SENDETERMIN Mi, 04.04.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Wohnen über dem Lebensmittelmarkt - Mit Aldi, Lidl und Co. gegen Wohnungsnot

PlayWohnungsnot in den Städten
Wohnen über dem Lebensmittelmarkt - Mit Aldi, Lidl und Co. gegen Wohnungsnot | Video verfügbar bis 04.04.2019 | Bild: Das Erste

- In deutschen Großstädten herrscht Wohnungsnot
- Starker Preisanstieg beim Bauland
- Wohnbaufläche auf Discountern und Supermärkten: Potential für bis zu einer Millionen Wohnungen

Jahrelang waren ausufernde Bauschriften und die Energiewende der Bremsklotz für mehr Wohnungsbau. Mittlerweile sind es vor allem die fehlenden Bauplätze in Großstädten und in boomenden Regionen, die die Neubaustatistik für Mietwohnungen verhageln - statt mehr werden es weniger. Was in diesen Wochen werbewirksam von Aldi verkündet wird, "Aldi baut jetzt Wohnungen", ist kein Discounter-Coup, sondern vielmehr Not-Strategie von Städteplanern. Aufstocken - heißt die Lösung des Baulandproblems. Wohnen über dem Supermarkt oder Discounter - längst Realität - aber ausbaufähig.

Bauland - knappes Gut in Städten

In deutschen Großstädten herrscht Wohnungsnot. Das Dilemma - solches Bauland ist mittlerweile eine Seltenheit. Geld ist da, Kredite sind so günstig wie nie, aber es fehlen die Flächen. Umdenken ist gefragt, denn Städte haben noch so manche ungenutzte Wohnbaufläche, wenn man nur genau hinsieht - zum Beispiel auf Supermärkten. Die besten Grundstücke liegen auf den vorhandenen Gebäuden. Lidl, Aldi und Co. als Wohnungsvermieter -  dieses Geschäftsmodell hat Zukunft. Profis aus dem Bereich Wohnbau und aus dem Bereich Lebensmitteleinzelhandel zu kombinieren, davon können beide nur gewinnen: Auf Supermarkt- und Discounter-Grundstücken Wohnraum schaffen.

Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hat Lidl Mietwohnungen gebaut – heiß begehrt im umkämpften Hauptstadt-Wohnungsmarkt. Norbert B. hat Glück gehabt und eine Wohnung ergattert. Dass er über einem Discounter lebt, stört ihn nicht - im Gegenteil. "Wenn ich einkaufen war, kommt das Zeug in den Fahrstuhl und ich bin oben. Früher musste ich es drei Treppen hochtragen." Er hat sogar Aussicht auf den Berliner Fernsehturm und findet, so zu bauen, sei nicht nur gut für ihn.

Enormer Preisanstieg beim Bauland

Der Boom-Stadt Berlin fehlen jetzt schon 77.000 Wohnungen. Jährlich müssten 20.000 neue gebaut werden, doch wie kommt es, dass ausgerechnet der Discounter Lidl Wohnungen baut? Ein Grund sind die großen Preissteigerungen beim Berliner Bauland: 319,4 Prozent in nur fünf Jahren - wer soll da noch Wohnungen bauen? Am ehesten die, die Grundstücke schon besitzen, wie Lidl am Prenzlauer Berg. Der Wohnungsbau dort war Auflage der Stadt, erklärt der Immobilienchef von Lidl, Alexander Thurn. "Wir wollen natürlich versuchen, möglichst viele Kunden zu erreichen, da ist eine Möglichkeit, solche Metropolen baulich zu erschließen, mit einer Kombination zwischen Wohnen, Büros und Handel".

Preisanstieg Bauland Berlin - Grafik
Knappes Gut - Bauland wird immer teurer | Bild: Das Erste

Supermärkte wollen sich vergrößern oder modernisieren. Städte suchen nach jeder Möglichkeit zum Wohnungsbau. Bei eingeschossigen Bauten kommen beide Interessen zusammen: Der Neubau oder eine größere Filiale wird genehmigt - aber nur mit Wohnungen oben drüber. Beate Profé, Berlins Stadtplanungs-Leiterin hat viele Orte ausgemacht, die genau dafür geeignet sind. In manchen Lagen seien fünf Geschosse über einem Verkaufsgebäude möglich, ohne dass das aus dem Rahmen falle, so die Berliner Stadtplanungsleiterin.

