- und Ergotherapeuten im Therapiezentrum Emler im hessischen Wetzlar spüren direkt, was die zweite Welle für ihre Arbeitsplätze bedeutet. Nach einem fast normalen Sommer ohne Kurzarbeit fehlt jetzt jeder fünfte Patient. Die Konsequenz verkündet Praxis-Chef Thomas Emler auf der Mitarbeiterversammlung: "Wir müssen leider wieder in Kurzarbeit gehen, und zwar ab Dezember – auf unbestimmte Zeit."  Nicht nur das – jetzt kommt sogar die erste betriebsbedingte Kündigung in der Praxis-Geschichte dazu.  

Viele Konzerne wollen Jobs abbauen

Viele Firmen wollen Arbeitsplätze streichen.
Viele Firmen wollen Arbeitsplätze streichen. | Bild: ARD

Das Zittern um den eigenen Job geht bei vielen um: So haben Konzerne langfristig vor Stellen zu streichen: Der Stahlkonzern Thyssenkrupp will 11.000 Stellen abbauen. In der Autobranche will Continental 30.000 Jobs abbauen, wie auch der Daimler-Konzern. Lufthansa plant 22.000 Arbeitsplätze zu streichen, der Flughafenbetreiber Fraport 4.000. Die Deutsche Bank will 18.000 Arbeitsplätze abbauen. Corona beschleunigt den Umbruch. Das beobachtet auch Timo Wollmershäuser am Münchner ifo-Institut. Dennoch geht die Arbeitslosenquote nicht durch die Decke.   

Corona und die Arbeitslosenquote

Denn: "Diese Beschäftigten, werden jetzt nicht von heute auf morgen entlassen. Das heißt, wir sehen sie nicht in der Arbeitslosenstatistik, sondern es wird sich über mehrere Jahre hinweg erstrecken. Und häufig stellen wir fest, dass ein solcher Stellenabbau einfach so abläuft, dass Personen, die beispielsweise altersbedingt ausscheiden, nicht neu besetzt werden. Auch dann finden wir das nicht in der Arbeitslosenstatistik", erklärt der Experte vom ifo-Institut.

Anstieg der Arbeitslosenquote.
Anstieg der Arbeitslosenquote. | Bild: ARD

So steigt zwar seit Jahresbeginn die Arbeitslosenquote an - aber nur leicht auf sechs Prozent. Auch weil viele in Kurzarbeit sind, anstatt entlassen worden zu sein. Ohne die Kurzarbeit wäre die Jobangst unter den Therapeuten im Therapiezentrum in Wetzlar viel größer. Solche Themen kannte Physiotherapeut Hendrik Budde bisher gar nicht aus der Gesundheitsbranche: "Im therapeutischen Bereich hat man eigentlich immer viel zu tun. Man ist gefragt. Und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass man, wenn man nicht selbst kündigt oder schlechte Arbeit leistet, man wegen der mangelnden Auftragslage gekündigt wird."

Corona vernichtet 850.000 Minijobs

Weniger Minijobs durch Corona.
Weniger Minijobs durch Corona. | Bild: ARD

Mitarbeiter auf 450-Euro-Basis in der Therapie-Praxis, wie Regina Mierzwa, haben allerdings kaum mehr was zu tun. Insgesamt sinkt die Zahl der Minijobber von sieben Millionen auf rund sechs Millionen - Corona vernichtet so 850.000 Mini-Jobs. Die Hauptschwierigkeit war vor Corona geeignetes Fachpersonal zu finden. Und die Firmenchefs tun gut daran, den Fachkräftemangel in der aktuellen Krise im Blick zu behalten. Denn – so erklärt es Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut, hätten die Unternehmen, wenn die Geschäfte wieder gut laufen große Probleme auf dem Arbeitsmarkt, diese Fachkräfte zu finden. Das Thema Fachkräftemangel sei auf keinen Fall vom Tisch und werde wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen.

