SENDETERMIN Mi., 19.05.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Riester-Aus – Warum es die geförderten Sparverträge bald nicht mehr gibt

PlayIst die Riester-Rente ein Auslaufmodell?
Riester-Aus – Warum es die geförderten Sparverträge bald nicht mehr gibt | Video verfügbar bis 19.05.2022 | Bild: dpa / Jens Büttner

– Die private und staatlich geförderte Riester-Rente wurde vor genau zwanzig Jahren eingeführt.
– Mehr als 16 Millionen Riester-Verträge haben die Menschen in Deutschland abgeschlossen.
– Der Garantiezins wird im Januar 2022 auf nur noch 0,25 Prozent abgesenkt.
– Dadurch und durch die Nullzinsen der vergangenen Jahre kann den Sparer*innen ab 2022 nicht mehr garantiert werden, dass sie mehr Geld herausbekommen als sie eingezahlt haben.
– Die Riester-Vorsorge ist damit am Ende.
– Auf ein neues Gesetz zur privaten Altersvorsorge konnte sich die schwarz-rote Regierung nicht einigen.
– Schweden zum Beispiel geht bei der Zusatzrente, in der alle zusätzlich zur normalen gesetzlichen Rente zwei Prozent ihres Lohnes in einen Aktienfonds einzahlen müssen, andere Wege.

Birgit Blech spart für ihre Rente mit Riester.
Birgit Blech spart für ihre Rente mit Riester. | Bild: ARD

Birgit Blech ist alleinerziehende Mutter, arbeitet darum seit Jahren nur Teilzeit. Ihre gesetzliche Rente wird auf Hartz-4 Niveau liegen, wie bei fast der Hälfte aller heute Berufstätigen. Die gesetzliche Rente wurde seit 20 Jahren gesenkt damit im demografischen Wandel die Beiträge für die jüngeren nicht explodieren. Seitdem fordert der Staat alle Menschen zu privater Vorsorge auf. Bei Riester-Verträgen gibt der Staat mit Steuergeld besonderen Anreiz und ist vor allem bei Geringverdienern mit Kindern spendabel. Bei Birgit Blech zahlt der Staat fünfmal mehr in die Versicherung ein als sie selbst: "Ja das macht man weil der Staat das Geld dazu gibt. Was dann ja auf einen Zeitraum von 2011 bis 2034 ungefähr 7.000 Euro werden. Dann denkt sich jeder, dann mache ich das", meint Birgit Blech.

Kleine Sparbeiträge bei Riester ungünstig

Der Staat pumpt Milliarden in Riester Renten - doch ein großer Teil davon landet bei den Anbietern, mit ihren Kosten und Gebühren. Das kritisieren Finanzexperten seit Jahren. Professor Hartmut Walz von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen kritisiert: "Es ist bei Riester-Verträgen absolut üblich, dass ein hoher Anteil der Erträge sogar der Riester-Förderung – also den mit Steuergeldern gezahlten Subvention – für die Kosten drauf geht."

Professor Hartmut Walz von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen.
Professor Hartmut Walz von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. | Bild: ARD

Knapp 7.000 Euro wird der Staat insgesamt für Frau Blech einzahlen. Bei durchschnittlicher Lebenserwartung bekommt sie am Ende ziemlich genau null Prozent Zins. Nicht einmal 30 Euro Zusatzrente. Professor Hartmut Walz erklärt: "Das liegt aber unter anderem auch daran, dass eben kleine Verträge mit kleinen Spar-Volumina natürlich trotzdem ihren Aufwand machen. Ob sie einen Vertrag mit 5 Euro pro Monat oder mit 500 Euro pro Monat besparen, ist für den Versicherer eigentlich gleich viel Arbeit. Deswegen sind diese kleinen Sparbeiträge beim Riester sehr, sehr ungünstig."

Höchstrechnungszins wird weiter gesenkt

Im Januar 2022 sinkt der Höchstrechnungszins auf nur noch 0,25 Prozent.
Im Januar 2022 sinkt der Höchstrechnungszins auf nur noch 0,25 Prozent. | Bild: ARD

Trotzdem waren Riester-Verträge für Versicherungen lange ein gutes Geschäft. Doch sie müssen garantieren, dass Sparer am Ende zumindest den eingezahlten Betrag herausbekommen und in der Niedrigzinsphase wurde das immer schwieriger. Denn die Versicherungen dürfen für die eingezahlten Beiträge maximal einen gesetzlich Höchstrechnungszins berechnen. Anfangs lag dieser noch bei 3,25 Prozent, fiel dann im Lauf der Jahre auf zuletzt noch 0,9 Prozent im Jahr 2019. Im Januar 2022 sinkt er auf nur noch 0,25 Prozent. Nun schlägt der Verband der Versicherungswirtschaft Alarm: "Wenn man nur den Höchstrechnungszins absinkt und sonst bei der 100 Prozent Beitragsgarantie bleibt, kann man Riester so nicht mehr anbieten, weil die Darstellung der 100-prozentigen Beitragsgarantie kostet Geld. Sofern man nur den Höchstrechnungszins absenkt, führt das zum Sterben der Riester-Anbieter zum Anfang des Jahres", meint Jörg Asmussen vom Gesamtverband der Versicherungen.

