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Konsum-Stau – Wie durch Corona die Inflation steigen wird

PlayHebt die EZB bald die Zinsen an?
Konsum-Stau – Wie durch Corona die Inflation steigen wird | Video verfügbar bis 19.05.2022 | Bild: dpa / Jens Büttner

– Viele leiden unter der Corona-Pandemie – 26 Prozent der Menschen in Deutschland haben finanzielle Einbußen erlitten.
– Aber einer Umfrage von Infratest dimap für Plusminus zeigt: 73 Prozent haben finanziell nicht unter der Coronakrise gelitten.
– Durch geschlossene Geschäfte und Restaurants und entfallene Urlaubsreisen haben viele Menschen weniger Geld ausgegeben.
– Das gesparte Geld wird bei der Bank geparkt oder benutzt um Sonderzahlungen für Kredite zu tätigen.
– Wenn die Pandemie endet und der Konsum wieder zunimmt, kommt es zu steigenden Preisen und die Inflation nimmt zu.
– Die EZB schätzt allerdings, dass die Inflation bereits ab dem Jahr 2022 wieder spürbar zurückgeht.
– Die Nullzinsen der EZB werden also noch bleiben.

Abendessen bei Familie Loi mit dem Dauergesprächsthema Corona: Frust beim Home-Schooling, Sorge um die Gesundheit. Und beim Blick auf das Familienkonto erkennt Mutter Michaela tiefe Spuren, die Corona hinterlassen hat: "Finanziell hat uns Corona als Familie nicht geschadet, sondern genutzt. Wir haben am Ende des Monats mehr Geld zur Verfügung als sonst."

Trotz Coronakrise – mehr Geld in der Familienkasse

Familie Loi aus Eschborn hat mehr Geld auf dem Konto seit Corona.
Familie Loi aus Eschborn hat mehr Geld auf dem Konto seit Corona. | Bild: ARD

Mehr Geld auf dem Konto – dank Corona? Die Erklärung: Weniger Ausgaben bei stabilen Einnahmen. Vater Gianfranco als Instandhalter eines Maschinenparks blieb von Kurzarbeit verschont, genauso wie seine Frau Michaela als Büroangestellte bei einem Containerdienst. Dieser Fall der Familie Loi aus Eschborn bei Frankfurt ist sogar ganz typisch für die Lage in Deutschland.

Fast dreiviertel haben keine finanziellen Einbußen durch Corona. Zwar haben sich für jeweils 13 Prozent die Einnahmen deutlich oder etwas verringert. Darunter besonders viele mit einen niedrigen Haushaltseinkommen. Aber für 61 Prozent blieb das Einkommen gleich. Neun Prozent erhalten mehr, drei Prozent der Befragten deutlich mehr Einkommen. Darunter besonders viele mit hohen Einkommen. Das Ergebnis: 26 Prozent haben mit einem Einkommensverlust zu kämpfen – aber 73 Prozent ohne.

Die Infratest-Umfrage im Auftrag von Plusminus können Sie sich hier als pdf-Dokument herunterladen.
Eine vertiefende Datenübersicht zur Umfrage finden Sie
hier (*pdf).

Fast dreiviertel haben keine finanziellen Einbußen durch Corona.
Fast dreiviertel haben keine finanziellen Einbußen durch Corona. | Bild: ARD
Professor Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE.
Professor Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE. | Bild: ARD

Professor Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE in Frankfurt hat im vergangenen Jahr in eigenen Umfrage-Reihen ganz ähnliche Werte gemessen: "Wenn wir uns die Gesellschaft anschauen, dann haben wir neben den Selbständigen und Kurzarbeitern, die es sehr hart trifft, einfach die große Mehrheit: Die Angestellten in sicheren Job-Verhältnissen, Beamte und Rentner und Jugendliche. Also die überwiegende Mehrheit, hat tatsächlich im Portemonnaie keine Einbußen erlebt", erklärt der Experte.