Fraport streckt Terminal-Bau

Der Bau von Terminal 3 am Frankfurter Flughafen wird gestreckt.
Der Bau von Terminal 3 am Frankfurter Flughafen wird gestreckt. | Bild: ARD

Welche Auswirkungen die Coronakrise schon jetzt auf die Investitionen hat, zeigt der Frankfurter Flughafen. Hier wächst auf der größten privaten Baustelle Deutschlands das neue Terminal 3 für vier Milliarden Euro. Doch der Zeitplan wird um mindestens zwei Jahre gestreckt. Entsprechend weniger gibt es für die Bauarbeiter zu tun. Doch Fraport spart so Geld für ein Projekt, das bei 85 Prozent weniger Passagieren, gerade niemand braucht. Für den Flughafenchef Stefan Schulte kam weder ein Baustopp noch eine Verkleinerung in Frage – denn: "Das ist so wie bei ihrem Eigenheim, einem Reihenhaus. Das kann ich auch nicht während des Baus verkleinern, ganz umplanen. Da ist man gut beraten, geradeaus weiter zu bauen. Aber man kann geordnet Aufträge später erteilen."

Eckelmann AG streicht Bauprojekt

Firma Eckelmann streicht Bauprojekt.
Firma Eckelmann streicht Bauprojekt. | Bild: ARD

Dagegen hat die Wiesbadener Eckelmann AG für ihr Bauprojekt komplett den Stecker gezogen: Kein Erweiterungsbau für den Mittelständler, der mit seiner Steuerungstechnik Maschinen in der Industrie automatisiert. Auf dem Nachbargrundstück mit zwei Häusern sollten bald die Bagger rollen. Jetzt gibt es allerdings das Aus für das Fünf-Millionen-Euro-Projekt. Firmenchef Peter Frankenbach handelt in dem Fall so, wie es jeder aus dem privaten Bereich kennt: "Wenn sie geplant haben in einem Jahr eine neue Küche zu kaufen und sie stellen fest, dass ihr Arbeitsplatz vielleicht in Gefahr gerät, dann machen Sie das nicht. Wenn wir als Unternehmen sehen, dass unsere Umsätze in Gefahr sind, dann streichen wir auch Investitionen." Bei Eckelmann fehlen mindestens zehn Prozent der Umsätze in diesem Jahr. Andere trifft es noch härter. Darauf reagieren immer mehr Firmenchefs mit dem Rotstift.

Investieren in der Krise fällt schwer

Mehr investieren als im Vorjahr – das ist Vergangenheit. Corona verursacht im Frühjahr einen beispiellosen Einbruch. Erst jetzt im Herbst gibt es eine leichte Erholung. Investieren in der Krise fällt Unternehmen schwer. "Aufgrund der Umsatzausfälle fehlen ihnen die Mittel, um zu investieren. Aber: Wenn sie heute nicht investieren, dann werden ihnen auch in Zukunft die Mittel fehlen. Nämlich die Umsätze, die sie aus diesen neuen Investitionen in Zukunft generieren können. Im Grunde genommen ist das ein Zielkonflikt zwischen der kurzfristigen Entscheidung heute und den Früchten, die sie aus der Investition langfristig ernten werden", erklärt der Konjunktur-Experte vom ifo-Institut, Timo Wollmershäuser 

Unternehmen investieren weniger.
Unternehmen investieren weniger. | Bild: ARD

Jede einzelne Investitionsentscheidung in der Krise ist eine Gratwanderung. Bei der Firma Eckelmann haben sie zum Beispiel beschlossen, dass eine Qualitätskontrolle auch in Zukunft kein neuer Roboter übernehmen wird. Dabei war ein Probeversuch schon erfolgreich. So spart der Mittelständler Geld – dieses Geld fehlt aber dann anderen Unternehmen in der Kasse. Das bedauert Peter Frankenbach, Vorstandsprecher der Eckelmannn AG: "Man könnte sagen, man ist Täter und Opfer. Wir sind alle so verkettet. Das, was wir einsparen – als Täter – das ist entgangenes Geschäft für andere, die unterwegs sind. Und umgekehrt sind auch wir manchmal in der Situation, dass wir das Opfer sind, wenn in irgendwelchen Branchen nicht mehr investiert wird und damit auch unsere Automatisierung nicht benötigt wird. Eine etwas schizophrene Situation."