Die Zusatzrente in Schweden

Richard Gröttheim, Vorstandsvorsitzer der AP7 in Schweden.
Richard Gröttheim, Vorstandsvorsitzer der AP7 in Schweden. | Bild: ARD

Die Riester-Vorsorge ist am Ende. Schon laut Koalitionsvertrag wollte die Bundesregierung sie eigentlich reformieren – konnte sich aber nicht einigen. Dabei empfehlen viele Experten seit Jahren, dass man sich bei europäischen Nachbarn umschauen müsse. Wie etwa in Schweden. Kurz bevor Deutschland das Riester-System einführte, beschlossen die Schweden, dass jeder Bürger zwei Prozent seines Lohnes in einen Aktienfonds einzahlen muss – zusätzlich zur normalen gesetzlichen Rente. Und AP7, eine staatliche Behörde verwaltet nun diese Zusatzrente. 36 Menschen investieren 58 Milliarden Euro. Das ergibt minimale Verwaltungskosten. Böse Zungen sagen, hier werde gezockt – mit Aktien, aber: "Ich denke es ist dumm, wie in Deutschland einen Garantiezins zu versprechen. Bei Aktien muss man anerkennen, dass sie im Laufe der Zeit rauf und runter gehen. Aber bei so einer langen Laufzeit von über 30, 40 Jahren ist das kein Problem. Beim deutschen System wird die Rente aber durch die Sicherung dieser Garantie verringert", erklärt Richard Gröttheim, Vorstandsvorsitzer der AP7 in Schweden.

Wertentwicklung der Rentenfonds mit nur kurzen Schwankungen

Die Wertentwicklung der Rentenfonds.
Die Wertentwicklung der Rentenfonds. | Bild: ARD

Wenn man die Kurse des Fonds im Frühjahr 2020 sieht, könnte man Angst bekommen. Corona führt zu massiven Verlusten. Langfristig betrachtet zeigt sich: Corona und selbst die große Finanzkrise um 2008 brachten nur kurze Schwankungen. Auf lange Sicht hat der Fonds massiv Wert gewonnen. Tatsächlich können Riester-Kunden wie Frau Blech auch in Deutschland Verträge abschließen, die ähnlich wie die Schweden-Rente auf Aktienfonds basieren. Doch es gibt zwei entscheidende Unterschiede. Die Kosten und Gebühren der deutschen Anbieter und die Garantie, die sie geben müssen: Das Ersparte darf auf keinen Fall ins Minus rutschen. Darum können Anbieter bei fallenden Kursen nicht so gelassen bleiben wie die Schweden. Sobald die Aktien fallen, müssen sie reagieren: "Sobald der Rücksetzer eben so stark ist, dass die Versicherung die Sorge hat die Garantie nicht mehr erfüllen zu können, verkauft sie alles – und das machen die meisten zu Tiefstkursen. Und die Tatsache, dass sich zwei, drei Wochen später die Kurse vielleicht wieder erholt haben, geht völlig an ihnen vorbei", erklärt Verhaltensökonom Harmut Walz.

Neue Vorschläge aus der Politik

Soll der Bund also die Garantien abschaffen oder senken? Das fordern die Versicherungen. Das schlägt auch der rentenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion Peter Weiss im Bundestag vor: "Wir würden gerne erlauben, dass mindestens 20 Prozent des anzusparen Kapitals auch in anderen Anlageformen zum Beispiel Aktien angelegt werden kann. Dann können Garantien in Zukunft wieder das bedeuten, was die Sparer und Sparer erwarten, nämlich dass ich eines Tages im Alter mein erspartes Geld bekomme – samt Zins und Zinseszins." Auch die Kosten und Gebühren der Anbieter will die CDU strenger begrenzen. Trotzdem wäre den Riester-Sparen nur noch 80 Prozent der eingezahlten Beiträge garantiert.

Die Versicherer könnten mehr Risiken eingehen und eventuell mehr Rendite erzielen. Aber Kritiker warnen: "Das ist wie wenn ich mein Blut an eine Blutbank spende wo die Vampire die Buchhaltung machen. Aber wenn die Versicherer keine Garantie geben müssen, dann erhöhen sie ihre Kosten. Also ein garantiefreies Produkt bei einem Versicherer ist unmöglich", meint Professor Hartmut Walz.

Das Misstrauen gegenüber Versicherungen, die mit Riester eigene Gewinne machen wollen, sitzt tief. Darum wollen SPD und Grüne Fondsprodukte schaffen, die nicht mehr von Versicherungen verwaltet werden - sondern ähnlich wie in Schweden. "Wir stellen uns zum Beispiel vor, dass es zusätzlich freiwillige Zahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung geben sollte. Und diese zusätzlichen Zahlungen könnten zum Beispiel in einem öffentlich-rechtlichen Fonds organisiert werden, der kostengünstig ist und keine eigenen Gewinnabsichten hat sondern nur Rendite erwirtschaftet, im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher", sagt Ralf Kapschack von der SPD im Bundestag. Markuns Kurth von den Grünen schlägt vor: "Wir nennen das Bürgerfonds, der beispielsweise bei der Bundesbank angesiedelt sein könnte. Ein günstiges Standardprodukt in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft. Eine passive Anlagestrategie, ohne Vertriebskosten, ohne Provisionen, mit niedrigen Verwaltungskosten."

Wer wie Frau Blech bereits Riester Verträge abgeschlossen hat, wird die wohl weiterführen müssen. Wie eine künftige Regierung nach der Wahl einen hoffentlich rentableren Nachfolger gestaltet, wird ein spannendes Thema im kommenden Wahlkampf.

Ein Beitrag von Michael Houben
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag vom hr für Das Erste.

Stand: 19.05.2021 22:39 Uhr

11 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.