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Dauer-Inflation – Wie der Rohstoffmangel die Preise langfristig nach oben treibt

PlayInflation – Die Preise steigen weiter
Dauer-Inflation – Wie der Rohstoffmangel die Preise langfristig nach oben treibt | Video verfügbar bis 24.11.2022 | Bild: dpa / Sascha Steinach

– Die Corona-Pandemie hat in den letzten Wochen und Monaten zu Materialmangel, Produktionsproblemen und steigenden Preise gesorgt.
– Das führt jetzt im Weihnachtsgeschäft zu Preissteigerungen für die Kunden.
– Aber auch im nächsten Jahr werden viele Produkte für die Verbraucher noch teurer.
– Durch die Corona-Krise klagen mehr als 70 Prozent der Unternehmen über Materialengpässe.
– Preise für Hersteller sind um mehr als 18 Prozent gestiegen.
– Inflationsrate ist so hoch gestiegen, wie seit fast 30 Jahren nicht mehr – Tendenz steigend.
– Kunststoff, Elektronik und Stahl fehlen den Unternehmen am meisten – auch der Papiermangel ist ein Problem.
– Die EZB gibt zu die Inflationsentwicklung unterschätzt zu haben.
– Erst wenn die Inflation mittelfristig, nachhaltig und dauerhaft bei zwei Prozent angelangt ist, will die EZB-Geldpolitik handeln.

Das Spiel "Mensch ärgere Dich nicht" kennen alle. Den Erfinder dagegen kennt kaum jemand: Josef Friedrich Schmidt wurde heute vor 150 Jahren geboren. Sein Nachfolger bei Schmidt-Spiele ist Geschäftsführer Axel Kaldenhoven. Er hat jetzt ein neues Problem: Die Nikolaus-Aktionsware für die Discounter ist zwar produziert, aber 600.000 Spieledosen hängen allerdings in China fest: "Das hieß also, dass zu dem vereinbarten Termin, als die Produkte gefertigt waren, kein Container für uns zur Verfügung stand. Wir so den Container nicht beladen konnten und der auf das Schiff konnte, was wir eigentlich am Anfang geplant hatten", beklagt der Geschäftsführer.

Auf den letzten Drücker klappte es doch – und die Spiele stehen jetzt als Nikolaus-Geschenk beim Discounter. Aber überall leiden Firmen unter knappen Transportkapazitäten – und Rohstoffmangel.

Materialengpässe auf einem Höchststand.
Materialengpässe auf einem Höchststand. | Bild: ARD

In den vergangenen 30 Jahren klagte nur eine Minderheit über Materialengpässe, meistens unter zehn Prozent. In Corona-Zeiten ist alles anders: Weit mehr als 70 Prozent der Unternehmen sagen: Uns fehlt Material.

"Es gibt nicht diesen einen Grund für Lieferengpässe"

Nach den Ursachen fahndet bei der Deutschen Bank Research der Volkswirt Eric Heymann – und das ist gar nicht so einfach: "Es gibt nicht diesen einen Grund für die Lieferengpässe. Wir haben auf der Angebotsseite ganz viele Faktoren von Wetterextremen, über Corona-Fälle in Häfen von China, bis zu einem blockierten Suezkanal. Und diese Vielfalt an Gründen ist auch dafür verantwortlich, dass alle Industriesektoren von diesen Lieferengpässen betroffen sind."

Die Preise steigen

Und weil die Gründe so vielfältig sind, löst sich das Problem allenfalls Stück für Stück. Die Folgen sind schon jetzt überall sichtbar: Preissteigerungen um mehr als 18 Prozent auf breiter Front. So hoch sind die Preise für die Hersteller innerhalb eines Jahres gestiegen. So verlangt auch Schmidt-Spiele bald mehr: "Nächstes Jahr werden sich die Preise in unserem Segment um circa vier bis fünf Prozent erhöhen müssen. Das liegt an den eben beschriebenen erhöhten Frachtpreisen, aber auch an Produktionspreisen. Von daher wird ein Spiel nächstes Jahr, was bei uns augenblicklich zum Beispiel 9,99 Euro kostet, nächstes Jahr 10,50 Euro oder 10,90 Euro kosten", erklärt Geschäftsführer Axel Kaldenhoven.

