SENDETERMIN Mi, 27.11.19 | 21:45 Uhr

Wie viele Fahrgäste die Bahn durch das Klimapaket gewinnt

PlayReisen mit der Bahn soll günstiger werden.
Wie viele Fahrgäste die Bahn durch das Klimapaket gewinnt | Video verfügbar bis 27.11.2020 | Bild: dpa / Arne Dedert

– Die Bundesregierung will mit dem Klimapaket die Mehrwertsteuer auf Fernbahnfahrten senken, um mehr Menschen auf die Schiene zu locken
– Das Klimapaket der Bundesregierung steht am Freitag (29.11.19) auf der Tagesordnung des Bundesrates. Ob es eine Zustimmung dafür gibt, ist fraglich.
– Experten schätzen, dass bei Zustimmung die Fahrpreise bei der Bahn um zehn Prozent sinken könnten
– Im Durchschnitt legen die Deutschen bisher allerdings acht von zehn Fahrten mit dem Auto zurück
– Fernbus und Bahn sind im Vergleich zu Auto und Flugzeug die umweltfreundlicheren Verkehrsmittel

Günstigere Bahnpreise sollen Reisende auf die Schiene locken

Weniger Mehrwertsteuer auf Bahnfahrten – das sieht das Klimapaket der Bundesregierung vor, damit weniger Menschen das Auto oder gar das Flugzeug innerhalb Deutschlands nutzen. Doch hilft das? Wie preissensibel sind die Deutschen überhaupt beim Reisen, bei Dienstfahrten oder beim Wochenendausflug? Experten schätzen, dass die Fahrpreise bei der Bahn um zehn Prozent sinken dürften. Eine zweite Klasse von Frankfurt nach München und zurück kosten dann nur noch 180 Euro anstatt 200 Euro. Das könnte sich lohnen. Oder sind den Kunden andere Werte wie Komfort oder Pünktlichkeit wichtiger als der Preis? "Plusminus" rechnet nach, wie und für wen sich das Reisen mit der Bahn statt Auto oder Flugzeug lohnt.

Das Auto ist das beliebteste Verkehrsmittel

Die Deutschen legen acht von zehn Fahrten mit dem Auto zurück. Viel mehr als mit Flugzeug, Bus oder auch mit der Bahn. Das soll sich im neuen Jahr ändern. Das Klimapaket der Bundesregierung verspricht günstigere Bahntickets im Fernverkehr – die Preise sinken im Schnitt um zehn Prozent. Inlandsflüge werden um gut fünf Euro teurer. Aber gelingt so die Verkehrswende?

Diese Frage stellt sich unter anderem der professionelle Preisbeobachter Gunnar Berning. Er leitet in Berlin das Unternehmen "fromAtoB", eines der größeren Reisevergleichsportale in Deutschland. Er warnt davor, die Auswirkungen des Klimapakets zu überschätzen: "Es ist wichtig, diese kleinen Schritte zu tun. Aber es wird jetzt nicht plötzlich alles verändern." Für "Plusminus" haben er und sein Team eine Stichprobe durchgeführt. Darin sind im Zeitraum von vier Monaten 33 Millionen Preise und Suchanfragen eingeflossen.

Der Pkw ist pro Kilometer teurer als das Flugzeug

Pro Kilometer schneidet der Pkw bei den Kosten am schlechtesten ab.
Pro Kilometer schneidet der Pkw bei den Kosten am schlechtesten ab. | Bild: ARD

Im Durchschnitt kostet die Fahrt mit dem Fernbus innerhalb Deutschlands acht Cent pro Kilometer – die Bahn liegt bei 17 Cent. Mit rund 45 Cent pro Kilometer liegt das Flugzeug in einer anderen Preisklasse. Beim Auto sind es laut ADAC-Rechnung im Schnitt 55 Cent. Das sind die Kosten für ein Auto der unteren Mittelklasse, zum Beispiel ein VW Golf mit 15.000 Kilometern jährliche Laufleistung, inklusive Anschaffungspreis, Steuern, Wartung und Versicherung.

