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Renten-Kollaps? – Was in Zukunft auf uns zukommt

PlayWie geht es weiter mit der Rente?
Renten-Kollaps? – Was in Zukunft auf uns zukommt | Video verfügbar bis 22.09.2022 | Bild: dpa / Lino Mirgeler

– Über die Zukunft der gesetzlichen Rente wird im Bundestagswahlkampf viel diskutiert.
– Denn dem Rentensystem droht der Kollaps, wenn sie nicht grundlegend angepasst oder reformiert wird.
– Das Problem: Die Lebenserwartung der Menschen wird immer höher.
– Bis ins Jahr 2060 erwartet das Statistische Bundesamt noch mal eine Steigerung von drei bis fast acht Jahren.
– Das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern verringert sich weiter.
– Expert*innen raten, künftig die Lebenserwartung und Rentenalter miteinander zu koppeln.
– Die Rücklage der Rentenversicherung von aktuell 34,2 Milliarden Euro wird in den nächsten Jahren deutlich abschmelzen.
– Die Vorschläge der Parteien zur Rentenreform im Bundestagswahlkampf sind eher zurückhaltend.
– Eine Lösung: Einen Teil der Rente könnte der Staat in Zukunft auch in Wertpapiere anlegen und selber verwalten.

Alfred Engelke ist 67 Jahre alt – und arbeitet immer noch. Nicht weil er muss, sondern weil er will. Der Rentner ist nach wie vor für seinen früheren Arbeitgeber Bosch im Einsatz. Der gelernte Elektrotechniker coacht seine jüngeren Kollegen und Kolleginnen in der Qualitätskontrolle von Elektromotoren. Er nimmt Teil am sogenannten Seniorexperten-Programm bei Bosch. Über eine Tochterfirma stellt der Konzern die hauseigenen Rentner*innen projektbezogen per Zeitvertrag ein. Weltweit arbeiten so rund 2.000 Senior*innen in Teilzeit in den unterschiedlichen Abteilungen.

Der Geschäftsführer von Bosch Management Service Johannes Elling meint: "Sicherlich ist auch die Zuverdienstmöglichkeit eine Motivation. Meine Beobachtung ist aber mehr die Motivation, weiterhin noch was tun zu können – in einer perfekten Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Die Mischung ist es."

Die Menschen leben immer länger – und werden länger arbeiten müssen

Die Lebenserwartung steigt.
Die Lebenserwartung steigt. | Bild: ARD

Bosch macht auf freiwilliger Basis vor, was künftige Rentner in Deutschland wohl zwangsweise tun müssen: Länger arbeiten. Denn die Menschen leben immer länger. 1972 wurden die Männer im Durchschnitt 67,4 Jahre alt, die Frauen 73,8. Die Lebenserwartung ist aktuell bei Männern bei 78,6 Prozent und 83,4 Prozent bei den Frauen. Bis ins Jahr 2060 erwartet das Statistische Bundesamt noch mal eine Steigerung von drei bis fast acht Jahren.

Für die Menschen wunderbar, für die Rentenkasse in ihrer jetzigen Form aber eine große Belastung. Und die Situation spitzt sich bald zu, weiß Martin Werding, Sozialökonom an der Universität in Bochum: "Wir stehen unmittelbar vor einer wirklich heißen Phase des demografischen Alterungsprozesses. Bislang sind bei uns die Erwerbspersonen immer älter geworden. Jetzt kommen die Babyboomer bald in die Rente. In den nächsten 15 Jahren passiert das und dadurch verschiebt sich die Relation zwischen Beitragszahlern und Rentenbeziehern ganz dramatisch."

Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern verringert sich

Auf einen Rentner kommen immer weniger Beitragszahler.
Auf einen Rentner kommen immer weniger Beitragszahler. | Bild: ARD

Der Blick auf die Alterspyramide zeigt: Für den Zeitraum 1960 bis 1970 taucht eine deutliche Beule in der Simulation auf. Diese Generation geht bald in Rente. Das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern verringert sich weiter. 1965 kamen auf einen Rentner noch 3,8 Beitragszahler. Aktuell liegt das Verhältnis bei 1 zu 1,9. Laut Prognose des Bundesarbeitsministeriums werden im Jahr 2034 auf eine Rentnerin nur noch 1,5 Beitragszahler kommen.

Eine Entwicklung, mit der der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) auch schon in den Nullerjahren konfrontiert gewesen ist. Er hat als Sozialminister und Vizekanzler deshalb die Rente mit 67 vorangetrieben. Im Jahr 2005 wurde es konkret: "In den Koalitionsverhandlungen kam dann das Gespräch auf, was wir eigentlich machen müssen. Da entstand dann auch der Entschluss, das zu machen – und zwar auf eine Dauer bis 2031, 2032 – dann wird das Ganze in Kraft sein." Ab dann greift die Rente mit 67 in voller Höhe. Die Reform unter der ersten Merkel-Regierung führte zu landesweiten Protesten: IG Metall, Verdi, VW-Angestellte, Werftarbeiter gingen auf die Straße. So sieht das auch der ehemaliger DGB-Vorsitzende Michael Sommer: "Das Grundübel, dass wir bis 67 arbeiten sollen und nicht können, bleibt."

