SENDETERMIN Mi, 04.04.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Zwischen China und USA - Für den Exportweltmeister Deutschland wird es ungemütlich

PlayHandelspartner: Deutschland, USA und China
Zwischen China und USA - Für den Exportweltmeister Deutschland wird es ungemütlich | Video verfügbar bis 04.04.2019 | Bild: Das Erste

- Wenn sich die USA und China mit Zöllen bekämpfen, gerät auch Deutschland unter Druck: Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.
- Übernahmen und Beteiligungen durch chinesische Investoren haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
- Amerika wehrt sich gegen den wirtschaftlichen Abstieg mit Drohungen und Abschottung.
- Vor allem die deutsche Autoindustrie leidet unter einem Handelskrieg.

Wird die deutsche Wirtschaft zerrieben zwischen Handelsbarrieren der USA und den Expansionsplänen Chinas? Was kommt auf den Exportweltmeister zu? Was auf die Unternehmen? Wie können die Beteiligten reagieren? Zusammen mit dem Ifo- Institut analysiert "Plusminus" die jeweiligen Handelsverflechtungen mit den USA und China. Die Betrachtung der Güter-und Kapitalströme, Firmenkäufe und Beteiligungen zeigt, wie unterschiedlich beide Handelsriesen agieren. Besonders auf die deutsche Automobilindustrie hätten Schutzzölle negative Auswirkungen.

Exportweltmeister Deutschland gerät unter Druck

Deutschlands Wirtschaftsmodell hängt am Welthandel, wie kein anderes. Was passiert jetzt, wenn sich die USA und China den Handelskrieg erklären? - Exportweltmeister Deutschland gerät gleich von zwei Seiten unter Druck. Wenn sich die USA und China mit Zöllen bekämpfen, wird es teuer und Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Ganz besonders in Deutschlands Schlüsselbranche - der Automobilindustrie. 

Chinesen kaufen gerne deutsche Unternehmen

Der Blick geht nach China, ein Land im Shopping-Fieber: Auf der Einkaufsliste ganz oben stehen deutsche Unternehmen. Nur die größten Deals sorgen für Schlagzeilen, die Übernahme des Roboterherstellers Kuka oder der Einstieg von Geely bei Daimler. Unter dem Radar rollt längst eine Übernahmewelle.  

Die Übernahmen und Beteiligungen durch chinesische Investoren sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert: 2009 gaben die Chinesen in Deutschland dafür gerade einmal drei Millionen Dollar aus. In den vergangenen zwei Jahren dann der rasante Anstieg - auf fast 13 Milliarden Dollar. Noch nie standen so viele deutsche Unternehmen auf Chinas Einkaufsliste: 122 Firmen kamen allein in diesen zwei Jahren in chinesischen Besitz.

Chinesische Übernahmen
Chinesische Übernahmen | Bild: Das Erste

Maschinenbauer Romaco ist seit 2017 in chinesischer Hand. Der Verpackungsspezialist aus der Pharmabranche produziert mit seinen 500 Mitarbeitern für den Weltmarkt. Bislang lag der Umsatzanteil in China bei gerade einmal fünf Prozent. Wie viel Dynamik im China-Geschäft steckt, erfahren wir von Firmenchef Jörg Pieper. "Wir haben innerhalb eines Jahres unsere Umsätze in China verdoppelt", und kurzfristig plane man, den Umsatz nochmal weiter zu steigern.

Die Liste der Unternehmen, die jetzt chinesische Besitzer haben, liest sich wie das "Who is Who" des deutschen Mittelstands: „Biotest“ und „Romaco“ aus der Pharma- und Medizintechnik. Autozulieferer, wie die Anlasser-Sparte von „Bosch“ oder „Trimet Automotive“. Elektronikfirmen, wie „Ista“ und „mdexx“ oder „WKS“ und „Manz Technology“ aus der Energiebranche.

Masterplan: „Made in China 2025“

Diese Aufkäufe im großen Stil sind für Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut, eine zweischneidige Sache. "Es ist eben keine Marktwirtschaft, keine Demokratie. China hat einen ziemlich klaren Masterplan, was in den anderen Wirtschaften so nicht der Fall ist. Diese Kombination aus der Größe Chinas, und einer klaren, strategischen Ausrichtung führt dazu, dass wir Angst haben müssen, welche Effekte das auf unseren Wohlstand in Zukunft haben könnte."