Trotz Klimapaket bleibt der Unterschied

Beispiel-Strecke von Frankfurt nach Berlin: Das Auto ist am teuersten.
Beispiel-Strecke von Frankfurt nach Berlin: Das Auto ist am teuersten. | Bild: ARD

Wie sich das Klimapaket der Bundesregierung auf die Preise auswirkt, sehen wir exemplarisch anhand der Strecke Frankfurt-Berlin. Der aktuelle Durchschnittspreis für das Fernbusticket für eine Person liegt bei rund 25 Euro. Der Preis für das Bahnticket beträgt mehr als 38 Euro. Mit zehn Prozent "Klima-Rabatt" sind es noch gut 34 Euro. Der Flug kostet derzeit im Schnitt knapp 200 Euro. Mit einer höheren Ticketsteuer sind es knapp 204 Euro. Die gesamten Autokosten für die Strecke liegen bei gut 300 Euro. Trotz Klimapaket bleibt der Unterschied: Auf der einen Seite, die zwei günstigen Verkehrsmittel – Bus und Bahn, auf der anderen Seite, die zwei teuren – Flugzeug und Auto.

"Die Leute, die aus Zeit-Gründen sowieso mit dem Flugzeug fliegen und die Leute, die auf langen Strecken mit dem Flugzeug unterwegs sind, wird man wegen einer zehnprozentigen Einsparung nicht zwingend in die Bahnen bekommen“, lautet die Einschätzung von Geschäftsführer Gunnar Berning vom Reiseportal fromAtoB.

Nicht nur der Preis ist entscheidend

Zumal viele Verbraucher nicht nur auf den Preis gucken. Gerade bei der Bahn spielt noch ein anderes Thema eine große Rolle: Pünktliche Züge und eine hohe Taktfrequenz. Für Verkehrswissenschaftler Nils Nießen ist das der entscheidende Punkt, um mehr Menschen in die Bahn zu locken. Er und sein Team an der Universität Aachen haben im Modell untersucht, was zum Beispiel eine Taktverdoppelung bewirken würde: "Wenn wir anstatt alle 60 Minuten, alle 30 Minuten einen Fernverkehrszug fahren lassen, hätte das schon größere Auswirkungen auf den Reisenden. Da wird der Anteil der Reisenden spürbar zunehmen.

Gerade der Geschäftsreisende freut sich über diese Taktverdoppelung, weil er dann flexibler auf seine Termine reagieren kann. Das würde auch schon über zehn Prozent mehr Reisende auf den Bahnsektor bringen." Zehn Prozent würden fast 15 Millionen zusätzliche Fahrgäste bedeuten. Immerhin plant die Bundesregierung auch einen Ausbau des Bahnnetzes und einen sogenannten Deutschland-Takt. Durch die günstigeren Tickets soll es ein Plus von fünf Millionen Passagieren pro Jahr geben.

Klimabilanz: Bus und Bahn umweltfreundlich

Bus und Bahn sind im Vergleich die umweltfreundlichsten Verkehrsmittel.
Bus und Bahn sind im Vergleich die umweltfreundlichsten Verkehrsmittel. | Bild: ARD

Es bleibt die Frage nach der Klimabilanz. Wir schauen wieder auf unsere Beispielstrecke Frankfurt-Berlin. Bei durchschnittlicher Auslastung pustet der Fernbus pro Person 18 Kilogramm Abgase in die Luft. Die Bahn ist mit 20 Kilogramm auf einem ähnlichen Niveau. Deutlich mehr Abgase erzeugt das Flugzeug mit 111 Kilogramm. Das Auto liegt pro Kopf bei rund 77 Kilogramm. Bus und Bahn gelten also als umweltfreundlich.

Die Bundesregierung will die Mehrwertsteuer allerdings nur auf Bahntickets absenken. Für Gunnar Berning inkonsequent: "Das Ziel des Klimapakets ist ja tatsächlich, mehr Leute in umweltfreundlichere Verkehrsmittel zu lenken. Von daher finde ich es nicht logisch, wenn man die Bahn dort anders behandelt als die Fernbusse." Der Fernbusanbieter "Flixbus" droht deshalb gerade mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, weil die einseitige Senkung der Mehrwertsteuer gegen EU-Recht verstoße.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 28.11.2019 11:08 Uhr

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