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Inflation – Wie steigende Preise dauerhaft in den Geldbörsen zuschlagen

PlayIm August 2021 gab es bei den Preisen mit 3,9 Prozent den größten Anstieg seit 28 Jahren.
Inflation – Wie steigende Preise dauerhaft in den Geldbörsen zuschlagen  | Video verfügbar bis 22.09.2022 | Bild: dpa / Patrick Pleul

– Die Preise sind im Vergleich zum Vorjahr kräftig gestiegen.
– Im August 2021 gab es mit 3,9 Prozent den größten Anstieg seit 28 Jahren.
– Expert*innen halten in den nächsten Monaten sogar Inflationsraten von mehr als fünf Prozent für möglich.
– Ein Problem: Wenn die Preise einmal gestiegen sind, bleiben sie für viele Güter danach auf höherem Niveau.
– Gewerkschaften beziehen die gestiegene Inflationsrate in ihre Gehaltsforderungen für die nächsten Tarifrunden ein.
– Im Bundestagswahlkampf spielt das Thema Inflation nur eine untergeordnete Rolle.
– Die EZB beobachtet die Entwicklung, hat aber immer den gesamten Euroraum im Blick, wo die Inflationsrate niedriger als in Deutschland ist.
– Schlechte Zeit für Sparer*innen: Die Inflation frisst je nach Höhe viel vom Zins wieder auf.

Einkaufen ist im Vergleich zum Vorjahr teurer geworden

Viele Lebensmittelpreise sind seit letztem Jahr angestiegen.
Viele Lebensmittelpreise sind seit letztem Jahr angestiegen. | Bild: ARD

Unsere "Inflationstour" durch Deutschland beginnt in Echzell in Mittelhessen. Dort lebt eine Frau, die keine offizielle Preis-Statistik braucht: Christiane Gillert hat ihre eigene – seit fast einem halben Jahrhundert. Sie trägt jeden Einkauf, jedes Tanken ins Haushaltsbuch ein. Da sieht die gelernte Steuerfachgehilfin auf einen Blick: Einkaufen ist teurer geworden im Vergleich zum Vorjahr: Der Preis für das Mehl ist stabil geblieben. Aber innerhalb eines Jahres ist der Preis für Margarine um 25 Prozent gestiegen, der Fleischsalat 30 Prozent teurer. Preissteigerungen fast überall – für die Lebensmittel zahlt sie nach zwölf Monaten rund ein Fünftel mehr: Statt 4,15 Euro sind es jetzt 4,96 Euro. So bemerkt Christiane Gillert, dass die Lebensmittelpreise durchweg angestiegen sind. Aber besonders die Energiekosten, wie Benzin, Heizöl oder Holzkosten seien derart stark angestiegen, dass es schon zur Belastung werde.

Starker Anstieg der Inflation auf 3,9 Prozent

Stärkster Anstieg der Inflation seit nahezu 30 Jahren.
Stärkster Anstieg der Inflation seit nahezu 30 Jahren. | Bild: ARD

In den vergangenen 30 Jahren war die Inflation keine allzu große Belastung. Jetzt gibt es aber einen Anstieg auf 3,9 Prozent. Sogar ein weiterer Anstieg auf fünf Prozent bis zum Jahresende wäre zum Beispiel laut der Bundesbank möglich. Was passiert da gerade? Das wollen wir in Frankfurt klären, am Sitz der Europäischen Zentralbank. Aus der Sicht der EZB hat Corona alles durcheinandergewirbelt. Konkret heißt es auf eine Plusminus-Anfrage: "Vereinfacht gesprochen: Die Inflation ist derzeit erhöht, weil sie letztes Jahr ungewöhnlich niedrig war."

Zustimmung von Finanzwissenschaftlern in Frankfurt: Corona als einmaliger Sondereffekt für die hohe Inflation. Es kann aber auch noch anders kommen, erfahren wir an der Frankfurt School of Finance. Das Inflationsgespenst, so Professor Adalbert Winkler, verschwindet nur unter einer klaren Voraussetzung: "Wenn wir zurück in die globalisierte Ökonomie kommen, wie wir sie vor der Pandemie gehabt haben, dann spricht sehr viel dafür, dass es ein vorübergehendes Phänomen ist", so der Finanzexperte.

