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Schiene statt Düse – Wie die Bahn gegen Billigfliegen gewinnen kann

PlayMehr Bahnstrecken statt Kurstreckenflüge.
Schiene statt Düse – Wie die Bahn gegen Billigfliegen gewinnen kann | Video verfügbar bis 14.07.2022 | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

– In Deutschland gibt es immer noch viele Kurzstreckenflüge zwischen den großen Städten
– Bahnfahren statt Kurzstreckenflliegen wurde in anderen europäischen Ländern schon umgesetzt
– Einige Politiker fordern durch Zuschüsse das Bahnfahren für Passagiere attraktiver zu machen
– Laut einer Umfrage sehen auch viele Passagiere Kurzstreckenflüge kritisch
– Um mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern, müssen die Bahnstrecken mehr ausgebaut werden

In der Debatte um das Klima geht es in den vergangen Wochen um Mindestpreise für Billigflieger und um mögliche Verbote von Kurstreckenflügen. Und da kommt die Bahn ins Spiel. Um die Schiene wettbewerbsfähiger zu machen, will die Deutsche Bahn binnen fünf Jahren 100 neue ICE auf die Gleise bringen. Das allein wird aber nicht reichen. Vielmehr braucht es bundesweit eine bessere Infrastruktur, die Flugzeug und Bahn verbindet – wie der Vergleich des größten deutschen Flughafens in Frankfurt mit der Nummer zwei in München zeigt.

Frankfurt und München – die zwei größten Flughäfen in Deutschland. Top und flop – nicht nur bei der Zuganbindung, sondern auch nach der Ankunft mit dem Zug. In München sind die Wege für Reisende mit Gepäck recht lang. In Frankfurt gibt es einen Lufthansa Koffer-Check-in direkt am Bahnhof. Gute Voraussetzungen für den Umstieg vom Flugzeug auf die Schiene und umgekehrt. Damit diese noch besser werden, kooperieren Bahn und Lufthansa in Frankfurt.

Passagiere befürworten Bahnverbindungen statt Kurzstreckenflüge

Aus 19 Städten kann man per ICE mit dem Flugticket anreisen – abgestimmt auf die Abflugzeiten. Dieses Jahr sollen noch drei Städte hinzukommen und einige Verbindungen schneller werden. Das spart Kurzstreckenflüge und kommt bei vielen Passagieren gut an.

In München hingegen hat die Lufthansa seit vergangener Woche ihren Kurzstreckenflug Nürnberg-München durch einen Bus ersetzt. Es gibt dort direkt keine Anbindung ans Fernbahnnetz. So hat sich das die Politik wohl nicht gedacht. Denn beim Haupt-Wahlkampthema Klimaschutz setzen die Parteien auf die Devise Zug statt Flug – doch wie soll das gelingen?

Die Zuganbindung großer Flughäfen in Deutschland.
Die Zuganbindung großer Flughäfen in Deutschland. | Bild: ARD

München ist nicht der einzige Flughafen, der nur an Nah- und Regionalverkehr angebunden ist. Genauso ist es in Dresden, Hamburg, Hannover und Stuttgart. Berlin und Leipzig/Halle haben zumindest einen Fernverkehrsanschluss, wenn auch ohne ICE Halt. Der schnelle ICE fährt nur nach Frankfurt, Düsseldorf und Köln/Bonn.

Oftmals fehlen attraktive Bahnalternativen

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) setzt auf Angebot und Nachfrage.
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) setzt auf Angebot und Nachfrage. | Bild: ARD

Dazu kommt, dass die Flughafenanbindung nur ein Teil des Problems ist. Vor Corona flogen pro Jahr über 23 Millionen Passagiere innerhalb Deutschlands. Acht Millionen von ihnen, um einen Anschlussflug zu erreichen, 15 Millionen nutzten reine Inlandsflüge. Oftmals fehlen hier attraktive Bahnalternativen. Um diese 23 Millionen Reisende in Züge zu locken, setzt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) darauf, dass Bahn und Flugbranche verstärkt kooperieren: "Wenn eine attraktive ICE-Verbindung zwischen Hamburg und Berlin da ist, dann wird sich ein Flugverkehr erübrigen. Und das wird man nicht an Politik entscheiden, sondern das werden die Menschen mit ihrem Verhalten tun."

