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Corona ade – Wie unterschiedlich die Wirtschaft gerade an Fahrt gewinnt

PlayWie kommen die Unternehmen durch die Coronakrise?
Corona ade – Wie unterschiedlich die Wirtschaft gerade an Fahrt gewinnt | Video verfügbar bis 14.07.2022 | Bild: ARD

– Im Vergleich zum letzten Jahr haben alle Unternehmen wieder mehr Aufträge
– Für Unternehmen, die von Lieferketten und Rohstoffen abhängig sind, kommt es zu Problemen
– Vielen Unternehmen fehlen die Mitarbeiter, um ihre Aufträge erfüllen zu können
– Aus dem Ausland kam nur ein Zehntel der Arbeitskräfte innerhalb eines Jahres wie vor Corona
– Plusminus begleitet drei Unternehmen seit Beginn der Coronakrise

Wie sind Unternehmen bisher durch die Coronakrise gekommen? Seit Beginn der Pandemie in Deutschland im März 2020 begleitet Plusminus drei Unternehmen, die stellvertretend für die deutsche Wirtschaft stehen. So scheint Corona für die Unternehmen zwar zu enden, aber dafür erscheinen nun wieder alte Probleme, die Wachstum hemmen.

Samson: Probleme wegen Lücken in der Lieferkette und Rohstoffmangels

Das Unternehmen Samson in Frankfurt.
Das Unternehmen Samson in Frankfurt. | Bild: ARD

Wie es der Industrie geht, zeigt beispielhaft Samson, der Anbieter von Industrieventilen. Der Konzernumsatz beträgt 630 Millionen Euro. 4.500 Mitarbeiter zählt das Unternehmen weltweit. Kurzarbeit, Entlassungen oder Hilfskredite – alles das war für das Großunternehmen kein Thema. Doch die Aufträge blieben aus, erzählte uns Konzernchef Andreas Widl im vergangenen Juli. Die Folge: "Wir drehen, ehrlich gesagt, jeden Euro gerade zweimal um, weil wir nicht genau wissen, wie sich das Jahr entwickelt." Heute sieht die Situation etwas besser aus: "Also wir sparen nach wie vor. Es quietscht nicht mehr ganz so stark wie im letzten Jahr, wo wir gar nicht wussten, was auf uns zukommt. Aber wir sehen jetzt aufgrund dieser Probleme in der weltweiten Lieferkette, dass es noch keinen Anlass zur Entwarnung gibt", so der Samson-Chef.

Verminderte Produktion durch Rohstoffmangel.
Verminderte Produktion durch Rohstoffmangel. | Bild: ARD

Lücken in der Lieferkette und Rohstoffmangel – das ist das neue Hauptproblem. Und nicht mehr fehlende Aufträge wie bisher. Eine völlig neue Erfahrung für Samson – und typisch für die Lage insgesamt.

Vergleich Auftragseingang und Produktion.
Vergleich Auftragseingang und Produktion. | Bild: ARD

Über Jahrzehnte klagte immer nur eine Minderheit von Unternehmen, dass der Rohstoff-Mangel die Produktion behindere. Jetzt, im Nach-Corona-Boom, sagen 45 Prozent der Unternehmen, dass der Rohstoffmangel ein großes Problem sei. Wie auch der Chef von Samson: "Es fehlen Rohstoffe und Rohstoffe sind teuer geworden. Das heißt: Die Auftragsbücher füllen sich, aber es fehlen zum Teil Materialien, auch bei unseren Kunden, um die Projekte umzusetzen." Der Rohstoffmangel wird zum größten Hemmnis für den Aufschwung, beklagen immer mehr Manager. Ein neues Phänomen. Denn bislang galt immer:

Unternehmen fehlen die Mitarbeiter

Unternehmen brauchen wieder mehr Beschäftigte, um ihre Aufträge abzuarbeiten.
Unternehmen brauchen wieder mehr Beschäftigte, um ihre Aufträge abzuarbeiten. | Bild: ARD

Gibt es mehr Aufträge, steigt kurz drauf die Produktion und umgekehrt. Sinkt der Auftragseingang wie in der Finanzkrise, bricht auch die Produktion ein. So wie am Beginn der Pandemie. Jetzt haben die Unternehmen jedoch viel mehr Aufträge als sie abarbeiten können. Es klafft eine große Lücke zwischen steigenden Auftragseingang und langsam steigender Produktion. Das hat Folgen. Der Wirtschaftswissenschaftler Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut erklärt: "Die deutsche Industrie kann auch nicht so viele Beschäftigte einstellen, wie sie das eigentlich tun würde, wenn sie eben alle Aufträge abarbeiten würde. Und das bedeutet natürlich für unseren Wohlstand: Einkommensverluste, die wir nicht hätten, wenn wir sozusagen die Produktion voll fahren könnten."

Auf diese neue Erfahrung hätten sie bei Samson gerne verzichtet. Auf einen anderen Lerneffekt nicht: Es klappt tatsächlich, wenn die Mitarbeiter nicht am Schreibtisch sitzen. Beim mobilen Arbeiten müssen sich auch die Chefs umstellen: "Ich glaube, wir müssen in Zukunft anders führen. Man muss sich daran gewöhnen, dass Führung nicht bedeutet, dass der Mitarbeiter irgendwo in einem Großraumbüro ist und dann kommt der Chef rein. Sondern er führt auf Distanz und vertraut trotzdem darauf, dass der Kollege seine Aufgaben erledigt", so der Samson-Chef Andreas Widl.

