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Neustart – Wie Fluglinien jetzt um Urlauber kämpfen

PlayDie Luftverkehrsbranche will wieder durchstarten.
Neustart – Wie Fluglinien jetzt um Urlauber kämpfen | Video verfügbar bis 14.07.2022 | Bild: picture alliance / Daniel Kubirski

– Die Menschen wollen wieder mehr reisen
– Die Flugbranche hat sich rechtzeitig zum Beginn der Sommerferien auf mehr Urlauber eingestellt
– Eurowings zum Beispiel will im Sommer über 300 Mal pro Woche nach Mallorca fliegen
– Nicht alle Airlines haben die Corona-Krise überlebt: Die Lufthansatöchter SunExpress Deutschland und Germanwings wurden dicht gemacht
– Lufthansa hat stattdessen eine neue Fluggesellschaft "Eurowings Discover" gegründet
– Ehemalige Mitarbeiter von SunExpress Deutschland und die Gewerkschaft Cockpit kritisieren Lufthansa für dieses Vorgehen
– Lufthansa-Chef geht von harten Wettbewerb im Ferienflieger-Segment aus
– Konkurrenten befürchten Verdrängungswettbewerb
– Condor-Chef findet Verhalten von Lufthansa "skandalös"

Nach den Monaten der Pandemie sind die Deutschen jetzt beim Start der Sommerferien urlaubsreif. Passend zur Ferienzeit lassen auch die Fluggesellschaften immer mehr Turbinen wieder an und entstauben ihre Flieger. Der Himmel füllt sich wieder. Die Airlines haben die vergangenen Monate gut genutzt. So hat die Lufthansa den Konzern kräftig umgebaut und die Strategie angepasst. Zum Ärger der anderen Ferienflieger, denn Urlauber sind jetzt im Focus.

Viele wollen wieder in den Urlaub fliegen

Jens Bischof ist Geschäftsführer der Eurowings.
Jens Bischof ist Geschäftsführer der Eurowings. | Bild: ARD

Mit dem Jumbo-Jet nach Mallorca: Weil der Urlauberansturm so groß ist, holt Lufthansa nun auch ihre Boeing 747 aus dem Corona-Schlaf. Die Menschen wollen wieder reisen. Lufthansa setzte schon mitten in der Krise mit ihrer Tochter Eurowings als Ferienflieger auf Privatreisende. Dafür hat Jens Bischof, Chef der Eurowings, bereits im Lockdown 400 neue Mitarbeiter in Cockpit und Kabine eingestellt. "Allein im Sommer werden wir über 300 Mal pro Woche nach Mallorca fliegen, von 24 Flughäfen in ganz Europa. Daran erkennt man, dass man sehr flexibel auf die aktuellen Geschehnisse und Entwicklungen reagieren muss. Und die Eurowings Marke im Lufthansa Konzern, als touristische Kernkompetenz, ist natürlich damit strategisch nochmal deutlich wichtiger geworden", erklärt Jens Bischof, der Geschäftsführer von Eurowings.

Vor Corona gab es zweimal im Jahr einen neuen Flugplan. Inzwischen wird er wöchentlich nachjustiert. Eurowings-Kapitän Ingo Grünastel ist seit 30 Jahren Pilot und war monatelang in Kurzarbeit. Nun füllt sich der Dienstplan wieder: "Wenn Sie rausgucken: Es sind nicht viele Flugzeuge unterwegs. Es dauert seine Zeit. Der Luftraum wird auch wieder voller, im Gegensatz zu vor ein paar Monaten. Da war gar nichts. Und jetzt geht es eigentlich weiter", erklärt der Flugkapitän.