Selbst wenn die Inflationsrate wieder sinkt – die Preise bleiben oben.
Selbst wenn die Inflationsrate wieder sinkt – die Preise bleiben oben. | Bild: ARD

Andernfalls bleibt die Inflation wohl hoch. Aber selbst, wenn die Inflationsrate wieder sinkt – die Preise bleiben oben. Eine Beispielrechnung: Eine Familie zahlt im Monat 1.000 Euro für Lebensmittel und Alltagsprodukte. Bei vier Prozent Inflation verteuert sich ihr Einkauf auf 1.040 Euro. Selbst wenn es im nächsten Jahr keine Inflation geben sollte, zahlt die Familie immer noch 1.040 Euro. Mit demselben Einkommen kann sich die Familie auf Dauer weniger leisten.

Das erhöhte Preisniveau bleibt erhalten

In Düsseldorf lassen wir uns das vom Finanzprofi erklären. Dort betreibt "Quant Capital Management" eigene Risikoanalysen für Anleger. Für Geschäftsführer Ivan Mlinaric ist die Inflationsgefahr gerade das größte Thema überhaupt: "Die Inflationsrate, die die Preise einmal angehoben hat, sorgt dafür, dass dieses Preisniveau dauerhaft erhöht ist. Das heißt, selbst wenn die Inflationsrate auf null Prozent zurückgeht, bleibt das erhöhte Preisniveau erhalten. Unser Lebensstandard ist entsprechend als Verbraucher dauerhaft reduziert."

Gewerkschaft: Mehr Lohn wegen höherer Inflation

Gewerkschafts-Chef Frank Werneke (verdi) verlangt mehr Geld für die Beschäftigten.
Gewerkschafts-Chef Frank Werneke (verdi) verlangt mehr Geld für die Beschäftigten. | Bild: ARD

Ein Ausgleich müsste also her. In Berlin fragen wir nach einer naheliegenden Lösung: Mehr Geld durch höhere Tarifabschlüsse. Wir sind unterwegs zur Verdi-Zentrale. Das Ziel von Gewerkschafts-Chef Frank Werneke ist: Die Beschäftigten sollen sich auch bei steigenden Preisen mehr leisten können – und nicht weniger: "Wenn ich zurückblicke auf die vergangenen zehn Jahre, dann ist uns gelungen, Reallohnsteigerungen durchzusetzen. Da hat uns eine niedrige Inflationsrate geholfen. Jetzt steigt die Rate. Von daher muss das berücksichtigt werden." Also mehr Lohn. Doch Tarifverträge laufen oft zwei Jahre. Und die Inflationsrate war bei vielen Abschlüssen mitten in der Corona-Pandemie extrem niedrig. Pech gehabt, könnte man meinen. Doch die Beschäftigten sollen darunter nicht leiden müssen.

"Nach jeder Tarifrunde ist vor der nächsten Tarifrunde. Und falls es so sein sollte, dass in einem zurückliegenden Zeitraum während der Tariflaufzeit ein Reallohn-Verlust entstanden ist, weil die Preissteigerung einfach höher war als angenommen zum Zeitpunkt des Abschlusses, dann rufen wir das selbstverständlich auf in der nächsten Tarifrunde und sagen: Jetzt ist nachholen und aufholen angesagt", erklärt Gewerkschafts-Chef Werneke im Plusminus-Interview.