Wohnen über dem Discounter oder Supermarkt

Bundesweit hat Berlin, als erste Stadt, das Potential von Flachdach-Supermärkten genau berechnet: Von insgesamt 1.000 Standorten eignen sich 330 zum Wohnungsbau. Darauf ist Platz für bis zu 36.000 Wohnungen. Die Bausenatorin, Katrin Lompscher (Die Linke), will dieses Potential ausschöpfen. Vergangenen Sommer hat sie deshalb den Einzelhandel zu einem Gipfeltreffen geladen. "Seit diesem Supermarktgipfel beobachten wir 50 Projekte, die real in Arbeit sind", sagt die Bausenatorin. Neben Lidl ist Aldi Nord hier Vorreiter. Der Discounter baut jetzt über 2.000 Wohnungen - auf mehreren seiner Berliner Grundstücke. Davon sind 30 Prozent Sozialwohnungen. Im Gegenzug darf Aldi seine Filialen vergrößern.

Potential für bis zu einer Millionen Wohnungen

Aber, so zu bauen, lohne sich nicht nur in Berlin, sondern überall, wo Städte wachsen, sagt Karsten Tichelmann. Der Architektur-Professor von der technischen Universität in Darmstadt erforscht seit langem ungenutzte Flächen in Stadtgebieten. Für "Plusminus" hat er exklusiv das Wohnraumpotential auf Supermärkten für ganz Deutschland berechnet. Blickt man nur auf die Zentren der 70 größten Städte, gibt es 11.000 Supermärkte. 3.700 davon sind für Wohnungsbau geeignet – ein Potential für bis zu einer Millionen Wohnungen. Genau diese eine Million fehlt in Deutschland schon jetzt. "Das meiste Potential, um kostengünstige Flächen und vor allem Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist natürlich auf den vorhandenen Gebäuden. Ich brauche keine Infrastruktur mehr bauen, keine neuen Straßen erschließen. Ich brauche kein Grundstück mehr auf den Mietpreis umlegen - die kostengünstigsten Flächen liegen auf dem Gebäudebestand", erklärt Architektur-Professor Tichelmann.

Bauplatz auf einem Discounter
Bauplatz auf einem Discounter | Bild: Das Erste

Mit den Mieten kann der Handel sogar zusätzliche Gewinne machen. Auch deshalb setzt langsam ein Umdenken ein. Wohnen über dem Supermarkt,- landauf, landab - gibt es Einzel- Beispiele: Aldi Nord baut auch in Hamburg. Über dem Netto wohnt man in Esslingen, über Aldi Süd, zum Beispiel in München und Tübingen. Lidl plant unter anderem mehrere Bauten in Frankfurt, mit größerer Verkaufsfläche, Tiefgarage statt Parkplatz und insgesamt 110 Wohnungen.

Nachverdichtung von Städten

Solche Bauflächen könnten flächendeckender genutzt werden. Denn selbst in mittelgroßen Städten mit hohem Wohnbedarf, wie Darmstadt, ist das Potential nicht zu unterschätzen. Allein im Stadtkern stehen 63 Supermärkte, 15 davon sind besonders geeignet für Wohnungsbau. Raum für bis zu 3.000 Wohnungen zeigt die Rechnung von Professor Tichelmann. Das ist fast ein Drittel des Wohnraumes, den seine boomende Heimatstadt bis 2020 schaffen will. Er ist überzeugt, dass die Zukunft der Stadtentwicklung auf den Dächern der Gebäude liege - und nicht am Stadtrand. Es sei keine Alternative in die Randzonen zu gehen und damit hohe Pendlerströme und Mobilitätsströme zu erzeugen. Die Intelligenz stecke darin zu schauen, wie viel man nachverdichten könne, auch für eine sozialverträgliche und ökologische Nachverdichtung von Städten, so der Professor.

Und es wäre eine bezahlbare Lösung. Denn neues Bauland ist rar und meist unerschwinglich. Allein in Großstädten sind die Preise in nur sechs Jahren um 44,4 Prozent gestiegen.

Pragmatische Lösung gegen Wohnungsnot

Ein Problem gerade für die, die für günstige Mieten sorgen - die städtischen Wohnbaugesellschaften, erklärt uns ihr Präsident Axel Gedaschko. "Wenn am Ende des Tages bei den reinen Baukosten schon 20 Prozent für Grund und Boden weg sind - bevor man einmal überhaupt den Spaten in den Boden gestoßen hat -  dann ist die Lage deutlich."

Höchste Zeit also, solche Flächen zu nutzen. Wohnen über dem Discounter oder Supermarkt, - eine pragmatische Lösung gegen Wohnungsnot. Jetzt müssen die Städte auf den Einzelhandel zugehen, um das ganze Potential zu heben.

Ein Beitrag von Katja Sodomann

Stand: 04.04.2018 22:25 Uhr

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