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Zwei-Klassen-Pauschale – Wie Privatversicherte für Corona-Hygiene zahlen

PlayÄrger um Hygienezuschlag für Privatversicherte.
Zwei-Klassen-Pauschale – Wie Privatversicherte für Corona-Hygiene zahlen | Video verfügbar bis 25.11.2021 | Bild: dpa / Rolf Vennenbernd

– Privatversicherte zahlen einen Corona-Hygienezuschlag für jeden Besuch bei ihrem Arzt und Zahnarzt.
– Seit dem 1. Oktober müssen Patienten privater Krankenkassen dafür zusätzlich 6,41 Euro pro Arztbesuch zahlen.
– Für Patienten der gesetzlichen Krankenkassen wird kein Hygienezuschlag erhoben.
– Der GKV-Verband sieht durch Corona keinen erhöhten Hygieneaufwand.
– Dienstleister, wie Friseure, fühlen sich gegenüber Ärzten und Zahnärzten benachteiligt.
– Private Krankenkassen erhöhen jetzt ihre Beiträge.
– Debatte um Bürgerversicherung.

Ärzte erheben einen Hygienezuschlag für Privatversichte

Privatpatientin Bettina Elles hat über 174 Euro Hygienezuschlag gezahlt.
Privatpatientin Bettina Elles hat über 174 Euro Hygienezuschlag gezahlt. | Bild: ARD

Bettina Elles aus Frankfurt hat es genau ausgerechnet: Über 174 Euro hat sie im letzten halben Jahr bei Ärzten und Zahnärzten bezahlt – das sind elf Prozent ihrer Gesamtrechnungen. Aus nur einem einzigen Grund: die Ärzte kassieren von der Privatpatientin jedes Mal einen Corona-Hygienezuschlag. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt hat sich dieser Zuschlag auf den Rechnungen der Privatversicherten eingeschlichen. Vertreter der Zahnärzte und der Ärzte hatten die Pauschale mit den privaten Krankenkassen im April vereinbart - gezahlt wird pro Praxisbesuch.

Übersicht zum Hygienezuschlag.
Übersicht zum Hygienezuschlag. | Bild: ARD

Von April bis Ende September waren es bei Ärzten 14,75 Euro, bei Zahnärzten 14,23 Euro. Seit dem 1. Oktober müssen 6,41 Euro gezahlt werden. Auch Bettina Elles hat ihren Zuschlag über 14.75 Euro zuerst überlesen. Kein Arzt hatte sie darüber aufgeklärt – und das bei 13 Arztbesuchen unterschiedlicher Ärzte. "Nachdem ich mir das alles angesehen hatte, habe ich schon die Stirn gerunzelt, in welchem Verhältnis der Hygieneaufschlag zu den tatsächlich gestellten Rechnungen ist. Wir haben da eine Rechnung gefunden, wo 4,20 Euro für die eigentliche Maßnahme angegeben wurden - und 14,75 Euro kamen für den Hygieneaufwand dazu. Das ist für mich nicht nachvollziehbar."

Gesetzliche Krankenkassen sehen keinen erhöhten Aufwand

So geht es auch den gesetzlichen Krankenkassen – das sei für sie nicht nachvollziehbar. Deshalb gewähren sie keinen Hygieneaufschlag, weder in der Arzt- noch in der Zahnarztpraxis. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Kassen erklärt dazu: "…der Zahnarzt/die Zahnärztin muss dafür Sorge tragen, dass die Patienten vor übertragbaren Erkrankungen geschützt sind. Dies war auch schon vor Corona-Zeiten der Fall, so dass durch Corona kein erhöhter Hygieneaufwand anfällt."

GKV-Spitzenverband sieht keinen erhöhten Hygieneaufwand.
GKV-Spitzenverband sieht keinen erhöhten Hygieneaufwand. | Bild: ARD

"Plusminus" schaut in einer Zahnarztpraxis in Frankfurt nach, was sich verändert hat. Neu ist, dass Patienten vor der Behandlung eine Mundspüllösung erhalten, am Empfang Plexiglas-Scheiben installiert sind und Desinfektionsmittel zur Verfügung steht. Ansonsten ist alles wie früher. Der Zahnarzt Dr. Moritz Waldmann verteidigt den Zuschlag: "Ich bin absolut für den Hygienezuschlag, der ist wichtig, damit wir die Hygiene und Sicherheitsstandards in dieser aktuellen Situation aufrechterhalten." So findet er es gar nicht in Ordnung, dass den Beitrag nur seine Privatpatienten zahlen müssen. Handschuhe und Masken seien im Einkauf dreimal so teuer wie vor der Pandemie.

