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Kredit-Falle? – Wie gefährlich Klarna und Co beim Online-Shopping sein können

Play"buy now – pay later" beim Online-Einkauf kann zu Gefahren führen.
Kredit-Falle? – Wie gefährlich Klarna und Co beim Online-Shopping sein können | Video verfügbar bis 24.11.2022 | Bild: dpa / Andriy Popov

– Vor allem bei Aktionen wie der "Black-Friday-Woche" locken die Anbieter die Online-Kunden mit hohen Rabatten zum Kauf.
– Der Bruttoumsatz mit Waren im E-Commerce konnte in den letzten fünf Jahren rund 77 Prozent zulegen.
– Die Waren können sofort bezahlt werden – oder auch in monatlichen Ratenrückzahlungen.
– Sogenannte "Buy now – pay later"-Anbieter, wie Klarna und Co, bieten den Kunden an ihre Einkäufe per Kredit zu finanzieren.
– Experten gehen davon aus, dass in diesem Jahr rund 340 Millionen Menschen weltweit "Buy now, pay later" - Bezahlsysteme nutzen werden.
– Bei Nutzung dieser Zahlmethode fallen allerdings oft hohe Zinsen an – zum Teil von zwölf bis 13 Prozent.
– Einige Kunden verlieren den Überblick bei ihren Kreditkäufen – und landen in der Schuldenfalle.
– Verbraucherschützer warnen vor Kauf mit Mini-Krediten.
– Finanzexperte fordert mehr Warnhinweise für Verbraucher bei Nutzung der Online-Ratenkäufe.

Einkaufen im Internet wird immer beliebter, besonders jetzt in der Black-Friday-Woche. Bezahlt wird sofort – oder in monatlichen Ratenrückzahlungen. Allerdings lauern beim sogenannten "Buy now – pay later" hohe Zinsen und große Gefahren. Plusminus zeigt, wie einfach der Weg in die Kredit-Falle ist.

Ein Fingertippen. Gekauft! Bezahlt wird später. Shoppen im Internet ist unschlagbar simpel und furchtbar schnell. "Buy now - pay later" – so nennt sich das Prinzip. Jetzt kaufen und erst später bezahlen. Wenn man es denn kann. Jetzt kurz vor dem "Black Friday" und mit Blick auf Weihnachten in vier Wochen, wird wieder kräftig online eingekauft – in den letzten Jahren immer mehr. Lag der Bruttoumsatz mit Waren im E-Commerce im Jahr 2015 noch bei 46,9 Milliarden Euro, waren es 2020 83,3 Milliarden Euro. Ein Plus von rund 77 Prozent in nur fünf Jahren. Gezahlt wird dabei immer häufiger per Klarna, Paypal, Ratepay, Unzer oder Afterpay - sogenannte "Buy now, pay later" Anbieter.

Der Einkauf im Internet nimmt zu.
Der Einkauf im Internet nimmt zu. | Bild: ARD
Finanzexperte Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE an der Goethe-Universität Frankfurt.
Finanzexperte Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE an der Goethe-Universität Frankfurt. | Bild: ARD

Andreas Hackethal ist Professor an der Goethe Universität in Frankfurt. Er erklärt uns das Prinzip: "Es ist ein Kredit – ganz klassisch. Ich zahle jetzt nicht, sondern erst später. Das Besondere und neue daran ist, in einer E-Commerce-Welt wird daraus ein ganz einfaches Erlebnis. Ich muss so nicht eine Kreditkarte, Kontonummer oder irgendetwas anderes angeben, sondern ich mache das später. Und im Zweifelsfall gebe ich die Sache sogar zurück. Dann habe ich gar nichts bezahlt – und das war super easy."

Die Anbieter im Internet feiern Riesenerfolge und das wird auch so weitergehen. Experten gehen davon aus, dass in diesem Jahr rund 340 Millionen Menschen weltweit "Buy now, pay later" - Bezahlsysteme nutzen werden und schon im Jahr 2026 sollen es 1,5 Milliarden sein. Während in diesem Jahr wohl 226 Milliarden Dollar umgesetzt werden, sollen die Umsätze bis 2026 deutlich steigen: auf 995 Milliarden Dollar.

Die Umsätze der "Buy now, pay later" - Bezahlsysteme nehmen zu.
Die Umsätze der "Buy now, pay later" - Bezahlsysteme nehmen zu. | Bild: ARD
Mittlerweile gibt es unterschiedliche Anbieter der "Buy now – pay later"-Systeme.
Mittlerweile gibt es unterschiedliche Anbieter der "Buy now – pay later"-Systeme. | Bild: ARD

Einen Teil zum Erfolg hat auch sie beigetragen: Nicole B.* aus Bad Vilbel (*Name von der Redaktion geändert) shoppte viel und oft über die Bezahldienstleister auf Pump. Sie machte die Erfahrung: "Es gib kein Limit, oder Sie stoßen erst später an ein Limit. Sie können kaufen, es geht durch. Wenn es nicht durchgeht in einem Online-Shop, dann haben sie mit Sicherheit eine andere Möglichkeit. Sie können ja wählen zwischen mittlerweile, glaube ich, 25 verschiedenen Zahlungsmöglichkeiten. Und irgendeine wird schon funktionieren. Dann bezahlen sie es auf Raten und haben eine kleine Rate jeden Monat."

