SENDETERMIN Mi, 06.06.18 | 23:15 Uhr | Das Erste

Staatsfonds statt Riester – Wie private Altersvorsorge besser funktioniert

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Wie private Altersvorsorge besser funktioniert | Video verfügbar bis 06.06.2019 | Bild: Das Erste

– Riester bietet den Sparern nur wenig Rendite.
– Schweden bietet eine erfolgreiche Altersvorsorge mit Staatsfonds.
– Schwedisches Modell: Risikoreichere Anlagen am Anfang, im Alter Umschichtung auf Rentenfonds
– Neues Modell "Deutschland-Rente" soll mehr für die private Altersvorsorge begeistern.

Zur gesetzlichen Rente zusätzlich privat vorsorgen – dieser Plan der Politik ist schief gegangen. Riester & Co bringen den Sparern kaum Rendite. Hohe Kosten und "Produktwirrwarr" schrecken viele Menschen ab. Beim Blick zum europäischen Nachbarn Schweden fällt auf – es geht auch anders: Altersvorsorge mit Staatsfonds. Ein Modell für Deutschland? "Plusminus" will wissen, was Wirtschaftsforscher davon halten.

Das Riester-Desaster

Eigentlich hat Christian Egner alles richtig gemacht. Der 36-jährige, zweifache Vater, hat sich früh um seine private Altersvorsorge gekümmert. Seit elf Jahren spart er tapfer an. Der aktuelle Stand seines Riester-Kontos beträgt 8.382 Euro. Zuletzt gab es dafür 67 Cent Zinsen – eine Rendite von 0,008 Prozent. Die Riester-Rente und Egner werden so schnell keine Freunde mehr: "Ich habe mich damit abgefunden, dass es nicht funktioniert. Was soll man eigentlich als Alternative betreiben?"

Das Riester-Desaster in Zahlen: 30 Millionen Menschen könnten "riestern". Tatsächlich abgeschlossen haben allerding nur 16 Millionen Bürger einen Vertrag, und davon lassen zurzeit drei Millionen Sparer ihren Vertrag ruhen. Weitere drei Millionen Menschen zahlen so gut wie nichts ein – und bekommen so keine Förderung. Es bleiben gerade einmal 10 Millionen Sparer übrig, die so "riestern", wie die Politik es wollte. Das heißt, dass 20 Millionen Menschen nichts oder wenig für dieses Modell der privaten Altersvorsorge tun.

Dorothea Mohn, vom Bundesverband Verbraucherzentrale, hat da eine klare Haltung: "Die Produkte wurden so gestaltet, dass sie aktiven Vertrieb erfordern – was Provision kostet. Dann hat man sich entschieden, die Kapitalanlage auch Unternehmen zu überlassen, die auch Lust auf Gewinne haben, sodass man am Ende sagen kann: es kommt garantiert recht wenig dabei raus."

Ohne Risiko – nur wenig Rendite

Warum das Riester-Sparen nicht funktioniert, weiß auch Professor Olaf Stotz, von der "Frankfurt School of Finance". Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Produkte mit viel Sicherheit, wie Rentenpapiere und Staatsanleihen, sind allesamt Renditekiller. "Wenn Sie Geld von heute nehmen, es dem Bund geben, dann bekommen sie in der Zukunft relativ wenig zusätzlich zurück – weil die Zinsen niedrig sind. Das rentiert sich dann entsprechend niedrig", erklärt der Professor.

Eine Rentnerin hält verschiedene Euroscheine in ihren Händen.
Ohne Risiko - nur wenig Rendite | Bild: dpa / Karl-Josef Hildenbrand

Was Riester-Sparern entgeht, rechnet Stotz vor. Das Ergebnis ist erschreckend: Wer monatlich 100 Euro spart, kommt, nach 30 Jahren, auf eine Summe von 36.000 Euro. Wer mit Bundesanleihen vorsorgt, hat am Ende 40.000 Euro auf dem Konto. Wer stattdessen in weltweite Aktienfonds investiert, kommt auf 150.000 Euro – eine Differenz von 110.000 Euro. So viel kostet der Sicherheitspuffer – Viel zu teuer bei überschaubarem Risiko. "Wenn Sie in ein weltweites Aktiendepot anlegen, ist historisch gesehen, über 30 Jahre hinweg, die Ausfallwahrscheinlichkeit gleich null. Mit anderen Worten: Sie sichern sich für einen Risikofall ab, der sowieso nicht eintritt."

Das Fazit: Weil die Zinsen wohl noch auf Jahre im Keller bleiben, wird das nichts mehr mit dem Riester-Sparen in Deutschland.

Das Schweden-Modell

Wie private Altersvorsorge funktioniert, zeigt Schweden. "Plusminus" zu Besuch in Stockholm. Das Königreich hat vor zwanzig Jahren schon die Rente für seine zehn Millionen Einwohner reformiert. Mit dabei ist Auswanderer Tim Röhlcke. Der Familienvater fährt Touristen mit Bus und Boot durch Stockholm und zeigt die Sehenswürdigkeiten der schwedischen Hauptstadt.

Von ihm erfahren wir, warum das schwedische Modell entspannt glücklich macht. Er hat die sogenannten "Sofa-Fonds" gewählt. Das ist das schwedische Modell zur Vorsorge für die, die auf dem Sofa sitzen.

Model in Schweden: "Prämienrente"
Model in Schweden: "Prämienrente" | Bild: Das Erste

Die Sofa-Vorsorge in Schweden sieht so aus: 16 Prozent des Brutto-Lohns wandern in die umlagefinanzierte Rente, noch einmal 2,5 Prozent fließen in die sogenannte Prämienrente – eine kapitalgedeckte Altersvorsorge, bei der jeder verpflichtet ist, mitzumachen. Allerdings entscheiden die Schweden selbst, wie sie das Geld für die Prämienrente anlegen möchten. 850 zugelassene Fonds stehen zur Auswahl. Wer kein Produkt auswählt, landet automatisch beim Staatsfonds "AP7". – So spart die Mehrheit der Schweden.

