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Endlich sauber - Warum der Diesel doch nicht tot ist

PlayDer Diesel als Luftreiniger?
Endlich sauber?! - Warum der Diesel doch nicht tot ist | Video verfügbar bis 18.12.2020 | Bild: dpa / Patrick Pleul

– Die neuesten Dieselmotoren sind tatsächlich sauber
– Messungen zeigen, dass der Stickoxidausstoß deutlich unter dem gesetzlichen Grenzwert liegt
– Trotzdem hat der Diesel ein Imageproblem bei den Kunden
– Die Neuzulassungen bei Dieselfahrzeugen ging seit dem Jahr 2015 um fast 20 Prozent zurück
– Die Dieselfahrzeuge stoßen sogar weniger Feinstaub aus als sie aufnehmen
– BUND bewertet die neuen Euro-6-Fahrzeuge als positive Entwicklung

Es ist Zeit, den Diesel neu zu bewerten. Neueste Motorengenerationen der Autohersteller sind tatsächlich sauber. Der Diesel als Luftreiniger – wie richtig dieses neue Paradoxon ist, beweist "Plusminus" mit Hilfe von unabhängigen Experten.

Der Diesel verliert an Attraktivität

Die Besucher der Motor Show in Essen haben den Diesel-Abgasskandal offensichtlich noch nicht vergessen. Die Hersteller müssen weiter ihr Image aufpolieren. Bislang allerdings vergeblich, denn der Diesel verliert an Attraktivität. Anfang des Jahres 2015 war noch jedes zweite zugelassene Auto in Deutschland ein Diesel. Nach dem VW-Skandal brach der Marktanteil ein und liegt inzwischen bei nur noch 32 Prozent. Autos mit Benzinmotor legten dagegen zu, auf einen aktuellen Marktanteil von 58 Prozent.

Der Diesel hat ein Imageproblem bei den Kunden.
Der Diesel hat ein Imageproblem bei den Kunden. | Bild: ARD

Dabei gibt es ihn inzwischen: Den sauberen Diesel. Das sagt die Prüforganisation "Emissions Analytics" aus Großbritannien. Sie testet jedes Jahr unabhängig die Abgaswerte von Fahrzeugen. Geschäftsführer Nick Molden sieht die Situation um den Diesel so: "In ganz Europa hat der Diesel inzwischen ein sehr negatives Image. Aber woran wir glauben sind Fakten. Mir ist es egal, wenn ich etwas gegen die landläufige Meinung der Menschen sage, solange es auf Fakten basiert." Die beiden Techniker Carl Hemming und Adam Sawford machen im Auftrag von "Plusminus" eine Stichprobe mit dem neuen VW Passat Evo. Das Auto wurde von Volkswagen zur Verfügung gestellt. Der Konzern beteuert, nichts an dem Wagen für den Test verändert zu haben. Es sei ein handelsübliches Modell.

Mittlerweile gibt es den sauberen Dieselmotor

Das Testgerät misst die Stickoxide.
Das Testgerät misst die Stickoxide. | Bild: ARD

Das Gerät, das die ungesunden Stickoxide misst, packen die beiden Techniker auf einen Anhänger. Ein Test auf der Straße ist bei der Norm Euro 6d TEMP gesetzlich vorgeschrieben. Die erste Erkenntnis während der Testfahrt rund um Frankfurt ist: Wenn der Passat noch nicht auf Betriebstemperatur ist, stößt er mehr Stickoxide aus. Techniker Carl Hemming erklärt: "Das Wetter kann eine Rolle spielen, die Aufwärmphase dauert manchmal länger wenn es draußen kalt ist. Was man sieht, ist, dass die Werte selbst für einen Kaltstart recht niedrig sind. Viele Dieselautos, die wir während des Kaltstarts testen, zeigen 100 bis 150 Millionstel Partikel Stickoxide an. Manchmal auch höher, gerade bei älteren Autos." Beim Passat liegt der addierte Wert dagegen nur zwischen 10 und 40 Millionstel Partikel.

Es kommt auch auf die Fahrweise an

Für einen gesetzeskonformen Test müssen die Prüfer sowohl im Stadtverkehr als auch über Autobahn und Landstraße fahren. Vorgegeben ist eine normale Fahrweise. Trotzdem tritt Carl Hemming zwischendurch absichtlich kräftig auf das Gaspedal, um zu sehen, wie sich der Stickoxidwert des Passats verändert. "Das war jetzt eine ziemlich aggressive Beschleunigung – aber jetzt ist der Wert wieder bei fast Null. Das Auto ist jetzt auf Betriebstemperatur, die Werte sind jetzt stabiler, die Zahlen viel kleiner." Zweite Erkenntnis: Nur bei einer sehr aggressiven Fahrweise stößt der Passat deutlich mehr Stickoxide aus. Die Werte sind sonst niedrig.

