SENDETERMIN Mi., 19.05.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Impf-Hürden – Wie Apotheken gegen Corona helfen können

PlayApotheker*innen könnten beim Impfen helfen.
Impf-Hürden – Wie Apotheken gegen Corona helfen können  | Video verfügbar bis 19.05.2022 | Bild: dpa / Swen Pförtner

– Die Corona-Impfkampagne in Deutschland kommt auf Touren.
– Impfzentren und Ärzt*innen erreichen wohl nicht genügend Menschen.
– In Frankreich zum Beispiel impft man auch in Apotheken – nicht nur gegen Corona.
– Doch Ärzteverbände in Deutschland sprechen sich gegen eine Impfung in Apotheken aus.
– Auch der Bundesgesundheitsminister stärkt bisher den Arzt*innen den Rücken.
– Für die Grippe-Impfung gibt es schon Modellprojekte in Apotheken.
– Die Kosten für die Corona-Impfung fällt je nach Ort – beim Arzt oder im Impfzentrum – mit 20 Euro bis 200 Euro unterschiedlich hoch aus.

Zur Corona-Impfung in die Apotheke - in Frankreich geht das schon

In Frankreich dürfen Apotheker*innen gegen Corona impfen.
In Frankreich dürfen Apotheker*innen gegen Corona impfen. | Bild: ARD

Montag, 15 Uhr, Christian und Sylvia Stoltz aus Straßburg auf dem Weg zum Impfen. Sie werden empfangen von Apotheker Alain Boetsch. Die drei kennen sich seit vielen Jahren. Nur kurz die Versichertenkarte zücken und dann ab ins kleine Büro nebenan. Hier geht Monsieur Boetsch zunächst den offiziellen Fragenkatalog für die Covid-19-Impfung durch. Sich in der Apotheke impfen zu lassen, ist für die 59 Jahre alte Marktfrau eine Premiere. Dank des Vakzins von Johnson & Johnson braucht sie nur einmal kommen.

In Frankreich dürfen Apotheker*innen seit drei Jahren impfen. Aktuell sind sie Teil der nationalen Corona-Impfstrategie. Und für den Notfall ausgerüstet wie ein Arzt: "Der Arzt macht dann genau das Gleiche wie ich: Er spritzt Adrenalin, um den Schock zu verhindern, er nimmt das Telefon und er ruft den Notarzt. Er macht nicht mehr", erklärt Apotheker Alain Boetsch.

Impfen in der Apotheke: Das ist in Europa seit Jahren möglich, in insgesamt 13 Ländern. Speziell gegen Corona dürfen die Apotheker in fünf Ländern impfen: Neben Frankreich ist das Großbritannien, Irland, Italien und die Schweiz. Ist das auch ein Modell für Deutschland? Zumindest in einer kurzen Plusminus-Stichprobe in Düsseldorf sind die Meinungen eindeutig dafür. Auch repräsentative Umfragen zeigen ein ähnliches Bild.

Ärzteverbände gegen Impfung in Apotheken

"Wir haben genug Praxen", meint Andreas Gassen, Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung.
"Wir haben genug Praxen", meint Andreas Gassen, Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung. | Bild: ARD

Widerstand kommt allerdings von den Ärzteverbänden. Andreas Gassen ist Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung. Er warnt davor, die Grenze zwischen den Heilberufen zu verwischen: "Man braucht auch die Apotheken nicht zum Impfen. Wir haben genug Praxen, 100.000 in Deutschland. Und die Qualifikation eines Apothekers ist halt eine andere als die eines Arztes. Sie würden ja einen Flugzeugingenieur auch nicht ein Flugzeug fliegen lassen. Natürlich ist eine anaphylaktische Reaktion beim Impfen extrem selten. Impfen ist sicher. Aber es ist letztendlich auch deshalb so sicher, weil es in ärztlicher Hand ist und von daher mögliche Komplikationen oft im Vorfeld bereits ausgeschlossen werden können", so der Chef der kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stärkt den Ärzt*innen auf Nachfrage den Rücken.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stärkt den Ärzt*innen auf Nachfrage den Rücken. | Bild: ARD

An Impf-Personal mangelt es in Deutschland wohl nicht. Das zeigen Berechnungen des Instituts der kassenärztlichen Vereinigung. Derzeit könnten pro Woche gut 14,8 Millionen Dosen verabreicht werden. Bis zur Lieferspitze im Sommer steigt die Menge aber nur auf gut zehn Millionen Dosen pro Woche. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stärkt den Ärzt*innen auf Nachfrage den Rücken, lässt den Apotheker*innen aber immerhin eine Hintertür offen: "Wenn wir in eine Situation kämen, wo wir mit den Ärzten nicht mehr alles verimpft kriegten, dann müsste man sicherlich miteinander schauen, ob und in welchen anderen Bereichen wir vorübergehend dann auch anderen heilkundlichen Berufen das Impfen möglich machen".