Vorschläge aus der Politik: Billigtickets lieber im Zug als beim Flug

Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD, Kirsten Lühmann, will an der Preisschraube drehen. Damit die Bahntickets günstiger werden, schlägt sie Zuschüsse für die Bahn vor. Flüge sollten nach ihrem Vorschlag mindestens 50 oder 60 Euro kosten: "Wenn wir das konsequent umsetzen: kein Flug unter Steuern und Gebühren und den weiteren Ersparnissen bei Bahntickets, glaube ich, dass die Kunden und Kundinnen das für sie beste Angebot wählen – und das ist dann die Bahn.

Auch die Grünen wollen Billigtickets lieber beim Zug als beim Flug. Sie wollen dazu Steuervorteile und Subventionen für die Flugbranche abschaffen. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer bemängelt, dass die Bahn bislang vom Staat benachteiligt werde: "Wir haben an ganz vielen Flughäfen beispielsweise, dass Gebühren erlassen oder verbilligt werden. Dass Kommunen und Länder und teilweise der Bund dort Geld reinstecken. Wir haben nach wie vor keine Kerosinsteuer in Deutschland. Das sind alles Dinge, wo der Flugverkehr heute Wettbewerbsvorteile hat. Und möglich macht, dass diese absurden Billigst-Tickets angeboten werden können."

Spanien: Ab sieben Euro mit dem Zug von Madrid nach Barcelona

Der spanische Schnellzug OUIGO bietet mit günstigen Preisen eine Alternative zum Kurzstreckenflug.
Der spanische Schnellzug OUIGO bietet mit günstigen Preisen eine Alternative zum Kurzstreckenflug. | Bild: ARD

In anderen Ländern Europas ist man schon weiter. Die spanische Bahn RENFE bietet seit Ende Juni Schnäppchen-Zugfahrten – wie zum Beispiel auf der Strecke Madrid-Barcelona ab sieben Euro an. Der Hochgeschwindigkeitszug der Konkurrenz OUIGO ist schon länger mit solchen Billigpreisen unterwegs. Bei diesen günstigen Preisen wird das Fliegen für Passagiere unattraktiv.

Plusminus trifft Julieta Staschewski Martínez am Madrider Bahnhof. Bislang hatte die über 500 Kilometer lange Strecke mit der Bahn nach Barcelona oft rund 100 Euro gekostet. Flüge kosteten weniger als die Hälfte. Mit dem neuen Preis ab sieben Euro ist Zugfahren endlich günstiger. "Am Ende orientieren sich Leute in meinem Alter hauptsächlich am Preis. Wenn es billiger gewesen wäre, wäre ich geflogen - auch wenn der Zug bequemer ist", hält die Studentin fest. Nach 2,45 Stunden kommt sie so in Barcelona an. Mit dem Flugzeug hätte sie anderthalb Stunden benötigt – plus Eincheckzeit. Schneller ist sie also mit der Bahn.

Frankreich verbietet Flüge bei schnellen Zugverbindungen

Bahnexperte Christian Böttger.
Bahnexperte Christian Böttger. | Bild: ARD

Wie einige andere EU-Staaten denkt auch Spanien über ein Verbot bei Kurzstreckenflügen nach. Frankreich ist damit schon vorgeprescht: hier werden Flüge verboten, wenn ein TGV dieselbe Strecke in zweieinhalb Stunden schafft. Lässt sich das Verbot auf Deutschland übertragen? Bahnexperte Professor Christian Böttger und ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel raten davon ab. Denn anders als Deutschland habe Frankreich ein reines Hochgeschwindigkeitsnetz. So kann der TGV schneller fahren als der ICE. Bahnexperte Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin erklärt: "Frankreich hat ein monozentrisches Netz, mit Paris als einen großen Mittelpunkt. Dann etwa ein Dutzend großer Städte, die alle mit direkten, schnellen Verbindungen nach Paris angebunden sind. In Deutschland ist das anders. Wir haben viele Städte – und das ist eben nicht mit Flugverkehr abdeckbar, auch nicht mit Hochgeschwindigkeitsverkehr."

ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel.
ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. | Bild: ARD

Dazu kommt, dass ein Komplettverbot innerdeutscher Flüge, wie es politisch diskutiert wird, laut ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel, das Klima nicht schütze. Reisende würden dann einfach auf Zubringerflüge ins Ausland ausweichen: "Damit verlagern wir nur Verkehre. Dann wird nämlich der Passagier, der auf Bequemlichkeit aus ist, auf andere Drehkreuze setzen. Davon profitieren am Ende andere Airlines und die deutschen Fluggesellschaften werden das Nachsehen haben."

Noch mehr Billigzugtickets, wie zum Beispiel in Spanien, wären laut dem Bahnexperten Christian Böttger zudem nicht mehr wirtschaftlich für die Deutsche Bahn. Stattdessen rät er zu mehr politischer Gleichbehandlung der Branchen: "Die Politik sollte sehen, dass es sich über die Wettbewerbsbedingungen Gedanken macht und die vielfältigen, indirekten und versteckten Subventionen des Luftverkehrs angehen. Dann hätte man sicherlich ein Drittel oder die Hälfte des Verkehrs binnen fünf Jahren, die man verlagern könnte, die momentan überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen geflogen werden."

Viele Deutsche sehen Kurzstreckenflüge kritisch

Umfrage: Viele würden auf Kurzstreckenflüge verzichten oder mehr bezahlen.
Umfrage: Viele würden auf Kurzstreckenflüge verzichten oder mehr bezahlen. | Bild: ARD

Laut einer aktuellen Umfrage wollen 24 Prozent der Befragten Kurstreckenflüge abschaffen, 34 Prozent verteuern. 26 Prozent wollen nichts verändern. Die Menschen scheinen bereit zu sein umzusteigen. Entsteht eine attraktive und schnelle Bahnverbindung, werden die Flugstrecken weniger genutzt oder komplett gestrichen. Doch noch existieren in Deutschland einige Flugstrecken, die gut mit dem Zug machbar wären.

ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel schätzt die Lage vor der Bundestagswahl im September so ein: "Jetzt kommt eben politischer Druck. Wir sind vor einer Bundestagswahl. Deswegen sehen wir eine ganze Branche jetzt in Aufruhr. Denn es ist klar, in Sachen Klimaschutz und Klimaschutzplan muss eben auch die Luftfahrt etwas mehr tun."

Bahnstrecken müssen schneller ausgebaut werden

Auch die Bahn muss noch einiges tun. Derzeit stockt sie ihre ICE-Flotte auf. An Platz für 23 Millionen Umsteiger vom Inlandsflug mangelt es nicht. Aber an Kapazitäten und Tempo der Strecken. Die sind zwischen Großstädten schon jetzt überlastet. Bahnexperte Christian Böttger meint: "Es geht im Kern darum, dass sie schnellere Schrecken bauen. Und da gibt es eine Reihe von Strecken, die seit 30 Jahren geplant sind, das Geld aber nicht zur Verfügung stand. Der Bund hat das Jahr um Jahr wieder nach hinten geschoben und diese Strecken müssen jetzt gebaut werden. Damit könnte man auch im Kernnetz einiges an Geschwindigkeitssteigerung und Leistungsfähigkeit verbessern und damit sicherlich auch mehr Verkehr auf die Schiene verlagern."

Der Streckenausbau kommt jetzt erst vielerorts in Gang.
Der Streckenausbau kommt jetzt erst vielerorts in Gang. | Bild: ARD

Doch neue und schnellere Strecken bauen geht nicht schnell. Der Ausbau der sogenannten Dresdner Bahnstrecke zum Beispiel soll die Fahrt zum Berliner Flughafen acht Minuten kürzer machen. Doch bis die Bahn mit dem Bau beginnen durfte, hat es 26 Jahre gedauert. Schlechte Vorzeichen für einen künftigen ICE-Anschluss am Münchener Flughafen.

Die gute Nachricht: Nach Jahrzehnten des Abbaus baut die Bahn jetzt vielerorts aus und verbessert Verbindungen. So wird der Zug dem Flug Stück für Stück mehr Konkurrenz machen.

Ein Beitrag von Katja Sodomann
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks für Das Erste.

Stand: 15.07.2021 09:50 Uhr

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