Stickoxid - Neue Dieselfahrzeuge liegen deutlich unter dem gesetzlichen Grenzwert

Die Prüfer von "Emissions Analytics" haben schon etliche der neuen Dieselmodelle getestet. Das Gesamtergebnis: Der neue Passat stößt im Durchschnitt elf Milligramm Stickoxid pro Kilometer aus. Die neue C-Klasse von Mercedes sogar nur zehn Milligramm. Der neue Citroen C5 liegt bei 27 Milligramm, der Renault Mégane bei 34 und der neue Diesel V60 von Volvo bei 77 Milligramm pro Kilometer. Alle diese Fahrzeuge sind weit vom aktuellen Grenzwert von 168 Milligramm pro Kilometer für die Euro-Norm 6d TEMP entfernt. Und sie liegen sogar noch unter dem strengen Prüfstand-Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer. Nicht nur die Stickoxidwerte sind niedrig, auch die zum Feinstaub. Hinten am Auto kommen weniger Partikel heraus als vorne hineingeströmt sind. "Wenn sie also an einem normalen Tag durch Frankfurt oder Stuttgart fahren, dann machen Sie dadurch die Luft sauberer. Wir haben hier also Fahrzeuge mit einem niedrigen CO2-Wert, mit einem sehr niedrigen Stickoxidwert und negativen Partikeln. Das ist ein dramatischer Leistungssprung bei den Verbrennungsmotoren - und besonders beim Diesel“, bilanziert Nick Molden, Geschäftsführer von "Emissions Analytics".

Alle getesteten Dieselmodelle liegen deutlich unter dem akutellen Stickoxid-Grenzwert von 168 Milligramm pro Kilometer.
Alle getesteten Dieselmodelle liegen deutlich unter dem aktuellen Stickoxid-Grenzwert von 168 Milligramm pro Kilometer. | Bild: ARD

Früher wurde realitätsfremd getestet

Für die Wissenschaft ist das keine Überraschung. Kai Boorgest von der Hochschule in Aschaffenburg weiß, dass die Dieseltechnik schon längst für niedrige Abgaswerte sorgen kann. Nur schreibt der Gesetzgeber jetzt eben Tests auf der Straße vor, nicht mehr auf dem Prüfstand. "Lange Zeit war das Problem, dass Fahrzeuge völlig realitätsfremd getestet wurden. Die Werte, die beim Testen raus kamen, wurden in der Realität nie eingehalten. 6d, 6d temp sind da schon wesentlich dichter an der Realität. Jetzt sind eben auch die Messwerte in der Realität günstiger.“

Dennoch bleibt der Abgasbetrug in den Schlagzeilen: Erst vor zwei Wochen fand erneut eine Razzia bei Volkswagen statt. Die Staatsanwaltschaft geht Hinweisen nach einer fehlenden Abgasanzeige im Bordcomputer neuerer Dieselfahrzeuge nach. Kein Wunder, dass man am Stammsitz von VW in Wolfsburg noch immer sensibel auf Medienanfragen reagiert. Zum "Plusminus"-Interview mit Motoren-Entwickler Markus Köhne stehen ihm gleich zwei Pressesprecher zur Seite.

Dieselmodelle fahren jetzt an der Nachweisgrenze

VW baut in seine neuen Dieselmodelle zwei Katalysatoren ein, die sich bei der Abgasreinigung abwechseln, je nach Auslastung und Fahrweise. "Wir haben das Thema der Emissionen - sei es Feinstaubemission, sei es Stickoxidemission – technisch so gelöst, dass wir praktisch an der Nachweisgrenze fahren. Ich freue mich über jede weitere auch unabhängige Messung mit unseren Motoren, die zeigt, wie die Faktenlage tatsächlich aussieht", erklärt Markus Köhne, Leiter der VW-Dieseltechnik. Es bleibt die Frage: Kann ein Fahrzeug erkennen, wenn gerade ein Abgastest im realen Straßenbetrieb läuft, um dann den Stickoxidwert herunter zu pegeln? Markus Köhne entgegnet darauf: "Mir fehlt die technische Phantasie, um mir das überhaupt vorzustellen, wie das gehen soll. Aber ich schließe das für unsere Fahrzeuge aus."

Dieselkritiker wie Jens Hilgenberg vom Naturschutzverein BUND setzen zwar auf alternative Antriebe. Mit den neuen Modellen aber kann er sich arrangieren. "Wenn wir jetzt Euro-6-Fahrzeuge haben, die ihre Grenzwerte endlich auch offensichtlich im Realbetrieb einhalten, sind wir natürlich sehr zufrieden damit. Uns ärgert aber, dass das nicht viel früher passiert ist. Denn die Technik gab es und das hätte man längst erreichen können. Da hätte die Politik tatsächlich von vornherein besser kontrollieren müssen und mehr Druck auf die Autohersteller machen müssen", so der Verkehrsexperte.

Auf der Motor Show in Essen haben die neuen Dieselmodelle kaum eine Rolle gespielt. Die Hersteller setzen lieber auf ihre neuen Elektroautos.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 19.12.2019 13:56 Uhr

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