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Börsen-Revival – Warum Aktien und neue Trading-Apps plötzlich in sind

PlayAktien und ETFs sind wieder voll angesagt.
Börsen-Revival – Warum Aktien und neue Trading-Apps plötzlich in sind | Video verfügbar bis 17.03.2022 | Bild: dpa / Arne Dedert

– In der Corona-Pandemie haben viele den Aktienmarkt für sich entdeckt.
– Zwischen dem Jahr 2019 und 2020 ist die Zahl der Aktionäre um 28 Prozent gestiegen.
– Vor allem junge Anleger nutzen mittlerweile Trading-Apps.
– Neobroker werben mit ihrem Apps um neue Kunden.
– Der Druck auf die etablierten Banken wächst.
– Die Commerzbank will Filialnetz reduzieren.
– Beim Verhältnis Kosten zu Ertrag sind zurzeit die klassischen Filialbanken noch profitabler als die digitale Konkurrenz.

Aktien und ETFs sind wieder voll angesagt. Viele Anleger nutzen dafür Trading-Apps auf ihrem Smartphone. Gebühren für den Handel fallen kaum an. "Plusminus" zeigt wie Fintechs mit ihren Kostenstrukturen den üblichen Banken das Leben schwer machen.

Börsenhandel per Smartphone

Wie sich die Zeiten doch ändern: Wer in den 1960er Jahren ein Wertpapier erwerben wollte, der musste seinen Berater aufsuchen und einen mehrseitigen Antrag ausfüllen. Im Jahr 2021 reicht ein Fingertipp – schon ist die Aktie gekauft – Börsenhandel per Smartphone. So macht es zum Beispiel der 29-jährige Philipp Schied aus Speyer: "Die App nutze ich meistens morgens schon wenn ich aufstehe und gucke erst mal, was die Kurse machen. Allerdings nur zum Beobachten. Wirklich handeln, das mache ich jetzt persönlich so zwei Mal im Monat. Ich habe aber auch Bekannte, die fast täglich handeln, kaufen, verkaufen", erklärt der Anleger.

Betreiber von Finanz-Apps werben um die Kunden

Der Kleinanleger nutzt sogenannte Neobroker. Das sind Betreiber von Finanz-Apps, die mit Nulltarifen und kinderleichter Bedienung um neue Kunden werben. Ralf Oetting und Michael Bußhaus sind die Gründer von JustTrade aus Frankfurt. Die kleine Firma mit rund zehn Mitarbeitern ist seit Oktober 2019 am Markt. Im Angebot sind unter anderem Aktien und Indexfonds. Die Aktienorder ist kostenlos, während klassische Banken dafür zehn Euro oder mehr verlangen.

Börsenboom – mit befeuert durch die Neobroker

Gerade die jüngere Generation hat den Aktienmarkt für sich entdeckt.
Gerade die jüngere Generation hat den Aktienmarkt für sich entdeckt. | Bild: ARD

In der Corona-Pandemie haben viele den Aktienmarkt für sich entdeckt, gerade die jüngere Generation. Lag die Zahl der Aktionäre in Deutschland im Jahr 2019 noch bei 9,7 Millionen, so ist sie im vergangenen Jahr auf 12,4 Millionen nach oben gesprungen – ein Plus von 28 Prozent. Trotz veränderter Zählweise ist das der höchste Anstieg seit 20 Jahren. Ein Börsenboom, mit befeuert durch die Neobroker, die indirekt die klassischen Banken angreifen.

Ralf Oetting, Geschäftsführer bei JustTrade aus Frankfurt, freut sich über mehr Wettbewerb: "Wir haben den einen oder anderen Kunden von etablierten Wettbewerbern gewonnen. Die fangen dann mit wenigen Trades an und wir sehen schon, dass die Anzahl der Trades bei uns deutlich steigt und vermutlich bei den Wettbewerbern weniger wird."

Etablierte Banken unter Druck

Der Wettbewerb verschärft sich in der gesamten Banken-Landschaft. Der Druck auf die großen Sparkassen, Volksbanken und Geschäftsbanken wächst. Eine Branche mitten im Umbruch.