Rentenreform ist der richtige Weg

Dabei sei diese Reform der richtige Weg gewesen, meinen Rentenexperten. Künftig solle man Lebenserwartung und Rentenalter automatisch miteinander koppeln. So sagt Professor Martin Werding, Sozialökonom und Rentenexperte an der Universität Bochum: "Es geht nicht darum, die Rentenphase kürzer zu machen, sondern zu verhindern, dass sie immer länger wird. Sie sollte sich gleichmäßig verlängern in dem Maße, wie sich auch die Lebensarbeitszeit verlängert. Das ist ein Gleichgewichtsmechanismus, den wir brauchen werden.“

Denn der Druck auf die Rentenversicherung wächst. Die Rücklage von aktuell 34,2 Milliarden Euro wird in den nächsten Jahren deutlich abschmelzen. Will man im Umlagesystem bleiben, sind drei Stellschrauben wesentlich: Man kann den Rentenbeitrag erhöhen, das Rentenniveau senken und das Renteneintrittsalter anheben.

Rente im Bundestagswahlkampf: Die Vorschläge der Parteien sind zurückhaltend

Die "großen Stellschrauben" bei der jetzigen Rentenversicherung.
Die "großen Stellschrauben" bei der jetzigen Rentenversicherung. | Bild: ARD

An diesen Stellschrauben will im aktuellen Bundestagswahlkampf aber so gut wie keine der großen Parteien drehen. Beispiel höheres Renteneintrittsalter: Kein Hinweis dazu in den Wahlprogrammen. Genauso fordert keine der großen Parteien ein niedrigeres Rentenniveau – dass die Renten künftig also weniger stark steigen als der Durchschnittslohn. Und fast alle Parteien sprechen sich gegen einen höheren Rentenbeitrag aus. Mit Ausnahme der Linkspartei, sie will das Rentenniveau sogar auf 53 Prozent anheben.

Wie lässt sich aber dann das Loch in der Rentenkasse stopfen? Der Bund gibt regelmäßig üppige Zuschüsse. In diesem Jahr werden es laut Finanzplanung 106,2 Milliarden Euro sein. So darf es nicht weitergehen, meint Axel Börsch-Supan, Mitglied in der vergangenen Rentenkommission der Bundesregierung: "Wenn man den Bundeshaushalt immer weiter mit der Rentenversicherung belastet, jetzt ist es schon ein knappes Drittel, und es wird ja mehr und mehr, verdrängt man die anderen Ausgaben, wie für Bildung, Infrastruktur und auch der Klimawandel muss finanziert werden. Deswegen muss man sich also hüten zu sagen: Das ist eine Kuh, die man beliebig melken kann. Nein, das kann man eben nicht."

Die Rezepte der Parteien: Alle außer der FDP wollen mehr Beitragszahler schaffen, indem künftig auch Selbständige in die Rentenversicherung einzahlen. Oder auch Beamte, Politiker. Oder durch Zuwanderung mehr Beitragszahler schaffen.

"Das Prinzip an allen Stellschrauben ein wenig zu drehen, ist das wirklich wichtige"

Die weiteren Möglichkeiten im Rentensystem.
Die weiteren Möglichkeiten im Rentensystem. | Bild: ARD

Neben den großen drei Stellschrauben – Rentenbeitrag, Rentenniveau und Renteneintrittsalter – gibt es also viele weitere Möglichkeiten: Mehr Beitragszahler, Steuerzuschüsse, mehr Frauen in Vollzeit bringen, Betriebsrenten stärken oder die Einführung eines Staatsfonds. Professor Axel Börsch-Supan, Rentenexperte an der TU München meint: "Das Prinzip, dass man an allen Stellschrauben ein wenig dreht, ist das wirklich wichtige. Nicht, dass man sich nur auf eine Stellschraube konzentriert, sondern alles, was man an Mitteln zur Verfügung hat, einsetzt, damit keine einzige der Stellschrauben einem besonders weh tut."

Einen Teil der Rente könnte der Staat auch in Wertpapiere anlegen und selbst verwalten. Diese Idee eines Staatsfonds greifen Union, FDP, Grüne und SPD auf. Die Grünen nennen das einen Bürger*innenfonds, die FDP spricht von einer Aktienrente, die Union von einer Generationenrente. So erklärt Alexander Dobrindt, CSU-Spitzenkandidat: "Das ist eine kapitalgedeckter neue Säule für die Rente, die von Beginn an, das heißt von Geburt an angespart werden muss." Der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner macht den Vorschlag: "Wir legen Geld zurück, das verzinst sich und das reduziert später die Lasten, die etwa der Steuer- oder Beitragszahler leisten muss." Einen Staatsfonds wollen die Parteien, nur Linke und AfD haben dazu nichts in ihren aktuellen Bundestagswahl-Programmen stehen.

Rentner Alfred Engelke, der weiter bei Bosch arbeitet, kann sich die Diskussionen entspannt angucken. Ihn würde eine Reform nicht mehr betreffen. Bei Renteneintritt vor drei Jahren war er froh, dass er weiterarbeiten konnte. Derzeit arbeitet er einen Tag, manchmal zwei pro Woche. In ein paar Jahren wäre er dann reif für die Rente mit 70.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Eine Produktion vom Hessischen Rundfunk für Das Erste.

Stand: 22.09.2021 22:26 Uhr

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