In der eigens gegründeten Pensionsagentur verwalten gerade mal 30 Mitarbeiter den Staatsfonds. Der ist mittlerweile 44 Milliarden Euro schwer. Das Geld investieren die Mitarbeiter in Aktien und Rentenfonds. Mit großem Erfolg: Durchschnittlich neun Prozent Gewinn wurden so in den vergangenen 20 Jahren jährlich erwirtschaftet. Die Verwaltungskosten betragen dabei nur 0,1 Prozent. Garantien für die Sparer gibt es keine – aber es gibt einen Risikopuffer. Bis zum 55. Geburtstag wird das Geld mit mehr Risiko angelegt, in Aktien. Danach wird schrittweise in Rentenfonds umgeschichtet.

Internationales Interesse am schwedische Modell

Am Sitz des schwedischen Pensionsfonds berichtet Chef Richard Gröttheim "Plusminus", dass sich derzeit viele für das schwedische Modell interessieren.

"Wir haben viele Besucher aus anderen europäischen Ländern, die schauen wollen, wie wir es gemacht haben. Und ich denke, dass die Schweden stolz sein können auf das System, das wir vor 20 Jahren aufgebaut haben. Ich denke mehr Menschen, auch aus Deutschland, könnten sich unser System anschauen."

Gröttheim war früher Direktor der schwedischen Zentralbank. Für seine jetzige Arbeit hat er klare Vorgaben von der Politik: "Wir sollen hohes Risiko eingehen. Die Strategie ist, in erster Linie, ein Lebenszyklus-Modell zu haben. Man sollte ein hohes Risiko gehen, wenn man jung ist." Hohes, finanzielles Risiko klingt für die Deutschen Ohren eher wagemutig. Ist das kein Problem, gerade bei der Altersvorsorge? "Wir haben beispielsweise am Anfang in Facebook investiert, was ein sehr gutes Investment war. Andere, wie Volkswagen, performen weniger gut. Wenn man finanzielles Risiko eingeht, werden die Ergebnisse einmal rauf und mal runter springen. Aber auf lange Sicht, bekommt man eine ordentliche Rendite – und eine ordentliche Rente. Man muss aber mit Hochs und Tiefs leben.", erklärt Richard Gröttheim.

Der Erfolg der Schweden ist beeindruckend. Tim Röhlcke, der deutsche Auswanderer, hat sich, wie die meisten für die staatliche Variante "AP7" entschieden. Seine Rendite pro Jahr: fast elf Prozent. Angst, dass der Staat einmal in die gefüllte Rentenkasse greifen könnte, hat er nicht.

Schwedens Modell auf Deutschland übertragbar?

Dorothea Mohn, vom Bundesverband Verbraucherzentrale, sieht das so: "Im Kern lässt sich das Modell auf Deutschland übertragen. Es ist eine Frage des politischen Willens. Die Politik muss in Auseinandersetzung mit der Versicherungswirtschaft gehen, die heute begünstigt ist."

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer marschiert mit seiner Idee der "Deutschland-Rente" voran. Nach der Riester-Kritik, soll diese den Deutschen wieder Lust machen, neben der gesetzlichen Rente, auch privat für das Alter vorzusorgen. "Wenn es ein Angebot staatlicherseits gibt, glaub ich, dass die Menschen eher ein Grundvertrauen haben … deshalb glaube ich, dass die Deutschland-Rente ein Erfolg sein kann".

Die "Deutschland-Rente"

Model für Deutschland: "Deutschland-Rente"
Model für Deutschland: "Deutschland-Rente" | Bild: Das Erste

Für Arbeitnehmer, die keine betriebliche Altersversorgung haben gilt: Wer nicht widerspricht, muss sparen, zusätzlich für das Alter vorsorgen, mit der Deutschland-Rente. So soll es funktionieren: Der Arbeitgeber zieht die Beiträge ein, mindestens vier Prozent vom Lohn. Zulagen, wie bei Riester, gibt es vom Staat oben drauf. Der Arbeitnehmer hat die Wahl, womit er spart. Trifft er selbst keine Entscheidung, wählt der Arbeitgeber für ihn aus einer Liste staatlich geprüfter Produkte aus. Darunter ist auch der Deutschland-Fonds – staatlich organisiert – ohne Kosten für Vertrieb und Provisionen. Finanzprofis legen das Geld an, zum großen Teil in Aktien. Das bedeutet: mehr Risiko, weniger Garantie für das Ersparte. Beides zusammen aber soll dann für gute Renditen sorgen.

"Unter dem Strich glaub ich, dass es zu mehr Wettbewerb kommen wird und dass auch mehr Menschen sich die Frage stellen, ob sie nicht noch etwas mit besserer Rendite finden." Wenn dann zum Beispiel die Versicherungswirtschaft oder Fondsindustrie bessere Angebote mache, sei dies nur von Vorteil, meint Hessens Finanzminister.

Familienvater Christian Egner gefällt die Idee des Deutschland-Fonds. Schlechter als mit Riester könne es ja ohnehin nicht laufen "Was sicheres, auf das ich mich verlassen kann, und um das ich mich nicht kümmern muss, wäre mir eigentlich lieber." Entspannt vorsorgen für das Alter – wie die Schweden. Wieso eigentlich nicht?

Ein Beitrag von Julian Herbst

Stand: 09.10.2018 10:56 Uhr

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