Ein paar Klicks auf dem Smartphone – und die Bankgeschäfte sind erledigt.
Ein paar Klicks auf dem Smartphone – und die Bankgeschäfte sind erledigt. | Bild: ARD

Vor knapp 60 Jahren traf sich in der Filiale noch die halbe Stadt, um Geld zu holen, einen Scheck einzulösen oder einen Kredit aufzunehmen. Heute macht man die Überweisung oder den Dauerauftrag ebenfalls per Smartphone. Wer zu einer Onlinebank wechselt, braucht keine Filiale mehr. Meint zum Beispiel ein typischer Kunde, der in Garmisch-Partenkirchen wohnt, wie der 58-jährige Winfried Kujawa: "Zu 99 Prozent mache ich es über mein Smartphone und den Rest eventuell am Schalter. Aber das kommt minimal vor, die Zeiten sind vorbei."

Zulauf bei Digitalbanken

Kleinere Digitalbanken luchsen den großen Filialbanken Marktanteile ab. Sie heißen C24, N26 oder Klarna aus Schweden. Hans-Gert Penzel befasst sich seit Jahrzehnten mit der Digitalisierung in der Finanzwelt. Er lehrt an der Universität in Regensburg und prognostiziert, dass weitere Kunden von den Filial- zu den reinen Digitalbanken überlaufen werden: "Dann mache ich mal mein Girokonto auf. Und wenn das funktioniert, dann nehme ich mir als nächstes vielleicht mehr Transaktionen darauf. Und plötzlich blutet die alte Bankbeziehung ein Stück aus. Es bleibt da vielleicht noch der Kredit stehen, vielleicht auch die komplexe Anlage – aber Schritt für Schritt wandert die halt ab aus der alten Bank."

Wie reagieren die großen Geldhäuser, jene mit Tradition und Filialnetz? Mitte vergangener Woche gab es eine virtuelle Bilanzpressekonferenz der Sparkassengruppe. Deren Präsident Helmut Schleweis blickt gelassen auf die Digitalkonkurrenz: "Es sind Wettbewerber. Aber wir werden auch mit der Marke Sparkasse junge Kunden gewinnen. Soweit wir das sehen, gewinnen wir die auch mit großem Erfolg. Also insofern, wir beobachten das Ganze, derzeit glaube ich noch nicht, dass man das wirklich direkt als Konkurrenz bezeichnen kann."

Commerzbank will Filialnetz reduzieren

Die Commerzbank reduziert ihre Filialen von rund 790 auf 450.
Die Commerzbank reduziert ihre Filialen von rund 790 auf 450. | Bild: ARD

Die Commerzbank wiederum baut radikal um. Bis zum Jahr 2023 sollen von den derzeit 790 Filialen nur noch 450 übrigbleiben. Das heißt: Kosten senken, gesundschrumpfen, digitaler werden. Arno Walter war früher Chef der Comdirect und soll jetzt mithelfen, den gesamten Konzern umzukrempeln. Ein Kundenschwund ist dabei mit einkalkuliert: "Wir werden mehr auf digitale Services setzen. Wir werden mit weniger Filialen aber mit mehr Beratung unterwegs sein. Klar ist aber auch, diese Veränderung wird nicht jeder Kunde mitgehen wollen. Insofern richten wir uns darauf natürlich ein."

Filialbanken sind zurzeit noch profitabler als die digitale Konkurrenz

Verhältnis der Kosten zum Ertrag.
Verhältnis der Kosten zum Ertrag | Bild: ARD

Immerhin: Die klassischen Filialbanken haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber der neuen Konkurrenz: Sie sind profitabel. Die Commerzbank zum Beispiel muss derzeit 75 Cent an Kosten aufwenden, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften. Die Sparkassen liegen im Schnitt bei 67 Cent, die Volksbanken bei 68 Cent. Neuere Digitalbanken wie N26 wenden mehr als einen Euro auf – schreiben also noch rote Zahlen. Finanzexperte Hans-Gert Penzel von der Universität Regensburg sieht die Situation für die Neobanken so: "Das heißt, sie brauchen einen Kapitalgeber im Hintergrund, der dafür sorgt, dass dieses ganze Marketing-Netzwerk weiterlaufen kann. Und das wird noch sehr interessant zu beobachten. Zahlt sich das für die Neobanken aus? Da bin ich keineswegs sicher."

Zumal am Horizont eine Konkurrenz anderen Kalibers auftaucht: Gründen Google, Amazon und Co. eigene Banken? Die Branche diskutiert lebhaft. Wie übersichtlich ist die Finanzwelt im Vergleich dazu doch in den 60er Jahren gewesen. Eine Bank ohne Schalter – damals unvorstellbar.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 18.03.2021 12:29 Uhr

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