Historischer Höchststand bei den Preiserhöhungen.
Historischer Höchststand bei den Preiserhöhungen. | Bild: ARD

Preise nach oben anpassen, wollen aktuell so viele Unternehmen wie noch nie. Das Beispiel Einzelhandel. Vor einem Jahr wollte laut ifo-Preisindex nur eine Minderheit der Unternehmen die Preise erhöhen. Inzwischen sagen zweidrittel aller Firmen: Wir werden demnächst teurer. Dabei erlebt jeder von uns schon jetzt im Alltag, dass alles teurer wird. Diesen Eindruck bestätigt die offizielle Preisstatistik.

Stetiger Anstieg der Inflationsrate

Stetiger Anstieg der Inflationsrate.
Stetiger Anstieg der Inflationsrate. | Bild: ARD

Noch vor einem Jahr hat Corona die Inflationsrate ins Minus gedrückt – aber nur kurzfristig. Sie liegt im Oktober 2021 bei 4,5 Prozent - so hoch wie seit fast 30 Jahren nicht mehr – Tendenz steigend. Im November 2021 kann die Inflation nach einer aktuellen Bundesbank-Schätzung sogar an der Sechs-Prozent-Marke kratzen. Im nächsten Jahr: "deutlich mehr als drei Prozent". Das ist klar über dem Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank.

Tobias Linzert von der Abteilung Geldpolitik bei der Europäischen Zentralbank.
Tobias Linzert von der Abteilung Geldpolitik bei der Europäischen Zentralbank. | Bild: ARD

Was da los ist, wollen wir von der EZB in Frankfurt wissen. Monatelang galten hier "Corona-Sondereffekte" als wichtigste Erklärung. Aber diese Einschätzung bröckelt dieser Tage. Tobias Linzert bereitet innerhalb der EZB die geldpolitischen Entscheidungen mit vor. Er räumt im Rückblick ein: Die Inflationserwartung der EZB war zu niedrig. "Es ist absolut richtig, dass die Inflation deutlich höher ausgefallen ist als das, was wir erwartet haben. Das liegt aber natürlich hauptsächlich an globalen Faktoren. Das liegt an dem starken Anstieg der Energiepreise. Das liegt an den Angebotsengpässen, die wir weltweit beobachten. Das sind Dinge, die ließen sich auch im Nachgang der Pandemie oder im Rahmen der Pandemie sehr schwer vorhersagen", erklärt Linzert von der EZB-Abteilung Geldpolitik.

Auch Papiertüten im Supermarkt sind Mangelware

Ein Alltagsbeispiel macht klar, wie sehr Corona alles durcheinanderbringt. Plusminus ist zu Besuch im Supermarkt von Lars Koch im hessischen Friedberg. Aufgrund von Rohstoffengpässen sind bei ihm Papiertüten kaum noch lieferbar. Und das mitten in Deutschland, im Jahr 2021. "Wir haben den Papiermangel insbesondere bei den Papiertragetaschen bemerkt, und haben dann entsprechend reagiert. Wir haben eine Alternative bestellt", erklärt Edeka-Marktleiter Lars Koch. Rund 60 Papiertüten verkauft Lars Koch normalerweise wöchentlich. Jetzt muss sich die Kundschaft umstellen und wundert sich über den Mangel an Papier.

Papiermangel auch bei Zeitungsverlagen

Und der Eindruck stimmt. Der Papiermangel ist auch für Zeitungsverlage derzeit das große Thema. Bei VRM Druck in Rüsselsheim werden unter anderem täglich 230.000 Exemplare des Regionalblatts des Wiesbadener Kuriers gedruckt – auch die deutsche Ausgabe der "New York Times". Aber dem Geschäftsführer Martin Kümmerling geht so langsam das Papier aus: "Wir versuchen Papier zu sparen, indem wir weniger Eigenanzeigen schalten, also indem man Seiten, die man nicht unbedingt braucht, einspart. Wir kriegen nicht die Menge, die wir vereinbart haben – und die Preise sind während des laufenden Vertrages erhöht worden", beschreibt er die Situation.

Die Folge: In den nächsten Monaten werden die Zeitungen und Zeitschriften wohl teurer. Wegen des Papiermangels. Insgesamt klingt das alles eher nach Mangelwirtschaft, wenn Unternehmen über ihre aktuelle Lage berichten.

Kunststoff, Elektronik und Stahl fehlen den Unternehmen am meisten

Mangelware macht Unternehmen zu schaffen.
Mangelware macht Unternehmen zu schaffen. | Bild: ARD

Es fehlt nicht nur an Papier, Kartonagen und Verpackungen. Auch Chips, Aluminium oder Chemikalien sind Mangelware. Je größer hier der Begriff, umso größer der Mangel. Das bedeutet: Kunststoff, Elektronik und Stahl fehlen den Unternehmen am meisten. Es gibt praktisch nichts, was nicht fehlt.