Masterplan: "Made in China 2025"
Masterplan: "Made in China 2025" | Bild: Das Erste

Die chinesische Staatsführung hat eine klare Strategie: Der Weg zum Weltmarktführer ist festgeschrieben in einem Masterplan: „Made in China 2025“. In zehn Schlüsseltechnologien will China weltweit führend sein. Darunter: IT, Robotertechnik, Mobilität, Energieerzeugung oder Medizintechnik. "Sie wollen in vielen Bereichen technologische Führerschaft erlangen - vor allem in Zukunftstechnologien, wie der Digitalisierung. Zweitens wollen sie nicht länger die Werkbank von ausländischen Konzernen sein - sie wollen mehr Wertschöpfung im eigenen Land. Drittens wollen sie China zu einer stärkeren geostrategischen Rolle verhelfen", erklärt der Handelsexperte des Münchner ifo-Instituts.

Maschinenbauer Romaco, mit seinem deutschen Knowhow, ist ein Mosaikstein in diesem großen Plan. Der neue chinesische Eigentümer Truking produziert selbst Maschinen für die Pharmabranche, die er jetzt mit deutscher Hilfe verbessern will. Erst für den chinesischen Heimatmarkt, dann für den Weltmarkt - so funktioniert Technologietransfer heute. Das charmante an diesem Technologietransfer sei, dass man für die eigene Technik zumindest bezahlt werde, statt wie in der Vergangenheit einfach nur kopiert zu werden. Heute sei man statt Wettbewerber ein Partner, erklärt Firmenchef Jörg Pieper.

Und schon jetzt zeigt sich, wo die Reise hingeht. China holt sich einen kräftigen Schluck aus der deutschen Innovationspulle und legt dann selbst los. Bei den Anmeldungen beim Europäischen Patentamt kletterte China im Länder-Ranking von Platz 15 innerhalb von nur zehn Jahren auf Platz fünf. Zum ersten Mal in der Geschichte, steht mit dem Technologiekonzern Huawei, ein chinesisches Unternehmen bei der Patentanmeldung an der Spitze  – noch vor Siemens. Alles spricht dafür, dass die chinesische Aufholjagd weitergeht.

China: wichtigster Automarkt der Welt

Was der Aufstieg Chinas bedeutet, erlebt allen voran die deutsche Automobilbranche. Längst sind die Asiaten der wichtigste Automarkt der Welt.

Autoabsatz im Reich der Mitte
Autoabsatz im Reich der Mitte | Bild: Das Erste

Volkswagen verkauft 40 Prozent seiner Fahrzeuge im Reich der Mitte, BMW dort jedes vierte Auto und Daimler jedes fünfte. Doch für den Zugang zu dem riesigen Absatzmarkt verlangt China eine Eintrittskarte: Produktion im Land mit chinesischen Partnern. Diese Spielregel müssen die Konzerne schlucken. Nur so kann BMW-Chef Harald Krüger dort glänzende Geschäfte machen. "In China können sie nur erfolgreich sein, wenn sie ein Joint Venture gemeinsam betreiben - und damit auch eine lokale Produktion." So wolle man das Modell X3, als sechstes lokales Fahrzeug und wichtiges Volumenmodell, zukünftig auch in China bauen. Keiner kann sich die gewaltigen Absatzchancen entgehen lassen. Über die Zukunft der E-Mobilität, wird ohnehin in China entschieden.

Und wo bleiben die USA? Als Handelspartner für Deutschland liegen China und die USA schon fast gleichauf. Nicht nur die Güter ähneln sich, auch die Milliarden-Summen, die Amerikaner und Chinesen für made in Germany ausgeben.

Deutsche Exporte in die USA und China
Deutsche Exporte in die USA und China | Bild: Das Erste

"China ist wirtschaftlich so stark, wie die USA und Europa - das ist eine neue Situation, an die wir uns gewöhnen müssen und die neue Herausforderungen bringt", erklärt Professor Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut.

