SENDETERMIN Mi., 25.11.20 | 22:25 Uhr | Das Erste

Abgestürzt – Warum einige Regionalflughäfen endgültig ausgedient haben

PlayKleine Regional-Flughäfen kosten den Steuerzahler viel Geld.
Abgestürzt – Warum einige Regionalflughäfen endgültig ausgedient haben | Video verfügbar bis 25.11.2021 | Bild: dpa / Uwe Zucchi

– Die Luftverkehrsbranche ist stark von der Corona-Krise betroffen.
– Insbesondere leiden die kleinen Regionalflughäfen unter der Passagierflaute.
– In Deutschland gibt es Regionalflughäfen, die teilweise sehr nahe beieinander liegen.
– Viele Regionalflughäfen waren auch schon vor der Coronakrise nicht profitabel.
– Steuerzuschüsse sind zum Erhalt der Regionalflughäfen nötig.
– Um die Regionalflughäfen wirtschaftlicher zu betreiben, fordern Experten vor der Politik eine bundesweite Strategie.

Standorte der Regionalflughäfen in Deutschland.
Standorte der Regionalflughäfen in Deutschland. | Bild: ARD

Verlassene Terminals, leere Vorfelder, keine Passagiere: An den rund 20 deutschen Regionalflughäfen geht gerade fast gar nichts mehr – vor allem an denen, die schon vor Corona nur mit viel Geld vom Steuerzahler am Leben gehalten wurden. Das waren die meisten, erklärt Matthias Warneke vom Bund der Steuerzahler: "Wir haben uns die Zahlen für 2018, die Bilanzen und Jahresabschlüsse angeguckt. Da mussten wir konstatieren, dass rund 100 Millionen Euro Steuergeld in die Regionalflughäfen geflossen ist." Und wegen der Corona-Flaute wird es jetzt noch teurer.

Flughafen Kassel-Calden

Der Airport Kassel.
Der Airport Kassel. | Bild: ARD

Im Corona-November starten in Calden nicht einmal die zwei Flüge, die hier sonst alle zwei Tage abfliegen. Bei der Eröffnung vor sieben Jahren hatten sie noch mit 650.000 Passagieren gerechnet. Nach 120.000 Fluggästen im vergangenen Jahr waren es von Januar bis Oktober dieses Jahres gerade einmal 27.000 Passagiere. Gemeinsam mit dem Bund der Steuerzahler hat "Plusminus" ausgerechnet, was der Passagierrückgang für den Steuerzahler bedeutet.

Während in Calden im Jahr 2018 noch gut 130 Euro an Steuerzahlerkosten pro Passagier anfielen, waren es dieses Jahr 650 Euro. Dafür könnten alle Kasseler Fluggäste zusätzlich noch von Frankfurt nach Los Angeles fliegen. Der Bund der Steuerzahler mahnt: "Jeder einzelne Passagiere dort ist sehr teuer erkauft. Deswegen ist Kassel-Calden sicherlich einer der ersten Flughäfen, die eigentlich stillgelegt werden müssten."

Das Land Hessen hingegen sieht als Miteigentümer sogar noch Entwicklungspotenzial: "Wir brauchen den Flughafen in der Region Nordhessen. In der Vergangenheit war diese Region verkehrsmäßig sehr schwer zu erreichen und der Flughafen schafft die Möglichkeit der Erreichbarkeit."

Flughafen Erfurt

Regionalflughafen in Erfurt.
Regionalflughafen in Erfurt. | Bild: ARD

Am Regionalflughafen Erfurt rollen neben ein paar Frachtfliegern nur noch manchmal die zwischengeparkten, fabrikneuen Airbus-Jets. Vor zehn Jahren prognostizierten sie knapp 600.000 Passagiere für das Jahr 2020. Doch grade einmal 154.000 Fluggäste waren es im Jahr 2019 – und dieses Jahr nur etwas mehr als 27.000 Passagiere. In Erfurt hat jeder Passagier die Steuerzahler – statt 15 Euro im Jahr 2018 – in diesem Jahr mehr als 145 Euro gekostet. Dafür hätte jeder Gast sogar mit der Lufthansa ab Frankfurt nach Italien fliegen können.

"Das ist sicherlich ein Flughafen, der seine Erwartungen nicht erfüllt hat. Auch hier muss man die Nähe zu Leipzig und den ICE-Halt sehen. Alles das spricht dagegen, jetzt zwingend, in Erfurt noch einen Flughafen am Leben zu erhalten", meint Matthias Warneke vom Bund der Steuerzahler. Der Flughafen sei überdimensioniert ausgebaut worden und damit strukturell defizitär. Eine Einschätzung, die auch der Landesrechnungshofchef von Thüringen nach mehreren Prüfungen teilt: "Das bedeutet, dass er generell ständig auf Subventionen angewiesen sein wird. Er wird also niemals – so ist unsere Prognose – die Kosten, die er tatsächlich verursacht, auch erwirtschaften können", erklärt Sebastian Dette vom Landesrechnungshof Thüringen. Der Landesrechnungshof fordert deshalb ein Ende der Erfurter Steuerverschwendung.

Flughafen Paderborn

Der Flughafen in Paderborn.
Der Flughafen in Paderborn. | Bild: ARD

Auch an NRWs Vorzeige-Regional-Airport in Paderborn sind die Terminals derzeit verwaist. 1,2 Millionen Passagiere gab es hier noch im Jahr 2007 – knapp 700.000 Fluggäste waren es letztes Jahr – bis Oktober 2020 wurden bisher nur 91.800 Passagiere gezählt. In Paderborn hat sich der bisherige Zuschussbedarf pro Passagier fast verzehnfacht, von sechs Euro auf rund 50 Euro. Dafür hätten die Fluggäste auch einfach mit der Bahn zum Frankfurter Flughafen fahren können.