Einige Kunden verlieren den Überblick – und rutschen in die Schuldenfalle

Betroffene Kunden suchen oft Hilfe bei der Schuldnerberatung.
Betroffene Kunden suchen oft Hilfe bei der Schuldnerberatung. | Bild: ARD

Doch irgendwann konnte sie nicht mehr zahlen. Durch die Pandemie landete sie in Kurzarbeit, verlor ihren Nebenjob in der Gastronomie. Die Raten liefen trotzdem weiter. Alleine bei einem der bekanntesten Finanzdienstleister, Klarna, häuften sich so Schulden im vierstelligen Bereich an. Sie suchte den Weg zum Schuldnerberater. Inzwischen ist ihr Fall abgeschlossen. Rund jeder fünfte, der im Büro von Matthias Klusmann in Frankfurt Hilfe sucht, hat inzwischen auch Schulden bei einem der "Buy now, pay later"-Anbieter: "Vor zwei, drei Jahren hatten wir eigentlich diese Thematik so gut wie gar nicht. Das ist in der letzten Zeit verstärkt aufgekommen. Wenn ich klamm bin, dann bezahle ich natürlich gerne per Ratenkauf, ohne darauf zu achten, dass da zum Teil zwölf bis 13 Prozent an Zinsen berechnet werden. Und in einer Welt, in der Zinsen abgeschafft sind, läppert sich das halt fix zusammen." Es sind also häufig die kleinen Anschaffungen, die später zum großen Problem werden können. Bei Zahlungsunfähigkeit kommen dann möglicherweise noch Inkassokosten hinzu: "Wir haben jetzt gerade eine ganz frische Änderung, dass die Inkassogebühren den Kaufpreis, also die Forderungssumme, nicht mehr übersteigen darf. Wir hatten aber in der Vergangenheit Fälle, wo die Forderung 20 bis 30 Euro war, und dann kamen über 70 Euro an Inkassokosten obendrauf. Dann explodieren Minibeträge von wenigen Euro auf einmal auf eine dreistellige Summe", erklärt der Schuldnerberater.

Verbraucherschützer warnen vor Kauf auf Rechnung

Birgit Vorberg von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen.
Birgit Vorberg von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. | Bild: ARD

Die Gefahren kennen auch viele der Menschen, die Plusminus in einer Stichprobe befragt hat. Verbraucherschützer warnen deshalb vor dem Kauf auf Rechnung. Die Verlockungen sind groß, doch das Risiko der Verschuldung ebenso, erklärt Birgit Vorberg von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen: "Wenn die Zahlungen aber erst drei Monate später sind, möchte man schon etwas Neues haben. Dann ist die Neulust vergangen, und die Jahreszeit hat sich geändert. Man braucht neue Klamotten und möchte dann wieder etwas anderes kaufen und muss dann noch die alten Rechnungen bezahlen. Das kann dazu führen, dass man immer wieder diesen Mini-Kredit in Anspruch nimmt – und vollkommen den Überblick verliert."

Deutschland ist ein wichtiger Markt für "Buy now, pay later"-Anbieter

Per App kann einfach eingekauft werden.
Per App kann einfach eingekauft werden. | Bild: ARD

Für den schwedischen Finanzdienstleister Klarna ist Deutschland der wichtigste Markt. Deshalb rühren sie hier auch gerade kräftig die Werbetrommel für die Neuauflage der App – die so funktioniert, dass man in jedem Shop mit ihr bezahlen kann - auch wenn er kein offizieller Klarna Partner ist. Schuldnerberater Matthias Klusmann warnt: "Es ist ein Geschäftsmodell. Ganz offensichtlich, ich denke auch aufgrund dieser horrenden Zinsen. Man könnte ja schon fast von strafbarem Wucherzins sprechen. Aber es ist offensichtlich ein sehr erfolgreiches, lukratives und daher auch ein expansives Geschäftsmodell."

Wir konfrontieren den Anbieter mit dem Vorwurf, Menschen in die Schuldenfalle zu locken. Klarna schreibt uns: "[…]Wir führen bei jedem Kauf, den unsere Kund*innen tätigen, eine umfassende Prüfung der Kreditwürdigkeit durch, so dass wir nur Kredite an diejenigen vergeben, die sich die Rückzahlung leisten können […]"

Trotzdem verschulden sich viele Nutzer der Onlinebezahldienstleister. Erste Studien zeigen, dass jeder Dritte "Buy now, pay later" Nutzer in den USA sein Zahlungsziel bereits mindestens einmal verfehlt hat. In England passiert dies jedem Zehnten. Für Deutschland liegen noch keine Zahlen vor. Aber die britische Regierung plant bereits ein Gesetz, um Konsumenten vor hoher Verschuldung zu schützen.

Wer kontrolliert Klarna und Co.?

Professor Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE an der Goethe-Universität Frankfurt sieht die Möglichkeit auch bei der BaFin: "Die BaFin hat ein Verbraucherschutzmandat und berichtet darüber auch. Natürlich ist nicht jeder, jeden Tag auf der BaFin Website. Aber sie hat schon die Möglichkeit, auch im Konzert mit Verbraucherschützern, sehr stark darauf aufmerksam zu machen bis vielleicht hin zu zukünftigen Warnhinweisen: "Achtung passen Sie auf!" Die Gefahr besteht, dass jetzt einfach zu viel kaufen." Bislang hat die BaFin nur im Juli einige Tipps auf ihrer Seite zusammengefasst. Wirklich aktiv geworden, ist sie noch nicht, heißt es auf Anfrage von Plusminus.

Nicole B. wünscht sich zumindest mehr Aufklärung. Sie hat inzwischen dazu gelernt: "Heute bin ich schlauer. Wenn ich heute was kaufe, kann ich es nur kaufen, wenn ich das Geld habe – und bezahle es auch gleich." "Buy now, pay later". So nennt sich ganz harmlos ein Kredit, im Zeitalter des Online-Shoppings. Am Ende ist und bleibt es aber ein Kauf auf Pump.

Ein Beitrag von Naïma Kunze
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Eine Produktion vom Hessischen Rundfunk für Das Erste.

Stand: 25.11.2021 10:48 Uhr

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