Im Bundestagswahlkampf spielt das Thema Inflation keine große Rolle

Corona ist im Wahlkampf deutlich wichtiger als das Thema Inflation.
Corona ist im Wahlkampf deutlich wichtiger als das Thema Inflation. | Bild: ARD

Die Gewerkschaften haben die Inflation im Blick. Doch im Bundestagswahlkampf ist die Inflation nur ein Nischenthema – wenn überhaupt. Ein Blick in die Wahlprogramme genügt: Wir durchsuchen die Dokumente nach dem Stichwort Inflation und – zum Vergleich – nach dem Wort Corona. Das Ergebnis: Bei SPD, Union, Grünen und FDP kommt das Wort Inflation höchstens einmal vor. Aber dutzende Male Corona. Bei der Partei Die Linke kommt "Inflation" vier Mal vor, bei der AfD sechs Mal. Die hält den Euro ohnehin für gescheitert und verlangt zum Beispiel: "Zusätzliche Inflationierung durch überzogene Corona-Maßnahmen beenden."

Raus aus den Programmen, rein in den Straßen-Wahlkampf. Auf dem Marktplatz in Worms hält Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz seine Wahlkampfrede. Er spricht über viele Themen - die Inflation ist nicht dabei. Eine gute Gelegenheit einmal nachzufragen, was die Politik gegen den Preisanstieg machen will. Wir erfahren: Die Inflation ist ein großes Thema, aber eher im Rahmen von G7, G20, IWF, OECD oder auch EU. So erklärt SPD-Bundesfinanzminister Olaf Scholz: "Alle sind sich einig: Stand heute sieht es danach aus, als ob das etwas sein wird, das wir im nächsten Jahr nicht mehr als Problem mit uns herumtragen. Aber wir schauen genau hin."

Die Inflation frisst je nach Höhe viel vom Zins wieder auf

Der negative Realzins.
Der negative Realzins. | Bild: ARD

Zurück nach Mittelhessen. Christina Gillert führt nicht nur Haushaltsbuch. Sie hat auch ihre alten Sparbücher und Sparverträge sauber archiviert. Beim Blättern wird es schnell nostalgisch: "Natürlich sieht man mit Wehmut zurück in die Achtziger, wo bis zu zehn Prozent Guthabenzinsen auf Spareinlagen gezahlt wurde. Aber das ist heute halt nicht mehr der Fall". Die hohen Zinsen sind bei ihr immer noch im Kopf. Die Erinnerung an die Inflationsrate – verblasst. Doch jeder muss Zins und Inflation im Blick behalten für eine realistische Einschätzung. Denn für das Geld auf dem Sparbuch gab es früher kräftig Zinsen. Das Geld wird mehr – doch die Inflation frisst je nach Höhe viel vom Zins wieder auf. Und wenn die Inflationsrate höher als das der Sparzins ist, wird das Guthaben sogar real kleiner. Das ist dann der gefürchtete negative Realzins.

Keine gute Zeit für Sparer*innen

Ivan Mlinaric von Quant Capital Management erklärt dazu: "Wenn wir uns das Ausmaß der negativen Realzinsen anschauen, das wir im Moment erleben, dann müssen wir feststellen, dass das so schlimm ist, wie wir es seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Wenn wir gleichzeitig davon ausgehen, dass die Inflationsraten zumindest mittelfristig erhöht bleiben und die Zinsen auch nicht steigen werden, dann haben wir eine Situation, die tatsächlich für Sparer so schlimm ist, wie wir es in den letzten Jahrzehnten noch nicht erlebt haben." Seit den 1960er Jahren war der Realzins zwar immer wieder auch mal negativ, doch nicht für lange Zeit und mit minus 3,82 Prozent noch nie so extrem wie jetzt: Das Guthaben schmilzt so stark wie nie.

Besser wird das nur, wenn entweder die Inflation sinkt - oder aber die Zinsen steigen. Dazu erklärt die EZB auf unsere Anfrage: "Wir brauchen niedrige Zinsen heute, um aus der Krise zu kommen – das ist die Voraussetzung für höhere Zinsen in der Zukunft."

Hohe Zinsen und wenig Inflation. Das ist die schönste aller Welten. Aktuell erleben wir die schlechteste Kombination: Keine Zinsen, aber hohe Inflation.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Eine Produktion vom Hessischen Rundfunk für Das Erste.

Stand: 22.09.2021 22:26 Uhr

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