Bei der Grippe-Impfung ist das Impfen in der Apotheke schon möglich: Im November 2019 hat der Bundestag den Weg für Modellprojekte geebnet. An einem beteiligt sich zum Beispiel Markus Reiz. In seiner Apotheke in Bornheim bei Bonn hat er im vergangenen Winter rund 40 Menschen gegen die Influenza geimpft. Die Aufklärungsfragen sind mit Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut abgestimmt. Dabei hilft eine Software.

Fast dreiviertel wollen sich gegen Corona impfen lassen

Aktuell wollen sich 73 Prozent gegen Corona impfen lassen.
Aktuell wollen sich 73 Prozent gegen Corona impfen lassen. | Bild: ARD

In Bezug auf die Grippe gelten die Deutschen als impfmüde. Gegen Corona wollen sich aktuell, laut Cosmo-Studie, 73 Prozent impfen lassen. Jeder Vierte also nicht. Markus Reiz sieht hier die Apotheken im Vorteil und verweist auf seine Erfahrungen im Modellprojekt: "Das ist etwas, was wir auch in allen anderen Ländern, die die Grippe-Impfung auch in Apotheken geholt haben, gesehen haben. Dass die Impfquoten steigen, weil eben der Zugang zur Impfung sehr viel einfacher ist und auch die Öffentlichkeit für die Impfung größer wird, weil die Apotheken viel präsenter im Stadtbild sind als eine Arztpraxis", meint der Apotheker.

Das sieht Uwe May genauso. Der Gesundheitsökonom trommelt seit Jahren für Impfungen in Apotheken. Im Auftrag der Apothekerverbände hat er dazu mehrere Gutachten erstellt. Den Widerstand aus der Ärzteschaft kann er nicht nachvollziehen: "Es geht hier gar nicht darum irgendwie Honorar zu verlagern, überhaupt nicht. Die Ärzte sollen ihr Honorar genauso behalten wie es ist. Sie sollen es zum Teil aber einfach für andere Leistungen einsetzen. Das ist der Punkt und da sehe ich eigentlich gar keinen Widerspruch zwischen dem ärztlichen Interesse, das ja auch darin besteht, die Zeit so sinnvoll wie möglich einzusetzen", so der Gesundheitsökonom.

Mehr Impf-Möglichkeiten außerhalb der Arztpraxen gefordert

Das heißt: Mehr sprechende Medizin in den Arztpraxen, mehr Impf-Möglichkeiten außerhalb. Die Impfbereitschaft soll so steigen, auch bei Corona. Je höher die Impf-Quote, desto niedriger die Kosten für die Volkswirtschaft. Das hat Uwe May am Beispiel der Grippe ausgerechnet.

Kosten für die Grippe-Impfung.
Kosten für die Grippe-Impfung. | Bild: ARD

Die kostet Deutschland pro Saison rund 7,6 Milliarden Euro. Inklusive aller Gesundheitskosten und Fehltage. Steigt die Impfquote um sechs Prozent, sind die Menschen seltener krank, die Gesamtkosten sinken auf 7,1 Milliarden Euro. Steigt die Impfquote um zwölf Prozent, kostet das die Gesellschaft nur noch 6,5 Milliarden Euro.

Gesundheitsökonom Uwe May hält fest: "Normalerweise müssen wir immer, wenn wir Gesundheit erreichen wollen, in unserem System sehr viel Geld einsetzen. Und hier haben wir eben sozusagen eine Win-Win-Situation. Die Gesellschaft kann Geld sparen und hat mehr gesunde Menschen und gesunde Tage von diesen Menschen."

Impfkosten sehr unterschiedlich

Am teuersten ist die Corona-Impfung im Impfzentrum.
Am teuersten ist die Corona-Impfung im Impfzentrum. | Bild: ARD

Aktuell fallen bei Corona die unterschiedlichen Impfkosten auf. Der Hausarzt kann pro Impfung 20 Euro abrechnen. Besucht er eine Person zu Hause, sind es 55 Euro. Deutlich teurer ist das Impfzentrum, vor allem wegen der Infrastruktur: 200 Euro pro Impfung kalkuliert man zum Beispiel in Hamburg.

13,30 Euro bekommt der Apother in Frankreich für eine Corona-Impfung.
13,30 Euro bekommt der Apother in Frankreich für eine Corona-Impfung. | Bild: ARD

Da wäre die Impfung in einer Apotheke deutlich günstiger: Alain Boetsch erhält pro Person 13,30 Euro. Keine Goldgrube. Trotzdem hofft er, dass es mal ein lohnendes Zusatzgeschäft wird. Er spricht aus, was man in Deutschland gerne verschweigt: Dass der Druck auf die Apotheken gestiegen ist, wegen des Onlinehandels: "Ich denke, das ist in Deutschland genauso: Die Preise sind eingebrochen, dadurch sinken die Einnahmen. Also ist es die Aufgabe, den Vergütungsausfall im Medikamentenverkauf auszugleichen. Und die Impfung ist Teil dieser neuen Aufgabe", meint der Apotheker aus Frankreich.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag vom hr für Das Erste.

Stand: 19.05.2021 22:38 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.