USA droht mit Strafzöllen

Der Welthandel und seine neuen Spielregeln: China hat dafür einen Masterplan - Amerika wehrt sich gegen den Abstieg mit Drohungen und Abschottung. Mit Trumps Strafzöllen verabschieden sich die USA vom Freihandel. - Offene Drohungen mit Zöllen gegen Deutschlands Vorzeigeunternehmen Mercedes-Benz und BMW, Trump riskiert viel, um Amerikas Handelsdefizit zu bekämpfen. Beim Güterhandel hat Amerika tatsächlich ein gewaltiges Defizit. Für 811 Milliarden Dollar importieren die USA mehr Waren, als sie in andere Länder exportierten. Bei Dienstleistungen sind die USA aber der große Gewinner mit einem Plus von 243 Milliarden Dollar. Google, Facebook, Microsoft und Co sind die Exportschlager.   

Donald Trump betone immer das Defizit der Amerikaner im Güterhandel - also bei Stahl, Autos und Maschinen, erklärt Handelsexperte Felbermayr. Dort gebe es ein Defizit von rund 800 Milliarden Dollar im Jahr 2017. Trump verschweige aber den Überschuss der Amerikaner beim Dienstleistungshandel - oder bei den Einkommen internationaler Unternehmen.

Trump verschweigt die Welt-Marktführerschaft bei IT und Digitalisierung und will Industrien, bei denen die USA nicht mehr wettbewerbsfähig sind, mit Zöllen schützen. Damit ist klar, warum dieser Konflikt zwischen USA und China Tag für Tag mehr eskaliert. Denn das größte Handels-Defizit machen die USA beim Warenhandel mit China. 46 Prozent beträgt der Anteil am Gesamt-Minus der Handelsbilanz. Weit dahinter erst folgen Importe aus Japan und Mexiko mit jeweils neun Prozent im Minus, dann kommt Deutschland mit acht Prozent.

Angespannte Lage bei der Autoindustrie

Trumps Verteidigungskampf ist kurzsichtig und gefährlich, denn die USA schaden sich auch selbst, wenn sie mit Strafzöllen den globalen Handel stören. Am Ende werden alle Produkte teurer - zum Beispiel, die Autoindustrie in den USA selbst.

Längst gehören die deutschen Autobauer in den Staaten zu den großen. Ob BMW, Daimler oder VW - sie alle haben in den USA große Produktionsstätten für den Weltmarkt gebaut. BMW hat etwa in Spartanburg, im US-Bundesstaat South Carolina, seine größte Fabrik überhaupt. "Wir bauen lokal die Modelle X3, X4, X5 und X6 und in Zukunft auch den X7. Allesamt Fahrzeuge, die im US-Markt eine hohe Absatzzahl haben. Wir sind auch der größte Nettoexporteur aus den USA, 70 Prozent der Produktion wird exportiert. Und wir glauben natürlich ganz klar an den freien Welthandel als Geschäfts- und Erfolgsmodell", sagt BMW-Chef Harald Krüger.

Die Wertschöpfungskette
Die Wertschöpfungskette | Bild: Das Erste

Doch egal wo die Fabriken stehen: Die Autoproduktion ist ein globales Geschäft, die Wertschöpfungskette eines Autos ist weltumspannend. Beim BMW X3, zum Beispiel, kommen Getriebe und Motor aus Deutschland. Beide gehen über den Atlantik. BMW –Arbeiter im US-Werk Spartanburg  bauen den X3 zusammen. Damit stecken am Ende gerade einmal 30 Prozent made in USA im fertigen Fahrzeug. Das bedeutet: Wenn die USA die Zollspirale in Gang setzt, China oder Europa wiederum mit Vergeltungszöllen reagieren, dann werden auch die deutschen Autos made in USA teurer. US-Präsident Trump wird so zu einer Gefahr, für die Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks. "Man muss jetzt noch zweieinhalb Jahre Donald Trump aushalten - dann vielleicht noch einmal vier Jahre", meint Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut. China habe keine Demokratie und das Regime sei wesentlich langlebiger. Man könne die Hoffnung haben, dass die USA an den gemeinsamen Tisch zurückkehren.

Wenn die USA und China jetzt neue Spielregeln im Welthandel aufstellen, zahlen am Ende alle drauf, allen voran Exportweltmeister Deutschland.

Ein Beitrag von Steffen Clement

Stand: 31.07.2018 12:27 Uhr