Banken halten sich bei Kreditvergabe zurück

Die dritte Schwierigkeit: Für Investitionen und das laufende Geschäft brauchen Unternehmen Kredite. Doch die Banken halten sich zurück. Das beklagen nun immer mehr Unternehmen.

Firmenkredite sind schwerer zu bekommen.
Firmenkredite sind schwerer zu bekommen. | Bild: ARD

Vor der Coronakrise hatten nur wenige Unternehmen Probleme an einen Bankkredit zu kommen. Inzwischen beurteilen fast 20 Prozent die Kreditversorgung als schwierig - fast doppelt so viele wie zuvor. Keine Überraschung für Bankenexperte Volker Wieland. Der Wirtschaftsweise findet es richtig, dass die Banken strenger prüfen als noch im Frühjahr: "Natürlich beschweren sich manche, dass es schwieriger wird. Aber das liegt auch daran, dass wir jetzt schon eine starke Erholung hatten – der Blick richtet sich mehr Richtung Zukunft. Und man muss dann schon schauen, welches Unternehmen ein Geschäftsmodell hat, das auch längerfristig noch tragfähig ist", so der Finanzexperte der Frankfurter Goethe-Universität.

Kredite – KfW springt in die Bresche

KfW bewilligt Kredite in Höhe von 46 Milliarden Euro an 90.000 Unternehmen.
KfW bewilligt Kredite in Höhe von 46 Milliarden Euro an 90.000 Unternehmen. | Bild: ARD

Um eine Kreditklemme für gesunde Firmen zu verhindern, springt der Staat seit Krisenbeginn in die Bresche: Die staatliche "KfW"-Bank hat schon mehr als 46 Milliarden Euro an 90.000 Unternehmen bewilligt. KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib sieht sich durch eine aktuelle Firmen-Umfrage bestätigt: "Die benutzen diese Kredite zum großen Teil, um Löhne, Zulieferer-Rechnungen und Mieten zu bezahlen. Das heißt, hier werden wirklich Negativspiralen in der Wirtschaft vermieden."

Mit "PEPP" gegen die Kreditklemme

Auch die Europäische Zentralbank in Frankfurt stemmt sich mit einer sehr lockeren Geldpolitik gegen eine Kreditklemme. Mit dem Krisenprogramm PEPP – mit einem Volumen von 1.350 Milliarden Euro für den Anleihekauf. Weitere Zinssenkungen werden auf der Ratssitzung in gut zwei Wochen diskutiert werden. So sagte EZB-Direktorin Isabel Schnabel kürzlich: "Unsere Analysen zeigen, dass eine weitere Senkung möglich wäre, ohne an den Punkt zu gelangen, an dem sie nicht mehr wirkt oder sogar schadet." Der Ausgang ist offen. Aber vor allem deutsche Experten warnen, die Geldschleusen jetzt noch weiter zu öffnen.

So meint der Wirtschaftsweise, Professor Volker Vieland: "Da ist zwar noch Spielraum, aber den muss man nicht dringend im Dezember nutzen. Meines Erachtens könnte die EZB ohne weiteres jetzt die weitere Entwicklung abwarten."

Die nächsten Monate sind entscheidend. An der Erholung hängt alles – die Kreditversorgung und Investitionsentscheidungen. Und ob Unternehmen Arbeitsplätze schaffen oder noch mehr streichen.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 25.11.2020 23:41 Uhr

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