Kein Urlaub, keine Shoppingtouren – viele Ausgaben fallen weg

Keine Einbußen. Lorena Loi kann das nur recht sein. Die 14-Jährige profitiert ganz direkt vom größeren finanziellen Spielraum ihrer Familie. Die 500 Euro für das neue Tablet hätte die Teenagertochter ihrer Mutter vor Corona nicht so schnell aus dem Kreuz geleiert. Es bleibt also mehr Geld für kleinere Anschaffungen, weil dicke Brocken weggefallen sind. Allein schon, weil der traditionelle Skiurlaub nicht möglich war, hat die Familie rund 3.000 Euro gespart. Oder auch bei Familienfeiern oder beim Shoppen. So geht es vielen. 

Veränderungen der Ausgaben seit der Coronakrise.
Veränderungen der Ausgaben seit der Coronakrise. | Bild: ARD

Mit 56 Prozent gab die Mehrheit der Deutschen weniger aus als vor Ausbruch der Krise. 26 Prozent gaben genauso viel aus und nur 16 Prozent geben mehr aus, so das Ergebnis der repräsentativen Umfrage.

Großer Zuwachs auf den Bankkonten

Die Sparquote ist deutlich gestiegen.
Die Sparquote ist deutlich gestiegen. | Bild: ARD

Weniger Ausgaben, stabile Einnahmen: da werden viele Bankkonten immer dicker. Vor Corona lag die Sparquote bei 10,9 Prozent, jetzt bei mehr als 16 Prozent. Ein historischer Anstieg. Zusätzliche 228 Milliarden Euro kamen auf die Konten bei den Banken. Die Folgen spüren Bankberater jeden Tag auf das Neue. Zum Beispiel in den Frankfurter Commerzbankfilialen. Die Nachfrage nach Wertpapiersparplänen liegt bei plus 50 Prozent. Und während manche um das wirtschaftliche Überleben kämpfen, hört Chef-Kundenberaterin Anne-Cathrin Hartwig immer öfter die Frage: Wohin nur mit dem ganzen Geld? "Das ist etwas, was wirklich neu ist, was wir so in der Vergangenheit noch nicht hatten. Weil viel mehr Kunden eben monatlich Gelder überhaben und sich die Gelder auf den Konten ansammeln und daher auch der Anlage-Notstand und Anlagebedarf bei unseren Kunden wächst, um für eine Alternative zum Tagesgeld und zum Sparbuch zu schauen", beobachtet die Kundenberaterin der Commerzbank.

Die Coronazeit ist auch eine gute Möglichkeit Hauskredite schneller zu tilgen. Sparkassenkunden zum Beispiel haben vor Corona kaum zusätzlich getilgt, jetzt aber tilgen 6,7 Prozent mehr. An eine höhere Tilgung hat Familie Loi auch schon gedacht. Denn am Monatsende sind mal 300 Euro, mal 500 Euro übrig. 

Die Nachfrage bei Urlaubsunterkünften und Gastronomie steigt – die Preise auch

Junior-Chefin Ann-Sophie Przyludzki vom Familienhotel Kronenhof.
Junior-Chefin Ann-Sophie Przyludzki vom Familienhotel Kronenhof. | Bild: ARD

Urlauber werden aber bald schon wieder mehr Geld ausgeben können. Zum Beispiel für einen Aufenthalt in einem Hotel. Hoteliers und ihre Mitarbeiter*innen sind vom langen Lockdown hart getroffen. Junior-Chefin Ann-Sophie Przyludzki vom Familienhotel Kronenhof nahe Kassel will aber nicht jammern. Sie ist überzeugt, dass jetzt endlich höhere Preise durchsetzbar sind: "Zum einen natürlich, um Verluste aus dem letzten Jahr irgendwie zu kompensieren. Da geht es aber nicht um Gewinnmaximierung, sondern eher um die Existenzsicherung. Und zum anderen auch, um unsere Angestellten zukünftig weiterhin fair entlohnen zu können. Sie haben lange Zeit unter der Kurzarbeit gelitten, und auch die Trinkgelder sind weggebrochen", sagt die Junior-Chefin vom Kronenhof in Oedelsheim.