Matthias Warneke vom Bund der Steuerzahler meint: "Eigentlich steht Paderborn vergleichsweise gut da. Dennoch hat Paderborn im Jahre 2018 ein Defizit von rund 4,6 Millionen Euro zu verzeichnen gehabt." Um den Betrieb langfristig aufrechtzuerhalten, hat der Airport Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet, aus der er sich selbst durch Gesundschrumpfen herausarbeiten kann. Der Flughafenchef von Paderborn Marc Cezanne erklärt: "Wir haben den Maßstab, dass wir von den Erlösen, die wir bekommen, leben können. Das heißt, unsere Kosten so anzupassen, dass sie den Erlösen entsprechen, die wir erwarten können."

Zu teure Regionalflughäfen, die immer mehr Steuergeld brauchen – genau das hat Deutsche-Bank-Analyst Eric Heymann bereits vor 15 Jahren vorhergesagt. Zwei bis drei Millionen Passagiere brauche es, um einen Flughafen wirtschaftlich zu betreiben sagt Heymann. Und die gab es schon vor 15 Jahren nicht: "Viele Fluggesellschaften haben sich eher auf die mittelgroßen und großen Flughäfen konzentriert. Es gab auch weniger Wachstum aus dem lokalen Passagieraufkommen heraus. Die klimapolitische Regulierung war schon da, die Vorgaben der EU, die ja schon 2014 die Leitlinie vorgestellt haben. Die sagen wir mal, die Zuschüsse und Investitionsbeihilfen und die Betriebsbeihilfen für Flughäfen – für kleinere Flughäfen - künftig erschweren", so Heymann.

Er hat deshalb einen klaren Ratschlag an die Politik: "Man muss nicht unbedingt bei einem großen Flughafen die Ausbaupläne weiter vorantreiben oder die Infrastruktur für Charter- und Linienflüge Vorhalten, sondern man kann das auch etwas gesundschrumpfen. Damit dürften dann die Verluste pro Jahr deutlich niedriger ausfallen. Und zugleich hat man eine gewisse öffentliche Infrastruktur für die allgemeine Luftfahrt vor Ort".

Keine neue Strategie für Regionalflughäfen in Sicht

Der Bundesverkehrsminister will keinen Strategie-Wechsel.
Der Bundesverkehrsminister will keinen Strategie-Wechsel. | Bild: ARD

Dafür brauche es aber eine bundesweite Strategie – doch von der ist Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) meilenweit entfernt. Beim virtuellen Luftverkehrsgipfel vor drei Wochen versprach er stattdessen neue Zuschüsse für angeschlagene Flughäfen – nach derzeitigen Plänen wohl eine halbe Milliarde Euro vom Bund und nochmal eine halbe Milliarde von den Ländern. Eine neue Strategie für die teuren Regionalflughäfen lehnt er auf Nachfrage von "Plusminus" explizit ab: "Ich bin nicht Infrastruktur-Abbauminister, sondern Infrastruktur-Investitionsminister. Und wenn wir eine Corona-Pandemie haben, dann sind wir alle zusammen Infrastruktur- und Erhaltungs-Ministerium".

Und auch der Vorsitzende des Regionalflughafenverbands Klaus-Jürgen Schwahn betont die Bedeutung der vorhandenen Infrastruktur. "Wir haben in Deutschland über 1.100 Mittelständler, die Weltmarktführer in ihrem Bereich sind und die also überwiegend auch aus der Provinz heraus arbeiten und eben auch auf einem eigenen Werksverkehr angewiesen sind. Um einfach auch aus der Provinz heraus mit der Welt verbunden zu sein." Kritiker sagen dagegen: Dann könnten Unternehmen sich auch stärker an den Kosten beteiligen und so die Steuerzuschüsse für die klammen Flughäfen verringern.

Flughafen Zweibrücken

Der Regionalflughafen in Zweibrücken.
Der Regionalflughafen in Zweibrücken. | Bild: ARD

Dabei zeigt das Beispiel Zweibrücken, dass das "Fliegen von nebenan" auch kleiner und wirtschaftlicher gehen kann. Nach der Insolvenz des ehemaligen Regionalflughafens im Jahr 2014 sind sie hier neu gestartet. Der Immobilienentwickler Triwo betreibt nicht nur den abgespeckten Regionalflughafen, sondern verdient auch mit einem Konferenzzentrum und Fahrzeugtests der Automobilhersteller. Und trotzdem ist der Flugverkehr gewachsen – heute landen hier vier Mal mehr Flugzeuge als vorher – und das mit weniger Flugplatzmitarbeitern: "Der Flughafen hatte vorher 120 Mitarbeiter. Heute hat der Platz 20 Vollzeitarbeitskräfte. Daran sehen Sie natürlich, dass wir mit ganz anderen, mit einem ganz anderen personellen Apparat die Liegenschaft bewirtschaften", erklärt Geschäftsführer Peter Adrian vom Flughafen Zweibrücken. Und alles das geht ganz ohne teure Steuergeldzuschüsse.

Die "Plusminus"-Recherche zeigt: Fliegen von nebenan und Wirtschaftlichkeit muss kein Widerspruch sein. Es braucht nur eine Abkehr vom "Weiter so" – und den politischen Willen für ein bundesweites Regionalflughafenkonzept.

Ein Beitrag von Marcus Pfeiffer
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 25.11.2020 23:40 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.