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Bio-Boom – Welcher Preis-Aufschlag gerechtfertigt ist

Warum Bio so teuer ist
Bio-Boom und Preise | Bild: dpa / Christoph Soeder

- Aufschläge für Bioprodukte sind aus Verbrauchersicht groß, selbst bei einfachen Produkten
- Der Handel verdient an manchen Bio-Produkten besonders gut
- Das Bio-Produkt ist bis zu 75 Prozent teurer als das vergleichbare konventionelle Lebensmittel
- Bei Bio-Grundnahrungsmitteln ist die Marge des Handels kleiner als bei Bio-Fleisch
- Lebensmittelskandale bewegen den Kunden dazu Bio-Produkte zu kaufen

"Plusminus" recherchiert im wenig transparenten Bereich von Preisen, Margen und Gewinnen und zeigt, wer bei den Öko-Lebensmitteln wie viel verdient. Ist bei den Spannen nicht oft noch Luft nach unten? Schließlich ist "Bio für alle" derzeit ein gängiger Slogan bei Herstellern, Discountern und Supermärkten. Doch gerade der Handel verdient an den Bio-Produkten besonders gut, deutlich mehr als an konventionellen Lebensmitteln.

Bei konventionellen- und Bioprodukten gibt es je nach Lebensmittel große Preisunterschiede. Bei der Hähnchenbrust beispielweise zahlt der Kunde sienen Euro pro Kilogramm für die konventionelle Variante. 30 Euro werden fällig für das Bio-Geflügel - fünf Mal so viel muss der Kunde also dafür bezahlen. Auch beim Käse ist die Bio-Sorte fast doppelt so teuer. "Plusminus" will wissen, welche Bio-Produkte günstiger sein könnten, ohne dass die Erzeuger weniger verdienen, und wo der Handel an den Bioprodukten richtig viel verdient.

Wir machen die Stichprobe und kaufen bei verschiedenen Discountern und Supermärkten jeweils konventionelle - und Bioprodukte ein. Auf der Liste stehen Käse, Kartoffeln, und Hähnchenbrustfilet. Beim Preisvergleich stellen wir fest, dass "Bio" rund 75 Prozent teurer ist als das herkömmliche Produkt. Wir durchleuchten die Kostenstrukturen und Margen bei den einzelnen Produkten. Hilfe vom Handel gibt es dabei nicht. Der Discounter Lidl schreibt auf unsere Anfrage: "Bitte haben sie dafür Verständnis, dass wir zur Preisgestaltung aus kartellrechtlichen Gründen keine Angaben machen.“ Durch die Recherche bei Produzenten, Zwischenhändlern und Hilfe von Verbänden setzen wir die Kostenrechnungen selbst zusammen.

Hohe Margen bei Hähnchenbrust*

Berechnung zu Hähnchenbrust
Berechnung zu Hähnchenbrust | Bild: Das Erste

Handelsexperte Joachim Riedl von der Hochschule Hof hat eine aktuelle Studie über den Biomarkt verfasst. Er bestätigt die Zahlen und die deutlich höhere Marge des Handels bei einzelnen Bio-Lebensmitteln, wie Hähnchenbrust. "Wenn man Preisvergleiche anstellt, ist da mehr zu holen. Im Handel liegt die Macht der Wertschöpfungskette - er bestimmt die Preise“, erklärt Handelsexperte Joachim Riedl. Einer der Gründe, warum der Handel preislich so zuschlagen kann, seien die Fleischskandale der vergangenen Jahre, die hätten beim Konsumenten Spuren hinterlassen: "Der Kunde möchte ein gutes Gewissen haben und dafür sind die Menschen auch bereit wirklich mehr Geld auszugeben - und das weiß der Handel.“

"Plusminus" konfrontiert den Handel mit diesen Ergebnissen. Das Unternehmen Rewe schiebt es ganz allgemein auf die Erzeuger: "…vereinfacht gesagt bedeutet der ökologische Landbau, dass die Erzeuger mit mehr Aufwand weniger Ertrag erzielen." Edeka antwortet auf unsere Nachfrage: " …die durchschnittlichen Margen bei Bio-Lebensmitteln (sind) in der Höhe bestenfalls auf gleichem Niveau, eher sogar noch niedriger kalkuliert, als in den konventionellen Segmenten." Nach Recherchen von "Plusminus" stimmt das bei Hähnchenbrust allerdings nicht. Für andere Produkte, wie zum Beispiel bei der Kartoffel, trifft das aber zu.

Bei Bio-Grundnahrungsmitteln fällt die Marge des Handels geringer aus

Berechnung zu Kartoffeln
Berechnung zu Kartoffeln | Bild: Das Erste

Wir besuchen einen der größten Bio-Kartoffel-Anbauer Hessens im Hofgut Marienborn. Landwirt Christoph Förster erntet pro Hektar nur halb so viel, wie ein konventioneller Landwirt. Dafür bekommt er aber einen besseren Kilopreis. Das findet der Landwirt gut. Möglichst viele sollen bei seinen Bio-Knollen zugreifen.“Wir wollen natürlich, dass viele Verbraucher die Bio-Kartoffeln kaufen. Deshalb darf die Preisdifferenz zwischen dem konventionellen- und Bio-Produkt auch nicht zu hoch sein.“

Bei Bio-Grundnahrungsmitteln ist die Marge also kleiner als bei Bio-Geflügel. Wie es beim Lebensmittel Käse aussieht, hat Plusminus bei einem Besuch der brandenburgischen Molkerei Münchehofen recherchiert. In dem Unternehmen werden rund 120 Millionen Liter Milch im Jahr verarbeitet. Im Vergleich zu den konventionellen Molkereien sind Bio-Betriebe in der Regel kleiner - dafür aber die Produktionskosten höher.

Fast 40 Prozent Marge für den Handel bei Bio-Käse

Berechnung zu Butterkäse
Berechnung zu Butterkäse | Bild: Das Erste

Bei dieser Berechnung ist die Gewinnspanne weit entfernt von der Marge beim Bio-Geflügel. Den Experten Joachim Riedl wundert das nicht. Mit einzelnen Bio-Produkten könne der Handel noch Geld verdienen. „Wir haben die niedrigsten Margen weltweit. Deshalb muss man einfach schauen, wo die Gewinne erwirtschaftet werden können. Im Moment sind Bio-Produkte eines der Sortimentsbereiche, wo das möglich ist.“

Das "Plusminus-Fazit": Bio könnte noch günstiger sein - außer bei Grundnahrungsmitteln, ohne dass die Erzeuger darunter leiden. Der Gutverdiener ist der Handel. Er macht das Geschäft - auch mit dem schlechten Gewissen der Kunden.

* Dem Beitrag lag beim Preis-Beispiel der Hähnchenbrust eine fehlerhafte Berechnung zugrunde. Wir haben die Grafik korrigiert. Es wurde fälschlicherweise zum Teil mit dem Lebendgewicht eines Tieres gerechnet statt mit dem Schlachtgewicht, so dass es zu nicht korrekten Margen in der Verarbeitungskette von Hähnchenfleisch kam. Wir bitten, uns diesen Irrtum in der insgesamt hochkomplexen und schwer zu durchschauenden Materie nachzusehen und bitten dafür um Entschuldigung.

Beitrag: Barbara Berner
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 28.05.2019 11:52 Uhr

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