Nicht alle Fluggesellschaften haben die Corona-Krise überlebt

Der ehemalige SunExpress Pilot Dirk Effelsberg kritisiert die Lufthansa.
Der ehemalige SunExpress Pilot Dirk Effelsberg kritisiert die Lufthansa. | Bild: ARD

Aber die Pandemie hat viele Verlierer gefordert: Zum Beispiel Dirk Effelsberg. Er flog für die Lufthansatochter SunExpress Deutschland. Er war dort als Ausbilder tätig, dann kam das Aus schon während des ersten Lockdowns. Von der Lufthansa ist er tief enttäuscht: "Die soziale Verantwortung wurde in meinen Augen gar nicht berücksichtigt. Und es wurde in meinen Augen der Lufthansa zu leicht gemacht, die soziale Verantwortung übernehmen zu müssen. Bei Töchtern geht die Lufthansa schneller mal über Leichen", meint der ehemalige SunExpress-Pilot.

Neun Milliarden Euro Staatshilfe für die Lufthansa.
Neun Milliarden Euro Staatshilfe für die Lufthansa. | Bild: ARD

Dabei hatte Lufthansa bis zu neun Milliarden Euro Staatshilfe zugesagt bekommen, um Unternehmen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Krise zu bringen. Sie nahm nur einen Teil der Summe in Anspruch. Ihre Tocherfirmen Germanwings und SunExpress Deutschland aber machte sie dicht und gründete mitten in der Krise eine neue Airline: Eurowings Discover. Das neue Start-up wirbt offen um neues Personal mit einem Video in den Sozialen Netzwerken.

Kritik an neuer Lufthansa-Tochter "Eurowings Discover"

Der ehemalige SunExpress-Pilot sieht das kritisch: "Die Hälfte der Schauspieler in diesem Werbevideo sind ehemalige Kolleginnen und Kollegen von der SunExpress. Das war der erste Gedanke, dass ich die Hälfte der Leute kenne. Der zweite Gedanke war, dass das, was da gesagt worden ist, relativ ernüchternd ist. Ich verstehe weiterhin nicht den Sinn einer Discover. Das hätten wir mit der SunExpress genauso gut hingekriegt."

Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlechter bezahlt?

Marcel Gröls ist Vorsitzender der Gewerkschaft Cockpit.
Marcel Gröls ist Vorsitzender der Gewerkschaft Cockpit. | Bild: ARD

Die Gewerkschaft Cockpit aber ahnt den Sinn. Ihr Vorsitzender Marcel Gröls wirft der Lufthansa vor, dass neue Mitarbeiter ohne Tarifvertrag und schlechter bezahlt eingestellt werden würden. Er beklagt, dass die Bewerber alle aus gescheiterten Tochtergesellschaften kämen und sie sich jetzt wie Fremde neu bewerben müssten: "Die Lufthansa ist ein Stück weit dabei, mit alten Rezepten auf neue Krisen reagieren zu wollen. Das muss man sagen, wenn wir einen Vergleich ziehen. Wir kennen dieses Thema der Tarifflucht in der Art und Weise von keinem anderen deutschen Dax-Konzern. Und an der Stelle versucht es aber immer wieder, diese Tarifflucht anzutreten, anstatt zu sagen und anzuerkennen: Natürlich darf gute Leistung auch etwas kosten. Das ist auch in allen anderen Bereichen so. Und eben auch bei den Beschäftigten, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die gerade auch in dieser Krise viel geleistet haben."

Bislang verdiente Lufthansa vor allem an Geschäftsreisenden

Christophe Mostert berät Airlines.
Christophe Mostert berät Airlines. | Bild: ARD

Christophe Mostert berät Airlines weltweit in strategischen Fragen. Bislang verdiente Lufthansa vor allem an Geschäftsreisenden. Ein Segment, das sich laut Mostert wohl so schnell nicht erholen wird. Also ändert die Lufthansa ihre Strategie. Sie setzt nun auf Ferienflieger und weniger auf Business-Reisende: "Zum einen bleiben mehr Kunden weg, zum anderen ist das auch nochmal ein bestes Kundensegment, was wegbleibt. Das heißt, in der Summe wird die Ertragslage und der Umsatz sozusagen geschmälert. Überproportional habe ich hier einen wirtschaftlichen Stress, den ich sozusagen durch neue Strategien ausgleichen muss. Und natürlich ist es dann nur recht und billig zu sagen: Gut, ich gehe auf das touristische Geschäft. Weil irgendwas muss ich auch mit meinen Flugzeugen machen", erklärt der Luftfahrtberater.