Friseure: Hohe Hygienekosten - aber kein Zuschlag

Frisöre haben ein hohen Hygieneaufwand – bekommen aber keinen Zuschlag.
Frisöre haben ein hohen Hygieneaufwand – bekommen aber keinen Zuschlag. | Bild: ARD

Einen Hygienezuschlag hätte auch Friseurmeisterin Tanja Arnemann aus Hofheim im Taunus gerne. Auch sie hat direkten Kontakt mit Kunden – so nah wie ein Arzt. Sie kann sich aber diesen Zuschlag nicht erlauben: "Würde ich jetzt als Unternehmerin sagen, ich schlage mal zehn bis zwölf Prozent Hygienezuschlag drauf, würde sich jeder aufregen. Und die Kunden würden auf die Barrikaden gehen. Das kann und möchte ich nicht, weil die Kunden ja mein Potenzial sind." Damit der Laden weiterhin geöffnet bleibt, musste sie, wie andere Dienstleister, investierten. Ihre Kosten dafür liegen über 1.000 Euro – für Plexiglasbarrieren, Desinfektionsmittel – ähnlich wie in der Zahnarztpraxis. Anders als vor der Pandemie, muss sie jetzt nach jedem Besuch den Stuhl und die Ablagen desinfizieren. Auch ihr Einkauf stieg – wie bei allen – bei Desinfektionsmittel stark an. Die Friseurmeisterin findet das im Vergleich zu der Situation der Ärzte ungerecht.

Corona hat das Gesundheitssystem zusätzlich zwei Milliarden Euro gekostet. Finanziert haben das die gesetzlichen Krankenkassen über den Gesundheitsfonds. Die privaten Krankenkassen sind nicht dabei. Und genau aus diesem Grund wurde der Zuschlag eingeführt, sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem vom Medizinmanagement der Uni Duisburg-Essen. Der Zuschlag soll den Streit um die Pandemiekosten nicht weiter befeuern. "Man kann sicher kritisch diskutieren, ob der Hygieneaufwand bei den Ärzten jetzt so viel höher ist, dass der Hygienezuschlag bei den Privatversicherten in dieser Höhe angemessen ist." Er sehe das primär als politisches Instrument, dass die private Krankenversicherung damit signalisiere, dass auch sie gewillt ist, mit vielen Hundert Millionen Euro beizutragen.

Hygienezuschlag: 650 Millionen in diesem Jahr

650 Millionen Euro zahlen die Privatversicherten in diesem Jahr an Hygienezuschlag.
650 Millionen Euro zahlen die Privatversicherten in diesem Jahr an Hygienezuschlag. | Bild: ARD

650 Millionen Euro zahlen in diesem Jahr Privatversicherte für den Hygienezuschlag. So wie Privatpatient Wilfried Lindloff aus Darmstadt. Der Ehemann von Friseurmeisterin Tanja Arnemann zahlt als Selbstständiger aktuell 880 Euro monatlich. Er ahnt, dass der Hygienezuschlag auch bei ihm hängen bleiben wird. "Natürlich zahle ich es, also die DKV, wo ich freiwillig versichert bin. Die zusätzlichen Kosten, die erhoben wurden, die werden zwangsläufig am Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres auf den Versicherten umgelegt."

Viele private Krankenkassen erhöhen Beiträge

Anders als Wilfried Lindloff haben andere Privatpatienten schon die schlechte Nachricht erhalten: Ihr Beitrag wird teurer. Einige Beispiele:

Tariferhöhungen bei den privaten Krankenkassen.
Tariferhöhungen bei den privaten Krankenkassen. | Bild: ARD

Die steigenden Beiträge werden viel Ärger mit den Kunden bringen und sie befeuern erneut die Debatte um die Zweiteilung - der privaten und gesetzlichen Krankenkasse.

Wie wäre es mit einer Einheitskasse?

Krankenversicherungsexperte Jürgen Wasem hält es zwar für naiv zu glauben, das System ließe sich von heute auf morgen ändern. Aber machbar wäre es: "Wenn man über eine Bürgerversicherung nachdenkt, dann ist das immer eine Grundversicherung, die ungefähr dem Leistungskatalog der heutigen, gesetzlichen Krankenkassen entspräche. Und natürlich hätte man auch bei einer Bürgerversicherung die Möglichkeit zusätzliche Leistungen privat zu versichern. Das heißt auch, die heutigen Privatversicherten würden nicht mit ihrem ganzen heutigen Versicherungsschutz in die Bürgerversicherung, sondern ein Teil davon würde sowieso privat weiter versichert."

Auch die Versicherung von Bettina Elles erhöht zum Jahresanfang die Beiträge um etwa vier Prozent. Sie findet, dass das Krankenversicherungssystem längst in Schieflage geraten ist: "Ich weiß das ich sehr viel mehr zahle. Für mich werden höhere Sätze berechnet. Auf der anderen Seite merke ich deutlich, dass ich eine bessere Behandlung erfahre.

Die Kluft einer Zwei-Klassen Gesellschaft in der Medizin wird durch Corona noch größer. Das System funktioniert derzeit weder für Kassenpatienten noch Privatpatienten gut.

Ein Beitrag von Barbara Berner
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 25.11.2020 23:37 Uhr

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