Die globale Wirtschaft ist wegen Corona aus dem Takt – das beobachten Experten und das spüren Verbraucher. Denn bei Preiserhöhungen funktioniert die Marktwirtschaft wie im Lehrbuch.

Eric Heymann von Deutsche Bank Research erklärt das so: "Die Unternehmen klagen nicht nur über Materialmangel, sondern auch über steigende Preise. Was normal ist: Wenn Produkte knapp sind, steigen die Preise. Das zieht sich von den Rohstoffpreisen durch über die Importpreise, also die Preise, für die Unternehmen Waren aus dem Ausland kaufen, über die Erzeugerpreise und letztlich bis zur Inflation hin. Wir haben hier in allen Preisstatistiken relativ hohe Anstiege. Da muss man schon viele Jahrzehnte zurückgehen, um derart hohe Preisanstiege zu sehen."

Preise werden bei vielen Produkten weiter steigen

Blicken wir auf Weihnachten und ins neue Jahr: Plusminus ist zu Gast bei Philippi-Design im Norden Hamburgs. Auch dort gibt es explodierende Produktionskosten und Frachtraten. Dazu das große Bangen um das Weihnachtsgeschäft: Denn statt wie üblich im Spätsommer, kommt viel Ware erst jetzt im November dort an. Die letzte Lieferung ist für den 16. Dezember angekündigt – mehr als knapp für das Weihnachtsgeschäft. Designer und Firmenchef Jan Philippi hat solche Schwierigkeiten noch nie erlebt: "Mal gibt es in den Herkunftsländern wie in China keinen Strom, mal sind die Rohmaterialien wahnsinnig teuer geworden. Mal ist die Fracht unglaublich teuer – statt 3.000 bis zu 20.000 Euro. Und aus dieser Gesamtheit wird es eben fürchterlich teuer." Das merken die Kunden dann ab Januar: Plus 25 Prozent im Durchschnitt. Oder: Noch mehr, wie beim "Windlicht Louisiana XXL".

Beispiel: Starker Preisanstieg beim Produkt "Windlicht Louisiana XXL".
Beispiel: Starker Preisanstieg beim Produkt "Windlicht Louisiana XXL". | Bild: ARD

Bislang kostete die Produktion in China knapp 14 Euro, die Fracht nach Deutschland 4,42 Euro. Aufgeschlagen wird darauf die Marge für die Marke, für den Handel und den Staat mit der Mehrwertsteuer. Bisher kostete die Leuchte 99 Euro im Laden. Ab Januar sieht die Kalkulation anders aus: Die Produktion ist teurer, die Frachtkosten vier Mal so hoch. Also wachsen auch alle Aufschläge für Marke, Handel und Staat. Damit sind 189 Euro der neue Ladenpreis im nächsten Jahr. Eine Preiserhöhung in einer neuen Dimension.

Jan Philippi von Philippi-Design klagt: "Das haben wir noch nie gemacht, das ist wirklich einmalig in der Firmengeschichte und verrückt. Für mich ist jedes meiner Artikel mein Baby. Und da blutet mein Herz wahnsinnig."

Geldpolitik: EZB handelt erst bei einer Inflation von dauerhaft zwei Prozent

Für die Kunden bedeutet das: Weiter steigende Preise im nächsten Jahr. Wie stark und wie lange, ist schwer vorherzusagen. Dabei ist die Inflationsrate für die künftige Geldpolitik der EZB entscheidend. Tobias Linzert vom EZB-Direktorium Geldpolitik erklärt: "Der EZB-Rat hat den zukünftigen geldpolitischen Pfad sehr klar an die zukünftige Inflationsentwicklung geknüpft. Und von daher gilt: Erst wenn die Inflation mittelfristig, nachhaltig und dauerhaft bei zwei Prozent angelangt ist, erst dann kann die Geldpolitik handeln. Erst dann können die Zinsen wieder steigen."

Mit steigenden Preisen und Inflation, werden wir auch 2022 leben müssen. Und das nicht nur bei Spieleklassikern wie "Mensch ärgere Dich nicht". Vielleicht steigen dann ja aber auch mal wieder die Zinsen.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Eine Produktion des Hessischen Rundfunks für Das Erste.

Stand: 25.11.2021 10:42 Uhr

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