Therapiezentrum Emler: "Wir müssen sogar Wartelisten führen"

Therapiezentrum Emler in Wetzlar.
Therapiezentrum Emler in Wetzlar.  | Bild: ARD

Das Therapiezentrum Emler hat einen Umsatz unter 750.000 Euro und beschäftigt 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im hessischen Wetzlar. Corona hatte Physio- wie Ergotherapeuten und Logopäden hart getroffen. Die Angst sich selbst oder Risiko-Patienten anzustecken, war ein Problem. Das Zittern um den eigenen Job aber auch. Denn es gab die erste Entlassung, als wir im November Praxis-Gründer Thomas Emler besuchten. Auch die Beschäftigten mussten im Dezember wieder in Kurzarbeit gehen. Jetzt hat sich die Lage verändert: "Das ist wirklich die Achterbahnfahrt schlechthin. Letztes Jahr hatte ich das Problem gehabt und wusste nicht, wie ich meine Mitarbeiter beschäftigen soll. Und dieses Jahr ist es so: Wir haben so viel Klientel bekommen, wo ich nicht weiß, wo ich Therapeuten herbekommen kann. Und wir müssen sogar Wartelisten führen", erklärt Thomas Emler.

Die Therapeuten behandeln jetzt wegen Corona viel mehr Kinder. Schlimm für die kleinen Patienten, aber zugleich dauerhafte Einnahmen für die Praxis. Die Existenzsorgen sind vorbei. Und so hat der Praxis-Chef den Kopf frei für neue Projekte. Die Therapeuten sind zum ersten Mal mit Ponys in einem Seniorenheim. Das ist nur möglich, weil dort alle geimpft sind. Ist die Krise für das Therapiezentrum also vorbei? "Na ja, ich mache noch kein Häkchen dran. Ich warte erst einmal den Herbst ab. Aber allein so ein Tage wie heute: Das zeigt mir und hilft mir auch wieder in eine Normalität hineinzukommen. Und es freut mich, einfach so etwas erleben zu dürfen", beschreibt der Praxis-Chef die Situation. Noch ist es für große Sprünge einfach zu früh.

Glasbau Hahn: "Aufträge kommen tröpfchenweise"

Glasbau Hahn in Frankfurt.
Glasbau Hahn in Frankfurt. | Bild: ARD

Glasbau Hahn ist ein mittelständiges Unternehmen und stellt Museumsvitrinen her. Der Umsatz liegt bei 24 Millionen Euro. Die Firma beschäftigt 100 Mitarbeiter in Frankfurt. Turbulente 18 Monate liegen hinter dem Traditionsunternehmen: Monteure hingen weltweit auf Baustellen fest, das Bangen um den staatlichen Hilfskredit und infizierte Mitarbeiter. Dann auch noch der Umbau für den neuen Sitz der Verwaltung. Der Umzug ist geschafft, als wir jetzt Mitinhaberin Isabel Hahn wieder treffen. Vor einem Jahr hoffte sie auf neue Projekte. Die Situation ein Jahr später: "Heutzutage kommen die Aufträge auch noch tröpfchenweise rein. Das liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass in einigen Ländern in der Welt eben immer noch eine große Zurückhaltung besteht wegen der Corona-Krise", vermutet Isabel Hahn.

Ein Auftragsboom sieht anders aus. Zu viele Projekte haben Museen in der Coronakrise erst einmal verschoben. Und selbst nach einem Vertragsabschluss dauert es Monate, bis die Arbeit in der Werkshalle beginnen kann. Die Folge: "Ende letzten Jahres mussten wir uns dann leider doch von einer Handvoll Mitarbeitern in der Produktion trennen. Aber mittlerweile ist die Produktion so ausgelastet, dass wir wieder Mitarbeiter suchen und versuchen einige von den Mitarbeitern, die wir damals leider entlasten mussten, wieder zu gewinnen."

Das Problem Fachkräftemangel ist zurück

Durch die Coronakrise kamen nur noch 23.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Durch die Coronakrise kamen nur noch 23.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland. | Bild: ARD

Ein Hin und Her für die Unternehmen in der Coronakrise. Zwar hat die Kurzarbeit schlimmeres verhindert. Aber zu Beginn der Coronawelle im vergangenen Jahr wollten die Unternehmen Personal abbauen. Das besserte sich mit Rückschlägen in der zweiten Welle nur leicht. Erst seit Mai diesen Jahres wollen wieder mehr Unternehmen einstellen statt entlassen. So ist der Fachkräftemangel zurück. Verstärkt von einer anderen Folge aus Lockdown, Grenzschließungen und Reisebeschränkungen: Es kamen viel weniger neue Arbeitskräfte aus dem Ausland. Statt 255.000 innerhalb von zwölf Monaten wie vor Corona, kamen nur noch 23.000 Arbeitskräfte. Das ist ein Problem für die Unternehmen. "Es ist natürlich temporär durch die Krise etwas entschärft worden, weil die Unternehmen ja keine Arbeitskräfte gebraucht haben. Aber wenn wir in die nächsten Jahre blicken, dann wird das Problem noch größer werden. Der Arbeitskräfte und insbesondere der Fachkräftemangel ist etwas, was die Unternehmen belastet, erklärt Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut.

Ein Problem für die Unternehmen. Aber prima Aussichten für die Beschäftigten nach der Coronakrise.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks für Das Erste.

Stand: 15.07.2021 09:51 Uhr

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