Verdrängungswettbewerb im Segment Ferienflieger

Condor-Chef Ralf Teckentrup.
Condor-Chef Ralf Teckentrup. | Bild: ARD

Das freut nicht alle in der Branche: Condor-Chef Ralf Teckentrup hat sein Geschäftsmodell als Ferienflieger über lange Jahre aufgebaut. Nun erlebt er, dass andere die Krise nutzen, um massiv um Privatreisende zu buhlen: "Der Verdrängungswettbewerb in dem Segment ist in vollem Gange. Angefangen von einem großen deutschen Konkurrenten unseres Unternehmens. Und da wundert es einen schon, wenn Unternehmen, die in der Vergangenheit mit der Touristik kein Geld verdient haben, und nachgewiesenermaßen kein Geld verdient haben, nun sagen: Die Touristik ist das Allheilmittel, um 800 Flugzeuge zu beschäftigen", so der Condor-Chef.

Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr.
Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr. | Bild: ARD

Plusminus hat Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr im Juni auf der nationalen Luftfahrtkonferenz in Berlin getroffen. Über die neue Ausrichtung will er mit uns nicht sprechen. Nur am Rande einer Lufthansa-Pressekonferenz im März gab er uns einen Einblick, wie die Zukunft aussehen könnte: "Gerade der deutsche Kunde hat schon in den letzten Jahren davon profitiert, dass kaum ein Markt so hart umkämpft ist, wie der deutsche Luftfahrtsmarkt. Ich glaube, dieser harte Wettbewerb wird weitergehen, und die Lufthansa wird ihre starke Rolle, die wir natürlich auch im Heimatmarkt haben, versuchen auszubauen. Denn nur so können wir 100.000 Arbeitsplätze zukunftssicher machen und über 100.000 Menschen weiterhin Lufthanseaten nennen", sagt der Lufthansa-Konzernchef.

Harter Wettbewerb heißt nun: Mehr Tourismus. Für die Konkurrenz ein harter Schlag. Ralf Teckentrup, Geschäftsführer bei Condor kritisiert das: "Ich finde es ehrlich gesagt skandalös, was da bei der Lufthansa passiert. Um es mal so deutlich zu sagen. Ich besorge mir eine Beihilfe vom Staat und finde dann Mitarbeiter im Kern der Gesellschaft ab, um sie zu prekären Arbeitsbedingungen in einer anderen neugegründeten Gesellschaft wieder einzustellen. Das ist für mich kein seriöses Management."

Flugbranche setzt vorerst auf Tourismus

Auch Condor hatte Geld vom Staat erhalten, um das Unternehmen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu retten und ist eine der ersten Airlines, die versucht, mit neuem Geldgeber aus der Krise zu kommen. Während des Lockdowns ließ Ralf Teckentrup seine Passagierflugzeuge zu Frachtern umbauen, um mit Cargo Geld zu verdienen. Jetzt lässt er die Reihen wieder mit Sitzen schließen: "Ich sehe in den Buchungen für diesen Sommer, dass es eine starke Nachfrage nach touristischen Buchungen gibt. Und ich sehe auch in meinem Umfeld zumindestens, dass die Business-Geschäftsreisenden auch wieder stärker werden und zunehmen. Meine eigene Firma macht auch mehr Geschäftsreisen", so der Condor-Geschäftsführer.

Der Nachholbedarf ist jetzt in den Sommerferien groß. Und deshalb setzt die Flugbranche erst mal auf den Tourismus, um aus der Krise zu kommen.

Ein Beitrag von Katrin Wegner und Michael Immel.
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks für Das Erste.

Stand: 15.07.2021 09:48 Uhr

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