Das Schnitzel mit Beilage verteuert sich um einen Euro auf 13,90 Euro. Das kleine Bier steigt um 20 Cent. Und der Preis für die frisch renovierten Zimmer steigt von 92 Euro auf 97 Euro pro Nacht. Hier funktioniert die Preisbildung in der Praxis genauso wie in der Theorie im Uni-Hörsaal der Wirtschaftswissenschaften. So erklärt Professor Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE: "Die Hotellerie ist wahrscheinlich ein wunderbares Beispiel für die Vorlesung zukünftiger Semester – da passiert der Klassiker: Die Nachfrage steigt, springt jetzt wieder an. Gleichzeitig ist das Angebot, sprich die Hotels und Hotelbetten, zurückgegangen. Und dann werden die Hoteliers sagen, wunderbar, dann kann ich meine Preise jetzt erhöhen. Denn die Bereitschaft ist ja von den Touristen da".

Die Inflationsrate ist gestiegen

EZB-Direktorin Isabel Schnabel.
EZB-Direktorin Isabel Schnabel. | Bild: ARD

Das heißt also, es kommt zur Inflation. Deren Höhe ist für die Europäische Zentralbank in Frankfurt der zentrale Maßstab für die Geldpolitik. Die persönliche Inflationsrate kann ab Mittwochabend jeder für sich selbst bestimmen. Die deutsche Vertreterin im mächtigen EZB-Direktorium, Isabel Schnabel, zeigt das neue Tool auf der EZB-Homepage. Hier kann jeder in zwölf Kategorien seine Ausgaben eintippen. Am Ende gibt es die ganz persönliche Inflationsrate, die sich durchaus von der offiziellen unterscheiden kann.

"Gleichzeitig kann man dann aber den Wert auch mit dem Wert vergleichen, den man vielleicht persönlich empfindet. Mit der sogenannten gefühlten Inflation. Und die meisten werden dann feststellen, dass sie gedacht haben, dass ihre persönliche Inflation deutlich höher wäre", sagt die EZB-Direktorin.

Der persönliche Inflationsrechner kann auf der Seite der Europäischen Zentralbank hier abgerufen werden.

Im Landhotel Kronenhof ist schon klar, dass die Preise steigen, wie in der gesamten Branche. Aber auch auf Dauer? Und gilt das auch für andere Bereiche? Also etwa beim Friseur, an der Tankstelle oder im Supermarkt? Viele Finanzexperten erwarten einen Preisanstieg. Klar ist derzeit nur: Im Jahr 2020 ist die Inflationsrate zunächst durch billiges Öl und die reduzierte Mehrwertsteuer immer weiter gefallen. Aber am Jahresanfang gab es die Trendumkehr. Die Preise klettern immer höher. Jetzt im April schon zwei Prozent mehr als im Vorjahr, die drei Prozent rücken näher.

Anstieg der Inflation.
Anstieg der Inflation. | Bild: ARD

Die EZB-Direktorin Isabel Schnabel geht davon aus, dass die Inflation bereits ab 2022 wieder spürbar zurückgehen sollte – auf schätzungsweise 1,2 Prozent im Euro-Raum: "Das bedeutet für uns, dass wir weiterhin die Finanzierungsbedingungen günstig halten, um die Wirtschaft zu unterstützen. Und ein Zinsanstieg deutet sich derzeit nicht an".

Die Nullzinsen der EZB werden also noch lange bleiben. Ein Grund mehr, für Menschen wie Familie Loi das Geld auszugeben, das sich angesammelt hat. Aber: Für ein Viertel der Deutschen brechen härtere Zeiten an: Weniger Geld bei gleichzeitig steigenden Preisen. Die Schere geht auseinander.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag vom hr für Das Erste.

Stand: 19.05.2021 22:37 Uhr

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